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Bisher habe ich immer gedacht, Albträume würden Spaß machen. Also verlangte es mir nach mehr davon. Sie waren die einzige Quelle der Spannung innerhalb dieses endlosen Trottes, der sich mein Leben nannte. Ich neigte nicht zu schlechten Träumen, und dafür hätte ich dankbar sein sollen. War ich aber nicht. Ich sehnte mich nach mehr, hungerte nach dem Adrenalin und dem Klopfen meines Herzens, wenn ich die Augen aufschlug.

Es heißt immer: Pass auf, was Du Dir wünscht. Und das ist keine Lüge.

Die Albträume kamen in kürzeren Abständen und wurden deutlich häufiger. Anfangs waren es Kleinigkeiten. Die Dinge, die wohl jeden beschäftigen würden. Von wilden Hunden gejagt zu werden, verlassen zu werden, oder auch nackt durch die Schule zu laufen. Ich wurde ihrer schnell überdrüssig. Solche Träume konnten mir nicht den Schlaf rauben. Nach kurzer Zeit wurden sie jedoch intensiver. Mein Verstand begann Spielchen mit mir zu treiben.

Ich wurde am Hals gepackt, unfähig zu atmen, nicht im Stande zu schreien. Kein Hauch Luft konnte in meine Lunge dringen. Ich wurde zerrissen, meine Haut schmolz herab wie Butter. Meine engsten Vertrauten verschnürten mich und schnitten mich auf. Ich begann von der Hölle zu träumen. Dann fuhr ich aus dem Schlaf hoch, kaum fähig irgendetwas in meiner winzigen Kammer zu fokussieren.

Das Violett meiner Kissen verschmolz mit der cremefarbenen Wand und der gigantische Teddybär in der Ecke schien zu verschwimmen. Doch ich konnte atmen. Da war kein Druck auf meiner Kehle. Ich sog Unmengen von Luft in mich ein, als hätte ich schon seit Stunden keinen Atemzug mehr getan. Ich kratzte an meiner Haut, um zu überprüfen, ob sie noch da war – und sie war. Immer wenn ich dann auf die Uhr sah, zeigte sie die gleiche Zeit an. Fünf Minuten nach drei am Morgen wurde zu meiner Zeit des Erwachens.

Meine Augenlider wurden schwer - wollten zufallen. Doch das konnte ich nicht zulassen. Stattdessen schleppte ich mich über den Teppich ins Badezimmer am anderen Ende des Korridors und spritzte mir eiskaltes Wasser ins Gesicht, bis keine Gefahr mehr bestand einzuschlafen. Ich beschloss, dass Schlafentzug allemal besser war, als mich den Schrecken der Nacht zu stellen.

Wie ein Zombie ging ich zur Schule und niemand schien zu bemerken, dass sich irgendetwas verändert hatte. Ich wurde langsam paranoid. Wenn Menschen an mir vorbei gingen, stürzten die Erinnerungen auf mich ein und drangen tief in meinen Geist ein. Sie war es, die vor zwei Nächten den ersten Schnitt getan hat. Er war es, der mich letzte Woche am Hals ergriffen hat. Und diese dort waren es, welche aufs Neue die Klingen aus den Tiefen der Hölle holten. Ich stieß jeden von mir, aus Furcht, sie könnten mir die Hölle auf Erden bereiten. So blieb ich allein und grenzte mich ab, vom Summen der Unterhaltungen und den Unannehmlichkeiten des Lebens.

Die Albträume suchten mich heim. Kreatives Schreiben im Englischkurs wurde zur Leichtigkeit. Such Dir einfach eine Nacht aus und schon hast Du die Horrorgeschichte. Vorträge in Geschichte über Kämpfe schockten die Anderen, doch mich konnten sie nicht mal annähernd betroffen machen. Meine Bilder in Kunst widerten jeden an, doch mir erschienen sie ziemlich normal. Stunden in der Hölle hingegen würden die Angst in meine tiefste Seele treiben. Von Allem was mir noch gefehlt hatte, ein noch anschaulicheres Bild von Hades* gehörte nicht dazu. Doch auch diese Stunden schlichen sich in meine Träume ein.

Ein menschliches Wesen vermag es vierzehn Tage ohne Schlaf auszukommen, ehe es stirbt. Der Rekord der Zeit ohne Schlaf wird von einem Studenten aus Amerika gehalten und liegt bei elf Tagen. Mein Rekord liegt bei fünf Tagen. Am fünften Tag begann ich dermaßen grauenhaft zu halluzinieren, dass ich es nicht mehr aushalten konnte. Zuerst begann es mit diesem wispernden Flüstern. Stimmen, die mir versicherten, dass ich wahnsinnig war, dass ich wertlos und dazu verurteilt war, von meinem eigenen Verstand besiegelt zu werden. Als Nächstes war da dieses schrille, andauernde Quietschen. Es klang wie das Kratzen von Fingernägeln an der Tafel entlang, oder wie ein Messer, welches über einen Teller schabt. Nur doppelt so hoch und fünfmal so laut. Dann begannen leblose Gegenstände sich in etwas Glänzendes zu verwandeln. Die leuchtenden Punkte, welche von Pflanzen und Bildern ausgingen, blendeten mich. Mir war bewusst, dass dies lediglich imaginär war. Jedoch, welcher Schizophrene kann schon damit aufhören, Halluzinationen zu haben? Und ebenso wenig kann das ein unter extremen Schlafentzug leidender.

Ich entschied also, mich dem klaglos zu stellen und den Monstern jede Nacht gegenüber zu treten.

Ich schlief gut. Und wenn ich sage gut, dann meine ich, dass ich sechs Stunden Schlaf pro Nacht bekam. Das ist es auch, weshalb ich sicher bin, dass ich nicht halluziniere, wenn ich nachts dunkle Gestalten in meinem Schlafzimmer sehe. Wenn ich höre, wie meine Tür knarrt, weiß ich, dass es real ist. Wenn die schrillen Schreie gequälter Seelen meine Trommelfelle durchdringen, geschieht es tatsächlich. Wenn ich die gezischelten Drohungen höre, dass sie mich holen kommen, weiß ich, dass auch das leider wahr ist.

Man sagt, pass auf was Du Dir wünscht.

Ich wollte die Hölle.

Nun hab ich sie.

Es ist fünf nach drei am Morgen.

Ich kann sie hören.

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*Hades bezeichnet in der griechischen Mythologie den Totengott und Herrscher über die Unterwelt

Autorin: Anabiel

Quelle: Nightmares

Übersetzung: Sicanda

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