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Ich meine, zuerst hat man immer Schiss; ist doch logisch.

Angst ist die natürliche Reaktion eines Menschen auf alles, was ihm unbekannt und fremdartig, dadurch sogar noch ziemlich bedrohlich erscheint, weswegen man mir meine kurze Panikphase jetzt nicht wirklich verübeln kann. Aber beim zweiten, oder vielleicht auch erst beim dritten Mal fängt es dann allmählich an, richtig viel Spaß zu machen, und man fragt sich, warum man sich vorher überhaupt so sehr ins Hemd gemacht hat.

Denn was würdet ihr tun, wenn ihr immer zur gleich gehirnamputierten Ansage irgendeines irrelevanten Radiomoderators aufwachen würdet, an demselben bewölkten Tag, an dem irgend so ein alter Knacker auf der Straße unter eurem Fenster über den Bordstein stolpert (Und ja, der Anblick war auch bei der 12ten Wiederholung noch zum Brüllen)?

Ihr würdet euch zuerst in die Hose machen, dann ein wenig Panik schieben und nach der ganzen Existenzkrisen-BitteGlaubtMirDoch-Sache ein wenig Spaß haben, oder?

Und ja, das ist alles, was ich tun konnte, nachdem mich der Tag ohne ersichtlichen Grund gefangen genommen hatte. Schließlich wollte mir auch trotz der Beweise, die ich liefern konnte, keiner glauben. Verständlich: Sie hatten Angst, und nicht so viele Tage wie ich, um diese unwichtigen Gefühle zu überwinden (Außerdem waren alle von ihnen verdammte Idioten).

Bevor du dich das fragen kannst: Ich habe schon alles versucht, um meinen Fluch aufzuheben: bei einem Kumpel übernachten, so weit fahren wie man kann, irgendwelchen Schamanen viel unnötigen Zaster geben und das eigene Haus in die Luft jagen... Ich hab mich sogar von dem Hochhaus in der siebzehnten Straße gestürzt, was ja eigentlich ganz witzig ist, bis man den Asphalt küsst, weil Aua.

Aber jeden Morgen wache ich in meinem Bett auf, eingemummelt und wohlbehütet.

Der Kalender ist einfach auf dem 19. März stehengeblieben.

Und man, hat mich das beim ersten Mal abgefuckt.


Meine erste Amtshandlung als Nachahmer von „Täglich grüßt das Murmeltier“ war, über den alten Sack zu lachen, der beim Stolpern richtig behindert aussah, und noch dümmer guckte, sobald er auf dem Boden aufkam.

Was denn, es gab immerhin keine Konsequenzen dafür, abgesehen von einigen entfremdeten Blicken hoch zu meinem halboffen stehenden Schlafzimmerfenster. Sollen die mal den Stock aus dem Arsch nehmen. Ich bin mir sicher, dass auch einige von denen sich ein Kichern verkneifen, oder es zumindest mit einem vorgetäuschten Hustanfall touchieren mussten, also sollen die mal nicht einen auf Gutmensch machen.

Nach einer Weile begann ich, immer weiter zu gehen. Das erste Mal war ich wirklich frei in meinem Leben, was eigentlich ironisch ist, wenn man bedenkt, dass ich im selben Tag feststeckte. Doch allem Anschein nach konnte ich alles tun, was ich wollte, ohne daran gehindert zu werden, oder danach unter meinem Handeln zu leiden. Warum sollte ich das also nicht ausnutzen, wenn ich schon in einem unendlichen Kreislauf gefangen war?

Ich habe Autos gestohlen, Prügeleien angezettelt, meinem Boss eine reingehauen, den Garten des Nachbarn abgefackelt, seinen Hund getreten (das Mistvieh kackt mir regelmäßig in die Einfahrt), Läden ausgeräumt, Häuser beschmiert, Staatseigentum zerstört, fremden Leuten in öffentlichen Verkehrsmitteln das Handy aus der Hand gerissen und aus dem Zug geworfen, sobald sie zu laut in den Hörer brüllten… Ich will ja nicht angeben, aber viele Frauen in der Stadt waren auch nicht mehr sicher vor mir (nachdem ich mit ein paar Versuchen genau wusste, was sie hören wollten). Aber selbst, wenn sie mich nicht wollten, war es eher einfach sie zu kriegen. Und jetzt schwingt nicht gleich die Moralkeule, am nächsten 19. März haben die doch eh alles wieder vergessen, da spricht nicht das Geringste dagegen, sich ein wenig auszutoben. Vonwegen "traumatische und seelische Schäden", wen juckts.

Glaubt mir, nach genügend Zeit hättet ihr es auch getan.



Selbst wenn man mich erwischte, war das Schlimmste, was passieren konnte, dass ich starb. Denn nach meinem Tod wachte ich immer wieder am selben Ort auf, oder - in dem angenehmeren Fall - wenn die Uhr Mitternacht schlug. Wie so eine etwas weniger jugendfreie Version von Aschenputtel konnte mir also einfach nichts passieren. Unverwundbarkeit war ein Dreck dagegen.

Ich starb und ich öffnete meine Augen, tief vergraben in meinem warmen, kuscheligen Bett, in dem ich einige Tage verbrachte, um sämtliche Serien auf Netflix durchzusuchten. Und ja, man gewöhnt sich an den Tod. Wenn man den Schmerz hinter sich hat, ist er nicht einmal mehr so übel.

Die Welt war meine Schlampe. Ich bekam was oder wen ich wollte, wann ich wollte. Und es war geil.



Die einzige Konstante in meinem Leben war der alte Knacker.

Er brachte mich morgens immer in die richtige Stimmung, so falsch das jetzt auch klingen mag.

Einmal stieß ich ihn abermals nieder, nachdem er sich gerade erst aufgerappelt hatte, was mir lediglich einen bitterbösen Blick einbrachte, weil er zu alt war, um mir irgendetwas tun zu können. Ein paar Tage danach schlug ich ihm grundlos in die Magengrube. Es ging immer so weiter, ab und zu nur mit Ohrfeigen und an Tagen, an denen ich den Kreislauf verfluchte, vielleicht mit etwas... heftigeren Ausbrüchen von meiner Seite. Aber erst Wochen später trat ich auf ihn ein, mit dem Ziel, ihn zu töten, was die restlichen feigen Arschgesichter dazu brachte, abzuzischen, anstatt ihm zu helfen.

Zivilcourage. Meinen. Arsch.

Das Geräusch seiner brechenden Knochen sandte angenehme Schauer meinen Rücken hinab, und ich hörte erst auf, als ein eigentlich ekliges Schmatzen an mein Ohr drang. Für mich war es in dem Moment einfach nur die schönste Symphonie auf Erden. Scheiß auf ihn. Vielleicht ist er schuld, dass ich hier feststecke.

...

Was denn? Kann doch sein?



Der Tag danach war jedoch anders.

Als ich aus dem Fenster sah, stolperte der Mann nicht wie gewöhnlich über seine eigenen Füße. Er fiel auch nicht zu Boden. Stattdessen stand er auf dem Bürgersteig unter meinem Fenster und blickte zu mir hinauf, unbeweglich. Vollkommen ruhig und mit einem beinahe apathischen Gesichtsausdruck.

Ich rannte sofort aus dem Haus, um zu sehen, ob ich endlich frei war, aber alles andere blieb genau gleich. Wieder das junge Pärchen, das vorbeilief. Wieder der Postbote, der sich verfahren hatte. Wieder ein Scheißhaufen in meiner Einfahrt. Aus Frust tötete ich das alte Arschloch nochmal. Dieses Mal aber weniger zeremoniell, indem ich ihn mit dem Auto rammte, weil ich ohnehin noch ein paar Chips aus dem Supermarkt um die Ecke klauen wollte, und zu faul war, zu laufen. Er machte keine Anstalten auszuweichen. Mir sollte es recht sein.

Am nächsten Morgen starrte er mich wieder an. Nur entdeckte ich ihn dieses Mal erst, als ich meine Haustür öffnete, und er genau vor dieser bereits auf mich zu warten schien.

Ich schrie ihn an, dass er mich gefälligst in Ruhe lassen sollte, schubste ihn grob zurück und rammte ihm mein Knie in die Kronjuwelen. Doch selbst das entlockte ihm keine weitere Reaktion, abgesehen von einem scharfen Einatmen.

Auch am nächsten Tag kam er näher.

Und näher.



Bis ich schließlich aufwachte, und er am oberen Ende meiner Treppe angekommen war.

Er starrte mich an.

Ich begann, ihn zu verprügeln, zu erstechen, zu erwürgen. Ich zündete ihn an, riss ihm den Kopf ab, sperrte ihn im Keller ein. Egal was mir in den Sinn kam, um ihn irgendwie loszuwerden.

Aber jeden Morgen rückte er ein wenig näher an mein Bett heran.

Und jeden Morgen wurde sein Gesichtsausdruck ein wenig zorniger.



Jetzt bin ich hier.

Und ich glaube, ich verdiene das.

In der Dunkelheit zu erwachen. Nicht atmen zu können.

Ich habe ein Kissen auf dem Gesicht. Keine Ahnung, wie oft ich gestorben und wieder aufgewacht bin. Ich schlage um mich, winde mich, gerate in Panik, aber neben dem Druck auf meinem Gesicht halten mich mehrere Hände auf der Matratze zurück. Hände, die sich nicht wie Hände anfühlen. Es bleibt mir keine Chance. Ich sterbe. Ich wache auf.

Ich beginne, zu vergessen.

Wer bin ich nochmal?

Wo bin ich nochmal?

Ich sterbe. Und ich sterbe nicht.



Der Kalender ist auf dem 19. März stehen geblieben. Es ist ein bewölkter Tag, und die Leute in diesem Kreislauf leben ihn wie jeden anderen Tag ihres unbedeutenden Lebens auch. Manche stehen auf, manche tätigen gerade ihren Einkauf, manche sind bereits auf der Arbeit.

Der Kalender ist auf dem 19. März stehen geblieben.

Für mich dauert er nur ein paar Sekunden.