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Noch bevor er die Augen öffnete, spürte er die kratzigen Fesseln an seinen Hand und Fußgelenken. Die Luft um ihn herum roch hauchzart nach Lavendel, etwas abgestanden, nach alten Büchern. Sobald seine blauen Augen die Umgebung um ihn herum wahrnehmen konnten, sah er rotes, mit Samt überzogenes Mobiliar, ein eleganter Glastisch, auf dem zwei Marionetten lagen, die er nicht richtig erkennen konnte, sowie stand an einer Wand ein gigantisches Bücherregal. Zuletzt fing hellgrüner Stoff seinen Blick auf. Rüschen. Es waren viele Rüschen, die ein Ballkleid ergaben, welches eine junge Frau mit hellbraunen, zu einem Dutt gebundenen Haaren, trug. Auf ihren schmalen Schultern lag ein silberner, flauschiger Schal, ihre erdbeerroten Lippen waren zu einem Lächeln geformt. Es war ein starres Lächeln. Das Lächeln einer Puppe. Ihre dunkelbraunen Augen starrten ins Leere, sie stand einfach steif und bewegungslos da. Das Gefühl der Furcht machte sich so langsam in dem Mann breit. Er realisierte erst jetzt, dass er wirklich gefesselt war, doch weiterhin blickte er auf die unglaubliche Schönheit, die neben dem Bücherregal stand. Es vergingen einige Sekunden, bis die Frau sich zu regen begann. Sie drehte langsam ihren Kopf in seine Richtung, öffnete den Mund. »Du siehst ihm ähnlich.« Mit zwei eleganten Schritten ging sie zum Glastisch und nahm sich eine Marionette. Sie stellte einen Mann mit ordentlich frisierten, schwarzen Haaren, sowie blauen Augen dar.

Fast so, als sei die Puppe ihm nachempfunden. 

Die Frau nahm auch die zweite Marionette, welche dasselbe grüne Kleid wie sie und hellbraune, offene Haare trug. »Ich erzähle dir unsere Geschichte, denn nämlich, machte er mein Leben zunichte.« Plötzlich bewegte sie sich schnell, die Puppen tanzten auf dem Glastisch. »Einst ein Mädchen, so jung und rein, 

Lernte ihn kennen, einen Jungen sehr fein. 

Er zeigte ihr Abenteuer, doch zeitgleich Manieren,

So konnte er auch vor allen and'ren brillieren...« Während sie ihre Geschichte erzählte, bewegten sich die Puppen weiter. Der Mann schien zu tanzen, die Frau sah erst zu. Dann tanzte sie mit ihm. Die leblosen Holzmarionetten strahlten Freude und Wärme aus. Nie in seinem Leben hatte er solch ein simples und doch gleichzeitig so emotionales Puppenspiel gesehen. »Im Geiste sowie im wahren Leben

Vermochte er ihr ein Heim zu geben. 

Mit Liebe, mit Freundschaft und viel Geduld 

Wurd' er sich ihres Herzens huld'. 

So wurden die Kinder gemeinsam groß

Bis sich ihr Herz an das seine schloss.« 

Wieder machte sie eine Wortpause und ließ die immer lebendiger erscheinenden Gestalten sich umarmen. Eine innige Umarmung stellte sie dar, einen Kuss von ihm auf ihre Stirn, sie ließ die beiden so verharren. Dann kniete sich die männliche Puppe vor die weibliche. Als sie fortfuhr, wurde ihre Stimme etwas lauter und energischer. »Jahre vergingen, alles war im Lot, 

Bis er kam, der Tag, als er ihr den Ring anbot. 

Sie liebte ihn, sie sagte ja,

Es war kein Fehler, 's war wunderbar. 

Er liebte sie, küsste die Hand,

Bis er dann doch vor dem Altar verschwand.« Die Frau war ruhig, doch ihre Augen ließen vage den Schmerz erraten, den sie spüren musste. 

»Nein, ich war ihm nicht bös', ich suchte ihn,

Bis dass mir Dämonen mehr Kraft verlieh'n. 

Sie gaben mir Puppen wie ihn und mich, 

Manche mein' 's sei lächerlich. 

Aber sie woll'n meine Seele, wollen mich,

Doch ohne ihn bin ich vollständig nicht. 

So suche ich ihn, bis ich ihn finde

Sei sein Haar inzwischen weißer als Birkenrinde. 

Meine Liebe für ihn ersterbe nicht, 

Bis gefallen ist, das letzte Gefecht. 

Meine Puppen jedoch sind nicht leicht zu versorgen,

So muss ich ihnen auch Nahrung besorgen. 

Nahrung sind Männer wie meine Liebe,

Nur für jene haben sie Triebe!

Schreie nicht, wenn der Schmerz dich trifft, 

Hören werden die Menschen dich nicht! 

Doch so hoffe ich hat dir mein Leben gefallen,

Viel Spaß meinen Puppen, wenn sie dich befallen!« Nach dieser äußerst langen Passage erkannte der Mann, weswegen er sich hier befand. Er erkannte, warum er gefesselt war. Die Frau kam ihm kurz näher, küsste ihn zärtlich auf die Wange. »Du siehst aus wie er, 

bist du sein Sohn oder mehr? 

Doch das glaube ich nicht, ich trage den Ring... 

So hoffe ich, wird meine Suche geling'n...« Sie wurde leise und ging zur Seite und in sein Blickfeld traten die beiden Puppen. Die im Kleid kroch auf ihn zu, als hätte sie keine Beine, der Mann, welcher einen Anzug trug, lief. Sie gingen zu ihm, während er mit seinem Leben abgeschlossen hatte und stumm zu weinen begann. Erst, als sich die hölzernen Zähne in sein Fleisch bohrten, begann er zu schreien. Er schrie lange, bis er letztendlich aus dem Leben schied. 


Blut war keines geflossen. Sonst wäre das Mobiliar ja komplett verdreckt worden. Der wahre Puppenspieler wusste dies zu verhindern. Es ließ von der Frau ab, die seit Jahrhunderten auf den Namen Agatha hörte. Sie fiel in sich zusammen wie die wunderschöne Puppe, die sie war. Natürlich lebte ihr Verlobter, im Gegensatz zu ihr, nicht mehr. Immerhin waren sie nicht mehr im neunzehnten, sondern im einundzwanzigsten Jahrhundert. Die Marionetten nagten noch an den letzten Überresten des Mannes. Ein Blick auf die Frau auf dem Boden brachte den Dämon zur Besinnung. 

Sie ist die wahre Marionette. 

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