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ADA


Ada erwachte in trüben Zwielicht. Was eigenartig war, denn sonst stellten die Ärzte immer sicher, dass alles hell und heiter war. Doktor Hastel sagte immer, ein glückliches Kind wäre ein gesundes Kind. Ada war auch gesund. Ada war nur etwas... anders. Besonders. Sie setze sich rasch auf und sah sich nach Herr Piggels um. Ihr Stoffschwein lag am Bettende und sah sie aus seinen kleinen Knopfaugen an. An ihm war ein Umhängegurt befestigt, damit Ada ihn immer mit sich tragen konnte. Denn in Herr Piggels Bauch, hinterm Reißverschluss, lagerte Doktor Hastel die wichtigen Bonbons, die Ada essen musste.

Nachdem sie sich Piggels umgehängt und einen wichtigen Bonbon gegessen hatte, verließ sie das Zimmer, um Doktor Hastel zu suchen. Die Dunkelheit machte ihr Angst. Draußen auf dem Gang, vor ihrem Zimmer, war jedoch alles leer. Die sterilen weißen Gänge, die sonst so hell strahlten, waren nun eigenartig...kalt. Ada mochte es nicht. Herrn Piggels fest umschlungen, einen Daumen im Mund, ging sie in die Richtung, die sie immer mit Doktor Hastel ging, wenn er mit ihr spielen wollte. Sie spielten meist Denkspiele. Manchmal musste Ada Muster aus Klötzchen legen, manchmal musste sie Bilder in eine Reihenfolge bringen, damit sie eine Geschichte erzählten.

Sie überlegte, nach dem Doktor zu rufen, oder nach Schwester Meredith, aber etwas riet ihr, es nicht zu tun. Etwas riet ihr, sehr, sehr still zu sein. Sie erreichte die Treppen und stieg rasch hinauf in den zweiten Stock. Das Gefühl, in Gefahr zu sein, wurde mit jeder Stufe stärker. Aber die wichtigen Bonbons machten Ada immer etwas ruhiger und fröhliche,r und so fand das Mädchen die Kraft, den Weg bis ganz nach oben zu gehen.

Der zweite Stock hatte weniger einzelne Zimmer und mehr offene Fläche. An den Wänden hingen Bilder von den Kindern, die im Institut unterkamen. Ada sah eines ihrer eigenen Bilder: Ein Bild von einem Campingausflug mit ihrer Familie. Sie waren zu ihrem Geburtstag aufgetaucht und hatten sie für ein Wochenende mitgenommen. Sie hatten im Wald Verstecken gespielt, sie hatten geangelt und Stockbrot über einem Feuer geröstet. Und in der Nacht hatte ein Waschbär alle Kekse geklaut. Ada hatte ihn gesehen und streicheln wollen, aber er hatte sie angefaucht und war weggerannt.

Ada ging nach links, wo der Raum lag, in dem der Doktor immer mit ihr spielte. Die Tür war normalerweise zu, aber jetzt war sie offen. Als Ada nur noch wenige Schritte entfernt war, hörte sie ein Geräusch hinter sich. Es klang wie eine Mischung aus Knurren und Lachen. Erschrocken fuhr sie herum, in der Befürchtung, ein Monster zu sehen.

Aber der Gang war noch immer leer. Irgendwie machte das Ada noch mehr Angst als ein Monster. Ihre Hände lösten sich von Lippen und Piggels und begannen, nervös in der Luft zu flattern. Ada wedelte mit den Armen, wenn sie aufgeregt war. Der Doktor hatte dafür noch ein schweres Wort, aber Ada konnte es sich nie merken. Sie zog die Tür hinter sich zu und sah sich um. Der Doktor war nicht hier, aber es sah aus, als hätte hier erst vor kurzem jemand gespielt. Es lagen noch Bauklötze am Boden, eine Reihe von zufälligen Gegenständen und Karten lagen auf dem Tisch. Ada kletterte auf einen der sehr bequemen Ledersessel, die am Tisch standen, und sah sich die Sachen genauer an: Unter den Objekten waren ein Zinnsoldat, ein kleiner Vogel aus Plastik, ein Teelicht, ein Lego-Männchen und vieles andere. Ada kannte dieses Spiel: Sie musste sich drei Sachen aussuchen und dann überlegen, wie die drei zusammen gehören konnten. Manchmal nahm sie einfache Sachen, wie ein Schiffchen aus Papier, einen Fisch und eine Muschel, aber oft machte es auch Spaß, sich blind drei Dinge zu suchen und dann ein wenig zu grübeln. Fast alles hing irgendwie zusammen, hatte Ada herausgefunden. Der Doktor schrieb sich dann immer alles auf, was sie sagte. Vermutlich. Ada hatte Probleme beim Lesen.

Das Kind, das hier gespielt hatte, hatte den Vogel, die Kerze und ein Streichholz ausgesucht, das sah Ada, weil sie abseits der anderen Sachen lagen. Sie erinnerte sich, dass es hier zwei Mädchen, Zwillinge gab, die immer mit vielen Streichhölzern spielten.

Die Karten hatte Ada jedoch noch nie gesehen. Jede Karte zeigte ein Wort, aber die meisten Buchstaben kannte sie nicht. Nur vier Wörter erkannte sie: "Baum", Tod", "Bein" und "Stein". Sie konnte jedoch nicht erkennen, wie man mit diesen Karten spielte.

Plötzlich horchte sie auf. Etwas hatte an der Tür geklopft. Und es klopfte wieder. Es hatte einen seltsamen Rhythmus.

Tocktock Tock Tocktock Tock Tock Tocktock Tock Tocktock Tock Tock...

Einer Eingebung nach sah sich Ada nach einem Versteck um. Es gab nur einige wenige Regale; keines davon war groß genug, damit Ada hätte hineinklettern können. Aber die Sessel waren leicht erhöht, also...

Die Tür ging auf, als sich Ada fallen ließ. Schnell kletterte sich rückwärts unter den Sitz und machte sich so klein wie möglich, bemüht, nicht laut zu atmen. Was ihr auch gesagt hatte, sich zu verstecken, es riet ihr nun, die Augen zu verschließen. Ada gehorchte. Doch sie wagte es nicht, ihre Ohren zu bedecken. Das Bewegen ihrer Arme stellte sie sich als ungewöhnlich geräuschvoll vor. Erst hörte sie nichts als ein leises, unregelmäßiges Atmen. Dann kam ein weiteres Geräusch hinzu, eine Art Husten und Schnüffeln, wie eine Kreuzung aus Bluthund und Asthmatiker. Das Geräusch bewegte sich umher, obwohl Ada es nicht genau lokalisieren konnte, wanderte offenbar im Raum auf und ab. Manchmal klickte und trommelte es leise. Ada musste sich zusammenreißen, nicht mit den Armen zu wedeln. Die wichtigen Bonbons halfen ihr dabei. Sie begann zu schwitzen.

Und dann hörte sie eine Stimme. Was auch immer im Raum war, es hatte zu flüstern begonnen: "Benny hat eine Katze gegessen. Laura malte rote Bilder. Hershel brach ein Mäusebein. André hört Leute reden, die es nicht gibt. Alois beißt sich selbst, bis er blutet..." Wieder dieses Lachen, dieses knurrende Lachen, heiser und bösartig. Es pochte einige Male, dann verstummten all die Geräusche. Ada wartete. Eine Sekunde. Zwei. Drei. Plötzlich gellte ein langer, irrer Schrei durch den Raum, und alles im kleinen Mädchenkörper verspannte sich und zuckte. Eine Träne lief aus ihrem Auge.

Dann war wieder Stille. Das Gefühl, in unmittelbarer Gefahr zu sein, verschwand. Dennoch wartete Ada noch eine halbe Stunde, bis sie aus ihrem Versteck kam. Sie aß einen wichtigen Bonbon und fasste den Entschluss, das Institut zu verlassen.

Sie ging zurück zu den Treppen. Dort jedoch, machte sie eine seltsame Entdeckung: Tische und Stühle waren so auf die Treppe geräumt, dass sie eine Art Mauer bildeten und die Treppe so nutzlos machten. Auf die Tischplatten hatte jemand geschrieben, doch obwohl Ada noch nicht richtig lesen konnte, sah sie, dass es keine richtigen Buchstaben waren. Irgendwie machte ihr auch dies Sorgen. Sie drehte um und ging zu den Fahrstühlen.

Es schien endlos zu dauern, bis sich der Fahrstuhl öffnete. Ada stieg, aufgeregt mit den Armen wedelnd, hinein. Als sie die Türen zu schließen begannen, kehrte plötzlich das Gefühl einer unmittelbaren Bedrohung zurück. Hinter sich hörte sie schnelle Schritte, als wenn jemand rennen würde, um den Fahrstuhl noch zu erwischen. Ada drehte sich abermals um, doch die Türen waren geschlossen, und was auch immer soeben gerannt war, es hatte es nicht rechtzeitig geschafft. Ada wich dennoch an die hintere Wand zurück. Was, wenn es unten auf sie wartete? Wenn sich die Türen öffneten und dahinter etwas stand und sie angrinste?

Als der Fahrstuhl stehen blieb, schloss Ada für einen Moment die Augen, für den Fall, dass sie etwas erschrecken würde. Aber nichts geschah.

Ada trat ins Erdgeschoss. Im Institut, in dem man sie früher untergebracht hatte, hatte es vor dem Ausgang eine Gittertür gegeben, damit niemand wegrannte. Die Kinder in diesem Institut waren seltsam gewesen, irgendwie unheimlich. Ada hatten sie nur ein paar Wochen behalten. Dann war sie in dieses neue Institut gekommen, weil die Ärzte herausgefunden hatten, dass Ada nicht gefährlich war. Das war beeindruckend, wenn man davon absah, dass Ada es jedem einzelnen von ihnen mindestens zwölf Mal am Tag mitgeteilt hatte. Dieses Institut hatte jedenfalls keine Gittertür, nur eine große Halle mit einer Glastür am Ende. Das Glas der Tür war zerbrochen, aber auch hier gab es eine Barriere aus Stühlen. Ada sah sich nach einem anderen Ausgang um, doch keines der Fenster, die an sonnigeren Tagen das ganze Foyer mit warmen Licht fluteten, ließ sich öffnen. Als das Mädchen das Foyer zur Hälfte abgesucht hatte, hörte sie es:

"Jenny weint nachts. Steffen bricht kleine Hände. Björn isst und isst. Klara hat einen Verband, ganz hoch am Bein..."

Die Schritte kamen irgendwo aus der Richtung der Anmeldung, und sie kamen näher. Nun gab es keine Zeit mehr, zu suchen. Die Barriere an der Tür ging nicht bis ganz nach oben, mit etwas Glück konnte sie hinüberklettern! Eilig rannte sie los.

"Sebastian rüttelt an Türen. Rebecca ist im Spiegel fett..."

Ada griff ein Stuhlbein, um sich hochzuziehen, doch es war zu kurz. Sie stieg auf ein anderes und griff nach einem höher liegenden Schemel. Zuerst rutschten ihre Finger ab, doch dann verlor sie kurz den Halt und griff aus Reflex erneut zu. Diesmal erwischte sie einen Schemel und stemmte sich hoch, wobei sie ihre Beine gegen die Barriere presste.

"Ludwig ist besser, er ist stärker. Margaret und Marie sind Schwestern, aber sie küssen. Annabelle springt und läuft und ist niemals still..."


Und dann, als Ada fast oben war, erreichten die Schritte das Foyer. Und wieder gellte der Schrei. Ada wurde schwindelig, fast fiel sie. In ihren Ohren, über den Lärm hinweg, schrie die Stimme: "DaIstAdaDaIstAdaDaIstAdaDaIstAdaDaIstAdaDaIstAdaDaIstAdaDaIstAda..." Die Schritte wurden schneller. Es gab eine Reihe schneller Schnapplaute. Ada raffte sich ein letztes Mal auf und warf sich über die Barriere.

Eine der Glasscherben, die am Türrahmen hingen, schnitt ihr in die Schulter und durch den Gurt von Herrn Piggels. Das Schwein fiel von ihr ab. Als sie auf den Boden fiel, verklemmte sich auch noch etwas in ihrem Bein. Ada kroch eilig weiter, die Augen voller Angsttränen. Hinter ihr schlug etwas gegen die Barriere.

Als Ada über den Hof des Instituts zur Straße kroch, rief ihr die Stimme nach: "IchHoleAdaIchHoleAdaEinesNachtsHoleIchAda!!!!" Adas kleines Herz schlug wild, ihr Blut floss schnell und ihre Wunde am Rücken schmerzte. Als sie die Straße erreichte, ließ ihr kleiner Körper sie im Stich und sie fiel in Ohnmacht.

- PSYCHIATRISCHE ANSTALT VERLASSEN AUFGEFUNDEN EINZIGE ZEUGIN STEHT UNTER SCHOCK, KANN KEINE ANTWORTEN LIEFERN

Am vergangenen Sonnabend erreichte die Polizei ein Anruf, ein kleines Mädchen sei ohnmächtig auf der Straße gefunden worden, im Rücken eine Schnittwunde. Sie befand sich in unmittelbarer Nähe der Psychiatrischen Klinik Bleikfeld. Diese wurde bei Durchsuchung durch Einsatzkräfte leer aufgefunden, in einigen Räumen gab es Zeichen von Kämpfen. Von Personal und Patienten fehlt jede Spur, mehrere Akten wurden offenbar mutwillig zerstört. Bei der Durchsuchung wurde mehrmals Ausrüstung der Polizei beschädigt, die Ermittler vermuten, dass sich noch verdächtige Individuen im Gebäude verborgen hallten.

Das junge Mädchen, Ada C., wurde in ein Krankenhaus transferiert und wird dort behandelt. Während die phyisischen Schäden unbedenklich sind, erlitt das Mädchen, ohnehin mit einer Mehrzahl von Persönlichkeitsstörungen belastet, ein schweres Trauma und stand bisher zu keiner Befragung zur Verfügung.

Mehr darüber, und weshalb Videospiele an all dem Schuld sind, auf Seite 9.

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