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Liebfrauenkirche Trier 1280

Als der Bischof die Kirche betritt, eilt der Messner ihm bereits entgegen.

„Gelobt sei Jesus Christus, mein lieber Müller! Ist alles vorbereitet?“

- „In Ewigkeit. Amen. - Ja, Exzellenz, Sie können sofort beginnen. Sie werden bereits erwartet.“ -

„So früh? Da scheint es ja jemand eilig zu haben mit der Vergebung.“

- „Den Eindruck habe ich auch. Der Herr hat sogar schon Platz genommen. Und er legt viel Wert darauf, dass Sie ihm die Beichte abnehmen, Herr Bischof.“ -

 „Tja, Müller, man kann es so oft predigen, wie man will, aber einige glauben dennoch, dass ein Bischof oder gar ein Kardinal einen schnelleren Draht zum Herrn hat als ein einfacher Priester. Jemand aus unserer Gemeinde?“

- „Zumindest niemand, den ich kenne. Der Kleidung und dem Rucksack nach zu urteilen, scheint es ein Pilger oder ein Wanderer zu sein.“ -

Der Bischof schmunzelt ein wenig.

„Na, dann wollen wir mal horchen, was unser Pilger auf dem Herzen hat. Bis später dann, Müller!“

- „Exzellenz.“ -

Während der Messner sich mit einer leichten Verbeugung verabschiedet und zur Sakristei eilt, öffnet der Bischof den altmodischen, wie ein prunkvoller Schrank erscheinenden Beichtstuhl. Er nimmt Platz, schließt die Tür und den Vorhang vor dem Glasfenster, räuspert sich kurz und begrüßt den Mann hinter dem Gitter.

„Gelobt sei Jesus Christus!“

- „In Ewigkeit. Amen.“ -

„Was führt Dich zu mir, mein Sohn?“

- „Ich möchte meine Sünden bekennen, Vater, denn ich habe schwere Schuld auf mich geladen.“ -

„Es ist weder an Dir noch an mir, die Schwere Deiner Schuld zu messen. Dies fällt einzig unserem Herrn anheim.“

- „Aber ich habe fragwürdige Dinge getan.“ -

„Aber auch den wichtigsten Schritt zur Vergebung; Du hast hierher gefunden. So sprich! Erleichtere Dein Gewissen; und Du wirst sehen, dass es Deiner Seele gut tut! Beginne!“ -

- „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ -

„Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit!“

- „Amen.“ -

„Sag mir, wie lange ist Deine letzte Beichte her?“

- „Ich kann mich nicht erinnern, Vater. Es kommt mir so vor, als hätte ich noch nie gebeichtet.“ -

„Nun, dann wird es das Beste sein, Du beginnst mit jenen Sünden, die Dich am meisten bedrücken.“

- „Es fällt mir schwer, mit Euch darüber zu sprechen.“ -

„Es ist der barmherzige und allverzeihende Gott, mit dem Du sprichst. Ich bin gewissermaßen nur das Telefon zwischen Dir und dem Herrn. Also fasse Mut!“

- „Ich... nun... ich habe einen Verbrecher geschützt. Ich habe ihm geholfen, der Strafverfolgung zu entgehen.“ -

„Dies kann ein Akt der Sünde ebenso gewesen sein wie ein Akt der Gnade oder der Furcht. Was genau hast Du getan?“

Beichtstuhl Liebfrauenkirche Trier 1280

- „Ich arbeite bei einem großen Konzern. Eines Tages habe ich erfahren, dass einer meiner Untergebenen Kinder missbraucht hat. Aber anstatt ihn der Polizei zu melden, habe ich ihn auf eine andere Dienststelle versetzt, denn der Ruf meiner Firma war für mich wichtiger als der Schutz der Kinder. Ich habe diesem Mann so die Gelegenheit gegeben, sein schändliches Treiben fortzusetzen.“ -

„Und hat er es fortgesetzt?“

- „Ja, Vater, das hat er. 23 Kinder hatte er missbraucht, als ich davon erfuhr. Durch mein Handeln konnte er sich noch an 17 weiteren vergehen.“ -

Kurz ist der Bischof irritiert. Und er fühlt, wie sich ein leichter Kopfschmerz in seinem Schädel ausbreitet. Er räuspert sich.

„Fahre fort!“

- „Ich habe den Namen des Herrn missbraucht. Ich habe Kinder misshandelt und gequält und dies mit der Heiligen Schrift gerechtfertigt.“ -

„Inwiefern?“

- „Ich habe Kinder, die mir anvertraut waren, wegen nichtiger Anlässe geschlagen und mich dabei auf die Sprüche Salomos berufen: ‚Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten’.“ -

Die Kopfschmerzen des Bischofs werden stärker. Dazu gesellt sich ein zunehmendes Schwindelgefühl. Kurz überlegt er, ob er die Beichte abbrechen und später fortsetzen soll. Aber das Sündenregister dieses Mannes scheint keinen Aufschub zu dulden.

„Ich fühle, dass das nicht alles sein kann, was Deine Seele belastet.“

- „Ich habe Menschen aus Habgier getötet.“ -

„Was meinst Du mit ‚getötet’? Hast Du diese Menschen tatsächlich umgebracht?“

- „Ja. Auf verschiedenste Weise. Ich habe sie ermordet, weil man mir Geld dafür gegeben hat. Sogar einen Mann Gottes. Ich habe ihn...“ -

Der Bischof ist in sich zusammengesunken. Als Winter hört, wie der Kopf des Geistlichen leicht an der Trennwand der Kabinen anstößt, überprüft er die beiden Messuhren. Die CO2-Sättigung in seiner Kabine nähert sich der kritischen Marke. Rasch zieht er die mitgebrachte Sauerstoffmaske über Nase und Mund. Die Luft in der Kabine des Bischofs enthält bereits einen tödlichen Anteil des geruchlosen Gases. Winter wartet noch einige Minuten, bis er sicher ist, dass sein Opfer tot ist. Dann schließt er das Ventil der Gasflasche in seinem Rucksack und entfernt den Schlauch, mit dem er das Kohlendioxid in die Nachbarkabine geleitet hat. Ein kurzer Blick nach draußen zeigt ihm, dass das Kirchenschiff weiterhin leer ist. Nachdem er alle Utensilien im Rucksack verstaut hat, tritt er aus dem Beichtstuhl. Er öffnet die Kabine des Bischofs und überzeugt sich eilig von dessen Tod. Sehr gut. Nur eine Kleinigkeit bleibt noch zu tun, bevor er das Gotteshaus endgültig verlässt.

***

Die Rechtsmedizinerin blickt kurz auf, als eine ihr vertraue Gestalt den Sektionssaal betritt.

„Ahh, der Herr Inspektor. So fruah scho woch?“

- „Inspektor gibt’s kaan.“ -

„Scho kloa’, Herr Major.“

Nach ihrem kurzen Begrüßungsritual werden die beiden Kriminalbeamten wieder ernst.

- „Und? Wie schaut’s aus? Habn Sie scho was für mich?“ -

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„Noch net viel, Major Buchrieser. Etwas Arthrose in den Knien aufgrund von Übergewicht sowie eine leichte Fettleber, verursacht durch das Übergewicht und regelmäßigen Alkoholkonsum.“

- „Das sehen Sie, bevor sie ihn aufgeschnitten haben?“ -

„Nein, das entnehme ich der Patientenakte seines Hausarztes. Aber ansonsten: Keine Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung. Keine Traumata, keine Blutergüsse oder andere Läsionen. Für sein Alter ist der Bischof in einem bemerkenswert guten körperlichen Zustand.“

 -„Für seinen guten körperlichen Zustand ist der Bischof bemerkenswert tot. Was können Sie mir zur Todesursache erzählen? Hat jemand nachgeholfen? Oder hat er nur einen Weg gefunden, sich endgültig der Strafverfolgung zu entziehen?“ -

„Sie mögen die katholische Kirche nicht sonderlich, was, Major?“

- „Die katholische Kirche ist mir, ehrlich gesagt, wurscht, aber ich mag keine Kinderschänder. Und solche, die sie schützen, mag ich auch nicht. Wenn ‚Seine Eminenz’ hier rechtzeitig mit den Strafverfolgungsbehörden kooperiert hätte, anstatt diesen Schweinepriester einfach nur zu versetzen, hätten wir in seiner Diözese keine 40 Missbrauchsfälle, sondern mindestens 17 weniger. Zurück zur Todesursache.“ -

„Nun, die toxikologischen Untersuchungen stehen zwar noch aus, aber aufgrund der bläulichen Verfärbungen an Fingern und Schleimhäuten würde ich sagen, der Bischof starb an einer CO2-Intoxikation. Es heißt übrigens ‚Seine Exzellenz’; ‚Eminenz’ ist Kardinälen vorbehalten.“

- „Jaja, scho' recht. Kohlendioxidvergiftung also!? Das heißt, es war Mord?“ -

„Sofern die Beichtstühle in Sankt Maria von den Engeln nicht mit Kohleöfen beheizt werden, ist davon auszugehen, ja.“

- „Was ist mit der Rötung auf der Stirn?“ -

„Die ist allerdings interessant. Eine leichte Verbrennung. Warten Sie, ich wechsele mal das Licht; dann sieht man es besser. Hier, nehmen Sie die Lupe!“

- „Was zum... Sind das Buchstaben?“ -

„Allerdings. Eine lateinische Inschrift. Wahrscheinlich mit einer Art Brandeisen aufgebracht. Post mortem.“

- „Merkwürdig. Warum hat der Täter nicht eine Hand genommen? Wäre einfacher gewesen.“ -

„Vielleicht wollte er sicher sein, dass man die Wunde nicht unter Handschuhen oder Blumen versteckt.“

- „Inwiefern?“ -

„Sie sind kein Katholik, stimmt’s, Herr Major?“

 -„Ohh, merkt man das? Nun? Jemand wollte den Bischof also brandmarken. Wieso?“ -

„Das ist alles hochsymbolisch, müssen Sie wissen. Der Täter hat sich offensichtlich genau mit der Materie auseinandergesetzt.“

- „Zumindest besser als der Major Buchrieser, wollen Sie sagen.“ -

„Wie man’s nimmt. Bischöfe werden traditionell aufgebahrt. Dem Täter muss klar gewesen sein, dass der Bestatter die Inschrift überschminken wird. Ich denke, er wollte, dass zumindest die Stelle, an der sie sich befindet, weiterhin sichtbar bleibt. Als eine Art Kainsmal. Was sagen Ihnen die Worte ‚Ego te absolvo’?“

- „Nichts. Steht das da?“ -

„Nicht ganz. Die Worte werden heutzutage zumeist in Deutsch ausgesprochen, aber es handelt sich um die Loslösungsformel, die der Priester am Ende der Beichte spricht, als Zeichen für die Vergebung der gebeichteten Sünden. Es bedeutet ‚Ich spreche dich frei’.

- „Und was hat der Bischof auf der Stirn stehen?“ -

‚Nemo te absolvit.’ Sie wissen, was das heißt?“

- „Nein. Aber lassen Sie mich raten: ‚Niemand spricht dich frei.’ Richtig?“-

„Sehr gut, Herr Major. Ich denke, es ist als Urteil gemeint. Und als Warnung an andere.

‚Niemand spricht dich frei’.“

by Horrorcocktail

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