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Vorwort:  

Vor ungefähr zwei Wochen wurde das Projekt „AllJe01“ gestartet.

Die verdeckt operierenden Wissenschaftler entwickelten unter strengster Geheimhaltung einen Wirkstoff, der eines der ältesten Rätsel der Menschheit lösen sollte.

Was passiert nach unserem Tod?

Dieser künstlich herbeigeführte Zustand wurde an mehreren (14 im Großraum Deutschland; 6 im Großraum Indien; 37 im Großraum der U.S.A.) Objekten getestet und seine Wirkung immer wieder bestätigt.

Die Objekte waren Menschen aus verschiedenen Lebensräumen und –bedingungen, Fakt ist, dass alle gleich reagierten.

Es ist nicht auszuschließen, dass die komplette Weltbevölkerung anfällig für diesen Wirkstoff wäre.

Die unter Beobachtung stehenden Testpersonen klagten über allergische Reaktionen in der Augenpartie, dies umfasste Rötungen und in der Endphase einen starken Juckreiz.

Wenige Stunden später röten sich die Augen stark, es ist unklar, ob dies von dem Wirkstoff herbeigeführt wird oder doch eine verstärkte allergische Reaktion ist.

Nach dieser entscheidenden Phase kommt es unweigerlich zum Tod durch einen heftigen anaphylaktischen Schock.

Nachdem die Testobjekte von den Wissenschaftlern auf Folgewirkungen untersucht werden, zeigen sich immer noch aktive Gehirnwellen, die darauf schließen lassen, dass irgendetwas an den Objekten noch lebendig sein müsste.

Jedwede Reanimationsversuche schlugen fehl, dies liegt an dem Wirkstoff, der dies zweifelsohne verhindert.

Dementsprechende Versuche konnten seine Wirkung nicht widerrufen.

Es ist unklar, ob so etwas wie eine „Seele“ weiterbesteht, wenn das Gehirn und etwaiges zerstört würde, klar ist, dass der Wirkstoff diese am Leben erhalten würde.

Es gibt keine Hinweise darauf, was mit den Testobjekten passiert ist.

InfektionBearbeiten

Es begann ungefähr am Anfang der Ferien.

Damals war meine Sicht nach jedem Aufstehen verschleiert, als hätte ich irgendetwas auf den Augen.

Darüber hinaus verschwand diese Sehbeeinträchtigung nicht.

Sie wurde im Verlauf des Tages nur schwächer, sodass ich sie irgendwann einfach nicht mehr wahrnahm.

Ich hatte nie daran gedacht, meine Eltern darüber zu informieren, zum Augenarzt zu gehen oder sonst irgendwem davon zu erzählen.

Und das einfach nur deshalb, weil ich ebenfalls ungefähr zu Beginn der Ferien eine Schlafmaske bekommen hatte.

Ihr wisst schon, diese Dinger, die man manchmal bei Leuten im Flugzeug sieht…oder so…

In meinem Zimmer wurde es jedenfalls nie richtig dunkel – und ich brauchte vollkommene Dunkelheit zum Ein- und auch Ausschlafen und wenn ich nicht jeden verdammten Tag im August um ungefähr 6 Uhr morgens aufwachen und nicht mehr einschlafen können wollte, dann hatte ich so etwas gebraucht.

Mein Glück war, dass mich niemand damit sah.

Sie hatte ein glänzendes Leopardenfellmuster aufgedruckt und wirkte auch sonst recht billig. Vermutlich ein reduzierter Artikel aus irgendeinem Discounter.

Nein, ich hatte mir das Ding nicht selbst gekauft.

Es war meine Mutter, nur zur Information.

Sie hatte sie eines Nachmittags, gerade als ich von der Schule gekommen war, meine Brille mit dem riesigen Gestell abgenommen hatte und zu ihr in die Küche spaziert war, mitgebracht.

Das musste an einem Freitag gewesen sein…meine Mutter ging immer Freitags einkaufen.

Nun, da ich häufiger auf einige Dinge allergisch reagierte (dabei lasse ich jetzt mal sämtliche Obst- und Gemüsesorten sowie Gräser und Pollen aus), machte ich mir aus dieser verschwommenen Sicht nichts, da sie mich sowieso nicht weiterhin störte.

Tja, aber dann.

Es ist jetzt wohl ungefähr halb elf – und meine Augen juckten wie verrückt.

Nach wie vor halte ich es für eine allergische Reaktion, obwohl ich etwas so Heftiges noch nicht erlebt habe.

Es quälte mich regelrecht – ich habe bereits versucht, mit Wasser alles mögliche an Pollen oder etwaigen Allergenen aus meinen Wimpern, Augen und Haaren zu entfernen, aber nichts hat geholfen.

Ich kann im Spiegel nur verzerrt erkennen, dass meine Augen stark gerötet sind und tränen, letzteres kann ich ebenfalls spüren.

Im Moment spiele ich noch mit dem Gedanken, wenigstens meiner Schwester Bescheid zu sagen, dass es mir nicht so gut geht, alle anderen würden mich vermutlich gleich zum Arzt schleppen.

Aber so ernst war es doch nicht! Oder?

Vorerst sollten diese Geheimnisse wohl noch im Dunkeln verhüllt bleiben, ich entschloss mich jedoch um exakt 22:34 ins Bett zu gehen und eine Nacht über die ganze Sache zu schlafen.

Die Maske setzte ich trotzdem auf, es konnte ja niemand wissen, ob sie wirklich der Auslöser für diese Qualen war.

Und damit konnte ich wenigstens nicht mehr kratzen.

Ja, das Kratzen.

Es war fast schon wie eine Zwangsstörung, weil ich wusste, dass ich etwas Falsches tat und trotzdem damit weitermachte.
Ich konnte einfach nicht anders.

Jeder, der bereits einen Mückenstich hatte, weiß das.

Wann ich das nächste Mal aufstand, daran erinnerte ich mich nicht mehr wirklich.

Ich fand mich nur auf einmal auf dem Weg ins Wohnzimmer wieder und in diesem Moment kümmerte es  mich auch nicht viel.

Das Jucken war verschwunden und irgendwie musste wohl schon eine Weile seit dem Aufstehen vergangen sein, denn ich hatte mich bereits angezogen und trug nicht mehr meinen Pyjama.

Das war das erste Mal, dass ich die Stirn runzelte.

Wo blieb der Zusammenhang?

Wo war meine Erinnerung dazu?

Kaum hatte ich einen Schritt ins Wohnzimmer gemacht, begann jemand zu hoch und schrill zu kreischen.

Ich drehte mich wirbelnd um die eigene Achse, nur um meine wie am Spieß schreiende Schwester zu erblicken, die in meine Richtung starrte.

Sie hatte ihren Zeigefinger erhoben, als wolle sie jemanden damit erdolchen.

Zusammenzuckend drehte ich mich abermals, vielleicht meinte sie ja etwas hinter mir – und nicht direkt mich.

Meine Mutter kam aus der Küche gerannt, kurz nachdem ich festgestellt hatte, dass da nichts hinter mir war.

„Hey!“, wollte ich rufen, „Hey, was ist denn hier bitteschön los?“, aber kein Wort drang über meine Lippen.

Panisch versuchte ich irgendeinen Laut herauszubringen: vergeblich.

Als ich dann noch den ebenso schockierten Blick meiner Mutter wahrnahm, die von ihrem Beschützerinstinkt geleitet herangeeilt kam, sah ich erneut an mir herunter.

Und erstarrte.

Was war passiert?

Ich sah aus wie ein verdammtes Monster!

Ich trug keine Kleidung mehr, Schuppen bedeckten und schützten meinen Körper stattdessen.

Sie glänzten wie eine polierte Rüstung, schimmerten wie Edelsteine.

Meine Hände waren zu Klauen deformiert, nur noch drei Finger an jeder Hand, an jeder der verhornten Krallen befanden sich spitze Dornen, wie Widerhaken.

Sie waren so klein, dass ich sie eigentlich nicht hätte erkennen dürfen.

Erschocken stolperte ich rückwärts, verlor den Halt, stolperte über meinen Schweif – moment, ich hatte WAS? – und landete geradewegs auf dem Parkettboden.

Meine Schwester und meine Mutter schrien immer weiter, und ihr Geschrei wirkte fast schon wie das hohe, durchdringende Pfeifen eines altmodischen Teekessels, der kochendes Wasser beinhaltete.

„Was ist denn hier los?“, hörte ich meinen Vater wütend brüllen, auf dem Rücken liegend sah ich ihn dieselbe Tür hereinkommen, durch die ich wenige Sekunden vor ihm spaziert war.

In seiner Hand lag ein Gewehr.

Wo hatte er die Waffe her?

Wir hatten so etwas nicht bei uns zuhause, wir waren doch nicht in Amerika!

Verblüfft starrte ich ihn also an, während er ohne zu Zögern Munition lud, entsicherte, auf meinen Kopf zielte und gnadenlos abdrückte.

Ich spürte erst einen ungeheuren Druck, dann kam der Schmerz, der sich stechend auf die Einschlagsstelle konzentrierte und sich in Wellen von dort wegbewegte.

Alles war jetzt verschleiert, ich sah nichts mehr, aber ich nahm auch den Schmerz nicht mehr wahr.

Das letzte, was ich meinen Vater sagen hörte, war das Beruhigende: „Keine Sorge, das Monster ist jetzt tot“, dass er mit einem Schulterklopfen zu meiner Mutter und meiner Schwester sagte.

Das Monster?

Das MONSTER?

Alles verlor sich in Dunkelheit

SymptomeBearbeiten

Trotz dieses Alptraums wachte ich sehr schnell am nächsten Morgen auf.

Ich hatte nichts mehr geträumt, es war, als wäre mein Hirn noch betäubt von dieser Erfahrung, die ich in meinem Unterbewusstsein gemacht hatte.

Ich trug meine Schlafmaske nicht mehr, ich musste sie wohl die Nacht über abgestreift haben.

Aber das war mir egal.

Zum ersten Mal seit Beginn der Ferien war meine Sicht nicht verschwommen – und das Jucken war auch soweit abgeschwächt worden, dass es mich nicht mehr wirklich störte.

Das hob meine Laune zu Beginn dieses Tages.

Was den Traum anging, so war ich zwar geschockt… jedoch verflog dieses störende Gefühl schnell und so hoffte ich, einen angenehmen Start in den Tag zu haben.

Auch wenn mich eine gewisse Anspannung plagte, als ich ins Wohnzimmer trat und unterbewusst wohl erwartete, dass mich meine Schwester wirklich kreischend erwarten würde…

Sie tat es allerdings nicht, dafür saß sie in der Küche meiner Mutter gegenüber, angestrengt kauend über ihrer Müslischüssel lehnend.

„Guten Morgen, mein Schatz“, begrüßte mich meine Mutter euphorisch, obwohl ich es hasste, wenn sie so mit mir umsprang.

Ich war ja wohl kein kleines Kind mehr…

Ich erwiderte ihr gut gelauntes Lächeln allerdings, auch wenn ihre Miene kurz darauf zu einer eher besorgten Unruhe absank.

„Was hast du denn gemacht? Deine Augen sind ganz rot!“

Ich bekam ein mulmiges Gefühl im Bauch, so als wäre ich bei etwas Verbotenem ertappt worden.

„Also…eigentlich wollte ich dir’s schon früher sagen…aber…naja…Gestern haben meine Augen total gejuckt, aber eigentlich ist es wieder weg.“

Sofort stand meine Mutter auf, meine Schwester jauchzte nur.

„Toll gemacht, Bindehautentzündung! Jetzt kannst du nicht in die Schule!“

Sehr witzig, nur weil sie das Thema vor den Ferien in Biologie dran hatten, musste diese kleine Streberin jetzt immer und überall damit angeben.

Ich warf ihr einen abschätzigen Blick zu, während meine Mutter meine Augen untersuchte.

„Wir haben Ferien, schon vergessen?“, brummte ich und sie streckte mir die Zunge heraus.

„Tja, Pech gehabt, Pechvogel!“

Und schon war meine gute Laune dahin.

Tja, DAS war eben meine kleine Schwester.

„Setz dich erstmal“, bat meine Mutter, fachmännisch wie immer, und drückte mich auf einen Stuhl, nachdem sie mich die zwei Schritte dorthin geschleift hatte.

Während sie hinter einer Tür verschwand und sich bückte, äußerte ich beiläufig meine Vermutungen: „Also ich hätte gedacht, es wäre vielleicht irgendeine Allergie oder so…“

Lass mal sehen“, schaltete sich nun auch meine Schwester ein und zog meinen Kopf an den Haaren zu sich.

Sie ist schon ein Schatz, nicht wahr?

Während sie mit größter Selbstverständlichkeit meine Augen inspizierte, kam meine Mutter wieder.

„Hast du dir deine Augen schon mal gewaschen?“

„Gestern abend, ja. Aber es juckt ja gar nicht“

Ich schluckte, hatte einen Kloß im Hals, weil ich mich fragte, was denn jetzt hier los sei, und fasste mir automatisch ans Auge, weil ich immer noch nur erahnen konnte, wie ich aussah.

Wie gesagt, ich fühlte mich normal.

"Nicht kratzen“ Während ich die Augen verdrehte, schob meine Mutter meine Hand wieder weg.

„Ich wollte doch gar nicht - …Ach, egal. Kann ich vielleicht mal in einen Spiegel schauen?“

„Na klar“

Offenbar zählte gerade dieses nützliche Objekt zu den Mitbringseln meiner Mutter, einen Sekundenbruchteil später hatte ich einen vor meiner Nase.

Ich erschrak zwar nicht – zumindest nicht so, wie ich in meinem Traum erschrocken war, als ich bemerkt hatte, dass ich mich in eine seltsame Bestie verwandelt hatte, aber irgendein Hauch von Schock hatte sich wohl doch in meinen Eingeweiden festgesetzt.

Stattdessen konnte ich beobachten, wie sich meine Augen weiteten, als ich mein Spiegelbild erblickte.

Und es war auch kein Wunder, dass meine Mutter gleich mit höchster Alarmbereitschaft reagiert hatte.

Weshalb ich mich wiederum fragte, warum sie mich nicht schon längst zu irgendeinem Arzt geschleppt hatte.

So eine Rötung hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen – es sah geradezu abstrakt aus.

Ich blinzelte ein paar Mal, aber es verschwand nicht.

Das Weiße um meine Iris herum war kaum noch zu erkennen, dafür waren die Regenbogenhaut und die Pupillen verschont geblieben.

Angst stieg in mir auf, plötzlich und unvermittelt.

„Ich hatte gestern Nacht einen Alptraum…da hab ich mich in ein Monster verwandelt und ihr habt mich…“

Kurz überlegte ich, ob sich „…nicht mehr lieb gehabt“ nicht vielleicht doch zu kitschig als Satzende anhörte.

Also schnappte ich nach Luft und kramte nach einem anderen Satzende: „…ihr habt mich gehasst. Wenn ich jetzt wirklich auch ein Monster werde, werdet ihr mich dann auch –“

„Schatz, bitte hör auf“

Meine Mutter warf mir einen aufmunternden Blick zu, aber bei mir waren schon alle Dämme gebrochen.

Schluchzend drückte ich mich gegen sie.

„Ihr dürft mich nicht hassen! Bitte nicht!“

Meine Mutter umschloss mich mit ihren Armen, sprach beruhigend auf mich ein.

„Das wird sicherlich niemals passieren…“, flüsterte sie und klang dabei so sicher, dass ich mir gleich noch mal kindischer vorkam.

Aber ich konnte nichts gegen die Tränen tun, die ununterbrochen in mir aufquollen und nach einem Ausweg suchten.

„Wir müssen nur ein bisschen abwarten, dann wird alles wieder gut“

Ihr melodischer Tonfall wirkte so besänftigend, so beruhigend.

Sie tat gut.

„…alles wieder gut?“, brachte ich heraus, der Rest, besser gesagt, der Anfang meiner Wiederholung ging in meiner gebrochenen, tränenerstickten Stimme unter.

„Wenn das ganze morgen noch nicht weg ist, dann gehen wir zu einem Arzt, okay? Vielleicht ist es ja doch nur eine Allergie“

Ich wimmerte ein Einverständnis, dann fühlte ich wie das brodelnde Gefühl der Hilflosigkeit langsam schwand.

Langsam ruhiger werdend lehnte ich an ihr.

„Geht’s wieder?“

Ich nickte, obwohl der Tränenfluss und die Schluchzer immer noch nicht gestoppt hatten.

„Na dann, später sehen wir weiter“

Den restlichen Tag vermied ich Kontakt mit Spiegeln, obwohl ich jedes Mal bei einer Begegnung mit mir – mit meinem scheinbar neuen, veränderten Ich – fasziniert an der Scheibe klebte und prüfte, ob sich irgendetwas veränderte.

Das tat es aber nicht, trotz aller kleinen Hausmittelchen, die meine sonst so clevere, allwissende Mutter auf Lager hatte.

Ich konnte nur hoffen, dass sich über die Nacht etwas tat.

So wie gestern eben.

Selbst meine Schwester schien kapiert zu haben, dass das hier etwas Ernstes für mich war, dass ich mich davor fürchtete, meinen gewohnten Platz zu verlieren.

Ich wollte kein Monster sein, nein, niemals.

Die Nacht, verbrachte ich traumlos und gut, so wie letztes Mal – nur ohne den Alptraum.

Wenigstens erinnere ich mich an nichts dergleichen.

Mein eigentlicher Alptraum begann, als ich erwachte. Ich hatte ja nicht ahnen können, dass - …

FolgewirkungBearbeiten

Meine Sicht war rot verschleiert gewesen…wie als hätte man alles mit Rotwein gefüllt und die physikalischen Gesetze außer Acht gelassen hätte…

Ich war kurz davor zu schreien: „Mum, ich bin wohl doch ein Monster!“, aber diese Panikmache hätte mir wohl nicht viel gebracht.

Ich selbst war schon genug in Aufruhr deswegen.

Mit pochendem Herzschlag stürzte ich ins Bad nebenan, starrte in mein entstelltes Spiegelbild.

Die Rötung war verschwunden, zum Glück.

Das, was dennoch mit meinem Gesicht geschehen war, war mir unbegreiflich.

Es war angeschwollen, so furchtbar angeschwollen, es sah einfach nur furchtbar aus.

Atemlos betastete ich die Hautpartien, aber unter meinen Fingern fühlte sich alles recht normal an. Lag das an meiner Sichtveränderung?

Hatte ich Halluzinationen oder so etwas?

Von Adrenalin und Panik getrieben stürzte ich nach unten, hoffte, dort auf meine Familie zu treffen.

Verschwommen nahm ich durch einen erneuten Tränenschleier wahr, wie meine Mutter am Tisch saß, meine Schwester mit grimmiger, ernster Miene daneben.

Meine Mutter weinte.

Sie hatte ihre Ellebogen auf den Tisch und ihr Gesicht in ihre Hände gestützt.

Ich sah nicht, wie sie weinte.

Aber ich konnte ihr Schluchzen hören.

So traurig, so traurig.

Zu ihr stürzend schrie ich irgendetwas, ich glaube es war so etwas Ähnliches wie „Halt durch, Mum, ich bin ja gleich bei dir!“, aber sie reagierte nicht.

Kurz fragte ich mich, ob das erneut ein Traum wäre, ob ich nicht einfach aufwachen könnte – aber dies konnte ich getrost ausschließen, als ganz unvermittelt jemand aus der Küche ins Wohnzimmer kam und ich in ihn hineinrannte.

Ich krachte hart auf den Boden der Tatsachen, während es den jungen Mann mit der Sicherheitsweste kaum etwas ausgemacht zu haben schien.

Ob er es überhaupt bemerkt hatte, war fraglich.

Stirnrunzelnd kam ich in eine sitzende Position.

Er schien ganz offensichtlich ein Arzt zu sein – oder wenigstens ein Arzthelfer.

Er kam langsam zu meiner Mutter und legte ihr die Hand auf den Rücken, ich hörte seine murmelnden Worte gedämpft.

Er sprach in etwa so wie meine Mutter mit mir gestern noch gesprochen hatte, als meine Gefühle mich überwältigt hatten.

Als wolle er sie beschwichtigen, nicht an Schlimmeres zu denken.

„Hey?!“, schrie ich, es platzte einfach so aus mir heraus, eigentlich hätte ich erwartet, die ungeteilte Aufmerksamkeit für so einen barschen Ausdruck meiner Gedanken zu bekommen, aber stattdessen blieb ich vollkommen unbemerkt.

Niemand rührte sich, niemand beachtete mich.

Ich rappelte mich auf, eher mühsam als actionfilmmäßig, rannte auf meine Mutter zu, begann sie und den jungen Mann anzuschreien und sie an den Schultern zu packen und zu schütteln, sodass sie mich bemerken mussten.

Aber es geschah nichts.

So als wäre ich gar nicht da.

Ich schluckte die Panik noch ein letztes Mal herunter, wich der Frage „WAS ZUM GEIER IST HIER BITTESCHÖN PASSIERT?“, noch einmal aus und nahm Anlauf.

Würde sich meine Theorie nicht bestätigen, dann könnte ich meinetwegen noch länger versuchen, bemerkt zu werden.

Wenn sich allerdings bewahrheitete, was mir mein Unterbewusstsein langsam aber eindringlich einzuflößen versuchte, dann…nun ja…dann… ach, ist doch egal, was ich dann tun würde.

Mit einem lauten Kampfschrei warf ich mich gegen den Tisch, gegen meine Mutter, gegen den Arzthelfer, gegen dieses große, nicht zu verfehlende Ziel – und prallte einfach ab.

So wie ich vorhin schon von diesem Typen abgeprallt war.

Schwer atmend kam ich erneut auf dem Boden auf, verzweifelte zusehends.

Verdammt! Wieso funktionierte das nicht?

Mit tränenüberströmtem Gesicht heulte ich meinen Schmerz in die Welt hinaus – wer weiß, vielleicht wäre ja dann dieser seltsame Zauber, nein, dieser Fluch von mir genommen und ich könnte endlich wieder so wahrgenommen werden wie jeder andere.

Hilflos musste ich mit ansehen, wie meine Mutter schließlich aufstand und den Fremden zur Tür brachte, nachdem ich ihr folgte, entdeckte ich einen Krankenwagen vor unserem Haus.

Kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehend beobachtete ich, wie die Notärzte bereits alles wieder zusammenpackten, und ich konnte beinahe ihre Trauer darüber spüren, was hier vorgefallen war.

ABER WAS WAR ES DENN?

Würde ich irgendwann auch einmal erfahren, was hier eigentlich vorgefallen war?

Und was mit mir passiert war?

Meiner Mutter auf Schritt und Tritt folgend kehrten wir ins Wohnzimmer zurück, jetzt weinte auch meine Schwester.

„Wissen die schon, wieso sie tot ist?“

Meine Mutter kehrte zu ihr zurück und umarmte sie innig.

"Sie hatte einen anaphylaktischen Schock…das bedeutet, dass sie sehr schlimm auf etwas allergisch reagiert hat“

Trauernd lagen sich die beiden in den Armen, während ich teilnahmslos danebenstand und versuchte, zu verarbeiten, dass die beiden von mir sprachen.

Mir stockte der Atem.

Deshalb war mein Spiegelbild so verdammt grässlich anzusehen?

Ich war…tatsächlich…an der Reaktion auf eine mir unbekannte Allergie gestorben?

Ich war…TOT?

Das war doch nicht möglich!

Wieso war ich dann noch hier?

I-ich glaubte nicht an Geister oder so einen Schwachsinn…und noch weniger glaubte ich, dass ich zu so einem Wesen geworden war...

Zitternd schlich ich in die Küche, schluckend zog ich die Schublade auf, starrte auf ihren gefährlichen Inhalt.

Dadrin bewahrten wir Besteck auf…aber auch Küchenmesser.

Blieb mir denn eine Wahl?

Ich war doch schon tot…und alles war besser, als so zu enden.

Nicht wahr?

Ich nahm mir eine der Klingen heraus, die mit der längsten Schneide – so war es doch am besten, oder?

Ich hatte noch nie Suizidgedanken…bis jetzt.

Darum stellte sich mir jetzt die bescheuerte Frage, wie man sich am besten umbrachte.

Die meisten Leute, die offenbar – so wie ich – darauf angewiesen waren, ohne Schusswaffen auszukommen, schnitten sich ja häufig die Pulsadern auf.

Ob ich das ausprobieren sollte?

Probeweise setzte ich das Messer an meinem rechten Handgelenk an, ich war Linkshänder.

An meiner Lippe kauend versuchte ich in mich zu gehen.

Ich war von einer von Erosion zerfressenen Rüstung bei geistiger Gesundheit gehalten, sie ließ mich in dem Glauben, ich wäre noch nicht psychisch zerfetzt und handelte für mich in wahnhafter Manie.

Auf diese Weise zu verbluten, würde vermutlich bedeuten, dass ich länger leiden müsste, als ich beabsichtigte.

Spätestens nach den beiden Stürzen auf unser Parkett war mir klar geworden, dass ich immer noch Schmerzen empfand – ob seelisch oder körperlich spielte dabei keine Rolle.

Vielleicht wäre es dann besser…die Augen fest geschlossen setzte ich die Klinge an meiner Kehle an.

Ich atmete tief ein und spürte die Schneide an meine Haut drücken.

Hoffentlich war das Ding überhaupt scharf genug…ich wusste ja nicht, ob das Fleisch, dass wir normalerweise mit solchen Messern schnitten vergleichbar war mit der Stabilität von menschlicher Haut.

Egal.

Je länger ich nachdachte, desto schlimmer wurde es.

Ich spürte, wie das Messer in meiner Hand zitterte.

Dann schluckte ich ein letztes Mal und riss meinen Arm mit einem Ruck zur Seite.

Meine Kehle war etwas kratzig, also schluckte ich.

Ich war erschöpft.

Was war passiert?

Ich sah mich um.

Ich lag in meinem Bett.

Was?

Verwirrt sah ich mich um.

Hatte ich mich denn nicht…umgebracht?

W-wi-wieso war ich noch hier?

Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass auch meine Sicht immer noch so rot gefärbt war wie vor meinem Suizid.

Seufzend fiel ich zurück in mein Bett.

Ich war verloren.

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