FANDOM


Dumpfe Schritte auf der Treppe. Leichte Schritte, die eines Kindes. In der Hoffnung, etwas fröhlicher aussehen zu können, wischte sich Claudia rasch über die geröteten und verheulten Augen und wandte sich der Treppe zu. Sie setzte ein kleines Lächeln auf, um ihren Sohn zu begrüßen. Claudia war gerade nach Hause gekommen, und sie hatte geweint. „Hallo Mama“, ertönte die schüchterne, leise Stimme ihres Sohnes. Claudia stand von ihrem Stuhl in der Küche auf und ging zu ihm. Dann umarmte sie ihn kurz. Er war so klein, so zart, so... zerbrechlich. „Hey Noah. Na, war die Schule okay?“ Er sah mit seinen großen braunen Augen zu ihr auf und antwortete knapp: „Ganz okay.“ Dann, nachdem er sie mit kritischer Miene gemustert hatte: „Mama, hast du geweint?“ Sie schluckte. „Nein, alles in Ordnung.“ „Na, dann ist ja gut“, nuschelte er in seine Faust. Er hatte das Interesse an ihrer Unterhaltung schon verloren und wandte sich zum Gehen. „Nicht kauen, Noah“, ermahnte sie ihn. Er kaute schon so lange an seinen Fingernägeln, und sie hatte so oft erfolglos versucht, es ihm abzugewöhnen. Es war ihr unheimlich, wie erbärmlich verstümmelt seine Finger manchmal aussahen. Sie machte sich oft Sorgen um ihn.

Er ging wieder nach oben in sein Zimmer. Seine Mutter ging zum Ende der Treppe und fragte: „Möchtest du nicht etwas essen? Ich hab Nudeln. Mit Hack. Und Soße. Die, die du magst.“ „Nein danke Mama, kein Hunger.“ Dann das leise Geräusch der sich schließenden Zimmertür. Claudia seufzte und begann, sich eine Portion Nudeln aufzuwärmen.

In seinem Zimmer setzte Noah sich auf den Boden und blickte auf sein Bett. Er war ein wenig sonderbar, aber kein bösartiges oder ungezogenes Kind. Das nicht. Nur machte seine Mutter sich oft Sorgen um ihn, weil er im Alter von elf Jahren noch so klein war und in der Schule häufig nicht mitkam. Er hatte die zweite Klasse wiederholen müssen. Noah war kein Junge, der mit den Sitznachbarn tratschte und so verpasste, was der Lehrer sagte, nein, ganz im Gegenteil. Er redete fast gar nicht, und wenn er es tat, dann in einer leisen, verhuschten Art. Oft allerdings verstand er einfach nicht, was die Lehrer ihm mitzuteilen versuchten. Sie redeten, und er hörte ihnen zu, und er versuchte es ja, aber er verstand sie einfach nicht. Es war manchmal sehr deprimierend. Seine Mutter versuchte zwar, ihn zu unterstützen, aber ihr Job bei einer großen Zeitschrift, bei der sie für die Anzeigenvermittlung zuständig war, forderte sie oft und lange. Ihr Mann, Noahs Vater, war gestorben. Das machte sie manchmal, wenn sie darüber nachdachte, sehr unglücklich, und dann weinte sie. Sie bemühte sich immer darum, es Noah nicht mitkriegen zu lassen, weil sie glaubte, es würde auch ihn ängstlich und traurig machen. Tatsächlich aber bekam Noah es häufiger mit, als sie es ahnte, aber er erzählte es ihr nicht, sah manchmal nur minutenlang stumm zu, wie sie sich auf ihrem Bett vor und zurück wiegte, und schlich dann zurück in sein Zimmer.

Er wusste, er konnte sie nicht trösten, und er verstand nicht, warum sie weinte. Er selbst weinte selten, er wusste, dass sein Vater tot war, er ahnte, dass das auf irgendeine Art nicht gut war, aber er verstand nicht, warum man deswegen weinte. Er wusste, dass man weinte, wenn man Schmerzen hatte. Bereitete es seiner Mutter Schmerzen, dass Papa tot war? Er wusste es nicht. Er hatte seine Mutter lieb, aber das Verhältnis war nicht dasselbe wie das anderer Mütter zu ihren Kindern. Seine Mutter fragte oft so viele Sachen, und sie wollte so vieles wissen. Das machte ihn manchmal ganz verrückt. Aber er war glücklich, wenn alles so wie jetzt war. Kein Kindermädchen im Haus, die oft spielen oder mit ihm lesen wollten, Mama unten, er alleine hier oben, wo es ruhig war und es niemanden gab, der laut redete, ihn schubste, was manche Kinder aus der Schule taten. Das, fand Noah, waren gemeine Jungen. Ja, und auch die Lehrer, die immer so viel wissen wollten, waren nicht hier. Das gefiel ihm.

Claudia aß ihre Nudeln mit Hacksoße alleine unten in der Küche und war in Gedanken versunken. Sie wusste, eigentlich sollte Noah etwas essen, es ging ja nicht, dass er immer so klein und schmächtig blieb. Aber sie wusste, wenn er keinen Hunger hatte, konnte man ihn nicht überreden. Und er war leicht zu vergessen. Er war fast immer still oben in seinem Zimmer, das sie versucht hatte, nett einzurichten. Ob es Noah gefiel, wusste sie nicht. Er hatte auf ihre Frage nur mit den Schultern gezuckt, aber er hatte ein wenig gelächelt. Das hatte ihr wirklich gut getan, denn das tat er selten. Viel zu selten. Er traf sich auch nicht mit anderen Kindern. Ein paar Male hatte sie ihn zu Freundinnen mit gleichaltrigen Kindern mitgenommen, aber das hatte nicht funktioniert. Er hatte sich nur in eine Ecke gesetzt und gewartet, bis sie wieder fuhren. Oh ja, sie machte sich oft Sorgen um ihn. Einmal hatte sie sogar überlegt, ihn zu einem Kinderpsychologen mitzunehmen, aber das wollte sie nicht, da erwachte tief in ihr drinnen der tief verwurzelte Glaube einer Mutter daran, dass ihr Kind gesund ist. Es würde sich auswachsen. Daran glaubte sie fest.

Später an diesem Samstag beschloss Noah, ins Moor zu gehen. Er machte oft Spaziergänge allein, und als seine Mutter gemerkt hatte, dass er das gerne tat, hatte sie sich ihm angeschlossen. Doch heute ging er allein. Sonst wäre wohl vieles anders gekommen, aber er ging allein. Das „Moor“ war eigentlich kein echtes Moor. Es wurde nur in Ermangelung eines bessern Begriffes von allen in der Nähe Wohnenden so genannt. Eigentlich handelte es sich bei dem „Moor“ nur um eine große Fläche halbwegs trockengelegter, oft matschiger Feuchtwiesen, mit ab und zu verstreuten kleinen Wäldchen und Schonungen. Zwar wurde es überall von schmalen Schotterwegen durchzogen, aber es gab auch unzugängliche Teile, von denen einige sehr weit abseits der Wege waren. Bereiche, die Noah fast alle sehr gut kannte und oft aufsuchte. Er mochte es, auf einem Baumstumpf zu sitzen und sich, in seine warmen Winterjacke eingepackt, die kalten Oktoberwinde um die Nase wehen zu lassen. Er dachte über viele Dinge nach, auch wenn er sich danach oft nicht mehr daran erinnerte, an was er eigentlich gedacht hatte.

Noah ging den Weg, der ihn in das Moor führte, rückwärts. Er mochte es, wenn die Häuser in der Ferne kleiner wurden. Zwar nicht immer kleiner, bis sie nicht mehr zu sehen, dafür war der Weg zu kurz, aber doch, bis sie so klein waren, dass er sie mit zusammengekniffenen Augen nicht mehr sehen konnte. Links und rechts erstreckten sich Wiesen mit kurzem, in der Brise raschelndem Gras. Noah ging weiter, wie lange, merkte er nicht so genau, es fiel ihm oft schwer, auf die Zeit zu achten, bis er zum Rand eines kleinen Wäldchens kam, dessen Mitte eine imposante alte Eiche bildete. Die kahlen Äste anklagend zum Himmel gerichtet, wirkte sie wie ein umgekehrter Blitz. Noah sah sie einige Zeit mit zusammengekniffenen Augen an, dann ging er auf sie zu und umrundete ihren mächtigen Stamm. Jetzt erreichte er langsam unwegsameres Gelände, aber er war schon oft hier gewesen. Es kostete ihn noch zwanzig Minuten, in denen er unter anderem einen trockenen Graben überquerte, einen mit Wasser übersprang und über einen Elektrozaun stieg. Währenddessen begann es schwach zu nieseln.

Und endlich war er, inzwischen etwas schneller atmend, an seinem Lieblingsort, einer kleinen Lichtung in einer Schonung mit Nadelbäumen, angelangt. Um ihn herum war ein dichtes Brombeerdickicht, welches ihm kleine Fetzen aus seiner Jacke riss und ihm in die Beine stach. Das bemerkte er nicht. Denn da lag etwas. Auf seiner Lichtung. Es war ein Junge. Glaubte er.

Noah ging noch einige Schritte näher an den mit Jeans und einer blau-gelben Regenjacke bekleideten Jungen heran. Vielleicht schlief er? Warum sollte jemand hier schlafen? Der Junge trug gelbe Gummistiefel und lag auf der Seite. Seine linke Hand war unter seinem Körper begraben, die rechte ruhte auf seiner Hüfte. Die Haut war sehr hell. Noah war plötzlich überzeugt davon, dass der Junge tot war. Nicht ohnmächtig, nicht schlafend, tot. Das Wort hallte in seinem Kopf wie der Klang einer gigantischen Glocke. Er wusste, wenn jemand tot war, dann war das etwas Schlimmes. Etwas sehr Schlimmes. Papa war auch tot. Er stupste den Körper mit der Spitze seines eigenen, roten Gummistiefels an. Er bewegte sich nicht. Der Junge war tot. Wirklich und wahrhaftig tot.

Das stellte Noah vor ein gewaltiges Problem. Wie sollte er das jemandem erklären? Vor Nervosität kaute er an seinen Fingernägeln, riss sie sich regelrecht ab. Ein wenig Blut kam zum Vorschein, aber der Schmerz erreichte ihn nicht. Er war überfordert, und er war in Panik. Nicht aber, weil neben ihm ein toter Junge lag, sondern weil ihm beängstigende Bilder durch den Kopf schossen. Er hatte einmal mit seiner Mutter einen Film im Fernsehen geguckt. Das hatte auch etwas mit einem toten Jungen zu tun gehabt (der Film war sehr kompliziert für ihn gewesen, und er hatte ihn, wie so vieles, nicht ganz nachvollziehen können), und der Mann, der den Jungen gefunden hatte, war von den Ermittlern in einen kleinen, dunklen Raum gesteckt und mit Fragen bombardiert worden. In seiner ein wenig beschränkten Sichtweise verstand er nicht, dass ihm nichts passieren würde. Er ging ein paar Schritte von dem Jungen weg. Dann noch ein paar. Dann drehte er sich um und rannte. Der Regen begann stärker zu fallen.

Auf dem Rückweg, den er beinahe ausschließlich rennend zurücklegte, bis auf ein paar Pausen, um heftig nach Luft zu schnappen, berührte er mit der Innenseite seines Oberschenkels den Elektrozaun und schrie leise auf. Der Zaun war wirklich sehr stark eingestellt. Sein Spaziergang machte ihm überhaupt keinen Spaß mehr. Er war nass, ihm war kalt, sein Bein tat weh, sein Herz jagte und er hatte Angst.

Claudia lag auf dem Bett und las. Sie war müde, und die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Immer wieder driftete ihr Blick von dem Buch zu den großen Fensterscheiben, und sie betrachtete besorgt den Regen. Hoffentlich würde Noah nicht allzu nass werden. Aber er würde seine Jacke und seine Hose dann schon ausziehen und vor die Heizung stellen. Sie war heute in Frankfurt gewesen, hatte dort zähe Verhandlungen bestritten und war wieder zurückgeflogen. Gott, ihr Verhandlungspartner, Manager eines großen Kreuzfahrt-Unternehmens, hatte ihr die ganze Zeit dämlich grinsend in die Bluse geschielt. Sie war eine große und attraktive Frau, schlank und mit vollem, blondem Haar. Das half manchmal, führte aber auch dazu, das man oft von Deppen angegraben wurde. Aber seit ihrem verstorbenen Ehemann gab es für sie keine Männer mehr. Sie war schön, aber manchmal hatte sie auch ein hartes Gesicht, geprägt vom Kummer. Von Zeit zu Zeit ähnelte sie einer schönen Blume, die langsam im Eis erfror...

Noah war noch im Moor, und sie beschloss, ein kleines Nickerchen zu machen. Später vielleicht mit Noah einen Film gucken. Wenn er denn wollte. Gerade als sie sich auf die Seite rollte, hörte sie den Schlüssel im Schloss der Eingangstür.

Noah lugte mit bleichem Gesicht durch den Spalt der geöffneten Tür, dann ging er leise hinein. Er streifte seine nassen Sachen ab und ließ sie direkt vor der Haustür liegen. Nur in Unterwäsche ging er in sein Zimmer und legte sich auf sein Bett. Dann wartete er. Wartete und dachte nach. Er hatte ein Problem, und er würde eine Lösung finden müssen.

Sonntagmorgen. Zaghaft bahnten sich erste Sonnenstrahlen den Weg in Noahs Zimmer. Noch schlief er, allerdings würde er bald aufwachen. Gestern Abend hatte er, nachdem er eine Frage seiner Mutter nach Essen und einem gemeinsamen Filmabend mit einem schlichten „Nein“ beantwortet hatte, noch lange nachgedacht. Auf seinem Bett liegend, den Blick starr an die Decke gerichtet, hatte er sich gefragt, wo der tote Junge überhaupt hergekommen war. Er hatte verschiedene Erwägungen getroffen, aber wie sollte er feststellen, welche zutraf. Er wusste, seine Mutter würde es wissen. Seine Mutter war klug. Das machte ihn wütend. Er versuchte es doch so oft! Er war zu dumm! Heiße Tränen hatten seine Augen gefüllt. Doch das stete Prasseln, das bis lange in die Nacht fortgedauert hatte, hatte ihn besänftigt. Er wusste nicht mehr, wann er ungefähr eingeschlafen war, denn er hatte keine Uhr in seinem Zimmer. Erstens irritierte ihn das stetige Klacken der Zeiger, und zweitens hatte er Schwierigkeiten, die Zeiger korrekt abzulesen.

Er öffnete langsam die Augen. Obwohl das nach den Erfahrungen, die er am Vortag gemacht hatte, wohl nicht zu erwarten war, hatte er sehr gut geschlafen, er fühlte sich erholt und gut. Bis er dann wieder über den gestrigen Tag nachdachte. Jetzt musste er sich erst einmal um seine Mutter kümmern. Sie sollte sich keine Sorgen machen. Nicht, dass sie am Ende noch von dem Jungen erfuhr. Ihn plagte immer noch die Vorstellung des düsteren kleinen Raums mit den fragewütigen Kommissaren. Er stand auf, zog sich an, vergaß zu duschen und ging nach unten, wo seine Mutter saß. Er würde lieb und nett sein und ihr keinen Anlass zur Sorge geben. Das war ein guter Plan.

Wenn er sich Mühe gab, konnte Noah sich durchaus normal verhalten. Jedoch nicht lange, irgendwann driftete er immer in seine üblichen Verhaltensmuster ab. Er aß zwei Brötchen mit Honig und unterhielt sich mit seiner Mutter. Solange er nicht unter Druck gesetzt wurde, konnte er manchmal sogar witzig sein. Nur auf die Frage seiner Mutter nach seinem Spaziergang gestern äußerte er sich knapp und kurz angebunden. Er versprach seiner Mutter sogar, jetzt seine Hausaufgaben zu erledigen und für eine Arbeit zu lernen, die noch zwei Wochen in der Ferne lag. Claudia freute sich sehr, sie begann sogar schon zaghaft zu hoffen, Noah würde endlich über seine „Probleme“ hinwegkommen. Sicher, nicht von jetzt auf heute, aber vielleicht war dies ja der erste Schritt, das erste Anzeichen? Nur eines war ihr aufgefallen: Er schien wieder mehr an seinen Nägeln zu kauen. Als wäre er wegen irgendetwas nervös. Claudia beschloss aber, nicht weiter darauf einzugehen als mit einem schlichten „Nicht kauen.“ Nun, wenigstens lernte er freiwillig. Hätte sie den Anlass dafür gekannt, wäre sie wohl nicht so glücklich gewesen.

Er scheiterte an Mathe. Frustriert warf er das Buch an die Wand, dann legte er sich auf sein Bett und brüllte in sein Kissen, Salz auf seinen Wangen. Er konnte es einfach nicht, und dafür hasste er sich. Und er hasste sich dafür, dass er so schwach war, deswegen zu heulen. Hatten die Jungen aus seiner Klasse etwa recht? War er wirklich eine Heulsuse? War er ein „Homo“? Was war das überhaupt, ein „Homo“? Er ahnte nur dunkel, dass es nichts gutes sein konnte. War es vielleicht ein spezieller Begriff für Menschen, die tote Jungen fanden und dafür bestraft werden mussten? Ahnte vielleicht schon jemand etwas? Er setzte sich abrupt auf. Der Junge! Der tote Junge! Er war... Seine Mutter klopfte an die Tür. „Noah? Ist alles in Ordnung? Brauchst du Hilfe?“ Er erschrak. Sie sollte nicht merken, dass er es nicht alleine schaffen konnte. Er wollte sich nicht mit Dreiecken und Winkeln beschäftigen. Seine Stimme schmerzte, als er ihr antwortete: „Nein, ich komme gut klar. Du brauchst nicht reinkommen.“ Bitte, Mama, lass mich doch bitte allein! Sie ging. Er war erleichtert.

Noah entschied, dass es Zeit war, mit dem Theaterspiel aufzuhören. Es war zwei Stunden her, seitdem er aufgehört hatte, ernsthaft zu lernen. Er hatte eine Entscheidung getroffen. Er würde jetzt, wo doch auch das Wetter so viel besser war als gestern, noch einmal zu dem Jungen zurückgehen. Vielleicht würde ihm das helfen, eine Entscheidung zu treffen. Und... er war sich bewusst, dass er auch ein wenig neugierig war. Er hatte ihm beim letzten Mal nicht ins Gesicht gesehen. Er wollte ihm ins Gesicht sehen, wissen, wie er sich fühlte... gefühlt hatte. Also meldete er sich bei seiner Mutter ab (die es ihm gerne erlaubte, immerhin hatte er jetzt mehr als zwei Stunden konzentriert gearbeitet) und machte sich auf den Weg. Dieses Mal ging er nicht rückwärts. Dieses Mal ging er wie jemand, der... ja, wie jemand, der ein festes Ziel hat.

Diesmal achtete er darauf, sich keinen Schlag am Zaun verpassen zu lassen, und doch schlug sein Herz kurz vor der Schonung schneller. Er war unbestreitbar aufgeregt, und er war auch nervös. Was, wenn ihn noch jemand gefunden hatte? Was, wenn dieser Jemand nur darauf wartete, dass er wieder zurückkam. Nur einmal angenommen... Ein düsterer Raum, klein und kalt. Das war das Problem. Vorsichtig, mit heftig klopfendem Herzen schob er sich zwischen den Bäumen entlang, nutzte jede Deckungsmöglichkeit.

Man hätte sein Benehmen wohl als das Spiel eines kleinen Jungen deuten können, aber das war es nicht. Ganz und gar nicht, für ihn war dies tödlicher Ernst. Langsam erreichte er eine Position, von der aus er die Lichtung einigermaßen einsehen konnte. Dann... ein Paar gelber Gummistiefel auf dem Boden. Nur die Stiefel konnte er sehen. Er blickte sich vorsichtig um. Nach einer Zeit, die ihm endlos erschien, wagte er es. Er trat auf die Lichtung hinaus. Dann plötzlich überall Licht, eine Stimme, die „Nicht bewegen“, schrie. Noah blieb starr stehen. Die Lichtung war leer. Hier war niemand. Nur er... Und der tote Junge natürlich. Noah trat an ihn heran, das Gesicht in einem Ausdruck schlecht verhohlener Faszination erstarrt. Er kniete auf den immer noch von den gestrigen Regenfällen nassen Erdboden, wobei seine Hose dreckig wurde. Das kümmerte ihn nicht. Er sah der Leiche ins Gesicht. Friedlich. Das war sein erster Eindruck. Die Augen waren geschlossen, zwischen und unter ihnen eine kleine Stupsnase, reine Haut, vielleicht vom Regen reingewaschen, das Gesicht insgesamt ein wenig dicklich. Unter der immer noch aufgesetzten Kapuze der Regenjacke dichtes, dunkles Haar. So wie seines. Noah fühlte sich auf eine seltsame Art erleichtert. Er kannte den Jungen nicht, und sie waren allein. Sie waren allein, und es war still hier draußen. Er setzte sich auf den Boden und streckte die Nase in die frische Luft. Er war zufrieden. Er sprach zu dem Jungen: „Es ist schön hier draußen, nicht wahr? Es wird nicht langweilig hier, oder? Oder ist dir hier schon langweilig? Wie bist du eigentlich hierhergekommen?“ Keine Antwort. Natürlich nicht.

„Weißt du, ich bin gern hier, weil... Weißt du, manchmal mag ich es zuhause nicht. Wenn Mama nicht da ist, geht es, aber manchmal ist sie zu viel. Aber sie ist in Ordnung. Es gibt noch Schlimmere als sie. Die Frau von der Nachhilfe zum Beispiel. Hier ist es schön.“ Er bekam selbstverständlich keine Antwort, aber das war nicht schlimm. Es genügte, wenn nur er redete. Auch wenn er sonst nicht gerne redete, tat es ihm gut. Er hatte sozusagen einen stillen Zuhörer gefunden. Eine Weile sprach er noch. Dann ging er nach Hause, zu seiner Mutter, zufriedener als an vielen Tagen.

Heute war es schlimm gewesen. Noah war wieder auf der Lichtung und saß auf dem Boden, die Leiche ein paar Meter hinter ihm. Zum ersten Mal lag ein seltsamer Geruch in der Luft. Heute war ein schöner, sonniger Tag, und Noah konnte den Geruch von Sonne auf der Jacke des Jungen riechen, konnte den schlammigen Boden riechen, aber da war noch etwas. Ein Geruch, der von den anderen überlagert wurde,... fast. Ein Geruch, der in Noah die Bilder von Fliegen und dunklen Ecken wachrief. Ein fleischiger Geruch. Allerdings störte ihn das wenig, die Vorteile dieses Ortes überwogen. Als er angekommen war, war er freilich mehr damit beschäftigt, laut zu weinen. Nachdem er sich so hingesetzt hatte, dass er dem leblosen Körper ins Gesicht sehen konnte, hatte er sich rasch beruhigt. Eigentlich hatte der Tag aber gut angefangen. Seine Mutter hatte ihm erklärt, dass sie heute Abend erst spät zurückkommen würde, sie musste heute fliegen. Zwar nicht ins Ausland, aber doch weit. Noah hatte sich gefreut, er mochte es, alleine im Haus zu sein. In der Schule allerdings...

Seit er den Jungen im Moor gesehen hatte, war etwas in ihm verändert. Obwohl er die Ruhe suchte, schien seitdem etwas immerzu in ihm zu brodeln. Es fiel ihm schwerer, seine Gedanken bei etwas anderem als der Lichtung zu halten. Auch reagierte er schneller gereizter, und er hatte begonnen, unruhiger zu schlafen, die Nächte durchzogen von vagen, düsteren Bildern, an die er sich am Morgen nicht mehr erinnern konnte. Er betrachtete die Menschen nun anders. Sie wären in Panik ausgebrochen, sie hätten nicht verstanden. Sie waren dumm. Sie wussten nichts von dem kleinen, dunklen Raum, und so riskierte jeder dieser Menschen, genau dorthin zu kommen. Er hatte die Menschen schon sein ganzes Leben still beobachtet, und jetzt fing er an, Schlüsse aus seinen Beobachtungen zu ziehen. Selbstverständlich gab es nicht nur für ihn einen dunklen Raum. Es gab für jeden einen, auch wenn sie es manchmal nicht zu bemerken schienen. Zu jedem Raum gehörte eine Truppe von Männern in dunklen Anzügen, die Gesichter im Schatten. Sie beobachteten jeden. Immer. Und wenn jemand etwas falsches tat, dann konnte es sein, dass sie einen holen kamen. Und wenn jemand spurlos verschwand, dann würden sie ihn geholt und in den dunklen Raum gebracht haben, in dem unsägliche Schrecken lauerten; und sie ließen einen nie wieder gehen, diese dunklen Männer...

Während Noah seinen düsteren Gedanken nachging, die sich über Jahre aus vagen Ängsten, bewussten und unbewussten Zweifeln und Jahren der Verzweiflung entwickelt hatten, verfärbte sich seine linke Wange. Über dem linken Wangenknochen begann sich ein großer, dunkler, blauer Fleck zu bilden, der immer deutlicher hervortrat. Noah hatte sich in der Schule geprügelt. Obwohl, das war wohl nicht richtig ausgedrückt. Er war geprügelt worden. Der andere Junge, ein kleiner, aber zäher Bursche mit für einen Elfjährigen erstaunlichen Muskeln hatte schlimme Dinge über seine Mutter gesagt. Noah hatte ihn vorsichtig darum gebeten, dass er aufhöre. Wie es zu erwarten war, hatte der Junge nicht aufgehört. Noah hatte versucht, ihn zu erschrecken, und hatte ihm ausführlich von dem schwarzen Raum und den finsteren Männern erzählt.

Der Junge dachte, Noah würde ihn bedrohen. Nach der Schule hatte er auf ihn gewartet und ihm mitten ins Gesicht geschlagen, mit einem Schlag, dem Noah das Veilchen zu verdanken hatte. Er war zu Boden gegangen, hatte vor hilfloser Wut, Schmerz, und Scham geweint. Dabei hatte er sich die Handflächen aufgeschürft. Da hatte er dem anderen Jungen wohl leidgetan. Entschuldigt hatte er sich natürlich nicht, er war einfach weggelaufen. Noah hatte weinend auf dem Boden gelegen, niemand hatte ihm geholfen. Auf dem einsamen Schulhof standen nur zwei jungen aus seiner Klasse, die seinen Status kannten. Er war niemand, dem man half. Er war der, der, wenn er in den Staub gestoßen wurde, liegengelassen wurde. Liegengelassen, bis er aus eigener Kraft aufstand. Das hatte Noah irgendwann geschafft, Dreck im Gesicht, mit dem Kupfergeschmack von Blut und dem Salz von Tränen im Mund. Er war mit seinen Schulsachen ins Moor gestolpert, hatte dabei immer wieder trocken geschluchzt.

„Ich hasse ihn. Was habe ich ihm denn getan? Gar nichts. Er ist einfach dumm und ein Arsch, und er versteht gar nichts. Du weißt Bescheid über den Raum mit den Männern, ja? Natürlich. Das kann ja auch jeder herausfinden, wenn er nicht gerade dumm und ein Arsch ist. Ich hasse ihn! Ich wünsche mir, dass die dunklen Männer kommen, ihn mitnehmen und dann...“ Ja, dann? Was geschah mit denen, die einmal in den Raum gerieten? Folter? Tod? Noah schluckte. Aber war der Tod schlimm? Er saß hier neben einem Toten, und es war nichts Schlimmes daran. Es erschien ihm schon normal. Aber er begriff, die dunklen Männer, die würden es nicht gut finden, ganz und gar nicht. Auch sein Vater war tot. War das schlimm? Noah wusste es nicht. Er wusste es einfach nicht.

Er unterhielt sich noch lange mit dem Jungen, wobei er nicht merkte, dass er dazu übergegangen war, sich selbst Antworten zu geben. Er war abgerutscht in eine Welt, in der es normal war, dass dieser tote Junge ihm antwortete. Als er ging, war es, als wachte er aus einem gemütlichen Nickerchen in einer kalten, nassen Welt auf. Nach Stunden bemerkte er das Pochen in seinem Gesicht wieder, das Brennen der Handflächen. All das war vorher ausgeblendet gewesen. Erst in der Dunkelheit kam er zuhause an. Er telefonierte mit seiner Mutter, bejahte die Frage, ob er seine Aufgaben gemacht hätte, und unterhielt sich kurz mit ihr. Dann ging er zu Bett, wobei er vorher noch eine Weile sehnsüchtig aus dem Fenster Richtung Moor blickte.

Ihm reichte es! Er würde nicht mehr wiederkommen! Nie wieder! Er würde hierbleiben, hier im Moor, wo es jemanden gab, der ihn verstand. Nie wieder zurück in die Schule, nie zurück nach Hause. Im Rausch seiner Wut erschien Noah dies wie eine sinnvolle Alternative. Heute war Mittwoch. Gestern hatte er nicht ins Moor gehen können, seine Mutter hatte ihn nicht gelassen. Das, so meinte Noah, war der Grund für ihren Streit heute. Den ganzen Tag war er gereizt gewesen, launisch und angespannt. Zum ersten Mal, zum allerersten Mal hatte seine Mutter ihn geschlagen. Eine Ohrfeige. Noah hatte seine Mutter angeschrien, weil sie immer weiter fortfuhr, ihm wegen Kleinigkeiten in den Ohren zu liegen. Da war es ihm irgendwann zuviel geworden. Es hatte eine Menge Geschrei und Tränen von Noahs Seite gegeben, und irgendwann war er dann aus dem Haus gelaufen, seine Schultasche auf dem Rücken, sein Pausenbrot auf dem Küchentisch. Seine Wange brannte, und er hätte beinahe wieder geweint.

Was ihn aber am meisten zusetzte, war folgendes: Wenn seine Mutter ihn schlug, war sie dann nicht wie der Junge am Montag? Sicher, sie hatte ihn nicht so fest geschlagen, aber sie hatte ihn geschlagen. Grimmiger Groll erfüllte sein Denken. Er war auf dem Weg zu Lichtung. Es war noch recht früh am Vormittag, aus der Schule war er nach der zweiten Stunde geflohen. Auch dort hatte er es nicht mehr ausgehalten. Jetzt war er auf dem Weg zu einem Freund. Ja, einem guten Freund. Sicher, langsam roch es dort nicht mehr gut, und die haut des Jungen wurde langsam dunkel, aber was machte das? Was machte all dies, solange man ihn in Ruhe reden ließ? Gar nichts, das war es. Es begann zu nieseln. Unbeirrt ging Noah weiter. Als er nur noch ein paar hundert Meter zu gehen hatte, begann es heftig zu regnen. Seine Kleidung klebte ihm nass am Körper, aber es war egal. Alles egal. Auf so etwas achtete sowieso nur seine Mutter, und die... die konnte ihm gestohlen bleiben. Er blieb stehen, sah sich um. Dann sagte er es. Zweimal. Zuerst leise, dann lauter, herausfordernder. „Meine Mutter ist mir egal.“ Während er sich hinter Bäumen versteckt der Lichtung näherte, was Teil seines Rituals geworden war, die dunklen Männer sahen alles, wenn man nicht aufpasste, merkte er, dass etwas nicht stimmte.

Zur gleichen Zeit nahm Claudia einen Anruf entgegen. Es war Noahs Klassenlehrerin. Sie erzählte Claudia von Noahs Flucht aus der Schule, erkundigte sich nach den möglichen Ursachen. Claudia war sehr erschrocken. Selbstverständlich hatte sie gemerkt, dass Noah sich verändert hatte, und sie ahnte, dass es etwas mit seinen häufigeren und längeren „Spaziergängen“ zu tun hatte. Sie hatte ihn darauf ansprechen wollen, hatte es aber in der Aufregung des heutigen Morgens vergessen. Dass er jetzt auf einmal schwänzte, beunruhigte sie sehr. Sie vermutete, dass es etwas mit seinem blauen Fleck zu tun hatte, mit dem er vor zwei Tagen angekommen war. Er hatte nicht darüber reden wollen, und Claudia wusste, dass er sich geprügelt hatte. Sie hatte ihm eine Predigt über friedliche Konfliktlösung gehalten, und er hatte sie schweigend abgesessen. Beiläufig erkundigte sich die Lehrerin danach, ob Noah schon zuhause sei. Claudia blickte besorgt nach draußen und antwortete ihr, dass er zwar nicht hier sei, aber sie wahrscheinlich wisse, wo er sei. Dann legte sie ohne Verabschiedung auf. Sie hatte plötzlich schreckliche Angst. Was, wenn er fort war? Sie hatte ihn heute morgen nicht schlagen sollen. Wie konnte sie nur? Doch für so etwas war keine Zeit. Sie zog sich Gummistiefel und eine Regenjacke an und brach auf in den sintflutartigen Regen, ihren Sohn zu suchen.

Das, was Noah vor Kälte und Entsetzen schaudern ließ, war nicht der Regen. Es war das Fehlen des Jungen. Er war weg. Innerhalb von Sekunden, in denen er sich panisch umblickte, wusste er, Sie hatten ihn geholt, um ihn zu bestrafen. Sie. Da war er sich ganz sicher. Und Sie waren hier, um auch ihn zu holen. Die dunklen Männer würden ihn holen und dann in den dunklen Raum stecken. Er drehte sich um und rannte, nackte Panik in den Augen. Der Regen schlug ihm mit brutaler Wucht ins Gesicht. Wegen des Regens konnte er zwar nur wenig sehen, aber diesen Weg war er unzählige Male gegangen, oft im wachen, unzählige Male im träumenden Zustand. Keuchend rannte er immer weiter, und er beschleunigte noch, als er hinter sich die Geräusche seiner Verfolger hörte. Knackende Äste. Raschelnde Sträucher. Schnelle, rennende Schritte. SIE!

Claudia kämpfte sich durch den Regen, ging gebückt. Sie wollte zu Noahs Lieblingsplatz, den er ihr einmal gezeigt hatte. Sie wusste mit einer beinahe traumwandlerischen Sicherheit, dass er dort war. Ja, er war dort, und sie würde ihn holen und ihn nach Hause bringen. Er sprang über den Elektrozaun hinweg, drehte sich nicht um, auch nicht als er hörte, wie der Zaun hinter ihm umgerissen wurde. Wurde er? Oder waren das nur seine eigenen Schritte, waren das nur seine Herzschläge, die ihm da in den Ohren dröhnten. Er rannte. Jetzt kam er auf den Weg, gerade als Donner grollte, noch in der Ferne. Und da hinten in der Ferne, da war doch eine Gestalt? Ja! Und mit dem Glauben, wie er nur von einem Kind ausgehen konnte, wusste er, dass es Mama war. Egal, was er vorher über sie gedacht hatte, seine Mutter bedeutete Sicherheit. Er war vor Ihnen gerettet, wenn er sie erreichte. Auch seine Mutter lief jetzt auf ihn zu, und Noah setzte, begleitet von einem erneuten Donnergrollen, zu einem Endspurt an.

Es war Noah! Und er rannte auf sie zu. Auch Claudia begann zu rennen. Sie wusste irgendwie, es war wichtig, dass sie ihn jetzt schnell erreichte. Zwanzig Meter! Zehn! Fünf! Noah warf sich in ihre Arme, und sie presste ihn an sich, gab ihm Schutz und spendete Trost, wie es nur eine Mutter konnte. Wohlbehalten in ihrer nassen Umarmung drehte er sich um. Der Weg war leer. Nur der Regen prasselte nieder. Irgendwo dort draußen lag ein Junge, dachte er, aber jetzt ist er fort. Und dann drückte er seinen Kopf wieder an seine Mutter.

~Weltenfrost~

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.