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„Vielen Dank, dass Sie heute gekommen sind. Ein schönes Wochenende und grüßen Sie Billy von mir!“ Ein erleichtertes Seufzen entfuhr Pater William Jonasson, als er die letzten Besucher der Abendandacht verabschiedet hatte. Jetzt gab es nur noch ihn, seine Kirche und das abendliche Farbenspiel, das ihn immer mit einer tiefen Ruhe erfüllte.

„Eine wundervolle Predigt, Pater.“

Der Pfarrer, der gerade dabei war, sich in den goldenen Mustern, die die untergehende Sonne durch das farbenfrohe Westfenster der Kirche sandte, zu verlieren, schrak auf. Ein Mann, den er vorher nicht einmal bemerkt hatte, stand mit dem Rücken zu ihm vor der Statue der Heiligen Jungfrau Maria.

„Nun, vielen Dank.“ Irgendetwas schien ihm merkwürdig an dem Mann. Soweit er beurteilen konnte, war er selbst etwas größer, und auch die Statur schien ihm wesentlich schmaler als seine eigene. Wobei man das von einigen Staturen sagen konnte. Der Großteil des Gesichts lag im Schatten, aber das, was er sehen konnte, hätte er eher auf dem Cover eines Hochglanzmagazins erwartet als in einer der kleinen, schäbigen Kirchen von Compton, L.A.. Feingliedrige Finger hielten gerade ein brennendes Hölzchen an eine der Opferkerzen, die in vier Reihen auf einem Eisengestell vor der Statue angebracht waren. Ohne sich umzudrehen nahm der Fremde das Gespräch wieder auf.

„Ich meine es ernst. Es ist lange her, seit ich einem Priester begegnet bin, der selbst glaubt, was er sagt.“ Der Eindruck, dass an diesem Mann etwas nicht stimmte, wurde mit jedem Wort, das er sprach, stärker. Die wohlartikulierten Worte wurden von einer angenehmen Tenorstimme in die Welt entlassen, die einfach nicht in das raue und oftmals laute Stimmen gewohnte Gotteshaus zu passen schienen. Ja, es schien fast, als würde sich die Kirche dagegen wehren, die Worte des Fremden in sich widerhallen zu lassen, obwohl der Pater selbst sich dabei ertappte, wie er sich wünschte, der Mann würde weiterreden, damit er seinen Worten lauschen konnte. Mit einem Räuspern riss er sich in die Wirklichkeit zurück. 

„Dann sind sie hoffentlich noch nicht allzu vielen Priestern begegnet.“ Seinen Worten folgte ein kurzes, klares Lachen, bei dem sich sämtliche Nackenhaare des bereits etwas in die Jahre gekommenen Pfarrers aufstellten und ihm gleichzeitig ein wohliger Schauer über den Rücken lief.

„Zu vielen, Pater. Viel zu vielen.“ Jonasson meinte, einen Hauch Bitterkeit in den Worten zu erkennen, konnte sich aber ohne die dazugehörende Mimik nicht sicher sein. Der Wunsch, endlich das Gesicht seines Gegenübers zu sehen, wuchs stetig in ihm, und fast wäre er einfach um die Heilige Jungfrau herumgelaufen, um sich diesen Wunsch zu erfüllen.  Aber der Fremde schien eine gewisse Distanz zu wahren und der erfahrene Seelsorger in ihm wusste, dass er ihn mit einem solchen Vorstoß leicht vertreiben konnte. Nur mit Mühe blieb er also, wo er war, und lehnte sich beinahe haltsuchend an eine der Kirchenbänke.

„Das tut mir leid. Ein Pfarrer sollte seine Gemeinde aufbauen, nicht niederhalten.“ Wieder erklang ein Lachen, noch kürzer als das letzte. Und doch meinte der Pater einen Missklang darin wahrzunehmen, der einen primitiven, instinktgesteuerten Teil seiner Seele aufschreckte.

„Ein Schäfer, der seine Schäfchen ins Trockene führt, um sie vor dem großen, bösen Wolf zu schützen. Aber was wäre, wenn der Wolf schon längst unter ihnen weilt?“ Dieses Mal schwang der Sarkasmus so deutlich in den Worten mit, dass der Pfarrer keiner Mimik bedurfte, um ihn zu erkennen. Eine Ahnung regte sich in den hintersten Winkeln seines Verstandes, noch zu diffus, um sie greifen zu können. Dennoch bildete sich ein nervöser Klumpen in seinem Magen, der es ihm schwer machte, seine Antwort auszusprechen.

„Dann kann man nur darauf hoffen, dass der Schäfer seine Schafe gut genug unterrichtet hat, damit sie den Wolf erkennen, bevor er zuschlagen kann.“ Der Fremde hatte mittlerweile die Hälfte der Kerzen angezündet. Er griff nach einem neuen Span, hielt ihn in eine Flamme und setzte seine Arbeit in beinahe hypnotischer Ruhe fort.

„Und wenn nicht einmal der Schäfer weiß, wie er den Wolf erkennen soll?“

„In diesem Fall muss man wohl beten, dass der Schäfer den Wolf aufhalten kann, bevor er zu fette Beute macht.“

„Beten. Das Büchsentelefon zu einem Mann in den Wolken, der seinen eigenen Sohn zum Sterben auf die Welt schickte. Sind Sie sich sicher, dass es Gott überhaupt kümmert, was mit den Menschen geschieht?“ Entweder wurde Pater Jonasson besser darin, die Gefühle seines Gesprächspartners an der Stimmlage zu erkennen, oder sein Gegenüber verbarg sie nicht mehr so gut wie noch zu Anfang. Wie lange redeten sie eigentlich schon? Dem Pater kamen es vor wie Stunden, obwohl es gerade erst ein paar Minuten sein konnten. Die letzten Sonnenstrahlen waren kurz vor dem Schwinden und verwandelten das Innere der Kirche in ein Meer aus Licht und Farbe. Dies war die Lieblingszeit des Pfarrers. Sie erinnerte ihn an die Wunder und grenzenlose Schönheit, die nur darauf warteten, von staunenden Augen erblickt zu werden. Und so fiel es ihm leicht, den verbalen Angriff auf seinen Glauben abzuwehren.

„Das bin ich. Ich glaube mit ganzem Herzen und von ganzer Seele, dass Gott uns liebt und über jeden von uns wacht. Und es tut mir leid, dass Sie diese Gewissheit nicht haben.“ Auf dem Teil des Gesichtes, den er sehen konnte, verzogen sich die Lippen des Fremden zu einem leisen Lächeln. Die dunkle Ahnung bahnte sich langsam einen Weg durch seine Gehirnwindungen und war fast greifbar. Aber immer, wenn er sie zu einem bewussten Gedanken machen wollte, entzog sie sich ihm wieder.

„Oh, seines wachsamen Auges bin ich mir durchaus bewusst. Nur über die Intention dahinter wage ich zu zweifeln. Aber Sie sprachen gerade über die Seele. Ich glaube, in Ihrer Predigt ging es um etwas Ähnliches. Wissen Sie, welche Stelle ich meine?“

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Jonasson kannte jede seiner Predigten auswendig. Als er begriffen hatte, worauf der Fremde anspielte, kamen die Worte wie von selbst über seine Lippen. „,Ein Jeder trägt seine Seele offen zur Schau, wenn man weiß, worauf man achten muss. Die Augen sind es, die uns die wahre Natur unseres Gegenübers verraten und uns wissen lassen, wie es tief in seinem Inneren aussieht.‘ Es stammt von einem unbekannten französischen Schriftsteller, soweit ich weiß.“

„Ein kluger Mann, dieser Schriftsteller.“ Mit derselben Ruhe, mit der er auch die anderen entfacht hatte, entzündete der Fremde die letzte Kerze. Den Blick auf den schwelenden Span in seinen Händen gerichtet, drehte er sich langsam zu dem Priester um, welcher gebannt den Atem anhielt. „Dann sagen Sie mir doch, Pater – was sehen Sie in meinem Innersten?“ Mit diesen Worten hob der Fremde den Blick.

Jonasson keuchte und bekreuzigte sich. Wäre er nicht von der Kirchenbank gestützt worden, er wusste nicht, ob seine Beine ihn getragen hätten. Die dunkle Ahnung, die durch seinen Verstand gekrochen war, wurde zur niederdrückenden Gewissheit. 

Wie lange er so dagestanden und um Fassung gerungen hatte, wusste er nicht. Mittlerweile war die Sonne vollkommen hinter dem Horizont verschwunden, und die aufkommende Dunkelheit schob sich wie ein schützender Schleier zwischen ihn und den Fremden, der geduldig wartete, bis der Pater seine Stimme wiedergefunden hatte. Sie zitterte nur ein klein wenig, als er wieder sprach. 

„Ich muss zugeben, ich hatte Sie mir anders vorgestellt.“ Der Angesprochene schmunzelte. 

„Leider muss ich Sie enttäuschen Pater. Ich bin keineswegs der, für den Sie mich halten.“ Eine eigentümliche Ruhe hatte den Pfarrer eingehüllt. 

„Wenn Sie tatsächlich nicht er sind, so scheinen Sie ihm doch zumindest ähnlich.“ Sein Gefühl sagte ihm, dass sein Gegenüber mindestens ein paar der Charakterzüge innehatte, die dem Gemeinten zugeschrieben wurden. Das amüsierte Glitzern in den Augen, die er noch immer nicht für mehr als einen Augenblick anzuschauen wagte, schien ihm Recht zu geben.

„Das mag durchaus sein. Wobei Er ein deutlich… hitzigeres Temperament hat, könnte man sagen.“ 

„Sie reden über ihn, als würden Sie ihn kennen.“ Trotz der Situation, in der er sich befand, packte den Geistlichen die Neugier. Niemals hätte er sich träumen lassen tatsächlich eine Möglichkeit zu bekommen, Antworten auf die vielen Fragen zu erhalten, die jeden Gläubigen quälten.

„Tue ich das? Vielleicht. Allerdings hat Er mit meinem Erscheinen hier nichts zu tun, weswegen ich Ihn ungerne weiter in dieses Gespräch miteinbeziehen würde, wenn es Ihnen recht ist. Heute Abend benötigen wir keine Zuhörer.“ Eine weitere Ahnung, ähnlich der ihr vorhergegangenen, aber deutlich eher bereit, sich zu einem Gedanken zu formen, blitzte in Jonassons Geist auf und löschte seine Neugier mit kalter Effizienz. Noch immer unnatürlich ruhig schickte er ein weiteres Stoßgebet gen Himmel und dachte mit Bedauern an die vielen Dinge, die er noch zu erledigen hatte, und die Menschen, denen zu helfen er versprochen hatte.

„Dürfte ich das Warum erfahren?“ Der Fremde neigte kurz den Kopf zur Seite, als überlege er, und nickte dann leicht.

„Ich wüsste nicht, was dagegenspräche. Es gibt eine Person in diesem Viertel, an der ich Interesse hege. Allerdings bedarf diese Person noch gewisser Formung, bevor sie mir von Nutzen sein kann. Ihr Ableben wird einen großen Teil dieser Formung ausmachen.“ Das Bild eines Jungen blitzte in Jonassons Gedanken auf. Eines Jungen, der mit seiner Unterstützung gerade dabei war, die Kurve zu kriegen. Fort von der Straße und den Banden, die auf ihr lauerten. Bedauern färbte seinen Verstand dunkel, während er in die unmenschlichen Augen blickte.

„Ich verstehe.“ Beinahe überrascht sah ihn sein Gegenüber an.

„Das tun Sie tatsächlich. Wie überaus interessant.“ Einladend deutete er mit einer Hand auf die Stelle direkt vor dem Altar. „Wollen wir?“

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Jonasson spürte, wie die Ruhe, die ihn wie eine warme Decke eingewickelt hatte, dünner wurde. Angst krallte ihre Klauen in sein Herz, aber er seufzte nur. Dies war der Weg, der für ihn ausgewählt worden war, und er würde ihn gehen. Bis zum Ende. Und dennoch. „Können Sie mir wenigstens versprechen, dass es schnell gehen wird?“

Hätte er nicht in das unbewegte Gesicht des Fremden geschaut, wäre ihm das Bedauern in seiner Stimme beinahe echt vorgekommen. „Leider nicht. Ein qualvolles Ableben bietet einen weitaus stärkeren Effekt als friedliches Dahinscheiden. Und ich ziele auf den größtmöglichen Effekt ab.“

Mit zitternden Knien folgte Pater William Jonasson dem Fremden mit den eisblauen Augen in das Unausweichliche. 

Es gab niemanden, der seine Schreie hörte.

by RookieNightmare

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