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Eine gute Idee? Bearbeiten

"Seid ihr sicher, dass das 'ne gute Idee ist?"

"Ach, sei kein Schisser! Was soll schon passieren?" Marcus wirkte so sicher und arrogant wie eh und je.

"Na dann mal los", sagte Mandy darauf und musterte den Zaun vor sich. "Sollte kein Problem sein, hilf mir mal kurz!" Marcus kam sofort herbei und gab Mandy Hilfestellung, damit sie über den Zaun klettern konnte. Oben angekommen, sprang sie auf der anderen Seite wieder hinab. "Jetzt ihr."

Vince kletterte kommentarlos und ohne Hilfe über den Zaun. Drüben angekommen musterte er die Umgebung und drehte sich kurz darauf wieder um. Ein knappes Nicken bestätigte Melissa das alles in Ordnung zu sein schien, auch wenn sie immer noch ein ungutes Gefühl bei der Sache hatte.

"Hey, wird's bald?" Drang Marcus Stimme zu ihr durch. Sie musterte ihn und erkannte, dass er bereits auf sie wartete um ihr ebenfalls rüber zu helfen. Melissa spürte regelrecht den brennenden Blick von Mandy auf sich, sie musste nicht einmal zu ihr herüber sehen. "Nein schon gut, ich schaff das auch alleine." Antwortete sie und ging auf den Zaun zu. Bevor sie jedoch rüber kletterte, fiel ihr Blick ein letztes Mal auf das Schild an dem Zaun: "Betreten verboten!" sagte es klar und deutlich. Worauf habe ich mich da nur eingelassen... dachte Melissa nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Dennoch kletterte sie ohne weiteres Zögern mühevoll über den Zaun und sprang auf der anderen Seite wieder hinab. Gleich darauf landete Marcus neben ihr.

"Dann lasst uns mal gehen." Sagte Marcus mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht und ging selbstsicher auf das alte, baufällige Gebäude zu. Mandy folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Melissa sah sich nach Vince um bevor sie den beiden Turteltäubchen folgte. Er stand immer noch an selber Stelle und musterte die alte Schule, die sie erkunden wollten. "Alles ok bei dir?"

"Sicher." Antwortete der wortkarge Vince und ging an Melissa vorbei. "Und bei dir?"

"Ja, natürlich." Erwiderte Melissa, ohne es selbst zu glauben. Vince nickte und auch wenn Melissa sich nicht sicher sein konnte, hatte sie das Gefühl das Vince ganz genau wusste, das nicht alles in Ordnung war.

Anfangs hatte Melissa noch gedacht, das es eigentlich gar keine so üble Idee war. Zu viert eine alte, lange verlassene Schule zu erkunden, versprach interessant zu werden. Es war Marcus Vorschlag gewesen, er hatte sie erst vor drei Tagen geäußert und Heute standen sie schon hier und zogen es tatsächlich durch. Sie konnte den Kerl zwar nicht ausstehen, aber er war nun mal der Freund von Mandy und diese ihre beste Freundin. Zumindest hoffte Mandy, das dem noch so war. Sie kannten sich seit Jahren, aber seit sie Marcus kennen gelernt hatte, hatte sie sich verändert. Naja, wenigstens einer wird sich nie verändern. Dachte sie und blickte Vince dabei hinterher, der einige Schritte vor ihr lief. Auch ihn kannte sie schon seit einigen Jahren, war sich allerdings bis heute nicht sicher in welcher Beziehung sie zueinander standen. Sie unternahmen zwar viel zusammen, aber Vince war wegen seiner stillen und ruhigen Art schwer zu deuten. Warum er sich bereits erklärt hatte heute mit zu kommen, wusste Melissa auch nicht. Soweit sie es beurteilen konnte, konnte er Marcus ebenfalls nicht ausstehen und mit Mandy hatte er eher wenig zu tun. Er wird seine Gründe haben, wer kann schon sagen was in seinem Kopf vor sich geht... dachte Melissa leicht frustriert.

Heute Morgen war sie noch voller Vorfreude auf den Abend gewesen, doch nun da sie tatsächlich auf die alte Schule zugingen, war sie sich ihrer Sache nicht mehr so sicher. Sie hatte das Gebäude schon oft bei Tag gesehen und sich immer gefragt wie es im Inneren wohl aussehen mochte. Doch nun hatte sich die Schwärze der Nacht über das Land gelegt und Melissa's Neugier über das Innenleben der Schule war deutlich geschrumpft. Sie hatte keine wirkliche Angst, weder vor der Dunkelheit, noch davor das jemand oder etwas in der Schule auf sie lauern könnte, aber aus irgendeinem Grund hatte sie einfach ein schlechtes Gefühl. Ihr Magen verkrampfte sich, je näher sie der Schule kam - der Hof wirkte bei Nacht wesentlich größer, als wie Melissa ihn Erinnerung hatte - sie hatte das Gefühl die Fenster des Gebäudes würden sie anstarren, sie glaubte zwischen dem hochgewachsenem und lange nicht mehr gestutztem Unkraut um sich herum Schemen erkennen zu können.

Mach dich nicht selbst verrückt! Ermahnte Melissa sich und zog ihr Tempo etwas an um mit Vince auf zu holen.

Das Fenster Bearbeiten

"Ach verdammt!" Rief Marcus aus und hämmerte seine Faust gegen die Tür vor sich.

"Was ist denn los?" Fragte Melissa verwirrt, als sie gerade bei Marcus und Mandy ankam, die wesentlich schneller bei der Eingangstür gewesen waren, als sie und Vince.

"Abgeschlossen." Erwiderte Marcus knapp. Ist das wirklich so tragisch? Fragte sich Melissa, als sie sich umsah. Ihr Magen war noch immer verkrampft und sie zweifelte immer mehr an dieser "tollen Idee" die sie da gehabt hatten.

"Hey, sieh mal dort drüben." Sagte Mandy und riss Melissa wieder aus ihren Gedanken. Mandy zeigte auf Fenster weiter links, das im Gegensatz zu den anderen hier unten, nicht mit Brettern zugenagelt war. Oh verdammt... stumm verfluchte Melissa ihre Freundin für ihren Fund, als sie den begeisterten Blick von Marcus wahrnahm.

"Sehr schön, das ist unsere Eintrittskarte. Los gehen wir!" Marcus machte sich ohne Umschweife auf den Weg zu dem Fenster. Es war etwas höher gelegen, so das es einen beherzten Sprung seinerseits brauchte um den Sims zu erreichen. Marcus zog sich nach oben und verschwand in der Finsternis. Danach: Stille. Melissa hatte erwartetet ihn gleich darauf wieder im Fenster stehen zu sehen, damit er ihnen half hinein zu gelangen, aber er kam nicht wieder hervor.

Mandy war die erste die Handelte, "Marcus? Hey, ist alles ok bei dir?" Keine Antwort. Was wenn auf der anderen Seite kein Boden ist? Wenn Marcus einfach gefallen ist? Aber dann hätten wir doch den Aufprall hören müssen, oder? Melissa war sich alles andere als sicher und Panik ergriff ihr Herz. Wenn Marcus tatsächlich direkt in den Keller gefallen war, war unmöglich vorher zu sagen, in welchem Zustand er sich befand. Hatte er sich nur ein Bein gebrochen, oder direkt das Genick? Melissa wusste das sie nicht so weit denken sollte, aber sie hatte schon immer die Angewohnheit besessen, alles in die Extreme zu ziehen.

"Marcus, Marcus wenn du uns hörst, dann sag etwas!" Rief nun Melissa, die im Gegensatz zu Mandy aus ihrer Trance erwacht war und die Situation realisierte. "Verdammt, wir müssen einen Krankenwagen rufen! Vince?" Melissa sah erwartungsvoll zu Vince rüber, da Mandy immer noch zu dem Fenster starrte. In ihrem Blick lag nur Unglauben und ihr Gesicht war aschfahl.

Vince sah Melissa mit beruhigendem Blick an und schüttelte den Kopf. "Was soll das bedeuten?!" Fragte Melissa ungläubig. Doch anstatt zu antworten, nickte Vince nur in Richtung Fenster. Melissa sah herüber, aber dort war nichts. Sie drehte sich wieder zu Vince um, der erwartungsvoll zum Fenster starrte. Was hat das zu bedeuten? Verwirrt sah Melissa wieder zu dem Fenster und wartete. Sie wusste nicht woher, aber Vince schien mehr zu wissen als sie und sie vertraute seinem Urteil.

Ein lauter Schrei erschallte und kurz darauf erschien Marcus bullige Gestalt in dem Fenster. Er hatte die Arme nach oben gestreckt und sich eine alberne Halloweenmaske aufgesetzt. Weder Melissa noch Vince reagierten auf diese kleine Showeinlage, lediglich Mandy schrie sich die Seele aus dem Leib. Du verdammter Idiot... dachte Melissa und fragte sich im gleichen Moment, woher Vince es gewusst hatte.

Nach dem Mandy sich beruhigt hatte, war nur noch das schallende Gelächter von Marcus zu hören. Er hatte sich die Maske abgenommen und wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln. "Du hättest dein Gesicht sehen sollen!" Rief er aus und zeigte dabei auf Mandy. Diese sah Marcus unverständlich an, schüttelte den Kopf, machte kehrt und rannte davon.

Melissa sah zu Marcus hinauf, "das hast du ja super hin bekommen!" Sagte sie und rannte hinter ihrer Freundin hinterher.

Mandy war nicht weit gekommen, Melissa hatte sie schnell eingeholt und fand sie schluchzend, die Hände im Gesicht vergraben und auf einem Stein sitzend wieder. Melissa legte ihre Hand auf Mandy's Schulter und versuchte sie zu beruhigen. "Dieser verdammte Idiot!" Stieß Mandy hervor, "ich dachte wirklich dass ihm etwas passiert sein könnte!"

"Ich weiß, ich dachte auch dass er sich verletzt hätte. Vergiss den Typen einfach!"

"Das sagst du so einfach... tut mir leid, dass ich dich und Vince hier rein gezogen habe. Ich weiß ich war in letzter Zeit nicht gerade die beste Freundin..." Bevor Melissa etwas erwidern konnte, hörte sie schon eine vertraute und mittlerweile verhasste Stimme.

"Hier seid ihr ja!" Sagte Marcus, als wäre es nicht seine Schuld dass Mandy weggerannt war. Mandy warf ihm einen vernichtenden Blick zu und Marcus hob kapitulierend die Hände. "Ok, es war scheiße von mir, tut mir leid ok?"

"Nein, es ist nicht ok", erwiderte Mandy, "aber scheiß drauf, lass uns das hier endlich zu Ende bringen und dann wieder verschwinden." Mandy erhob sich und stapfte wütend in Richtung Schule davon. "Was hat sie denn?" Flüsterte Marcus und lief ihr mit langsamen Schritten hinterher. Bist du wirklich so dumm oder tust du nur so? Fragte Melissa sich, behielt es aber für sich. Mit dieser Art Kerl, konnte man eh nicht vernünftig reden.

Der Sturz Bearbeiten

"Habt ihr alle eure Taschenlampe?" Fragte Melissa, während sie ihre eigene anknipste. Zur Antwort folgten drei weitere Lichtstrahlen die, die langen Gänge der Schule erhellten. Auch wenn es Melissa absolut gar nicht in den Kram passte, hatten sie sich tatsächlich dazu entschieden trotz des letzten Ereignisses in die Schule zu gehen. Vince hatte unter dem Fenster stehend auf sie alle gewartet, als hätte er gewusst das sie wieder kommen und dann waren sie einer nach dem anderen durch das Fenster gestiegen.

Melissa beleuchtete den Boden unter sich, er war mit einer dicken Staubschicht bedeckt, aber noch in recht gutem Zustand. Eingestürzt ist er erst recht nicht, kein direkter Weg in den Keller... dachte Melissa und musterte Marcus mit einem bösen Blick. Dieser bekam davon jedoch nicht viel mit, da er sich bereits auf den Weg tiefer in das Gebäude machte, ohne darauf zu achten ob ihm jemand folgte oder nicht.

Arschloch... dachte Melissa verächtlich und folgte ihm wiederstrebend, da Mandy und Vince es ebenfalls taten.

Marcus bog nach links in einen der vielen Klassenräume ab und die anderen taten es ihm gleich. Ihre Taschenlampen erhellten den dunklen Raum zwar, reichten aber bei weitem nicht aus die Dunkelheit vollkommen zu verdrängen und in diesem Moment fiel Melissa das erste Mal auf, wie still es hier drinnen eigentlich war. Während sie draußen noch die typischen Geräusche der Nacht gehört hatten, herrschte hier drinnen nur drückende und beklemmende Stille. Sie hatte sich sogar unter ihnen ausgebreitet, denn es schien so als wolle niemand hier im Innern der Schule ein Wort verlieren, als wäre das Brechen der Stille ein Verbrechen.

"Irgendwie unheimlich..." flüsterte Mandy und erst jetzt, da sie gesprochen hatte, fiel Melissa auf das sie die ganze Zeit in der Tür zu dem Klassenraum gestanden hatten, ohne sich vom Fleck zu rühren. "Ich bin ja da um dich zu beschützen." Sagte Marcus großkotzig und machte den ersten Schritt in den Raum hinein.

Ein lautes Krachen ertönte und der Boden unter Marcus gab nach. Er fiel einfach in ein Loch hinein, bevor er durch den Umstand seines breiten Oberkörpers gestoppt wurde. Das einzige was noch von ihm zu sehen war, waren seine Arme und sein Kopf. "Verdammte Scheiße!" Schrie Marcus wutentbrannt und versuchte sich irgendwie nach oben zu ziehen, scheiterte aber dabei da der Rest des Bodens der nicht eingestürzt war ihn zu sehr einengte. "Könnte mir bitte mal jemand helfen!" Rief er schließlich, doch weder Melissa noch Mandy waren bereit sofort einzugreifen.

Sie hatten sich erschrocken als der Boden eingestürzt war, aber nach dem der Schock vorbei gegangen war, hatten sie sich grinsend angesehen und heimlich über Marcus amüsiert. Geschieht dir ganz recht. Dachte Melissa und sagte dann, "na kommt, wir können ihn ja nicht ewig da hängen lassen." Mandy musste sich sehr zusammenreißen bei dem Wortwitz lauthals zu lachen. Sie machten einen Schritt auf Marcus zu, stoppten aber gleich darauf als Vince hinter ihnen rief, "halt!"

Melissa drehte sich um und sah Vince verwundert an, "was, warum denn?" Doch ihre Frage beantwortete sich von alleine, als weiteres Knacken und Krachen zu hören war. Melissa sprang erschrocken in Vince Richtung und Mandy tat es ihr gleich. Sie drehten sich erschrocken zu Marcus um, der mit einem lauten Schrei gänzlich nach unten fiel, als der Boden restlos nachgab.

"Oh mein Gott!" Schrie Mandy und dieses Mal war der Schock ernst. Marcus schrie noch immer, doch nicht mehr aus Angst oder Wut, sondern aus puren Qualen. Die Schreie waren unerträglich und Melissa wollte gar nicht wissen, was geschehen war, was er sich bei dem Sturz gebrochen hatte. Dennoch nahm sie allen Mut zusammen und trat so nah wie sie sich traute an das Loch heran, sie nahm ihre Taschenlampe und leuchtete hinab in die Finsternis.

Was zum?! Melissa verstand die Welt nicht mehr, was sie sah ergab keinen Sinn. Sie sah Marcus, er wand sich unter Schmerzen hin und her, zappelte und schrie sich die Seele aus dem Leib, er blutete durch etliche Wunden und es wurden immer mehr. Das war es jedoch nicht was Melissa so schockierte, viel mehr erschrak sie über den Umstand, dass Marcus in der Luft zu hängen schien. Der Boden war noch einige Meter unter ihm, doch er fiel nicht weiter. Wie ist das möglich? Und dann erkannte sie es.

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Mandy sich neben sie gestellt hatte und nun ebenfalls herabblickte. Sie schrie laut auf, "was passiert mit ihm? Warum hängt er in der Luft?!" Melissa hatte keine Zeit es Mandy zu erklären und selbst wenn, so wollte sie ihre Freundin vor der schrecklichen Wahrheit bewahren. "Sieh dort nicht hin! Ruf lieber einen Krankenwagen!" Melissa versuchte sie ruhig wie möglich zu klingen, aber es gelang ihr nicht. Dennoch tat Mandy was sie ihr gesagt hatte, "bleib bei ihr!" Sagte Melissa zu Vince, der zur Bestätigung nickte. Melissa selbst wand sich wieder dem immer noch schreiendem Marcus zu, sie musste ihn irgendwie dazu bringen sich zu beruhigen. Er dürfte sich nicht mehr als nötig bewegen bis Hilfe da war, sonst würde er diese Nacht nicht überleben...

"Marcus! Marcus, hör mir zu!" Schrie Melissa hinab und versuchte Marcus Schreie zu übertönen, dieser jedoch schien sie nicht zu hören, er windete sich weiter hin und her, seine Wunden wurden mehr und mehr, das Blut floss stärker. "Marcus, du musst dich beruhigen! Ich weiß dass es weh tut, aber wenn du nicht still bleibst..." Melissa wollte es nicht aussprechen, schon um Mandy nicht noch mehr zu ängstigen. Marcus jedoch reagierte noch immer nicht. Mit jeder Sekunde die verging, schnitten die hauchfeinen Drähte - aus welchem Material sie auch immer waren - sich tiefer in sein Fleisch und verursachten mehr Wunden. Vermutlich würde er nicht einmal dann überleben, wenn er still liegen blieb. Sein Eigengewicht würde dafür sorgen, das die Drähte sich auch dann in sein Fleisch gruben.

"Hilfe ist unterwegs, halte durch!" Rief Melissa nach unten. War er ruhiger geworden? Oder verließen ihn nur seine Kräfte? Melissa vermochte es nicht zu sagen, sie wollte auch nicht darüber nachdenken, sie rief einfach weiter nach unten, auch wenn es rein gar nichts brachte und hoffte darauf, das dieser Alptraum enden würde.

Flucht Bearbeiten

Ruhe. Totenstille. Die Schreie waren verstummt.

Melissa konnte es nicht glauben. Sie stand noch immer vor dem Loch und blickte auf den reglosen Körper von Marcus. Es war erst einige Sekunden her, doch es schien ihr so, als wären Stunden vergangen. Marcus Schreie waren mit der Zeit immer leiser geworden, seine Bewegungen immer ruhiger. Irgendwann dann, hatte er gänzlich aufgehört sich zu rühren.

"Warum bewegt er sich nicht mehr?" Melissa sah zu ihrer Freundin rüber, die nun wieder neben ihr stand und ebenfalls in das Loch hinab blickte. "Mandy..."

"Nein..." flüsterte sie, "sag, dass das nicht wahr ist." Melissa wollte nach ihrer Freundin greifen, wollte sie in den Arm nehmen, trösten und dann von diesem grässlichen Ort verschwinden. Doch Mandy war schneller, erneut machte sie kehrt und rannte davon. "Mandy!" Schrie Melissa ihr hinterher. Sie wollte nicht dass ihre Freundin dasselbe Schicksal ereilte wie Marcus. Während sie zu Marcus herab geblickt hatte und versuchte ihn zu beruhigen, waren ihr tausende Gedanken durch den Kopf geschossen, doch nur einer davon war wirklich von Relevanz. Es war eine Frage: Wer war hierfür verantwortlich? So unglaublich es auch klang, aber Melissa war sich darüber bewusst das jemand diesen Raum vorbereitet hatte. Jemand hatte den Boden sabotiert und die Drähte in dem Kellerraum darunter angebracht und das im vollem Bewusstsein darüber, das irgendwann irgendjemand hier kommen würde um dort hinein zu fallen. Diese Tatsache bedeutete aber auch, dass die Möglichkeit für weitere Fallen bestand...

Melissa sprintete aus dem Klassenraum hinaus und sah Mandy hinterher. SIe rannte in die entgegengesetzte Richtung, wie die durch die sie gekommen waren. Während Melissa rannte, fiel ihr auf das Vince verschwunden war, er hatte nicht mehr vor dem Klassenraum gestanden und war auch sonst nirgends zu sehen gewesen. Hoffentlich ist ihm nichts passiert... dachte Melissa und erleuchtete vor sich so gut es ging den Weg, um nicht in irgendwelche Überraschungen zu treten.

Mandy legte ein schnelles Tempo vor und Melissa spürte schon bald den Unterschied zwischen sich und ihrer Freundin, die im Gegensatz zu ihr sehr sportlich war. Mandy rannte von einem Gang in den nächsten, bog rasant um die Ecken und scheute auch nicht davor die höheren Stockwerke aufzusuchen. Sie stand offensichtlich unter Schock und war sich nicht darüber klar, was sie tat. Sie wollte einfach nur weg, weg von diesem Ort, weg von diesem Alptraum, weg von Marcus... Melissa wollte nichts anderes, aber wie sollte sie ihrer Freundin das bewusst machen, wenn sie sie nicht einholen konnte?!

Plötzlich ertönte vor Melissa ein lauter Schrei und sie sah den Schemen von Mandy zu Boden fallen. Nein! dachte sie und nahm ihre letzte Kraft zusammen um zu ihrer Freundin zu kommen. Als der Lichtstrahl der Lampe auf Mandy fiel, zuckte Melissa erschrocken zurück. Mandy's linkes Bein steckte in einer Bärenfalle fest, während sie selbst versuchte sich mit Hilfe ihrer Arme weiter zu ziehen. Mandy schrie nicht, sie keuchte nur laut und versuchte den Schmerz offensichtlich zu ignorieren.

"Mandy, beweg dich nicht, wir müssen dich irgendwie von diesem Ding befreien." Endlich reagierte ihre Freundin wieder auf Melissa, sie drehte sich um und blickte ihr in die Augen. Tränen rannen ihr die Wange herab, "wie konnte das nur passieren? Was ist hier los?!" Schrie Mandy und ergab sich ihrer Trauer. Melissa bückte sich zu ihr herab, "wir schaffen das ok? Wir kommen hier schon wieder raus! Alles wird wieder gut!" "Nein, nein das wird es nicht!" Mandy riss erschrocken die Augen auf und hielt den Atem an. "Was?" Flüsterte Melissa, ein eiskalter Schauer jagte ihr den Rücken hoch. "Hinter dir..." antwortete Mandy.

Melissa zögerte nicht lange, sie drehte sich um und wich dabei einen Schritt zurück. Ein Mann stand vor ihr, es war jemand den sie nur zu gut kannte, auch wenn sie sein Gesicht in diesem Moment nicht sehen konnte, da er die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gehängt hatte. "Warum?" Flüsterte Melissa, doch Vince antwortete nicht. Stattdessen hob er die Feuerwehraxt in seiner rechten Hand und kam einen Schritt auf sie zu.

Melissa musste sich entscheiden, sie konnte nun versuchen ihre Freundin zu retten in dem sie sie hinter sich her zog, oder aber sie rannte einfach weg und versuchte ihr eigenes Leben zu retten. Mit dem zusätzlichen Gewicht von Mandy, würden sie nicht weit kommen, das wusste Melissa. Insbesondere da ihre Freundin nicht einmal laufen konnte. Es tut mir leid... dachte Melissa, drehte sich um und rannte davon. Sie versuchte nicht darauf zu achten, aber durch die Stille die hier herrschte war es unmöglich, das dumpfe, schlagende Geräusch der Axt nicht zu hören, als sie durch den Körper von Mandy fuhr und ihr Leben aushauchte.

Entscheidung Bearbeiten

Melissa rannte so schnell es ihre Beine erlaubten, sie rannte ohne zu wissen wohin, aber das war egal. Überleben war in diesem Moment alles was zählte. Marcus und Mandy waren gestorben und sie hatte nicht vor dieses Schicksal zu teilen. Sie wusste nicht was in Vince gefahren war und warum er so etwas Schreckliches tun sollte. Hatte sie sich wirklich so sehr in ihm getäuscht? Hatte er seine wahre Natur wirklich so gut verbergen können, dass es ihr Jahrelang nicht aufgefallen war? Melissa wusste es nicht, sie wusste überhaupt nichts mehr.

Als sie die Treppen erreichte, stieg in ihr Hoffnung auf, hier tatsächlich lebend raus zu kommen. Sie musste nur ins Erdgeschoss kommen, das Fenster finden, über den Hof rennen, den Zaun erklimmen und so schnell es ging von hier verschwinden. Wo ist das verdammte Fenster?! Sie hatte keine Zeit lange darüber nach zu denken, einfach weiter rennen!

Ihre Taschenlampe leuchtete ihr den Weg und schon bald kam sie an dem Klassenraum vorbei, in dem Marcus durch das Loch gefallen war. Nur noch ein paar Meter! Dachte Melissa voller Hoffnung, doch dann sah sie ihn. Der Schemen von Vince befand sich genau vor dem Fenster, ihr Weg raus aus dieser Hölle. Melissa wusste das sie vermutlich keine Chance hatte, aber andererseits war das Fenster der einzig ihr bekannte Weg hier raus und zu dem fiel ihr noch etwas anderes auf, als sie sich Vince näherte. Er trug keine Axt mehr bei sich.

Er stand nur da, den Kopf nach vorn geneigt und den linken Arm gerade erhoben. Melissa ging mit festem Willen auf ihn zu. Sie würde hier nicht sterben, sie würde sich nicht von ihm aufhalten lassen. Je näher Melissa Vince kam, desto mehr hatte sie das Gefühl das etwas nicht stimmte. Sie hatte den Strahl ihrer Taschenlampe direkt auf ihn gerichtet und ging auf ihn zu, doch er bewegte sich keinen Millimeter. Zudem trug er seinen Pullover nicht mehr, was Melissa jedoch am meisten störte, war das er die Axt nicht mehr bei sich hatte. Wollte er sie mit bloßen Händen umbringe, verschaffte ihm das den größeren Kick?

Nur noch einige Meter trennten Melissa von Vince und er rührte sich noch immer nicht, dann erkannte sie es. Nein... das kann nicht sein... wer ist dann der Kerl der... Melissa beschleunigte ihren Schritt, sie musste einfach Gewissheit haben. Als sie vor Vince stand, erkannte sie es. Vince war schon nicht mehr am Leben. Dieselben Drähte die Marcus den Tod gebracht hatten, hielten nun Vince in seiner Position, da sie an der Decke über ihm angebracht waren und um seinen Körper - insbesondere seinen linken Arm - geschnürt waren.

Melissa musste ihre Tränen unterdrücken. Sie hatte Mandy und Vince verloren und letzteren auch noch beschuldigt, der Täter zu sein. Sie wollte nur noch hier raus und wandte sich bereits zu dem Fenster. Doch dann fiel ihr Blick noch einmal auf den Leichnam von Vince, sein Arm zeigte in die linke Richtung, weg von dem Fenster. Will mir der Killer damit etwas sagen? Hält er mich tatsächlich für dumm genug, schnurstracks in die nächste Falle zu rennen?

Melissa wandte sich wieder zum Fenster zurück und sah hinaus in die dämmrige Nacht, die bereits begann dem Morgen zu weichen. Sie sah die Lichter der Stadt, sie roch die frische Luft, spürte den Wind auf ihrer Haut, hörte die Vögel zwitschernd den Morgen begrüßen und fand das alles zum kotzen. In ihr war etwas zerbrochen und sie wusste, dass sie nie wieder so sein würde, wie sie früher einmal war. Niemand konnte durch solch eine Hölle ohne Schäden heraus kommen. Als sie die Sirenen hörte - die Hilfe die viel zu spät kam - traf sie eine Entscheidung.

Melissa trat von dem Fenster zurück und sah auf ihre Taschenlampe hinunter. Mit dem Daumen knipste sie das Licht aus und warf die Lampe einfach fort, da wo sie hin gehen würde, brauchte sie kein Licht. Sie trat wieder tiefer in die Schule hinein, die Dunkelheit empfing sie und sie empfing die Dunkelheit. Sie hatte noch eine Rechnung zu begleichen.

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Die Idee für diese Geschichte kam mir, als ich über die Vergangenheit sinnierte. Ich erinnerte mich an einen Abend, den ich mit ein paar Freunden verbracht hatte. Wir waren tagsüber zu einem alten und längst baufälligem Krankenhaus - oder was auch immer das war - gewandert und hatten gewartet bis es Nacht wurde. Wir kletterten über den Zaun und waren fest entschlossen das Gebäude zu betreten. Es war fest verschlossen und im Gegensatz zu dieser Geschichte hier, gab es kein offenes Fenster das wir nutzen konnte, was im Nachhinein aber vermutlich auch besser so war, denn noch heute sind wir uns sicher, dass wir nicht alleine auf dem Gelände waren. Vielleicht waren es auch nur unsere überreizten Nerven, aber es hatte nicht lange gedauert, da hatten wir das Gelände fluchtartig verlassen und so schnell es nur ging das Weite gesucht. Ob dort tatsächlich jemand war, vermag ich nicht zu sagen, unheimlich war es aber allemal.

gez. Nathaniel Simon Laval

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