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Zum Immobilienhandel bin ich nur durch die falsche Entscheidung gekommen, Architektur zu studieren. Ich bin kreativ, das steht außer Frage. Und mir blüht das Herz auf, wenn ich durch die Altstadt gehe und die Bauwerke vergangener Epochen betrachte, die sich hier und dort mit ihren formschönen Fassaden und Blendsäulen, hochstehenden Türmchen, seltenen Dachformen sowie gekachelten und getäfelten Außenseiten, stilistisch verschlungenen Strukturen an den alten sauber verputzten Wänden, sowie wunderbar verzierten Dacherkern und ganz selten auch mal mit einem leutendem Fresko über den Rest der Gebäude erheben und stolz hinabsehen auf die neuzeitlichen Bauwerke, welche dort im zeitgenössischen Stil vor sich hin dümpeln, eines dem anderen gleich, fast wie Zwillinge.

Ja, ich gebe es zu, ich hatte schon seit damals, bevor ich mein Architekturstudium begann, einen sehr stark ausgeprägten Faible für alte Gebäude und die Zeitalter, in denen sie entstanden. "Gotik", "Renaissance" und "Barock", "Klassizismus" oder "Neoklassizismus", "Jugendstil" und viele andere Bücher mit ähnlichen Themen und Namen finden sich bei mir im Bücherregal. Es gab keine andere Möglichkeit. Architektur war meine Berufung. Wusste ich von Anfang an! Somit begann ich dann, vor einigen Jahren mein Studium und sog all das Wissen aus diesem Bereich in mich auf, ließ meiner Kreativität freien Lauf und erschuf Modelle von Bauwerken, die so prächtig wirkten wie der römische Petersdom. Ich plante ganze Städte, in meinem Kopf zehnmal mehr als auf Papier und erreichte einen Zustand der völligen inneren Verschmelzung mit meiner tiefen Leidenschaft. Und dann war das alles vorbei...

"Wir gratulieren Ihnen recht herzlich zum erfolgreichen Abschluss ihres Diplomstudiums, sie haben nun die Möglichkeit dem Club der Alumni beizutreten und sich weiter in die universitären Tätigkeiten einzubringen."

Das war schön und gut, aber universitäre Tätigkeiten sind bei Geldnot das Letzte an das man denkt und so landete ich stattdessen in einem mittelgroßem Architekturbüro. Es war schön dort. Auch nicht schlecht bezahlt. Aber... fade. Mit jedem Tag den ich arbeitete, merkte ich, dass ich mich weit von meinen ursprünglichen Träumen entfernt hatte. Meine Kreativität war hier nicht gefragt, ich war Einsteiger und damit gerade mal gut genug, die Zeichnungen anzufertigen. Das machte mich kaputt. Jeden Tag die Ideen anderer Menschen zeichnen... Wieder und wieder. Und während meiner ganzen Arbeit hatte ich niemals ein einziges Blatt Papier unter den Fingern. Alles wurde digital erledigt. Und mit der Zeit realisierte ich, dass es unmöglich war für mich, die alten vergangenen Epochen zurück zum Leben zu erwecken. "Die Gegenwart baut zweckmäßig.", sagte mir ein Kollege, als ich mich in einer Pause mit ihm über die moderne Architektur unterhielt. Und so ließ ich mich in meinem Job treiben und dümpelte umher. Und jeder Tag war dem nächsten gleich, genauso wie die langweiligen modernen Bauten der Neustadt. Das ging ungefähr 19 Monate so... Bis ich eines Abends Karschi wiedertraf:

Um meinen aufsteigenden Kummer zu ertränken war ich in einer lokalen -aber eher unbekannten- Kneipe versackt, ziemliche Absteige gebe ich zu, aber das Bier war erfrischend und ziemlich günstig. Außerdem waren da nicht so viele Leute. Und das Wichtigste: Niemand von meiner Arbeitsstelle würde sich hier blicken lassen. Dort saß ich also. Dann bekam ich einen heftigen Klopfer auf den Rücken, als ich gerade das Glas zum Mund führen wollte. Erschrocken zuckte ich zusammen und ein kleiner Schwall Bier schoss über den Rand des Glases und lief an der Seite herab, wo ein dünnes Rinnsal zurückblieb.

Karschi, eigentlich "Alexander Karschwohl", mein ehemaliger Klassenkamerad, fletzte sich neben mich und ließ ein heftiges Lachen aus der Kehle fahren. Die Luft um uns herum wurde schwer vom Schnapsgeruch. Mein Mund fiel herunter.

"Mein Gott Karschi, es ist doch mindestens sechs Jahre her, bist du etwa Alkoholiker geworden?", fragte ich, ebenfalls schon beschwipst, aber auch ernst, denn es roch stark nach meiner Vermutung.

"Nene, bist du verrückt, hab heute nur einen draufgemacht, gibt etwas zu feiern!", erwiderte er und zog das Portmonnai aus der Innentasche seines dicken Mantels, öffnete es und ließ ein paar dicke Scheine aufblitzen.

"Zwei doppelte Tequila, für mich und meinen Freund hier!", rief er dem Wirt entgegen.

Und dann kamen wir ins Reden. Es war ein sehr interessantes Gespräch, denn obwohl Karschi schon einige Kurze intus hatte, wirkte er konzentriert und hatte ein offenes Ohr, als ich ihm von meinem Studium damals und der derzeitigen Misere erzählte. Karschi war von der Geschichte ganz und gar nicht gelangweilt und versicherte mir daraufhin sofort, dass er alte Häuser auch ziemlich geil fände. Und so erfuhr ich, dass Karschi eine kleine private Immobiliengesellschaft gegründet hatte und regelmäßig einige ziemlich ordentlich laufende Geschäfte abwickelte. Dann kam das Beste, denn er bot mir an in das Geschäft einzusteigen und gab mir seine Nummer, auf welcher ich am nächsten Tag einfach mal durchklingeln sollte. Ich hatte erst gedacht, der Alkohol hätte aus ihm gesprochen, als ich die Nummer am darauffolgendem Tag, einem Samstag, in meinem Handy suchte. Nach kurzem Zögern, entschied ich mich doch noch dafür, dem Ganzen eine Chance zu geben. Ich war verzweifelt. Veränderung war das Einzige, was mir in dieser Situation noch helfen konnte.

Ich wählte die Nummer, legte den Hörer ans Ohr und wurde recht schnell und herzlich von Karschi begrüßt, welcher mittlerweile den Rausch ausgeschlafen hatte. Er erklärte mir das Konzept des Geschäftes, welches recht einfach war: Alte Häuser, die wegen des Denkmalschutzes nicht abgerissen werden dürfen, von den Besitzern, welche darauf liegen geblieben waren, abkaufen, herrichten und dann teuer vermieten oder weiterverkaufen. Außerdem fragte er mich, wie viel ich "auf der hohen Kante" hätte. Und das war recht viel, denn über anderthalb Jahre in meinem Job hatte ich ja nichts gemacht außer zu arbeiten. Gegönnt hatte ich mir nichts. Karschi versicherte mir, dass wir mit so viel Kohle richtig durchstarten könnten. Tja... Ich war verzweifelt. Und dieses Angebot war verlockend. Am selben Tag schrieb ich einen Brief an meinen Arbeitgeber und rief meinen Vorgesetzten an, dass er mich am Montag nicht erwarten müsse. Und so wurde ich Karschi's Geschäftspartner.

Am Montag kam ich zu ihm in das "Büro". Ziemlich klein, aber ordentlich. Viel Ausrüstung war für den Job sowieso nicht notwendig. Und so arbeitete ich mit Karschi zusammen, investierte Geld und bekam es vielfach zurück. Am Anfang wollte Karschi eigentlich nur, dass ich für ihn die passenden Objekte herraussuche. Ich kannte mich in der Materie aus, konnte Original von Umbau unterscheiden und wusste, welche Stilelemente noch heute gefragt waren und welche Gebäude nach maßgerechtem Umbau von großem Wert wären. Doch schnell merkte ich, dass nicht alles auf dem rechtem Wege ablief.

Das erste was mich stutzig machte, war der freie Zugriff auf das Grundbuch. Ich fragte Karschi, ob die langen Objektlisten nur Auszüge seien, die er vom Stadtamt abgekauft hatte. Daraufhin schüttelte er den Kopf und zwinkerte mir zu. Es stellte sich heraus, dass Karschi tatsächlich Zugriff auf das gesamte Verzeichnis hatte. Er konnte zu jeder Zeit, an jedem Ort, den Besitzer jedes verdammten Hauses und Grundstückes im gesamten Land ausfindig machen. Illegal, aber profitabel. Ich fragte niemals wie er dort ran gekommen sei und ich konnte es mit meinem Gewissen vereinbaren. Ich war verzweifelt. Und ich hatte den anderen Job aufgegeben.

Das Nächste, was mir etwas komisch erschien, waren Karschis hartnäckige Einwände, bei manchen meiner Vorschläge. Karschi lehnte sogar die Gebäude mit den allerbesten Vorraussetzungen ab, mit der Begründung: "Nein, das gehört der Bank...". Ich sagte, dass auch Banken alte Immobilien schnell loswerden wöllten, aber er blieb hartnäckig. Nur private Verkäufe waren ihm recht. Noch ungewöhnlicher war, dass er darauf bestand, dass die Häuser recht dicke Gemäuer hatten. Das traf jedoch auf die meisten der alten Häuser zu, welche ich ihm anbot, deshalb scherte ich mich nicht weiter darum. Ich fand mich einfach damit ab, dass Karschi bei diesen Geschäften ein wenig eigen war. Bei den Besichtigungen von manchen Häusern in makellosem Zustand, schien er völlig grundlos das Interesse vollkommen zu  verlieren, während er von anderen Häusern, mit weit schlechteren Vorraussetzungen, nach den Besichtigungen plötzlich total angetan war und sich sofort auf ein Geschäft einließ.

Und dann kam der Tag an dem ich mitkommen sollte, zu solch einem Geschäft. Das Objekt war einfach perfekt, ein Traumhaus. Wenn auch verwuchert. Es war eine große Villa, um 1800 erbaut, zweigeschossig, ausgebaute Dachmansarde plus Turmzimmer, edle bordeauxrote Fassade und ein großer säulengetragener Rundbalkon mit marmoriertem Geländer sowie goldene Rokoko-Elemente an den Hausecken und passende Zierleisten zwischen den Etagen. Drumherum erstreckte sich ein weitläufiges Grundstück.

Einige Tage zuvor hatte ich Karschi gefragt, ob ich ihm, wie immer, das Geld für die Hälfte des Kaufpreises überweisen solle. Er hatte abgewinkt und gesagt, ich solle es einfach am entsprechenden Tag bar ins Büro mitbringen. Erschrocken fragte ich ihn daraufhin, ob er tatsächlich vorhatte, das Objekt mit Bargeld vom Verkäufer abzukaufen. Überrascht blickte er mich an und sagte, dass er bisher jedes Objekt in bar abgekauft hatte und ob mir dass nie aufgefallen sei. Ich hätte vielleicht an dieser Stelle aussteigen sollen, aus dem Geschäft, aber... Ich war verzweifelt. Und der andere Job war nun weg.

An dem Dienstagabend, an dem wir zum Objekt fuhren um den Kauf abzuwickeln, war ich ziemlich aufgeregt. Ich hatte mehrere große Geldbündel in einem Koffer auf dem Schoß. Mein Anteil und Karschi's Anteil zusammen. Das Geld wog schwer. Als wir ankamen, wollte ich aussteigen, doch Karschi wies mich an, Sitzen zu bleiben. Wir warteten, bis nach ein paar Minuten in einiger Entfernung ein anderes Auto zum Stehen kam. Dann stiegen wir aus. Die Dämmerung war ziemlich fortgeschritten. Nur eine Person stieg aus dem anderen Auto, ein älterer Herr, was ich jedoch nur an den Falten um seinen Mund erkennen konnte, denn der Hut, welchen er tief nach unten gezogen hatte, verdeckte den Rest seines Gesichtes. Karschi nahm mir den Koffer aus der Hand und ich fragte ihn, wo eigentlich der Notar sei und was das alles solle. Keine Antwort... Fliegend ging der Koffer über in die Hände der gegenüberstehenden Person. Der Mann drehte sich wortlos auf der Stelle um und ging zurück zu seinem Auto. Auch Karschi und ich fuhren zurück in's Büro. Mir war zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich mich strafbar gemacht hatte. Ich wusste nicht genau was abgelaufen war, aber ich wusste, dass es wahrscheinlich schlimm genug war, um hinter Gitter zu kommen. Ich hätte echt aussteigen sollen, wirklich. Aber ich war verzweilfelt. Mein anderer Job war weg, was hätte ich machen sollen?

Meine Sorgen legten sich recht schnell, als wir in der nächsten Zeit kein neues Objekt kauften und uns stattdessen der Restaurierung der Villa zuwendeten. Ich hatte immernoch ein mulmiges Gefühl bezüglich dieses Objektes, aber da es danach keine weiteren Auffälligkeiten mehr gab, redete ich mir ein, dass ich mich irgendwie reingesteigert hätte. Ich dachte mir, dass Karschi wahrscheinlich einfach nur Steuern hinterzieht. Klar, dass war eigentlich nicht ok, aber das machen viele Leute. Deshalb blieb ich dabei. Außerdem war dieses Gebäude einfach zu faszinierend und es gäbe keinen schlechteren Moment auszusteigen. Endlich konnte ich mich wieder von meiner Leidenschaft mitreißen lassen. Bereits am darauffolgenden Donnerstag hatten wir mit den Planungen begonnen. Wir waren erneut hingefahren zu besagtem Objekt und haben es uns von innen etwas genauer angesehen. Ich sah es zu diesem Zeitpunkt das erste Mal, denn nur Karschi war zu dem ersten Besichtigungstermin gefahren. Schon bevor wir drin waren, beeindruckte mich das Haus erneut, denn der Eingang lag auf der Rückseite, welchen ich bisher ebenfalls noch nicht genauer betrachten konnte, und vom Eingangsbereich blickte ein steinernes Engelsgesicht auf alle Personen, die durch die Pforte treten wollten. Der Stein in den Augenhöhlen hatte sich ziemlich dunkel verfärbt, was mir einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Das Gefühl war gleichermaßen unwohl als auch aufregend.

Die Innenräume des Hauses waren unvergleichlich schön. Eine große Eingangshalle, eine gut erhaltene breite alte Holztreppe, welche aus dem großen Flur in die obere Etage führte. Es gab mehrere Badezimmer, mit alten Fließen an Wänden und Boden, von denen einige jedoch zerbrochen oder gerissen waren. Hier war noch viel zu tun. Viele alte Spiegel mit majestätischen Rähmen - ich vermutete Originale aus der Entstehungszeit des Hauses - waren noch im Gebäude zurückgeblieben. Die beiden Wohnzimmer waren riesig und von großen bodentiefen Fenstern auf der Eingangsseite und der linken Hausseite erleutet. Vom oberen Wohnzimmer hatte man einen überwältigenden Blick auf den großen Garten, der sich vor dem Eingangsbereich im hinteren Teil des Grundstückes erstreckte. Vorallem der Garten müsste noch hergerichtet werden, bemerkte Karschi. Mehrere kleine Zimmer waren auf der rechten Seite und der Frontseite des Hauses um das Wohnzimmer herum gelagert, perfekt um später einmal Schlafzimmer und Kinderzimmer daraus zu machen, jedoch nur im Obergeschoss. Im Erdgeschoss hingegen, war etwas viel faszinierenderes an Stelle der kleinen Zimmer. Wenn man gerade durch den Eingangsbereich hindurch ging, an der großen Treppe vorbei, führten dort zwei Türen auf der rechten und linken Seite in zwei große Räume. Der kleinere Raum von beiden, sollte später einmal zur Küche mit integriertem Essbereich ausgebaut werden, der größere auf der linken Seite hingegen, war ein riesiger Saal, welcher von vielen Spiegeln geziert wurde, welche sich vom Boden bis zur Decke erhoben und das einfallende Tageslicht quer durch den ganzen Raum fielen ließen. Die Spiegel in diesem Raum waren von noch beeindruckenderem Aussehen, als die Restlichen im Haus. Ein großer Kamin stand an der einen Wandseite. Es war zauberhaft. Mit Abstand der schönste Raum im gesamten Gebäude. Mit den Händen fuhr ich über den alten Wandbelag. Mir war aufgefallen wie dick auch hier die Wände zwischen den Räumen waren. Es war nötig, wegen der Statik, denn die obere Etage und das große Dach übten ziemlich viel Druck auf das alte Gemäuer aus. Und trotzdem faszinierte es mich.

Ich fragte Karschi, was diese Wände wohl schon alles gesehen haben, in über 200 Jahren. Lächelnd nickte er und sagte, "Dieser Raum soll so bleiben. Wir werden die Wände nur neu streichen und die Spiegel reparieren."

Ein komischer Ausdruck lag in diesem Blick. Ich konnte es nicht richtig zuordnen.

Während der Restaurationsarbeiten selbst, hatte er mir geraten, mir freizunehmen. Ich konnte mir selbst ein wenig vom Guthaben des Geschäfts auszahlen und ein paar ruhige Wochen verbringen. Es gab sowieso nicht viel zu tun, deshalb war es mir ganz Recht.

Nach einer Woche jedoch, war mir ziemlich langweilig geworden und ich beschloss in das Büro zu fahren um dort ein paar potentielle oder interessante Objekte durchzuschauen, einfach nur, weil ich sonst nichts mit mir anzufangen wusste und ich die Gelegenheit eines offenen Grundbuches nicht ungenutzt lassen wollte. Nach einer knappen halben Stunde, hatte ich ein ziemlich interessantes Gebäude gefunden. Ich hatte mir einige Bilder davon angesehen und hatte beschlossen, dass ich hinfahren würde, um es vor Ort zu bestaunen. Es war ungefähr eine Dreiviertelstunde mit dem Auto entfernt. Ich wollte mir die Adresse und ein paar Infos notieren und kramte nach meinem Handy, welches ich jedoch im Auto liegen lassen hatte. Ich suchte also nach dem Notizblock, welcher jedoch auch nicht an seiner Stelle lag. Deshalb schaute ich unten in dem Schrank unter dem Schreibtisch. Mir fiel auf, dass ich noch nie in dieses Regal reingeschaut hatte, noch hatte ich jemals gesehen, dass mein Geschäftspartner etwas dort herausgenommen oder hineingelegt hatte.

Als ich den Schrank öffnete, war ich verblüfft, denn ich sah lediglich mehrere große Stapel von gebrannten DVD's. Ich betrachtete die DVD's genauer. Alle waren nummeriert und mit einem Datum versehen, außerdem schienen Namen und Adressen als Kürzel darauf angegeben zu sein.

Aus reiner Neugierde, legte ich die oberste DVD, deren Datum erst ein paar Wochen zurücklag, in den Computer ein. Als dieser die DVD gerade gelesen hatte und ich den Eintrag im Explorer auswählen wollte, öffnete sich die Tür und ich erschrak fast zu Tode. Karschi trat in den Raum und seine Miene fror ein, als er die offene Schranktür sah, vor der ich saß. Er ging schnell zum Computer und fragte, was ich hier mache. Bevor er die DVD aus dem Laufwerk nehmen konnte, gelang mir ein Blick auf die Datenträger-Übersicht:


Datenträgername: "Marcusstraße_12_27.06.14"
Inhalt: 27 Videos


Ich fragte ihn, was auf den DVD's sei, woraufhin er stuzte und nach einer Pause sagte, es seien nur Materialien über ein paar Objekte und Backups von Firmendaten. Ich kümmerte mich nicht weiter darum... Ich hätte mir vielleicht Sorgen machen müssen. Vielleicht wäre ich dann aus dem Geschäft ausgestiegen. Aber ich war verzweifelt. Und ich verstand nicht, wie ich jemals auf die Idee gekommen war, meinen alten Job hierfür einzutauschen. Ein halbkriminelles Arbeitsumfeld, in dem ich nichtmal mehr meinem Geschäftspartner vertrauen konnte...

Anderthalb Wochen später waren alle Umbauten abgeschlossen und mein Urlaub war auch wieder vorbei. In den darauffolgenden Tagen hatten sich mehrere Interessenten gemeldet, welche vorhatten, die Villa zu mieten. Wir reden hier von einer Villa, logischerweise waren alle Bewerber gut betucht und wiesen die perfekten Vorraussetzungen für ein gutes Mietverhältnis auf. Meistens begleitete ich die Interessenten durch das Gebäude und zeigte Ihnen alles. An meiner Stelle hätte ich bereits den ersten Mietbewerbern, einem reichem Ehepaar im mittlerem Alter, sofort einen Mietvertrag gegeben, doch Karschi war stur. Er schien nach etwas Anderem in den Interessenten zu suchen. Auch dem zweiten reichen Bewerber, welcher sich für das Gebäude als gelegentlichen Sommerwohnsitz interessierte, erteilte er eine Absage, sogar nachdem dieser angeboten hatte, einen höheren Preis zu zahlen. Das gleiche war es mit den nächsten zwei Interessenten, jeweils junge, erfolgreiche und kinderlose Pärchen.

Die nächsten Bewerber waren anders. Sie waren natürlich auch reich. Aber etwas bescheidener. Es war ein junges Ehepaar und sie hatten eine junge Tochter, nicht älter als neun Jahre. Sie waren sehr begeistert von der Wohnung und interessanterweise, war Karschi diesmal auch von der Familie begeistert. Der Mietvertrag war schnell unterschrieben und ein paar Tage später war die Familie eingezogen. Das war vor zehn Tagen. Ich hätte stutzig werden sollen. Warum habe ich an dieser Stelle nicht eingegriffen? Ich hätte zumindest aussteigen können aus dem Geschäft. Aber die Verzweiflung... Und mein alter Job...

Die Familie, wohnte erst vier Tage in der Villa, als es dann in der Nacht zum fünften Tag geschah... Es stand auch in der Zeitung. Im Fernsehen kam es soweit ich weiß auch. Das ist zu schlimm, ich weiß nicht wie ich es hier in Worte fassen soll. Ich hatte diese Menschen noch wenige Tage zuvor gesehen, hatte ihre Stimmen gehört und zugesehen, wie sie zusammen ihre Zukunft in dem Haus planten. Ich hatte noch vor ein paar Tagen die Freude auf ihren Gesichtern gesehen...

Und dann wurden sie einfach so in ihrem Haus ermordet. Aber es war kein normaler Mord. Es gab kein Motiv. Niemand in der Gegend kannte die Familie, nichts wurde gestohlen. Nein. Es war eine Hinrichtung. Eine Zeremonie, durchgeführt vom Täter. Spurensicherung und Rechtsmedizin hatten ergeben, dass man allen Dreien, nach einer schon fast ritualartigen Vorgehensweise das Leben nahm. Ich möchte nicht genauer darauf eingehen, aber diese Vorgehensweise enthielt wohl unter anderem das gezielte amputieren von Körperteilen und Vergewaltigung. Die Tat wurde durchgeführt in dem großen Spiegelsaal. Am selben Morgen, an dem ich davon erfuhr, rief ich Karschi an. Er war nicht zu erreichen. Ich fuhr in das Büro. Es war leer.

Das war vor sechs Tagen...

Fünf Tage später war der Tatort komplett geräumt und es gab keine Ermittlungen mehr vor Ort. Ich betrat das Haus. Der Polizeibericht enthielt lediglich den vermuteten Tathergang. Es gab keine Spur. Als ich in dem großen Saal stand, kam ein Gefühl des Grauens über mich. Ich sah mich selbst an, in den großen Spiegeln. Die Einrichtung der Familie war noch vorhanden. Ein Spiegel ist mir besonders aufgefallen. In der unteren Ecke war ein Riss und die Spiegelfläche sah an dieser Stelle seltsam dunkel aus. Mir ist dann aufgefallen, dass der Spiegel schräg stand. Verschoben. Als ob etwas oder jemand dagegen gefallen wäre. Auf der rechten Seite konnte man hinter den dicken Rahmen greifen...

Ich fuhr mit beiden Händen in die dunkle Lücke und zog den Spiegel aus der Befestigung an der Wand. Der alte Rahmen knarrte laut, blieb aber stabil genug und so konnte ich den gesamten Spiegel zur Seite bewegen. Was ich dahinter fand, erklärte all die seltsamen Vorkommnisse.

Mit einem Schlag, wusste ich, wieso Alexander Karschwohl, dieser verdammte Hurensohn, niemals von Banken kaufen wollte, wieso er nichteinmal offiziell kaufte, wieso er nur Bargeld benutzt hatte! Ich wusste, warum er weg war...

Ich wusste, warum er kriminelle Verbindungen hatte, welche ihm Zugriff auf das Grundbuch verschafft hatten!

Ich wusste, warum er alte Häuser, mit alten dicken Mauern suchte und mir fiel auf, wieso er so plötzlich das Interesse an manchen Häusern verloren hatte. Er hatte immer auf die Spiegel geachtet!

Denn ich wusste nun auch, was eigentlich auf den DVD's in dem Schrank gespeichert war. Es waren nur Videos...

Auf allen DVD's! Nur Videos! Manch einer würde viel bezahlen für so eine kranke Scheiße...

Das alles wurde mir klar, als ich in den Hohlraum hinter dem einseitigem Spiegel sah, wo mir das rote Licht einer Kamera entgegenleuchtete. Ich hatte noch alle anderen Spiegel im Saal und auch in anderen Räumen abgesucht. Es war bei allen Spiegeln das Gleiche...

Das war gestern...

Heute habe ich einen Umschlag in meinem Briefkasten gefunden. Er enthält eine DVD. Sie ist nicht beschriftet. Ich habe sie bereits eingelegt, aber ich zögere noch... Ich weiß nicht, ob ich das sehen will...

Datenträgername: "Snuff_Film:_Familienfeier"
Inhalt: 1 Video

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