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Alice-im-Wunderland-Syndrom


“Guten Morgen, Frau Lineback, oder darf ich Alice sagen?”- “Morgen, Dr. Ledo, ja, Sie können ruhig Alice sagen.” - “Nun gut, Alice. Wir haben heute den ganzen Tag Zeit für unsere Sitzung. Ich habe mir gedacht, dass Sie mir Ihre Lebensgeschichte erzählen und ich sie aufnehme. Für die Aufnahme bräuchte ich kurz ein Einverständnis von Ihnen.” - “Ok. Ich stimme der Aufzeichnung zu.” - “Dann bitte, Alice, erzählen Sie mir Ihre Geschichte.”

“Meine früheste Erinnerung habe ich von meinem vierten Lebensjahr. Damals erfand ich mir meine eigene Fantasiewelt, liebevoll nannte ich Sie das Wunderland. Meine Eltern fanden es gut, dass ich so kreativ war, allerdings mochten sie es nicht, wenn ich im Wunderland war. Sie sagten mir, dass meine veränderte Wahrnehmung ein Anzeichen für ein epileptischen Anfall sei. Dennoch mochte ich das Wunderland. Es war immer aufregend, und es gab immer Neues zu entdecken. Diese vielen Farben und Melodien verzauberten mich jedesmal. Mein Kinderarzt sah das allerdings wie meine Eltern. Er verschrieb mir Medikamente gegen Epilepsie. Sie schienen auch zu wirken. Damals musste ich 3 Monate ohne einen Besuch im Wunderland auskommen. Es war frustrierend, und so entschied ich, die Medikamente nicht mehr zu nehmen. Bereits nach einer Woche war ich wieder im Wunderland. Meine Eltern waren besorgt und fragten die Ärzte, ob sie mir nicht helfen können. Sie meinten, dass ich die Medikamente nehmen soll, damit ich keine weiteren Anfälle hätte. Es verging wieder einige Zeit ohne das Wunderland.

Mit 6 Jahren war ich seit langem wieder im Wunderland und sah das erste Mal fremdartige Wesen darin. Sie ähnelten den Harpyien aus den Geschichten, die mir vorgelesen wurden. Wie immer musste ich leider zurück in die Realität.

In der Grundschule wurden natürlich meine Lehrer informiert, dass ich Epilepsie habe. Ich fand schnell viele Freunde in der Schule, und einige mochten sogar die Geschichten über mein Wunderland. Ich erklärte ihnen, dass ich allerdings nicht dorthin darf, weil es gefährlich wäre. Erst später verstand ich, dass das Wunderland ein Vorbote eines epileptischen Anfalls war. Trotzdem wollte ich immer ins Wunderland. In der 2. Klasse hatte ich einen der schlimmsten Anfälle. Mein Klassenzimmer schien auf einmal der Olymp selbst zu sein. Die Klassenlehrerin wurde zur Göttin Athena, und meine Mitschüler verwandelten sich in Fabelwesen. Einige wurden zu Riesen, andere zu Zyklopen und wieder andere zu Zentauren. Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war, dass ich im Krankenhaus aufwachte. Damals entbrannte meine Leidenschaft für Mythologie. Das, was ich im Wunderland sah, war einfach zu schön. Die Ärzte sahen allerdings besorgt aus. Angeblich wäre dieser Anfall lebensbedrohlich gewesen. Sie gaben mir neue Medikamente. Sie sagten mir, dass ich mich bei Nebenwirkungen sofort bei jemandem melden soll. Wieder war ich vom Wunderland getrennt. Die Nebenwirkungen spürte ich erst nach 2 Wochen. Mir wurde hin und wieder schwindelig und ich verlor das Gleichgewicht. Nach mehreren solcher Gleichgewichtsstörungen bekam ich ein neues Medikament. Es war nicht so stark, würde aber die Gefahr eines epileptischen Anfalls verringern.

In der 3. Klasse hatte ich wieder einen Anfall. Das war meine große Rückkehr ins Wunderland. Ich hatte extra die Medikamente versteckt und darauf gewartet, dass ich zurück kann. Es war wunderschön, diesmal wurde das Klassenzimmer zu den heiligen Hallen Walhallas. Mein Mathelehrer wurde zu Odin, dem Göttervater. Meine beste Freundin Klaudia wurde zur Freya, Heerführerin der Walküren. Der Rest meiner Klassenkameraden wurden zu Walküren und mächtigen Einherjar. Ich erwachte im Lehrerzimmer. Meine Mutter stand neben mir und unterhielt sich mit dem Mathelehrer. Ihre Worte nahm ich nur verschwommen war, selbst als sie sich zu mir drehte und offensichtlich mit mir sprach. Nach kurzer Zeit passte sich mein Gehör an und ich verstand, was sie sagte. Meine Mutter hatte mitbekommen, dass ich meine Medikamente versteckt hatte, anstatt sie zu nehmen. Sie wollte auch wissen, warum ich es tat. So erzählte ich ihr und meinem Mathelehrer vom Wunderland. Sie sahen mich an, als wäre ich verrückt geworden. Meine Mutter suchte mir sogar einen Psychologen, der mir das Wunderland austreiben sollte. Niemand fragte mich, ob ich das überhaupt wollte. Der Psychologe erklärte mir, ich hätte das Alice-im-Wunderland-Syndrom. Bei diesem Syndrom würde mein Körper den epileptischen Anfall durch eine Fantasiewelt ausblenden. Er versuchte mir in der Therapie zu erklären, dass das Wunderland nicht echt ist.

In der Schule wurde es schwerer für mich. Die Epilepsie verstanden meine Mitschüler, aber das ich zu einem Psychologen ging, war Anlass, mich als Spinnerin abzustempeln. Klaudia hielt die ganze Zeit zu mir. Meine Noten wurden schlechter, ich war nur noch in Geschichte und Kunst gut. Die Versetzung in die 6. Klasse schaffte ich nur mit Müh und Not. Das Wunderland fehlte mir. Ohne es fehlte mir einfach ein Ruhepol. In der ganzen Zeit hatte ich keinen Anfall, nahm ja schließlich die Medizin.

Erst Ende der 6. Klasse hatte ich einen Anfall. Es war unglaublich, als meine Umgebung zu einer Wüste wurde und der Sonnengott Ra mir zur Hilfe kam. Es tat gut, mal wieder im Wunderland zu sein. Mein Eltern fragten mich, ob ich in meiner Fantasiewelt war. Ich log sie an und verneinte. Der Psychologe meinte daraufhin, ich sei geheilt.

Ich machte mein Grundschulabschluss mehr schlecht als recht, schaffte es aber trotzdem an eine Realschule. Von meinen Freunden war nur Klaudia auf derselben Schule wie ich. Auf der Realschule lief es einigermaßen. Die ganze 7. Klasse über hatte ich keinen Anfall. Meine Noten wurden wieder schlecht. Meine Eltern schimpfen immer, wenn ich mit einer 5 oder 6 nach Haus kam. Ich fühlte mich elend. In der 8. Klasse kam ich mit Hans zusammen. Er war an der Schule eher als der “Drogendealer” bekannt. Meine Eltern mochten ihn, wahrscheinlich weil Sie nicht wussten, was er eigentlich tat. Wenn wir bei Hans waren, hatte er immer etwas Gras für mich. Die Welt war viel leichter, wenn man sich zudröhnte. Gegen Mitte des Schuljahres kam Hans mit einer neuen und besseren Droge zu mir. Er meinte, ich müsse sie probieren, es wäre der Hammer. Er selbst hätte die Droge schon 2 Tage getestet. Ich zog das weiße Pulver durch die Nase, und es war der Hammer. Die Welt begann zu verschwimmen und sich neu zusammenzusetzen. Ich war überglücklich. Es bildete sich das Wunderland. Klaudia wurde zur Nox, der Göttin der Finsternis, und Hans wurde zu Bacchus, dem Gott des Weines. Sein Alkohol war echt, und wir genossen ihn in Massen. Es war wundervoll, wieder im Wunderland zu sein. Diesmal konnte ich sogar selber agieren. Es war das erste Mal, dass ich im Wunderland eine Party hatte. Wir schliefen alle 3 bei Hans. Es ist unglaublich, wie entspannt man durch Drogen werden kann. Es gab natürlich am nächsten Tag Ärger, weil ich nicht Bescheid gesagt hatte, dass ich auswärts schlafe. Wir machten jedes Wochenende solch Drogenpartys. Hans und ich wurden auch intimer, wenn Klaudia nicht da war. Das Wunderland verwandelte Hans in die besten Dinge. Es war unglaublich, eine Nacht mit Herkules oder Baldur zu haben.

In der 9. Klasse hatte ich das erste Mal ein Problem mit dem Wunderland. Wir waren wieder einmal bei Hans zuhause. Es gab jede Menge Drogen. Wir wollte in den Park entspannen gehen. Ich möchte anmerken, dass wir zu diesem Zeitpunkt breit wie ein Spiegelei waren. Ich war wieder im Wunderland, und dort betrachtete ich mich zum ersten Mal im Spiegel. Meine Gestalt glich der von Hel, der nordischen Göttin des Totenreichs. Klaudia sah wieder umwerfend als Freya aus, und Hans war strahlend schön, gleich dem Baldur. Auf dem Weg zum Park war meine gesamte Realität verschwommen. Ich hatte Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, während Zwerge, Riesen und Walküren an mir vorbeigingen. Kurz vor dem Park sah ich nur noch Odin, auf seinem Ross Sleipnir, auf mich zurasen. Er erwischte mich. Im Krankenhaus sagten mir die Ärzte, dass ein Auto mich gerammt hätte. Da fand ich meine Vorstellung besser. Hans brachte etwas von dem weißen Pulver mit ins Krankenhaus. Ich zog es mir sofort rein. Es war der schlimmste Besuch im Wunderland. Hans fing an sich in ein Monster ähnlich dem Sänger von Lordi zu verwandeln. Die Türen in meinem Krankenhauszimmer schienen das Tartaros zu werden. Ich sah aus dem Fenster. Dort stand er. Der leibhaftige Thanatos, mitten in der Luft schwebend. Mein Gesicht verlor jede Farbe, mein Herz fing an zu rasen, und ich verlor die Kontrolle über meine Blase. Thanatos strich mit seiner Hand über das Sensenblatt. Anschließend nickte er mir zu und zeigte mit seiner knöchernen Hand auf mich."



“Alice, beruhigen Sie sich. Ihre Vergangenheit kann Ihnen nichts anhaben”, sagte Dr. Ledo und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Er wartete, bis Alice aufhörte zu zittern, bevor er sprach: “Bitte fahren Sie mit der Geschichte fort, Alice.”



"Ich verlor das Bewusstsein. Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war ein unangenehmer Stromschlag, der mich durchfuhr. Sofort schnellte ich nach oben und sah die Notärzte. Ich schwor mir, nie wieder diese Drogen zu nehmen. Daran zerbrach meine Beziehung mit Hans. Klaudia hielt noch zu mir. Sie war eine echte Freundin, der ich selbst von diesem Horrortrip erzählt habe. Sie hörte auch auf, Drogen zu nehmen, um mich zu unterstützen.

Ich machte meinen 10. Klasse-Abschluss, mit Ach und Krach. Klaudia hingegen war eine der Besten.

Trotz meiner schlechten Noten schaffte ich es, einen Job in einem Museum zu bekommen. Klaudia machte eine Ausbildung zur Apothekerin. Weil wir beide nicht viel verdienten, zogen wir zusammen und lebten in einer WG. Ich mied das Wunderland. Der letzte Trip brannte sich zu tief in mein Gedächtnis. Aber immerhin hatte ich etwas im Leben erreicht. Meiner Leidenschaft für Mythologie konnte ich im Museum für nordische Kultur gut ausleben. Mein Chef beschwerte sich öfters, weil meine Führungen zu lange dauerten, aber solange es den Besuchern gefiel, war es in Ordnung. Lediglich das mickrige Gehalt gefiel mir an dem Job nicht. Klaudia war allerdings noch ärmer. In der Ausbildung bekam sie nur ihre Berufsausbildungsbeihilfe. Ich erinnere mich noch gut an ihre Abschlussfeier. Wir fuhren mit dem Bus hin. Ich kannte kaum einen und konnte kaum mitreden, aber Klaudia war in ihrem Element. Sie erzählten sich Geschichten aus der Ausbildung und etwas, das nach Chemie klang. Klaudia trank ein Bier nach dem anderen. Als wir gehen wollten, musste ich sie auf dem Heimweg stützen, damit sie nicht umfiel. So viel hatte sie, glaube ich, noch nie getrunken. In unserer Wohnung wollte ich sie in ihr Bett legen, doch kurz davor umarmte sie mich und gab mir einen sinnlichen Kuss. Irgendetwas regte sich in mir. Klaudia zog mich mit auf ihr Bett. Sie fuhr mit einer Hand unter mein T-Shirt und versuchte, es mir auszuziehen. Ich ließ es zu. Klaudia gab mir erneut einen Kuss und schob eine freie Hand in meine Hose. In mir entbrannte ein tiefes und heißes Verlangen nach Klaudia. Ich wollte sie, und sie wollte mich. Wir gaben uns ganz dem unbeschreiblichen Gefühl der Lust hin. Ich… Wir hatten einer der geilsten Nächte unseres Lebens.

Am nächsten Morgen erwachte ich in Klaudias Bett, allerdings ohne Klaudia. Ich fand sie in der Küche. Mit knallrotem Kopf sah sie mich und fing an zu stottern. Ihre Worte fallen mir selbst nach all der Zeit noch ein. 'Alice… also ich… wir… Also letzte Nacht… ich weiß nicht, was über mich kam… hatte wahrscheinlich zu viel Alkohol… Ich hoffe, du bist nicht... sauer deswegen.' - 'Wieso, war doch eine geile Nacht gestern.' Klaudias Kopf wurde tatsächlich noch röter. 'Also, Alice… ähm... Ich muss dir da was sagen…  also, ähm... weißt du, es ist nämlich so… ähm... ich bin schon seit langem in dich… ver… verliebt. Ich hoffe, du verstehst das.' Ich ging zu ihr hin und gab ihr einen langen und leidenschaftlichen Kuss. Ich sah ihr tief in die Augen und sagte ihr: 'Ich weiß nicht, ob das Liebe ist, was ich für dich empfinde. Es ist das erste Mal, dass ich solche Gefühle habe, aber ich bin mir sicher, daß es Liebe ist.' Klaudia bekam wieder eine normale Gesichtsfarbe, und Tränen liefen ihr aus den Augen. Mit ihr wollte ich immer zusammen sein.

Eine Zeitlang hielten wir unsere Beziehung geheim. Doch nach knapp zwei Monaten erklärten wir es unseren Eltern. Klaudias Eltern nahmen es ziemlich entspannt. Sie fanden es gut, dass sie ihr Glück fand. Bei meinen Eltern lief es anders. Meine Mutter schien sich für mich zu freuen, aber mein Vater war wie eine Bestie. 'DU BIST DOCH NICHT MEHR NORMAL. WAS SOLLEN DENN DIE LEUTE SAGEN? GEH MIR AUS DEN AUGEN, ICH WILL DICH ERST WIEDERSEHEN, WENN DU NORMAL BIST!' Meine Mutter versuchte ihn zu beruhigen, aber leider ohne Erfolg. Seine Worte verletzten mich tief. Mein Vater brach wirklich den Kontakt zu mir ab. Meine Mutter versuchte, den Kontakt zu halten, auch wenn es mein Vater verbot. Er erwischte meine Mutter, wie sie mich anrief. Er schrie sie an und unterband auch den letzten Kontakt zu meinen Eltern. Klaudia tröstete mich in dieser schweren Zeit.

So ca. 2 Wochen nach Bekanntgabe unserer Beziehung hatte ich auf Arbeit einen epileptischen Anfall. Ich kehrte zurück ins Wunderland. Ich war selbst erschrocken, weil ich doch regelmäßig die Medikamente nahm. Es war dennoch eine schöne Rückkehr. Ich sah die große Wüste, mit riesigen Skorpion und zahlreichen Obelisken. Ich möchte meinen, Anubis bei einem der Obelisken gesehen zu haben. Ein Schauer überkam mich, bis ein strahlender Osiris auf mich zukam und mir half, bis mir schwarz vor Augen wurde. Im Krankenhaus sah ich Klaudia neben meinem Bett sitzen. Ihre Tränen hatten ihr Make-up ruiniert. Sie fiel mir um den Hals, als ich erwachte. Sie wollte mir etwas sagen, aber vor lauter Schluchzen hatte ich es nicht verstanden. Ein Arzt erzählte mir, dass ich bei dem Anfall eine Art Herzrhythmusstörung hatte und es lebensgefährlich wäre. Ich fragte ihn, wie es zu einem Anfall trotz der Medizin kam. Der Arzt meinte, dass die Medikamente nur die Wahrscheinlichkeit eines Anfalls verringern, es aber trotzdem die Möglichkeit gibt, einen epileptischen Anfall zu bekommen. Mir wurde nur noch gesagt, dass ich das Krankenhaus verlassen dürfe. Klaudia fuhr mich heim.

Zuhause angekommen, erzählte ich Klaudia von meinem Besuch im Wunderland. Sie sah mich verdutzt an. Sie dachte, dass, seitdem ich keine Drogen nahm, ich das Wunderland vergessen hätte. Wir unterhielten uns den ganzen Abend lang. Klaudia schnitt dabei das Thema an, ob es mir im Wunderland gefiel. Sie kenne da ein paar Mittel, um mich dahin zu bringen. Ich war verblüfft, dass Sie es vorschlug. Sie meinte, das ich allerdings nur unter ihrer Aufsicht ins Wunderland dürfe. Ihre Erklärung dafür war, dass es mir im Wunderland zu gefallen schien, so wie ich davon schwärmte. Wenn es mich glücklich machte, wäre sie auch glücklich. Ich stimmte ihrem Vorschlag zu. Der Vorfall im Krankenhaus kam mir wieder in Gedächtnis, doch mit Klaudia an meiner Seite würde mir das nicht passieren, dachte ich mir. Wir einigten uns darauf, dass wir es am Sonntag tun wollten, weil wir beide sonntags frei haben.

Am Sonntag hielt sie mir eine weiße Pille hin und sagte mir: “Die Pille kann dich ins Wunderland bringen.” Was es war, wollte sie mir allerdings nicht sagen. Nach ca. 30 Minuten wirkte die Pille. Ich war im Wunderland. Klaudia wurde wieder zu Freya. Unsere Wohnung wurde zu einem idyllischen Garten. Ich fühlte mich wie in Eden. Seit Jahren war ich nicht mehr so entspannt wie jetzt. Es war herrlich. Ich entschied, dass ich jeden Sonntag so eine Pille wollte. Klaudia war einverstanden, allerdings sollte ich die Wohnung nicht verlassen. Sie machte sich immer viel zu viele Sorgen um mich. Sie erinnerte mich an den Autounfall. Ich musste allem zustimmen, damit sie mir wieder Pillen gab. Klaudia schien allerdings besorgt zu sein. Ich fragte sie mal nach den Nebenwirkungen der Pillen. Ihr Antwort war, dass die Halluzination die Nebenwirkung ist. Ich war baff. Sie gab mir Pillen, damit die Nebenwirkungen eintreten, aber hey, mir ging es gut und Klaudia auch. Wir setzten das mit den Pillen sehr lange fort. Ich wurde entspannter auf Arbeit und auch die Nächte mit Klaudia waren einzigartiger.

Nach knapp einem Jahr musste Klaudia zu einem Seminar, das sie das ganze Wochenende in Beschlag nahm, so dass ich ohne sie auskommen musste. Die Pillen hatte sie mir hingelegt und mehrfach gesagt, dass ich nichts Dummes anstellen solle. Ihre Fürsorge wurde langsam nervig. Am Freitag kam ich früher nach Hause, um mich von Klaudia zu verabschieden. Es war ein seltsames Gefühl, nach all der Zeit mal allein zu sein. Mir war schon am Freitagabend langweilig und ich entschied, eine Pille zu nehmen. Ich sah das Wunderland. Die kleine Wohnung wurde zum Hippodrom. Ich war allein. Niemand außer mir war da. Ich wollte umhergehen, hatte allerdings Probleme mit dem Gleichgewicht. Klaudia fehlte mir. Ich hätte nicht gedacht, sie so zu vermissen. Selbst das Wunderland war langweilig, wenn man alleine war. Ich entschied mich, schlafen zu gehen. Das Bett zu erreichen erwies sich als schwerer als gedacht, aber ich schaffte es. Zumindest glaube ich, dass es ein Bett war. Ich bin mir nicht sicher, ob ich träumte oder ob es das Wunderland war. Ich hatte echt Probleme in der Nacht, die Realität von Fiktion zu unterscheiden.

Ich erwachte am Samstag. Mir war schwindelig, und ich fühlte mich elend. Selbst ein starker Kaffee machte mich nicht wach. Ich erhielt unerwarteterweise einen Anruf von meiner Mutter. Ich war überglücklich, dass sie anrief. Sie erzählte mir, dass mein Vater länger arbeiten müsse und sie deshalb mit mir reden könne. Wir redeten über Gott und die Welt, bis meine Mutter leise in Telefon flüsterte: 'Ich muss jetzt auflegen, dein Vater kommt gerade.' Ich war etwas geschockt, entschied mich aber, den Kontakt zu meinen Eltern wieder aufzubauen. Kurz nach ihrem Anruf rief Klaudia an. Sie wollte nur mal Hallo sagen und wissen, ob alles gut läuft. Ich sagte ihr nicht, wie sehr sie mir fehlte. Ich sagte ihr nur: 'Mach dir keine Sorgen und genieße doch mal dein Seminar!' Das mit meiner Mutter verschwieg ich fürs Erste. In der Küche wunderte ich mich, dass nur noch vier der sechs Pillen da waren, schließlich hatte ich gestern nur eine genommen. Ich nahm mir trotzdem eine. Unsere Wohnung wurde zu einem Kolosseum, aber ich war immer noch allein. Ich entschied mich rauszugehen und auf eine Bank zu setzen. Im Vorbeigehen blickte ich in den Spiegel. Ich sah aus wie Bellona, die römische Kriegsgöttin. Ich hatte arge Probleme mit meinem Gleichgewicht und der Treppe. Gott sei dank gab es ein Geländer. Ich erreichte die Bank vor unsere Wohnung und beobachtete das Treiben. Riesen, Zyklopen, Harpyien, Streitwagen, Schlachtrösser und einige Gottheiten kamen an mir vorbei.

Das Wunderland ist um Längen besser als der Fernseher, und alles wirkt auch realer. Trotzdem war es öde, allein zu sein. Ich ging wieder hoch in unsere Wohnung, wobei das mit erheblichen Gleichgewichtsproblemen verbunden war. Ich war überrascht, wie schnell die Zeit verging. Ich entschied, schlafen zu gehen. Morgen würde Klaudia wiederkommen.

Ich freute mich beim Aufwachen wie ein kleines Kind. Ich putzte noch ein bisschen in der Wohnung, bevor Klaudia kam. Dabei fiel mir auf, dass nur noch eine Pille da war. Ich kann mich beim Besten willen nicht daran erinnern, wo der Rest hin ist. Klaudia kam zur Tür herein und gab mir einen sinnlichen Kuss zur Begrüßung. Sie blickte dabei auf den Tisch, wo die Pillen lagen. Sie tadelte mich, weil ich so viele Pillen genommen hatte. Es war der erste größere Streit, den wir hatten. Sie maulte mich an: 'Alice, was soll das? Du solltest doch nicht alle Pillen nehmen.' - 'Ist doch egal, du hast doch gesagt, die hätten keine Nebenwirkungen, und ich brauchte einfach das Wunderland', erwiderte ich. Was Sie dann sagte, irritiert mich noch heute. 'Alice, diese Pillen sind nur Tictacs, die ich im Laden gekauft habe. Auf Arbeit habe ich einen Schnitt in die Mitte gemacht und die Dinger neu verpackt. Dein Pille war nur ein Placebo.' Die Welt begann zu verschwimmen, und es baute sich das Wunderland auf. Ich konnte Freya nicht böse sein. Ich nahm sie in den Arm und entschuldigte mich bei ihr. Ich erzählte ihr von dem Anruf meiner Mutter, und dass ich mich entschieden hatte, wieder den Kontakt zu ihnen aufzubauen. Freya wollte mich dabei unterstützen und fand die Idee super. Allerdings erst morgen.

Der Morgen kam. Ich hatte Angst, als wir vor der Tür meiner Eltern standen. Doch da musste ich durch. Wir klingelten, und kurz darauf öffnete meine Mutter die Tür. Sie war sichtlich glücklich, mich und Klaudia zu sehen. Sie bat uns herein. Mein Vater saß vor dem Fernseher, mit einem Bier in der Hand. Er sprach: 'Du hast wirklich Mumm, hierher zu kommen, mit deiner Frau.' Er legte besonders viel Ekel in das Wort Frau. Ich wollte ihm die Stirn bieten und sagte: 'Du hörst mir jetzt mal zu! Es ist mir egal, was du denkst, aber ich lasse nicht zu, dass DU die Familie zerstörst.' Er war baff. Scheinbar hatte er nicht mit Widerworten gerechnet. Etwas verunsichert sprach er: 'Ich zerstöre diese Familie nicht, sondern du mit deiner Frau.' - 'Du irrst dich, aber ganz gewaltig. Akzeptierte doch einfach, dass ich mein Glück gefunden habe. Dazu bist du aber nicht fähig. Niemand lästert über uns. Du bildest dir das ein. Ich...' - 'Du hast mir gar nichts zu sagen, das hier ist mein Haus.' Er schob uns aus dem Wohnzimmer und schlug die Tür zu. Klaudia, Mum und ich gingen in die Küche. Meine Mutter entschuldigte sich mehrfach für das Verhalten von Papa. Zum Abschied versicherte mir Mum, dass sie mich öfter anrufen wolle. In dieser Nacht hatte ich einen schlimmen Alptraum. Ich träumte, ich sei Serket, die ägyptische Göttin des Giftes. Ich zog durch die Wüste und ging in eine Pyramide. Drin traf ich Seth, Gott der Wüste, und Bastet, die Göttin der Katzen. Es zog ein Sandsturm auf, welcher versuchte, mich hinauszuschieben, aber ich hatte ein kleines Messer, das ich nach Seth warf. Aus Seth floss ein Schwall goldenes Blut. Der Sandsturm legte sich. Bastet sah ihn an und schien verwirrt zu sein. Ich rannte zu Seth, zog ihm das Messer aus der Brust und rammte es Bastet in die Brust. Ich zog das Messer raus und vergrub es im Wüstensand. Dieser Alptraum schien so real, konnte aber nicht echt sein. Ich erwachte neben Klaudia, es schien alles in Ordnung zu sein.

Klaudia meinte an diesem Morgen, ich solle mir nicht allzu viele Gedanken wegen meinem Vater machen, irgendwann würde auch er zur Besinnung kommen. Ich entschied mich, nach der Arbeit meine Mutter anzurufen. Die Zeit auf Arbeit schien still zu stehen, aber ging trotzdem vorüber. Ich versuchte meine Mutter mehrfach anzurufen, allerdings ging niemand ran. Ich hatte Angst um meine Mum. Klaudia erzählte ich alles, und sie meinte, ich würde überreagieren. Ich versuchte die ganze Woche, meine Eltern zu erreichen, aber es war nie jemand da. Auch Klaudia kam das alles merkwürdig vor.

Nach einem Monat ohne Kontakt zu meinen Eltern ging ich zur Polizei und erklärte ihnen die Situation. Sie schickten jemand zu meinen Eltern. Am nächsten Tag rief mich die Polizei an. Sie sagten, meine Eltern seien ermordet worden und ich müsse zur Befragung aufs Revier. Klaudia begleitete mich zur Polizei. Sie stellten einige Fragen. Wie war das Verhältnis zu meinen Eltern? Wo waren Sie vor ca. einem Monat? Hegte ich einen Groll gegen meine Eltern? Und weitere solcher Fragen musste ich beantworten. Dachte die Polizei allen Ernstes, dass ICH mein Eltern ermordet hatte? Als die Befragung zu Ende war, durfte ich gehen. Klaudia war neugierig, wie es lief, und löcherte mich mit ihren Fragen. Zuhause entschied ich, Klaudia nach Drogen zu fragen. Etwas Entspannung könnte mir helfen. Klaudia hatte Gott sei dank etwas da. Unsere kleine Wohnung wurde zu einer riesigen Marmorhalle, ähnlich der Halle von Walhalla. Es war atemberaubend und entspannend zugleich. Ich fand Trost in den Armen der wunderschönen Freya.

Nach diesem Abend erzählte ich meinem Chef, was passiert war, und er genehmigte mir zwei Wochen Urlaub. Ich nahm häufig die Drogen, die Klaudia mir gab, um abzuschalten. Gegen Ende der ersten Woche passierte etwas Seltsames. Freya lag neben mir im Bett, aber sie bewegte sich nicht. Ich hatte Panik und rief einen Krankenwagen. Ich hatte Probleme, die Tasten auf dem Telefon zu wählen. Als der Krankenwagen da war, untersuchten Sie Freya. Kurz darauf kam die Polizei und befragte mich erneut. Sie stellten wieder unzählige Fragen. Als sie fertig waren, schickten sie mich zu einem Arzt. Er verschrieb mir diese Kur. Nun ja, und jetzt bin ich hier.”



“Möchten Sie noch was ergänzen, Alice?”

“Ich würde gerne wissen, wie es Klaudia geht.”

“Klaudia geht es gut. Sie rief gestern an und war auch um Sie besorgt. Im Rahmen der Kur sollten Sie, Alice, kein Kontakt zu ihr haben.”

“Ok. Sind wir fertig?”

“Ja, Alice. Sie dürfen auch wieder auf ihr Zimmer gehen. Bis Morgen.”

“Bis Morgen, Dr. Ledo.”



Alice verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich. Dr. Ledo machte eine weitere Aufnahme. “Alice Lineback scheint ihr Zeitgefühl und Teile ihrer Erinnerung verloren zu haben. Alice ist bereits seit drei Wochen in unsere Einrichtung und weist immer noch psychische Probleme auf. Nach dem Mord an ihren Eltern hatte Sie etwas später Klaudia Kremer ermordet. In ihrer Erzählung treten falsche Zeitangaben auf. Es ist keine Besserung in Sicht. Alice Lineback wurde von einem Gericht als geistig unzurechnungsfähig erklärt und in unsere Obhut überwiesen…

Alice, haben Sie etwas vergessen?”

Alice trat in den Raum und ging auf Dr. Ledo zu. “Stirb, du elender Thanatos. Nie wieder sollst du mich quälen.” - “Alice, beruhigen Sie sich! Legen Sie die Schere wieder hin… Alice... nein. Argg” - “Ich habe es geschafft. Ich bin ihn endlich los. Niemand nimmt mir mein Wunderland. Hahahahaha.”

Polizeibericht: Dies sind die einzigen Aufzeichnungen von dem Mordfall an Dr. Ledo. Alice Lineback ist nach dem Mord mit einem hysterischen Lachen den Gang entlanggerannt und am Ende des Ganges durch die Fensterwand gesprungen. Den Augenzeugen nach soll Alice dabei in die Eiche gefallen sein, die wenige Meter hinter der Fensterwand steht. Sie soll danach lachend, mit etlichen Schnittwunden und Prellungen ,in den Wald verschwunden sein. Die Polizei sucht immer noch nach ihr.

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Autor: Eisengroud