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Gott, ich hoffe, ich werde einfach nur verrückt

Hattest du jemals einen dieser „Wie bin ich nur hier hinein geraten“- Momente? Ich rede von diesem  Aufblitzen von Klarheit, in dem du wirklich dein Leben „siehst“. Du blickst in den Spiegel und du bist weit von der Person entfernt, die du geträumt hast zu sein, als du ein Kind warst und du bist sprachlos.

Meiner passierte vor Jahren, eine Woche vor Thanksgiving, als ich in einer Klinik erwachte nach dem ich betrunken stürzte und mein Bewusstsein verlor.. Ich war unglaublich desorientiert. Alles schien surreal und weit weg zu sein, als wäre es mir nie wirklich passiert...so als hätte ich es nur geträumt, oder als ob ich nur ein Avatar in einem Videospiel wäre.

Vielleicht war der Grunddafür, dass ich mich zuvor schon fühlte, als wäre ich isoliert...vielleicht lag es auch daran, dass ich an meine eigene Sterblichkeit erinnert wurde. Ich sah mich selbst mit den Augen eines Fremden. Wellen von Scham und Selbsthass brachen über mich herein, in diesem Krankenbett und ich gelobte mein Leben zu ändern.

Ich traf schon früher ähnliche Entscheidungen und alle schlugen fehl, aber dieses Mal war es anders. Dieses Mal war die Änderung beinahe mühelos. Alte Gewohnheiten verdunsteten, alte Versuchungen verloren ihren Reiz. Gruppenzwang war nicht mehr von Bedeutung. Ich verlor das Interesse daran, mit meiner gewohnten Clique herum zu hängen. Wenn ich versuchte schlicht mit ihnen auszugehen, langweilten sie mich zu Tode.

Währenddessen verbesserten sich andere Beziehungen in meinem Leben. Auf der Geburtstagsparty meines Sohnes Logan, überhörte ich sogar, wie mein Ex-Ehemann zu meiner Mutter sagte, dass ich wohl endlich erwachsen geworden bin und aufgehört habe jedem Herzschmerz zu verursachen.

Als das letzte Kind dann nach Hause ging und ich aufräumte, überraschte mein Sohn mich mit einer Umarmung aus vollem Lauf. Er schlang seine Arme um mich und drückte mich so Fest wie nir zuvor in seinem Leben.

„Wirst du bleiben?“, flüsterte er und ich fuhr mit meiner Hand durch seine Haare. „Natürlich werde ich bleiben! Ich bleibe so lange wie du willst. Du kannst sogar bei mir schlafen, wenn dein Dad es dir erlaubt.“

Er seufzte zufrieden, „Du bist so viel besser, als meine richtige Mutter.“

Jede Zelle meines Körpers gefror. Ich fiel ihm ins Wort und sagte ihm, dass ich seine Mutter wäre, und dass ich versuchte mich zu ändern. Dass ich versuche, mir sein Vertrauen zu verdienen und so weiter.

„Okay!“, sagte er leichthin, offensichtlich erpicht darauf, zu seinem Berg von Geschenken zurück zu kehren. Aber bevor er weg rannte, zwinkerte er mir zu, als hätten wir ein Geheimnis.

Logan durfte trotz allem in dieser Nacht nicht bei mir schlafen....und um ehrlich zu sein, war ich irgendwie erleichtert. Was er sagte, erschütterte mich im Kern und das erste Mal, seit fast einem Jahr, hatte ich das verzweifelte Bedürfnis zu trinken.

Ich lief den ganzen Weg, bis zur Vordertüre des Wohnkomplexes, ehe ich die Fassung verlor und zu schluchzen begann. Ich kramte in meiner Tasche und versuchte trotz verschwommenen Blick  meine Schlüssel zu finden, als Sam seine Hand auf meine Schulter legte.

Sam lebte jahrelang in der Wohnung neben mir. Ich würdigte ihm kaum eines Blickes, ehe mich die Erkenntnis traf....doch ab da ertappte ich mich dabei, wie ich mich an den Cartoon-Schmetterlingen verschluckte, wann immer er meinen Weg kreuzte. 

Ich hatte es nie nötig, einem Mann nachzujagen. Es ist nicht so, dass ich eine Angelina Jolie wäre, aber ich wendete eine Menge Zeit und Geld auf, um nicht, wie ich auszusehen. Du hast jemanden wie mich schon einmal gesehen. Ein Golem aus Silikon, Acryl, Pailletten und Bleiche. Es war, als wäre ich ein Zombie, nehme ich an. Man kann kaum laufen, aus Angst, die betroffenen Teile könnten abfallen. 

Aber zurück zum Thema: Ich versuchte monatelang Sam´s Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen und ich war schrecklich darin. Ich verwickelte ihn in ein Gespräch und hoffte, es würde zu etwas führen,...aber dann machte ich einen Witz oder zitierte einen Spruch aus einem Film und er schreckte zurück, als hätte ich ihn verletzt. 

Es war eine demütigende Art, ihn für mich zu interessieren....weinend, wie ein Kleinkind auf der Treppe zum Haupteingang sitzend, kläglich den Rotz an meinem Ärmel abwischend und die Geständnisse tausender Sünden vor mich her brabbelnd.

Sam hörte mir Geduldig zu, nur um mich dann zu unterbrechen und mir zu suggerieren, von den kalten Stufen aufzustehen und mit in sein Apartment zu kommen, um weiter zu reden.

Er trank mich unter den Tisch. Ich verlor jedweden Respekt gegenüber dem Jahr, dass ich trocken geblieben war, aber Sam schien das nicht zu stören. Als ich aufstand, um uns beiden einen weiteren Drink zu machen, sah ich auch warum. Sein Kühlschrank sah aus, wie meiner es tat. Vier Fächer voller Bier, Likören, Kurzen und „antiken“ Grillsaucen

„Ist deine Mitbewohnerin ausgezogen?“, fragte ich ihn, während ich mit ein paar Bier zum Tisch zurück kehrte. „Sie war immer die Köchin, richtig? Denn für gewöhnlich lief mir das Wasser im Mund zusammen, wenn ich Abends hier vorbei lief.“

„Sie war nicht meine Mitbewohnerin.“, sagte er daraufhin leise. „Sie war meine Frau.“

Mein Gesichtszügen entgleisten und  ich rekapitulierte das letzte Jahr: Sein totales Desinteresse an mir, gefolgt von dem verletzten Ausdruck und seinem Verschwinden, wenn er sich dabei erwischte, dass er zurück flirtete....ich hatte nie daran gedacht, den Ring-Check bei ihm zu machen, ehe ich ihm erneut einen unbewussten Schlag versetzte.

„Wenn du darüber reden möchtest, würde ich dir gerne zuhören....ich würde es dir aber nicht übel nehmen, wenn du nicht möchtest. Es ist deine Entscheidung.“

Er lachte ein wenig und schüttelte den Kopf. „Das ist witzig. Für gewöhnlich war Emily ein guter Richter, was den Charakter eines Menschen anging...aber bei dir lag sie falsch. Es ist ärgerlich, dass sie dich nie kennen gelernt hat. Ich denke, sie hätte dich wirklich gemocht.“

Er wechselte das Thema und ich entschuldigte mich bald darauf. Am Nächsten Tag ließ die Neugier mich nicht los. Ich googelte seine Frau und als ich die Ergebnisse las, weiteten sich meine Augen. 

Emily starb in der Nacht, in der ich das Bewusstsein verlor und es schien, als hätte sie unbewusst mein Leben gerettet. Ich redete mit einem Nachbarn, der mir bestätigte, ich mit meiner Vermutung richtig lag.....Die Sanitäter, die Sam´s Notruf aufgenommen hatten, waren sie selben, die mich gefunden hatten. Da sie nur wegen einem Patienten gerufen wurden und dem entsprechend nur einen Wagen zur Verfügung hatten, legten sie mich auf eine zusätzliche Trüge, die sie mit Haken an der Decke des Rettungswagens befestigten.

Ich fand in der folgenden Nacht nicht eine Sekunde Schlaf. Ich, die besoffene Schlampe, hing nicht mal einen Meter über den schrecklichsten Momenten von Sam´s Leben und den Letzten von 

Emily´s....Ich war das Fünfte Rad am wagen schlechthin und störte so einen unglaublich privaten und intimen Augenblick.

Ich lag in meinem Bett, starrte an die Decke und stellte mir vor, wie es für Emily gewesen sein musste, zu einer Frau aufschauen zu müssen, von der sie dachte, dass sie Abfall war und dabei zu wissen, dass sie nie wieder aufwachen würde.

In meinem Kissen errötete ich vor Scham, als ich mir weiterhin vorstellte, wie hart es ihn nach ihrem Tod getroffen haben musste. Ich konnte nicht glauben, dass er mich trotz alledem tröstete.

Ich schwor mir selbst, nie wieder mir Sam zu schwören und hielt das Versprechen...auch als wir uns näher kamen, was darin endete, dass wir jede Woche zusammen fernsahen und chinesisches Essen bestellten. 

Ein Weihnachtsgeschenk wollte ich von ihm nicht. Ich dachte darüber nach, aber ich schrieb es ab, da es die Grenze überschritt. Dann kaufte ich ihm aber auf einem Trödelmarkt ein Taschenmesser. Es war nicht auffällig, aber irgendwas daran schrie förmlich nach Sam. Als ich es in die Hand nahm und genauer betrachtete, tauchte der Verkäufer hinter mir auf.

„Sie haben einen guten Geschmack, Süße“, sagte er. „Solche wie dieses stellen die heute nicht mehr her.“

Ich lächelte, denn das war genau das, was ich über Sam dachte. Als Sam aber das Päckchen öffnete, wurde sein Gesicht fahl. 

„Hab ich....hab ich dir je über die Nacht erzählt, in der ich so betrunken war?“, murmelte er und nahm das Messer aus dem Karton, um es zwischen seinen großen Fingern hin und her zu drehen. „Ich muss es haben....“

Sam hatte genauso eines wie dieses von seinem Großvater geerbt. Er verlor es, als er mit Emily in dieses Haus einzog und fühlte sich fürchterlich deswegen. 

„Oh Mist...es tut mir leid. Ich wollte keine schlechten Erinnerungen aufwühlen....“

„Nein, nein...das ist großartig...Ich habe lange nach so einem gesucht. Vielen Dank!“

Ich denke, er wollte mir eigentlich nur einen Kuss auf die Wange geben, doch er landete bei meinem Mundwinkel. Und ehe ich mich versah, küsste er mich richtig. Es waren zehn großartige Sekunden. Dann sprang er von der Couch auf und stammelte, dass es ihm leid täte und dass es ihn einfach so überkam.

Schließlich ließ er alles raus. Er erzählte mir, wie sehr ich ihn an Emily erinnerte. Dass es sich anfühlte, als sei er mit ihr zusammen, wenn ich bei ihm war und dass es ihm das Herz brach. 

„Du sagst Dinge, die sie sagte, benutzt Filmzitate, die sie benutzte. Gott, du trägst teilweise dieselben Sachen, wie sie. Wer macht schon dieses grüne Zeug auf Cracker? Niemand, den ich je kannte....außer ihr und dir.“

„Ich hätte dich nicht küssen sollen. Mein Therapeut sagte....“, er stoppte mit einem angewiderten Ton und seufzte tief, ehe er fortfuhr. „Ich denke einfach nicht, dass ich über sie hinweg kommen kann und diese Dinge tun kann...mit dir zu essen. Ich komme kein Stück voran. Ich...ich tue einfach so, als müsste ich das nicht.“

Er entschuldigte sich und verschwand, während ich wie ein Idiot, ein paar Sekunden lang die Tür anstarrte und diese Szene sacken ließ. Sein Geschenk für mich hatte er dabei auf dem Kaffee-Tisch zurück gelassen.

„Du bist so viel besser, als meine richtige Mom....“

Plötzlich fügten sich die Dinge vor meinem geistigen Auge zusammen und ich schüttelte mit dem Kopf, als könnte ich sie so wieder voneinander trennen. Das, woran ich dachte, war dummer, verrückter, abergläubischer Wahnsinn....

Ich schwebte ein paar Fuß über Emily, als sie starb. Ich wachte beladen mit Abscheu vor mir selbst, wie ausgewechselt, als wäre ich über Nacht ein anderer Mensch geworden....einer mit anderen Hobbys, anderen Meinungen, anderen Geschmäckern...nicht einmal mein eigener Sohn glaubte, ich sei noch ich selbst.

So viele Dinge traten plötzlich ein. Meine plötzliche, übertrieben große Schwäche für Sam, mein neuer Haar- und Kleidungsstil, der im Nachhinein so sehr ihren Facebook-Fotos ähnelte, dass ich zuvor niemals Minz-Gelee auf meine Cracker getan hatte und nicht einmal wusste, warum ich es kaufte, dass ich plötzlich begann zu kochen und erschreckend gut darin war und dass ich nicht einmal die Hälfte der Filme gesehen hatte, die ich zitierte....

Ich begann von da an selbst einen Therapeuten aufzusuchen. Sie sagt, ich würde versuchen, mich von der Vergangenheit zu distanzieren, für die ich mich so schämte und dass mein geringes Selbstbewusstsein zusammen mit meiner Schwäche für Sam sich in meiner Vorstellung manifestiert haben und ich versuche eine Frau zu sein, die er Lieben könnte. Sie sagte, dass ich mir vielleicht den Kopf gestoßen habe, als ich fiel oder dass ich an einer Depersonalisation leide.

Ich habe zahlreich Geschichten über Heimsuchungen und Besessenheit im Internet gelesen und darüber, was Experten tun würden. Austreibung, Rituale, Salz, Salbei und Eisen...

Aber was soll ich tun, wenn ich der Geist bin?


Original: http://www.creepypasta.org/creepypasta/all-the-papers-lied-tonight#read

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