FANDOM


Ich war noch nie eine heitere Persönlichkeit. Nie jemand, den andere Leute als froh oder munter beschreiben würden. Auch solche Worte wie Optimismus und Euphorie waren nicht in meinem Vokabular enthalten. Noch nie hatte ich Emotionen gezeigt. Nie geweint. Nie gelacht. Nie geschrien. Die Menschen hielten mich für seltsam. Für unnormal. Schickten mich als Kind zu Leuten, die sich Psychologen und Therapeuten schimpften. Ich sollte von meinen Gedanken erzählen, meinen Wünschen, meinen Träumen. Doch wenn man nichts dergleichen besaß, konnte man schlecht von ihnen berichten, nicht wahr? Noch nie hatte ich geträumt. Meine Nächte verliefen immer nach dem gleichen Schema. Wenn es dunkel wurde, legte ich mich ins Bett, schloss die Augen und öffnete sie nach einigen Stunden wieder. In dieser Zeit erlebte ich nie viel mehr als die vollkommene Schwärze. Erdrückende, niederschmetternde Schwärze. Auch dachte ich meist nichts und wünschte mir folglich ebenso wenig. Mein Kopf war stets leer. Fühlte nichts.                                                                                    

Ich wusste nicht woran es lag. Konnte auch nicht derlei Dinge nachdenken. Denn diese Fähigkeit, die unsere Spezies zu menschlichen Wesen machte, war in meinem Fall stark beschränkt. So bin ich schon seit ich denken … Entschuldigung, atmen konnte. Denn das humanitäre Denken lag mir, wie schon gesagt, ziemlich fern. Doch trotz der vollkommenen Leere in meinem Inneren, spürte ich was die anderen Vertreter der Menschheit über mich dachten. Wusste, mit nur einem einzigen Blick in ihre Augen, dass sie Angst vor mir hatten. Selbst meine Eltern schienen kaum noch mit mir verkehren zu wollen. Sie konnten mich nicht einschätzen. Keine meiner Reaktionen war vorhersehbar. Mit jedem Wort, das sie in meiner Gegenwart sprachen, fürchteten sie sich vor einem möglichen Wutausbruch meiner Wenigkeit. Doch etwas Derartiges setzte nun einmal die Fähigkeit voraus, etwas Ähnliches wie Wut fühlen zu können. Doch bedauerlicherweise besaß ich diese Gabe nicht. Die Menschen, die vorgaben mich zu lieben, brachen in unsicherer Nervosität aus, sobald sie auch nur ein einzelnes Wort mit mir wechselten. Denn ich gab das -wenn auch leere Innere meiner Seele preis. Niemals. Verriet mich nicht an andere Individuen, wie sie alle es taten. Denn dies war der einzige effektive Weg, nicht einmal im gesamten Leben Schmerz erleiden zu müssen (insofern man dazu fähig ist, natürlich). Sie alle verzweifelten an dem Verstehen des Verhaltens ihres Gegenübers. Wunderten sich inständig über ihre Freunde und Verwandten, die sie täuschten und betrübten, wieder und wieder. Doch sie offenbarten ihre Seele und lernten nicht aus ihren Fehlern, wenn sie wieder einmal verletzt wurden.                                      

Ich saß manchmal einmal nur in meinem Zimmer, auf meinem Bett und starrte in eine Ecke des kleinen Raumes. Tat nichts. Dachte nichts. Starrte nur, in Schweigen gehüllt. Dies tat ich oft. Denn keine sinnvollere Beschäftigung wollte mir in den Sinn kommen. Nichts, das im Bereich meiner Fähigkeiten lag, schien meine Aufmerksamkeit für länger als ein paar Minuten fesseln zu können. Das erklärte ich auch den etlichen Pseudoärzten. Jedoch ohne ersichtlichen Erfolg. Sie hielten mich für krank. Verschrieben mir Medikamente. Nahm sie voller Widerwillen ein. Doch sie wirkten nicht gegen die alles verzehrende Leere meines ruhelosen Geistes. Ich suchte immer wieder verschiedene Therapeuten auf, um mich endlich von der Emotionslosigkeit zu befreien. Wollte nur einmal in meinem Leben lächeln. Fühlen wie Tränen über meine Wangen rinnen. Doch es blieb mir auf ewig verwehrt. Jedes Mal, wenn eine der sinnlosen Sitzung begann, stellten sie mir eine Frage. „Wie geht es dir?“ Es schien mir nach einiger Zeit, als wollten sie mich mit dieser simplen Frage quälen. Wussten sie denn nicht, dass ich nicht fühlen konnte? Dass ich mein Ergehen nicht definieren konnte? Doch ich antwortete aller Pein zum Trotz immer gleich, sodass es ab einem gewissen Punkt wie der einstudierte Text eines Bühnendarstellers klang. „Alles in Ordnung.“ Meine Stimme klang gelangweilt und leblos. Wie immer wenn ich sprach. Denn es war eine Lüge. Die größte Lüge meines Lebens. Doch ich hatte mich daran gewöhnt zu lügen. Oder zu schweigen.                             

Trotzdem gelangte ich eines Tages an einen bestimmten Punkt. Es war ein Instinkt. Bloße Intuition. Mit einer einzelnen Bewegung meiner Hand, öffnete ich die Türe, die den Eingang zu meinem Zimmer markierte. Langsam und steif ging ich die Treppe zum Wohnzimmer mit knarzenden Schritten hinunter. Meine Eltern saßen in diesem Raum. Starrten einfach in den Fernseher. Meine Präsenz ließ sie herum fahren. „Hallo, mein Junge. Geht es dir gut?“ fragte mein törichter Vater. Sie fragten mich immer wieder. Wie ich diese so simple Frage verabscheute. Ich blickte in ihre plötzlich vor Schreck und Angst geweiteten Augen. Beide starrten in den Lauf der Pistole, die ich auf sie richtete. Wie wunderbar sich das kalte Metall in meiner Hand anfühlte. Dann zwei Schüsse. Der Knall hallte laut, in fast schon ohrenbetäubenden Ausmaß, durch meinen Kopf. Zum ersten Mal in meinem Leben umspielte ein Grinsen meine Lippen. Jedoch war es finster wie die Nacht selbst. „Alles in Ordnung.“ flüsterte ich. Und diesmal war es keine Lüge. Es war nichts als die reine Wahrheit.

Deine Bewertung dieser Pasta:

Durchschnittsbewertung:


Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.