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„Hilfe! Nein!!! Ich will das nicht!“

Ihre Schreie hallten durch das ganze Haus. Drangen durch in sein Arbeitszimmer, in dem er soeben, auf dem Schreibtisch lehnend, eingenickt war.

Nun schreckte er hoch, verwundert und erschrocken über den plötzlichen Lärm. Er sprang auf, fuhr sich verschlafen durch die Haare und ging mit schnellen Schritten in Richtung ihres Zimmers. Die Tür zu seinem Zimmer knallte er zu und schon war er in dem langen Gang, an dessen Ende ihr Zimmer lag.

Kaum hatte er die Tür geöffnet, fiel sie ihm schon um den Hals und fing an zu weinen. „Sch…“, murmelte er beruhigend, während er ihr über den Kopf strich.

Sie hatte niedliche blonde Löckchen und trug oft ein schwarzes Haarband. Nun aber lagen ihre Haare wild zerzaust an ihrem Kopf. Er sah sie an. „Hast du wieder schlecht geträumt, mein Engel?“

Sie nickte, wischte sich jedoch tapfer ihre Tränen weg. Er hob sie hoch und setzte sie auf ihr Himmelbett, bevor er sich zu ihr gesellte und sie musterte.

Gedankenversunken strich er die hellblaue Decke glatt, bevor er sie, wie jeden Abend fragte. „Wieder DER Traum?“

Sie schniefte, schwieg aber und rührte sich nicht. Er seufzte kaum merklich.

„Willst du mir davon erzählen?“ Wieder Nicken. Noch schwieg sie, doch gleich würden die Worte wie ein Wasserfall aus ihr heraussprudeln, denn sie wusste mittlerweile, das hatte er ihr beigebracht, dass Reden half. Aufmunternd lächelte er sie an. Dann fing sie langsam zu erzählen an.

„Da ist ein Mann…ein Mann mit orangenen Haaren.“ „Orange?“, unterbrach er sie, „wirklich orange?“

Sie sah vom Boden auf, den sie die soeben angestarrt hatte. Ein Blick ins Leere, sie überlegte. „Nein. Rot wie das Feuer“, korrigierte sie, bevor sie weitersprach.

Er nickte, ja, das konnte er sich schon besser vorstellen.

„Er trägt einen Hut. Einen schwarzen, mit einem rosa Hutband. Und an seinem Hut sind ganz spitze Hutnadeln!“, fuhr sie aufgeregt fort.

Dann brach sie plötzlich wieder in Weinen aus. Er versuchte sie zu beruhigen, doch jeder Versuch misslang.

Sie wollte keine heiße Milch mit Honig, die sie sonst so gerne trank. Er sollte nicht singen, was sie sonst so gerne hörte.

Früher hatte ihre Mutter, seine geliebte Frau, ihr immer vorgesungen. Er erinnerte sich gerne an die ersten Zeilen, denn dann hörte er ihre Stimme in seinem Ohr. Dann verdrängte er das Gefühl von häufiger Ratlosigkeit und Sorge, um seine Tochter.

Meine kleine Alice ist lieb und brav,

sanft sing´ ich sie jeden Abend in den Schlaf.

Schlaf fein, Kindelein.

Ruhe süß, im Paradies.

Ihr Aufschluchzen riss ihn aus der Nostalgie, in der er sich verfing, wenn er an seine tote Frau dachte.

Zudem war er sehr beunruhigt von den Worten seiner Tochter. Er strich ihr über den Kopf, nachdenklich. Einen Versuch konnte er wagen. Leise setzte er zur Melodie an.

„Meine kleine Alice ist lieb und brav,

sanft sing´ ich sie jeden Abend in den Schlaf.“

Doch ihre Finger hatten sich schon bei den ersten Worten in seinen Arm gebohrt. Sie fing heftig an zu zittern.

„Was ist, mein Engel?“, fragte er erschrocken. „Das singt er immer! Immer wenn er hier ist!“ „Er!?“ „Der Hutmacher!“

Er rieb sich über die Stirn. Das wurde ihm alles zu viel. Seine kleine Alice hatte bestimmt nur sehr lebhafte Träume, versuchte er sich schön zu reden.

„Schlaf jetzt“, sagte er ernst, damit sie wusste, dass sie seinen Anweisungen jetzt besser Folge zu leisten hatte.

Sie fing jetzt erst recht an zu weinen, doch er ließ sich nicht erbarmen. Ließ sie sich hinlegen und deckte sie zu. Knipste das Licht aus, welches sie wahrscheinlich schon vor seinem Eintritt ins Zimmer angemacht hatte. Dann schloss er die Tür hinter sich und durchschritt den langen Gang. Hinter sich hörte er noch ihr leises Schluchzen, welches er aber so gut wie möglich ignorierte und somit auch die Gedanken, die er damit verband.

Es war nicht derselbe Traum, wie jede Nacht zuvor. Das machte ihm schon Bedenken. Doch, noch größer war die Angst und die Frage, woher sie von den Hutnadeln wusste.

Nein, Schluss damit! Es war ein unangenehmer Zufall. Sie konnte gar nicht davon wissen.

Er öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer und lief schnurstracks zum Schreibtisch. Er riss die unterste Schublade auf, nur um sicher zu gehen. Alles noch da. Sowohl das kleine Gemälde seiner Frau, als auch die kleine, feine, aber auch mörderisch spitze Hutnadel, um die sich herum eine dünne Blutkruste gebildet hatte.

Ihr Blut. An der Hutnadel des Mannes, der seiner Frau das Leben genommen hatte. Den er hasste.

Er atmete aus.

Alice hatte noch nie sein Arbeitszimmer betreten. Ein liebes Mädchen, dachte er.

Dieser Traum entsprach also nur ihren fantasievollen Träumen. Den fantasievollen Träumen, von denen auch seine Frau ihm erzählt hatte. Kurz bevor sie starb…

Alice! Dachte er erschrocken, doch dann beruhigte er sich. Zufall, Unsinn. Die Beschreibung seiner Tochter war nicht wirklich ausführlich gewesen. Keine Details, die ihm seine Frau erzählt hatte. Nur das Gesicht hatte Alice beschrieben und rothaarige mit Hüten, gab es oft genug. Und die meisten von ihnen waren Verrückte. Gut möglich, dass Alice so einem schon mal begegnet war.

Vorsichtig schloss er die Schublade. Beruhigt setzte er sich in den Sessel vor dem Kamin und verfiel dem Schlaf. Einem tiefen Schlaf.


Und so wurde er nicht von ihrem Schrei geweckt.

Nicht von ihrem lauten Röcheln.

Nicht von der eingehenden Melodie.

Und nicht von der Hutnadel, die klirrend zu Boden fiel.


Ruhe süß, im Paradies.


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--shimaiXimoto 22:06, 19. Jun. 2015 (UTC) ~Imoto

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