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Meine Finger tippen im Rhythmus der William-Tell-Overtüre auf den Tisch, während ich meine Atmung auf einem flachen, regelmäßigen Niveau zu halten versuche. Meine Wut allein reicht schon bald aus, um die Blumen in den Tongefäßen auf der Fensterbank zu entflammen. Dennoch schlägt mein Herz ruhig. Das ist gut so, denn genau dafür muss ich sorgen. Erhöhter Puls sorgt für erhöhten Ausstoß von Hormonen, die meine Sinne und Gedanken trüben... und das endet nie gut. Ich rede nunmehr nicht davon, dass ich jemandem in einem unangebrachten Anfall von Selbstgerechtigkeit einen Zahn ausschlage. Obschon sich dies als Analogie zur Realität sehen ließe. Kommt ganz darauf an, wie groß der Zahn sein soll.

„Ich bitte dich, das kann doch nicht dein Ernst sein.“ Der entsetzte Ausdruck meines Freundes mischt sich mit dem Zorn, der üblicherweise mit Unverständnis einhergeht, und treibt meinen Puls in die Höhe. Sechzig Schläge pro Minute, einundsechzig, zweiundsechzig... Ein tiefer Atemzug hält den Pegel des Blutzirkulation auf diesem Level. Das könnte knapp werden: „Doch, das ist mein Ernst.“, murmele ich und bereue es, das Thema überhaupt angesprochen zu haben: „Ich weiß auch nicht, wie ich es sonst ausdrücken soll: Ich kann nicht mit dir schlafen.“

Er starrt mich erneut – beziehungsweise weiterhin – ungläubig an, während ich den Blick durch die Küche schweifen lasse. Es ist seine Wohnung, weshalb mich die Blumen immer wieder irritieren. Ich mutmaße seit Wochen, dass es Plastikblumen sind, aber ich habe es nie überprüft. Des weiteren steht mitten im Raum ein Tisch, an dem wir uns gegenüber sitzen wie zwei Geschäftsleute, die einen pikanten Vertrag austüfteln. Seine Stimme wird lauter, nur eine Nuance, aber doch spürbar: „Das kannst du doch nicht ernst meinen. Wie passt das denn zusammen, dass du mich liebst, aber nicht mit mir schlafen willst?“

Ich neige den Kopf zur Seite. Mir ist bewusst, dass diese Geste in Kombination mit meinem ausdruckslosen Gesicht eine unangenehme, abweisende Situation erzeugt. Es tut mir leid für ihn, aber es hilft mir bei meinen nächsten Worten, die meinen Puls auf Dreiundsechzig Schläge pro Minute erhöhen: „Ich hoffe, das war keine Anspielung auf das Klischee, dass eine Frau mit einem Mann schlafen muss, sobald sie sich in einer Beziehung befindet. Das wäre nämlich doch ziemlich...“ Ich zögere. So sehr will ich ihn dann doch nicht verletzen. Ich winke ab und schüttele den Kopf. Mein Puls sinkt. Und wider Erwarten ist er es, der den nächsten vernünftigen Schritt macht. Er seufzt und blickt auf die Uhr: „Okay, also... ich muss eigentlich schon längst wieder weg, wegen der Arbeit. Wir... können das ganze ja noch einmal durchgehen, wenn wir beide ein wenig darüber nachgedacht haben, okay?“ Er wartet meine Antwort nicht ab und steht auf. Ich tue es ihm gleich, verlasse das Haus kurz vor ihm und verabschiede mich an meinem Auto.

Die Fahrt zu meiner eigenen Wohnung dauert etwa eine Viertelstunde, aber auf halbem Weg halte ich am Straßenrand. Hier gibt es einen kleinen Wald, den ich betrete und dessen Mitte ich mich schnell nähere, ohne auf den Schmutz, der meine Schuhe besudelt, zu achten. Ich blicke mich um, sehe einen Baum und lehne mich mit der Stirn dagegen. Meine Ohren pochen, mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Einundsechzig, zweiundsechzig, dreiundsechzig...

Vierundsechzig und ich schreie.



Die Ereignisse der nächsten Minuten kommen mir nur verworren ins Gedächtnis, während ich in meinem Bett liege und den Mond anstarre. Was ich noch weiß ist, dass ich nicht bei dem Baum aufgehört habe, und nicht nur an meinen Händen, auch an meinen Kleidern klebte Blut. Nicht viel, aber es würde mich nicht wundern, wenn es von mehreren Lebewesen stammt. Ich fühle mich leer, ausgelaugt. Mein Puls rangiert irgendwo in den oberen Fünfzigern und steigt nicht, was mich zufrieden stimmt. Es könnte Monate dauern, bis ich wieder die Kontrolle verliere.

Das ist im Übrigen der Punkt, an dem ich des Geräusches an der Tür gewahr werde, das da nicht sein sollte. Ein Schaben, stellenweise auch Kratzen, das sich, als ich aufstehe und näher lausche, um das Schlüsselloch zu konzentrieren scheint. Ein Einbrecher, ohne Frage. Ich greife neben der Tür hinter einen Vorhang, den ich eigentlich nur zur Zierde dort hingehängt habe, und hole ein armlanges Katana hervor. Es ist ein echtes Billigprodukt und würde zerbrechen, wenn man es auch nur mit Wucht gegen Holz schlagen würde, aber dennoch ist es scharf, und Fleisch ist nun einmal kein Holz.

Die Klinge in der einen Hand greife ich nach der Türklinke, ziehe sie nach innen auf und lege in einer trainierten Bewegung die scharfe Seite an die Schläfe des am Boden hockenden Mannes. Dort auf Kopfhöhe wäre der anzurichtende Schaden zwar eher minimal, aber das muss er ja nicht...

Ich erkenne ihn als meinen Freund. Einundsechzig, zweiundsechzig: „Was zum Teufel machst du hier?“ Ich flüstere, verleihe meiner Stimme jedoch eine Schärfe, die bei mir das höchste ist, was ich an Zorn ausdrücken kann, ohne dass mein Puls steigt. Er drückt unwirsch die Klinge beiseite, die ich in meiner Verwirrung immer noch an seinen Kopf gehalten hatte, und richtet sich zu voller Größe auf. Mir wird bewusst, dass er mich um gut einen Kopf überragt. Antworten tut er nicht, stattdessen schlägt er mir seine Faust mit solcher Wucht ins Gesicht, dass ich das Bewusstsein verliere.




In dem Dämmerzustand, der zwischen Ohnmacht und der Wiedererlangung aller mentalen Fähigkeiten einhergeht, erinnere ich mich an ein oder zwei kleine Details aus meinem nachmittäglichen Ausraster. Daran, dass der Baum längst nicht mein einziges Opfer war, erinnerte ich mich nun in aller Deutlichkeit und auch daran, dass mir ein Reh über den Weg gelaufen war. So wie ich mich kenne, muss ich um dieses arme Tier trauern.

Ich schlage die Augen auf und erkenne, dass ich mich in beinahe detailgenau der Situation befinde, in der die Romanfigur Lisbeth Salander sich in Band Eins der Milleniumtrielogie befand: Auf dem Bauch liegend, die Hände separat an die Bettpfosten gefesselt, die Füße ebenso separat gebunden, was den einzigen Unterschied darstellt. Oh, und die Tatsache, dass ich im Gegensatz zu dem Mädchen mit dem Drachentattoo vollkommen nackt bin. Dreiundsechzig. Meine Atmung beschleunigt sich, mein Herzschlag auch, aber das darf ich nicht zulassen. Kontrolle, Kontrolle, Kon...

Mein Herz bleibt für einen Augenblick stehen, unterwirft sich meinem Willen und schlägt dann langsamer als zuvor weiter. Gut. In diesem Augenblick beginnt eine Stimme, die ich als die meines Freundes erkenne, zu sprechen. Er lallt ein wenig, was Alkoholkonsum nahelegt, und ich frage mich, wie viel er gesoffen haben muss, um so etwas zu tun. Er war ja nie besonders helle, aber das?

„Weißt du, als du mir heute dein kleines... Geständnis gemacht hast, konnte ich zuerst wirklich nicht glauben, dass du das ernst meinst. Ich meine... eine Frau wie du, die nicht mit einem Mann wie mir schlafen will? Das ist doch zu unglaubwürdig.“ Er stockt, rülpst und widert mich plötzlich nur noch an. Entgegen den Gesetzen der Logik bäume ich mich nicht gegen die Verzweiflung, sondern gegen die Wut in mir auf, die mein Herz wieder höher schlagen lässt. Einundsechzig, es wird wieder knapp. Ich merke, dass ich mit einem handkantenlangen Stück Tau geknebelt bin.

„Aber dann hab ich bei einem Bier darüber nachgedacht...“ Oder bei zwanzig, blöder Spinner! „und mir ist klar geworden, dass das eine Art Hilferuf von dir war.“ Wie bitte? Und ich dachte, ich hätte Probleme. Aber das übertrifft alles. Wieso hab ich mich noch mal mit ihm eingelassen? „Ich meine, du spielst das unnahbare Mädchen, dass sich von niemandem angraben lässt, aber tief in dir drin sehnst du dich nach einem starken Mann, der sich einfach nimmt, was er will. Du stehst darauf, erobert zu werden.“

Dreiundsechzig, und es ist Zorn, der meine Pumpe antreibt. Ich kaue auf dem Stück Seil herum und würde ihm gerne die diversesten Verwünschungen an den Kopf schleudern, konzentriere mich aber darauf, mein Herz nicht schneller schlagen zu lassen. Dreiundsechzig, dreiundsechzig, dreiund...

Er springt auf mich drauf wie ein notgeiler Köter und dringt in mich ein. Ich schreie, ein Schmerzensschrei, wie ich bedauernd zugeben muss, und besiegele so sein Schicksal, als mein Puls von jetzt auf gleich auf die fünfundachtzig zuschnellt.

Während das Tau in Stücke gebissen auf die Matratze fällt, beginnt mein Blut zu brennen. Das meine ich nun keinesfalls metaphorisch. Meine Körpertemperatur steigt auf irgendwas um die fünfzig oder sechzig Grad Celsius, meine Gliedmaßen zittern wie verrückt und zerstückeln die Ketten, die mich halten, allein durch diese Vibration. Eine ruckartige Bewegung meines Körpers schleudert meinen Ex-Freund von mir runter, gegen die Decke, wobei ein wenig Putz herunterrieselt, und in logischer Konsequenz der Schwerkraft wieder zu Boden. Hiernach gebe ich mich nicht damit ab, einfach aufzustehen... meine Extremitäten drehen sich um hundertachtzig Grad, dieses Mal nicht Celsius, danach mein Kopf, wie bei einer Eule oder einer Gottesanbeterin. Bei meinem Torso scheint dieser Vorgang mehr wie bei einem Tesserakt vonstatten zu gehen: Er wölbt sich von meiner Brust nach innen und dann nach oben, bis sie quasi auf meinem Rücken, der jetzt meine Brust ist, wieder erscheint und sich weiter umwandelt, bis ich mich ohne mich zu bewegen einmal komplett herumgedreht habe.

Ich richte mich auf und genieße den Anblick schierer Panik in den Augen dieses dämlichen Vergewaltigerschweins. Ich weiß nicht, ob es an meiner doch recht radikalen Erhebung liegt, deren Zeuge er soeben wurde, oder an dem, was sich in diesem Zustand zu Unrecht Gesicht schimpft. Es ist mir egal. Mein Herz will aus meiner Brust ausbrechen und der einzige Weg, diese glühende Kugel drinzubehalten ist es, ihm Nahrung zu geben. Ich grinse: „Jemand, der sich einfach nimmt, was er will?“ Die Frage ist rhetorischer Natur, sie dient nur dazu, ihm Angst zu machen. Damit jedoch halte ich mich nicht länger auf. Er ist wie erstarrt, als ich mich vor ihm hinsetze und mit einer schnellen, heftigen Bewegung eines seiner Beine abreiße. Ich weide mich an seinem Schmerzensschrei und seinem Entsetzen, als ich es mir den Schlund hinunterschiebe wie ein Schwertschlucker es mit einer Klinge tut. Mein Hals dehnt sich unmenschlich weit, ebenso wie mein Magen. Obwohl ich nicht einmal sicher bin, ob es sich in diesem Zustand noch um einen Magen handelt oder doch eher um eine satanische Erweiterung, von innen größer als von Außen, sodass ich nicht nur dieses Bein mühelos verschlucken kann. Ich muss mich nun beeilen, bevor Blutverlust oder Schock den Penner neben meinem Bett umbringen. Mein Kiefer renkt sich aus, um größere Stücke aus ihm beißen zu können, während meine Fäuste unkontrolliert gegen Wände und Boden schlagen, gewaltige Löcher in den Stein reißen als wäre es Pappmasche.

Als ich meinen letzten Bissen hinuntergeschluckt habe, beginne ich zu zittern. Mein Puls hat sich nicht beruhigt, mein Hunger ist noch nicht gestillt. Ich weiß, was zu tun ist: Hinausgehen auf die Straße und weitermachen.

Immer, immer weitermachen.

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