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Cedric Barnabas Malfoy III. saß allein im Wohnzimmer seines Strandhauses in den Hamptons, neben sich eine halbleere Flasche Bourbon. Sein Haar, auf das er eigentlich ebenso viel Wert legte wie auf die Designerklamotten, welche seinen durchtrainierten Körper zur Geltung bringen sollten, fiel ihm fettig in die Stirn. Das teure Hemd und die edle Hose waren zerknittert und fleckig. Mit zitternden Händen griff er nach der Flasche und nahm einen großen Schluck. Bourbon rann über sein markantes Kinn, welches von Bartstoppeln überwuchert wurde. Das Brennen hatte sich mittlerweile zu einer sanften Wärme abgeschwächt, die sich nun in seiner Kehle ausbreitete. 

„Cedric.“ Er erstarrte, die Flasche auf halbem Weg zum Mund. Die geröteten Augen weit aufgerissen, sah er sich hektisch nach dem Ursprung des Geflüsters um, das ihm eiskalte Schauer über den Rücken jagte. Sie stand in der Mitte des Raumes, direkt vor dem antiken Flügel, auf dem seit Jahren nicht mehr gespielt worden war. Ihre einstige Schönheit war nur noch zu erahnen. Das früher wallende Haar hing in verfilzten Strähnen herab, die Haut war bleich und an einigen Stellen blau und schwarz verfärbt. Fleischige, weiße Maden tummelten sich auf ihr und dem zerfetzten Kleid, das er ihr speziell für die Beerdigung gekauft hatte. Klassisch elegant in einem leichten Pastellblau. Etwas, dass sie zu Lebzeiten niemals getragen hätte. 

Nur mühsam fand er seine Stimme wieder. „Was willst du von mir? Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ Die Gestalt bewegte sich langsam auf ihn zu. Wieder ertönte die Stimme, die noch vor wenigen Monaten ebenso schön gewesen war wie ihre Besitzerin. „Du hast mich umgebracht, Cedric. Wieso hast du mich umgebracht? Sieh mich an! Sieh, was aus mir geworden ist! Es ist dunkel, wo ich jetzt bin. Dunkel und kalt, und ich bin ganz allein. Warum hast du mich alleingelassen, Cedric?“ Verzweifelt presste er sich die Hände auf die Ohren und wiegte seinen Oberkörper vor und zurück. „Nein, das ist nicht wahr! Lass mich in Ruhe! Du bist nicht real! Nicht real, nicht real, nicht real…“ Ungerührt setzte sie ihren Weg fort, eine Spur aus Maden hinter sich zurücklassend. „Es ist deine Schuld, dass ich tot bin. Wegen dir rotte ich langsam vor mich hin, während Würmer sich an meinen Eingeweiden laben.“ Seinen Vorsatz, sie zu ignorieren, vergessend brüllte Cedric: „Du wurdest eingeäschert! Wie eine echte Malfoy, die du niemals geworden bist!“ Sofort wechselte ihre Tonlage von anklagend zu traurig. „Warum hast du mich getötet, Cedric? Wie konntest du mir das antun? Uns das antun? Was habe ich dir getan, dass du mich sosehr hassen konntest?“

Tränen flossen aus seinen aufgequollenen Augen und vermischten sich mit dem Schnodder, der aus seiner Nase quoll. „Ich habe dich geliebt! Du warst mein Leben! Alles hättest du von mir bekommen: Macht, Reichtum, ein Leben im Luxus!“ Wut verzerrte sein Gesicht, während er sich immer weiter in Rage redete: „Aber dir war das nicht genug. Du musstest wild in der Gegend herumvögeln, wie eine dreckige Nutte, und mich zum Gespött der Leute machen. Was passiert ist, war deine eigene Schuld! Hast du erwartet, ich finde mich damit ab, eine Hure als Frau zu haben? Oh nein. Wenn ich dich nicht für mich haben konnte, dann sollte dich auch kein anderer haben!“ Die toten Augen glitzerten kalt. Ihre Stimme schnitt scharf durch die Luft und ließ ihn zusammenzucken: „Du hast mich umgebracht. Du bist ein Mörder, Cedric. Was werden deine Eltern von dir denken, wenn sie es erfahren? Deine Freunde? Denkst du, sie werden zu dir halten? Nein. Sie werden dich verstoßen, sobald es herauskommt. Dein Leben ist vorbei, Cedric. Warum ersparst du nicht allen die Demütigung und beendest es, bevor andere dir die Entscheidung abnehmen?“ Jegliche Wut, die ihm bis eben noch die Energie gegeben hatte, sich gegen die Schreckensgestalt vor ihm zur Wehr zu setzen, erlosch, wie eine Kerze, die man auspustet. Er sackte zusammen. „Hör auf… Das ist nicht wahr. Lass mich in Ruhe!“ Den letzten Satz wiederholte er, wie ein Mantra.

Mittlerweile stand sie so dicht vor ihm, dass der Fäulnisgestank, der von ihr ausging, seine Lungen füllte. Die Kälte war aus ihrem Blick gewichen und sie streckte die Hand nach ihm aus. „Komm mit mir, Cedric! Lass einfach los! Wir können wieder zusammen sein; und niemand wird uns je wieder trennen. Hier gibt es nichts mehr für dich außer Kummer und Schmerz.“ Verzweifelt blickte der einstige Schönling der New Yorker High Society auf das Wesen, das einmal seine Verlobte gewesen war. „Komm mit mir, Cedric!“ Ihr sanftes Flüstern legte sich wie eine warme Decke um seinen geschundenen Geist. Der süße Gestank der Verwesung wirkte auf einmal einladend, und er ertappte sich dabei, wie er seine Hand in die ihre legen wollte. Einfach loslassen…

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„Ich muss sagen, ich bin enttäuscht.“ Erschrocken zog der Angesprochene die Hand zurück, die er gerade erhoben hatte. Ein Mann saß ihm gegenüber in dem cognacfarbenen Benoni-Sofa, das ihm der sündhaft teure Innendesigner aufgeschwatzt hatte. Und was für ein Mann. Schwarze, zurückgekämmte Locken umrahmten ein Gesicht, das eines Filmstars würdig gewesen wäre. Eiskalte, blaue Augen fuhren abschätzig über seine heruntergekommene Erscheinung, bevor sie sich in die seinen bohrten. Unwillkürlich fühlte er sich nackt. Geräuschvoll zog er die Nase hoch. „W-Wer…“ Der Fremde ließ ihn nicht weiter zu Wort kommen. Wobei er ohnehin keinen vollständigen Satz zustande gebracht hätte. „Gerade einmal eine Woche ist vergangen; und sieh dich nur an! Natürlich hatte ich schon zu Beginn dieses kleinen Experimentes keine allzu großen Erwartungen, aber das hier ist wirklich erbärmlich.“ Langsam fand Cedric seine Fassung wieder. Mit einem Ärmel wischte er sich Tränen und Rotz aus dem Gesicht und räusperte sich. Seine Kehle war wund vom vielen Weinen. „Wer sind Sie? Was machen Sie in meinem Haus?“ Der Fremde verzog die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln, das Cedric tausende Schauer über den Rücken jagte. „Mein Name ist Victor. Und ich bin hier für das Abendprogramm.“ Der Alkohol vernebelte seinen Verstand und die Ereignisse der letzten Woche hatten nicht gerade zu seiner geistigen Gesundheit beigetragen. Im Augenblick war er selbst zu verwirrt, um Angst zu haben. „Abendprogramm?“ Der Fremde, Victor, seufzte tief. „Ich fürchte, so wird das nichts.“

Plötzlich spürte Cedric Übelkeit in sich aufsteigen, mit der sich gleichzeitig sein Mageninhalt einen Weg nach oben bahnte. Speichel sammelte sich in seinem Mund, während er aufsprang und in das angrenzende Bad hechtete. Gerade noch rechtzeitig erreichte er die rettende Schüssel. Alles, was er an diesem Tag zu sich genommen hatte, kam wieder zum Vorschein. Hauptsächlich Bourbon. Schweiß troff ihm aus allen Poren, während sein Magen gar nicht mehr aufhören wollte, sich zu verkrampfen, um ja nichts übrigzulassen. Nach einigen endlos erscheinenden Minuten war alles vorbei. Erschöpft lehnte er sich gegen die kühlen Fliesen, die eine Wohltat für seine brennenden Wangen darstellten. Nachdem er sich den Mund abgewischt und das Ergebnis seiner Anstrengungen der Kanalisation übergeben hatte, stemmte er sich langsam wieder hoch. Halt suchend lehnte er sich gegen den Türrahmen. Seine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding und Victors eisiger Blick lastete schwer auf ihm. „Besser?“ Erst jetzt bemerkte Cedric, dass der Alkoholnebel aus seinem Verstand verschwunden und dieser wieder vollkommen klar war. 

Noch immer verwirrt blickte er wieder zu seinem Gegenüber. Seine Stimme kratzte unangenehm in seinem Hals. „Was wollen Sie? Wie kommen Sie überhaupt hier rein?“ Das Strandhaus der Malfoys lag ein wenig abgelegen in einer kleinen Bucht und war mit dem besten Schutz versehen, den man für Geld kaufen konnte. Alle Fenster bestanden aus Gorilla-Glas und waren zudem mit der hauseigenen Alarmanlage verbunden, deren 12-stelliger Code nur wenigen Leuten bekannt war. In den Wänden steckten jeweils 2cm dicke Stahlplatten, und die beiden existierenden Ausgänge, einer zur Straße und einer auf die Terrasse, die zum Strand führte, wurden von massiven Eichenholztüren mit Sicherheitsschlössern bewacht. Alles in allem ein ziemlich harter Brocken, selbst für den erfahrensten Einbrecher. Und dennoch saß gerade ein fremder Mann, dessen Präsenz allein fast schon Grund genug wäre, sich in dem Panikraum unter der Treppe einzuschließen, in seinem Wohnzimmer. Und er schien nicht gerade bester Laune zu sein „Natürlich durch die Tür. Und was ich möchte...“ er machte eine Pause. Cedrics Herz, das in seiner Brust schlug wie ein Dampfhammer, war das einzige, das die Stille durchbrach. Angst war in ihm hochgekrochen und krallte sich nun mit kalten Tentakeln in seine Eingeweide. Ihm war, als blähten sich die Nasenflügel seines Gegenüber leicht, aber sicher war er sich nicht.

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„...ist ein Drink.“ Mit diesen Worten erhob sich Victor, strich sein perfekt geschnittenes Jackett glatt und ging geradewegs auf ein großes, in Orange- und Schwarztönen gehaltenes Gemälde zu. Kurz ließ er seinen Blick darüber schweifen, sein eigentliches Interesse galt jedoch der elegant geschwungenen, tropfenförmigen Flasche, die zusammen mit zwei Kristallgläsern auf einem kleinen Marmortisch unter dem Gemälde zur Schau gestellt wurde. Während er Cedric den Rücken zukehrte, schlich dieser, einem Geistesblitz folgend, zu dem Monstrum von einem Schreibtisch, der nicht weit von der Badezimmertür entfernt stand. So leise wie möglich öffnete er die oberste Schublade. Seine zitternden Finger umschlossen kaltes Metall. 

Als Victor sich gerade zwei Fingerbreit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit eingeschenkt hatte, richtete Cedric die Pistole auf ihn. „Hände hoch! Und stellen Sie gefälligst das Glas zurück, das ist ein…“ Das nun gefüllte Glas in seiner Hand schwenkend drehte Victor sich um. Sein eisiger Blick ließ den jungen Mann mitten im Satz verstummen. „Ein Mortlach Single Malt Whisky, 1939 abgefüllt und der vermutlich älteste Whisky dieser Welt. Jede der hundert existierenden Flasche ist zwischen 20.000 und 30.000 Dollar wert und definitiv zu schade, um sie einfach nur herumstehen zu haben und vor anderen damit anzugeben.“ Er nippte seelenruhig an dem Getränk und schritt wieder auf die Sitzgelegenheiten zu. „Möchtest du dich nicht setzen?“ Victor wies auf die freie Couch ihm gegenüber. Noch völlig überrumpelt von der ausbleibenden Reaktion auf seinen Vorstoß kam Cedric der Aufforderung folgsam nach.

Mit unergründlichem Blick betrachtete Victor die Pistole, die unsicher in Cedrics zitternden Händen lag. Dann begann er unvermittelt zu sprechen: „Glaubst du, dass Waffen ein Bewusstsein besitzen?“

„Was?“ Er hatte geantwortet, ohne nachzudenken, fand sich dann aber recht schlau in dem Versuch herauszufinden, welche Antwort dieser Victor wohl hören wollen würde. 

„Zum Beispiel deine Glock 17 hier. Ist sie, oder vielleicht eher eine ihrer vielen Schwestern, sich bewusst, was mit ihr vollbracht wird? Wessen Leben mit ihr beendet wird? Könnte sie vielleicht sogar eine Abneigung gegenüber demjenigen entwickeln, der sie abfeuert? Rachegedanken?“ Es war schon immer eine eher fragwürdige Stärke gewesen, dass Cedric reden konnte, ohne nachzudenken. Selbst in einer Situation wie dieser. 

„Das ist ein totes Stück Metall. Ein Werkzeug, es fühlt überhaupt nichts!“ Der Fremde legte den Kopf schief und zog eine Augenbraue nach oben.

„Bist du dir sicher? Immerhin verdankst du einem solchen Werkzeug meinen Besuch.“ Für einen Moment vergaß Cedric seine Angst. Dieser Mann brach in sein Haus ein, trank seinen Whisky, und jetzt das! Es war einfach zu bizarr.

„Wovon zum Teufel reden Sie eigentlich?“ Ein einziger Blick genügte, um zu sehen, dass Victor seinen Ausbruch ganz und gar nicht schätzte. Er seufzte kurz und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Glas.

„Nichts, was du verstehen würdest. Ich sehe schon, philosophische Debatten gehen über deinen Horizont. Ich denke, wir sollten zum Höhepunkt des Abends kommen, findest du nicht?“

Unsicher sah Cedric sein Gegenüber an, wobei er es vermied, ihm in die Augen zu schauen. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn, dass ihm dieser Höhepunkt nicht wirklich gefallen würde. „Und… was ist das für ein Höhepunkt?“  

„Dein Tod.“

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Ein nervöses Lachen entfuhr Cedric, welches ihm aber schnell im Hals stecken blieb, als er Victors eindringlichen Blick begegnete. „Sie… machen Witze.“ Das Gesicht seines Gastes blieb vollkommen emotionslos. „Ich scherze nie, wenn es ums Geschäft geht.“ Cedrics Kehle war wie zugeschnürt. Sein Hemd nassgeschwitzt. Seine Gedanken rasten. „Ums Geschäft? Das heißt… jemand hat Sie angeheuert, mich zu… töten?“ Abschätzig verzog Victor das Gesicht. „So könnte man es ausdrücken. Wobei es der Sache nicht ganz gerecht wird. Geschenk wäre wohl das passendere Wort.“ Der, zugegeben ziemlich plumpe Plan, Victor einfach mehr Geld zu bieten als der Auftraggeber, löste sich bei diesen Worten in Luft auf. „Ein… Geschenk.“ Seine Stimme war nur ein raues Flüstern. Unwillkürlich rauschte eine Liste von Personen durch seinen Kopf, denen er irgendwann einmal auch nur einen schiefen Blick zugeworfen hatte. Es war eine lange Liste. Aber wirklich zutrauen konnte er es keinem. Bis auf... „Du kannst fast schon stolz auf dich sein. Es gelingt nicht vielen, derart an seinen Grundsätzen zu rühren.“ Die eiskalten Augen des Eindringlings hatten einen amüsierten Glanz angenommen. Dieser Mann war ein astreiner Psychopath!

Als hätte sein Gegenüber seine Gedanken gelesen, legte es den Kopf schief und sah ihn neugierig an. Fast wie ein Kind, das eine Ameise betrachtet. Bevor es die Lupe holt. „Du denkst immer noch, ich sei ein Mensch. Faszinierend. Und dabei dachte ich, dass deine Verlobte bereits ein passender Hinweis gewesen wäre.“ - „Meine Verlobte? Die Halluzinationen… das waren Sie?“ Die Unschuldsmiene, die Victor nun aufsetzte, wirkte in etwa so überzeugend wie ein Wolf bei dem Versuch, als Schaf durchzugehen. „Oh, hatte ich das nicht erwähnt? Ich finde, sie ist mir erstaunlich gut gelungen, wobei dein Unterbewusstsein natürlich die Hauptarbeit geleistet hat. Ein schönes Detail übrigens, diese Maden. Ein Kindheitstrauma?“

Das Bild von fetten, weißen Körpern, die sich in Scharen über seinen geliebten Bosko hermachten, drängte sich in sein Bewusstsein. In seiner kindlichen Naivität hatte er geglaubt, er könne ihn einfach aufwecken, nachdem ein Auto ihn zum Schlafen gebracht hatte. Also war er nachts zu Boskos Grab gegangen, eine Gartenschaufel in seiner kleinen Hand. Er hatte die gesamte Nacht bei ihm verbracht und versucht, ihn aufzuwecken. Sogar seine Lieblingsleckeri hatte er mitgebracht. Sein Vater war natürlich überhaupt nicht begeistert gewesen, als man ihm am nächsten Morgen gefunden hatte, seine Designerklamotten ruiniert von Erde und… anderem. Manchmal stieg ihm noch immer der süßliche Gestank in die Nase, den er wochenlang nicht losgeworden war. 

Ein Laut riss ihn aus seiner Erinnerung. Victor hatte die Mundwinkel zu einem Schmunzeln verzogen und beobachtete ihn amüsiert. „Du hast tatsächlich die Nacht mit deinem toten Hund verbracht. Wie… rührend.“ Er stellte das leere Glas ab und beugte sich vor. „Wollen wir anfangen?“

„Anfangen?“ Die Frage, was dann die letzte Viertelstunde gewesen sein sollte, schoss durchs Cedrics Kopf. Beim Anblick des Funkelns in Victors Augen wünschte er sich allerdings, seinen Mund gehalten zu haben. 

„Ein nettes Geplänkel. Die Vorspeise, wenn du so willst. Jetzt folgt das Hauptgericht.“ Das Schmunzeln wurde breiter, bis es mehr Ähnlichkeit mit einem Zähnefletschen hatte.

Endlich fiel die Lethargie von Cedric ab. Adrenalin jagte durch seine Adern und er sprang auf, sämtliche Muskeln angespannt, bereit für Kampf oder Flucht. Vorzugsweise Flucht. Er versuchte zur Eingangstür zu gelangen, stolperte über eine Ecke der Couch und versuchte krampfhaft sein Gleichgewicht zu halten, wofür er wild mit den Armen fuchtelte. Ein lauter Knall zerriss die Luft.

Geschockt starrte Cedric auf die Pistole in seiner Hand, von der noch immer leichter Rauch aufstieg. Dann zu dem klaffenden Loch in Victors Brust. Kaltes Grauen erfasste ihn, als er sah, wie Victor seelenruhig den Schmauch von seinem Jackett klopfte. Mit einem leisen Seufzen wandte er sich Cedric zu. Jegliche Emotion war aus seinem Blick verschwunden und die Kälte, die nun von ihm ausging, reichte, um Cedrics Herz kurz aussetzen zu lassen. Er zuckte zusammen, als Victors anfing zu sprechen, wobei sich jedes seiner erstaunlich ruhigen Worte wie eine Klinge in seinen Körper bohrte.

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„Ihr Menschen könnt euch einfach nicht beherrschen. Sobald es um eure erbärmlichen Leben geht, bittet und bettelt ihr. Beginnt plötzlich euren Kampfgeist zu entdecken. Und macht doch alles nur schlimmer.“ Er begann seinen Gastgeber langsam zu umkreisen, wie ein Raubtier seine in die Enge getriebene Beute. Cedric wagte nicht, sich zu bewegen. Kalter Angstschweiß lief seinen Körper hinab. Seine Hände zitterten, sodass ihm die Waffe aus den Händen glitt.

„Weißt du, ich hatte wirklich vor, dich glimpflich davonkommen zu lassen. Nur, weil du einen Auftragsmörder auf deine Verlobte gehetzt hast, macht dich das noch lange nicht interessant genug, um mehr von meiner Aufmerksamkeit zu verdienen als unbedingt nötig. Aber ein Geschenk lässt sich schlecht ablehnen, vor allem, wenn man ein Interesse an dem Schenkenden hat. Dennoch hätte ich es vermutlich bei etwas Einfachem belassen. Ein wenig psychische Folter. Aufgeschnittene Pulsadern. Kopfschuss. Vielleicht auch Erhängen, nichts allzu Drastisches. Aber du musstest ja mit deiner Pistole herumfuchteln und meinen Anzug ruinieren. Von dem Reparaturaufwand ganz zu schweigen.“

„I-Ich…“ Victor überging den kläglichen Versuch eines Einwands und sprach weiter: „Daher wirst du nun in den Genuss kommen, Kaninchen für ein weiteres kleines Experiment sein zu dürfen. Ich wollte es ohnehin einmal ausprobieren, also ist durch dein Unvermögen kein großer Verlust entstanden.“

Noch ehe Cedric wirklich realisieren konnte, was gerade vor sich ging, sackte er in sich zusammen wie ein Sack Kartoffeln. Etwas Warmes breitete sich zwischen seinen Beinen aus, als er die Kontrolle über seine Blase und sämtliche anderen Körperfunktionen verlor. Reglos lag er da, einen Arm unbequem unter seinem Körper eingeklemmt. Er spürte, wie Victor langsam um ihn herum schritt. Unfähig, seine Augen zu bewegen, blieb sein Blick starr an die Decke gerichtet. Ein Stimmchen in seinem Hinterkopf flüsterte, dass noch etwas anderes ganz und gar nicht stimmte, aber er kam einfach nicht darauf, was es war. Als die kalte Stimme direkt neben seinem Ohr ertönte, wäre er zusammengezuckt, wenn sein Körper ihm gehorcht hätte. „Ich möchte, dass du genau zuhörst.“ Cedric wartete, aber Victor sprach nicht weiter. Alles war ruhig. Nicht einmal das Rauschen des Meeres drang durch die Wände. 

Endlich fiel ihm auf, was nicht stimmte. Es war nicht nur ruhig. Es war still. Totenstill. Geräusche, die er nie wirklich wahrgenommen und die ihn dennoch sein gesamtes Leben lang begleitet hatten, waren verschwunden. Das Rauschen des Blutes in seinen Adern. Das leise Kratzen, wenn sich die Luft einen Weg in seine Lungen suchte. Fort. „Technisch gesehen bist du tot. Dein Herz, deine Lungen, dein Magen. Jegliche Aktivität in deinem Körper wurde eingestellt. Einzig dein Gehirn funktioniert noch. Und deine Nerven natürlich. Worin bestünde der Sinn einer Folter, wenn der Proband keine Schmerzen mehr spürt?“ Ein stärker werdendes Brennen in Cedrics Augen bestätigten Victors Worte. Er versuchte zu blinzeln, brachte aber nicht einmal ein Zucken zustande. Er schrie, tobte, schlug wild um sich, aber sein Körper blieb still. Wie eine Fliege unter einem Glas war er ein Gefangener seines eigenen Körpers. Im Geiste schlug er wieder und wieder mit den Fäusten gegen diese unsichtbare Wand, angetrieben von der Kraft der Verzweiflung. Bald bildete die Hoffnungslosigkeit dornige Ranken aus, die sich immer fester um ihn wickelten. Ihn lähmten, wie sein Körper gelähmt war.

Als er endlich völlig erschöpft innehielt, tauchte ein Paar gletscherblauer Augen in seinem Sichtfeld auf. Ihr Blick bohrte sich in ihn hinein. Und mit ihm etwas anderes. Es fühlte sich an, als würde jemand gewaltsam in sein Hirn eindringen. Darin herumwühlen und mal diese, mal jene Erinnerung hervorziehen, um sie dann achtlos wieder zurückwerfen. Ihm kam es vor wie eine Ewigkeit, bis dieses tastende Ding in seinem Kopf endlich verschwand und ihn zurückließ. Verletzt. Besudelt. Am liebsten hätte er sich zu einem schützenden Ball zusammengerollt, um sich zumindest der Illusion von Sicherheit hinzugeben. Aber das blieb ihm verwehrt. Die völlige körperliche und geistige Schutzlosigkeit brachte ihn beinahe um den Verstand. Und so dauerte es eine ganze Weile, bis er bemerkte, dass Victor verschwunden war. Er war allein.

Es war die Putzfrau, die ihn letztendlich fand. Vier Tage waren vergangen. Vier Tage, in denen er immer wieder versucht hatte, aus seinem Gefängnis zu entkommen. Vier Tage voller Wahn, Verzweiflung und dem schleichend voranschreitenden Verfall seines Körpers. Victor hatte nicht gelogen. Er war tot. Wenn er noch irgendwelche Zweifel gehabt hatte, so waren sie mit dem Geruch verschwunden. Diesem schweren, süßlichen Geruch. Wie bei Bosko.

Nicht lange, nach dem ihr erschrockener Schrei ihn aus seinem Dämmerzustand riss, in den er sich geflüchtet hatte, wimmelte es in dem großzügigen Wohnzimmer nur so vor Beamten und Labormenschen in weißen Kitteln. Aus ihren Gesprächen erfuhr er, dass Victor anscheinend aufgeräumt hatte. Es fiel kein Wort über eine Waffe oder auch nur den Verdacht auf einen unnatürlichen Tod. Der einzige Grund, warum sie dennoch alles gründlich überprüften, war, dass sein Vater den Bürgermeister in seiner Kurzwahlliste hatte.

Erst, als ihn zwei Weißkittel in einen Leichensack gestopft und unsanft auf eine Bahre gehoben hatten, tauchte ein Wort in Cedrics Verstand auf, das in ihm einen unbeschreiblichen Horror hervorrief. Obduktion. Sie würden ihn aufschneiden. Ihm seine Rippen aufbrechen und jedes Organ einzeln herausnehmen. Er betete zu jeder Entität, die er kannte, oder auch nur vermutete, dass sie existieren könnte. Betete, dass sie ihn nicht zerfleischen würden. Oder er zumindest nichts davon mitbekam. Er betete um den Tod. 

Es war ein grausamer Wink des Schicksals, der sein Flehen erhören sollte. Gerade, als die beiden Fledderer, der Pathologe und ein Assistent, den ersten, höllischen Schnitt gesetzt hatten, klingelte das Telefon. Sichtlich genervt von der Unterbrechung verschwand einer der beiden im anliegenden Büro und diskutierte dort ein paar Minuten mit dem Anrufer. Als er schließlich wiederkam, ein lautes „Abbrechen!“ auf den Lippen, überflutete Cedric die Erleichterung. Bis er hörte, was der Grund für diese Umdisponierung war. Und er hätte seine Existenz darauf verwettet, dass Victor dabei die Fäden in der Hand hielt.
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Sein Vater hatte sämtliche Beziehungen, und ein wenig Geld, spielen lassen, um seinen Sohn so schnell wie möglich die standesgemäße Malfoy-Bestattung zuteilwerden zu lassen: Einäscherung. Nackt wie er war wurde er in eine Kiste gepackt. Das Krematorium befand sich nur ein paar Stockwerte unter der Leichenhalle und sie erreichten ihr Ziel schneller, als ihm lieb war. Er spürte, wie er in die Brennkammer geschoben wurde. Es roch nach Ruß und verbranntem Fleisch. Kurz meinte er, von irgendwoher ein spöttisches Lachen zu vernehmen. Dann wurde es plötzlich warm.

Gerade, als die Flammen sich in sein Fleisch gruben, entfuhr ein heiserer Schrei seiner Kehle. Völlig überrumpelt verlor er wertvolle Sekunden damit, die rauchgeschwängerte Luft in seine faulenden Lungen zu saugen, bis er es schaffte, sich aufzurichten. Das Feuer fraß sich bereits gierig durch seinen Körper. Panisch rollte er sich hin und her, aber die Flammen ließen sich nicht löschen. Als er endlich die Tür erreichte, war das Letzte, das er sah, das erschrockene Gesicht eines verpickelten Teenagers. Dann wurde alles schwarz.

by RookieNightmare

mehr von Victor erfahrt ihr hier: Victor & Winter - die Chroniken

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