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Intoleranz

Unfähigkeit andere Anschauungen, Einstellungen, Eigenschaften und Sitten zu akzeptieren und gelten zu lassen.

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Übersicht (Teil 2)

Eins: Versammlung Bearbeiten

In jeder Demokratie ist das Recht auf Versammlung essenziell. Unter diesem Stern stand auch die Zusammenkunft der Einwohner eines bestimmten Dorfes in dessen Mehrzweckhalle. Es war neun Uhr abends und fast jeder mündige Einwohner war vertreten, nur Kinder waren nicht im Saal zu finden. Der Bürgermeister des Dorfes St. Agatha, meist nur mit seinem Vornamen ‚Manfred‘ angesprochen, stand auf der kleinen Bühne und sprach zur Menschenmenge:

„Also, wie ihr sicher alle gemerkt habt, hat die Hauptstraße dringend ein paar Verbesserungen nötig, deshalb….“ „Hör auf, um den heißen Brei herumzureden, Manfred!“, unterbrach ihn eine Stimme aus der Masse seiner Wähler. Ein hochgewachsener Mann mit braunen Haaren, Bierbauch und Brille stand auf. „Wir wissen doch alle, warum wir hier sind! Wir haben dieses… Ding alle gesehen.“

„Thomas, bitte…!“, versuchte der Bürgermeister einzulenken, doch ihm war klar, dass er Recht hatte. Heute waren drei Schulkinder umgekommen, deren Familien nicht anwesend waren. Die Schule selbst war bis auf ihre Grundmauern abgebrannt und zusätzlich hatten sämtliche Zeugen von einer Art… Schattenwesen berichtet. Einer riesigen, breiten Kreatur mit roten Augen, die nur schemenhaft zu erkennen gewesen waren. Im Bruchteil einer Sekunde war sie erschienen, war eine kurze Zeit zu sehen und löste sich ebenso schnell wieder in Luft auf. Noch am Anfang dieses Tages hätte Manfred jeden für verrückt erklärt, der so etwas berichtet hätte.

„Ja… wir haben es alle gesehen!“ Neben Thomas stand noch ein weiterer Mann auf. „Und das war verdammt nochmal kein Mensch! Ich glaube nicht an Geister, aber ich traue meinen eigenen Augen!“ „Also das ist doch…!“ Ein älterer Mann von der Sorte, die es im Dorf reichlich gab, rief in die Menge: „Ich wohne schon mein ganzes Leben in St. Agatha und habe noch nie was von irgendwelchen Monstern mitbekommen! Und das ist doch wohl…“ Die Frau die neben ihm saß kniff ihm in den Arm und schnitt ihm somit das Wort ab. Allmählich bildete sich ein flüsterndes Stimmengewirr auf der Versammlung.

„Leute, bitte!“ Manfred sprach ins Mikrofon. Einen so lockeren Umgangston konnte er sich nur erlauben, weil jeder Bewohner des Dorfes jeden anderen kannte und das halbe Dorf miteinander verwandt war. „Also angenommen da war wirklich ein Monster, oder… Geist… oder was auch immer…“ Er versuchte sich an die Zeugenaussagen zu erinnern. Die Eltern, die Lehrer, selbst Feuerwehrleute und Sanitäter, alle hatten dasselbe berichtet. Einzig die Kinder wurden nicht befragt.

„Also wenn das wirklich irgendein übernatürliches Wesen war, bringt es nichts, an die Öffentlichkeit zu gehen. Außerhalb des Dorfs wird uns niemand glauben. Erst einmal sollten wir herausfinden, worum es sich handelt, und wo es herkommt!“, beendete der Bürgermeister seinen Satz.

„Wo es herkommt?“ Eine Frau mit braunen Haaren und rundlichem Gesicht nutzte die Gelegenheit und nahm die Aufmerksamkeit des Dorfes in Beschlag. „Ist das nicht offensichtlich? Ihr wisst es doch alle! Ihr wollt es nur nicht wahrhaben! Seien wir mal ehrlich! Wer war vor drei Jahren anwesend, als der alte Theo starb? Wer war der Letzte im Raum, bevor Tatjana, die Kindergärtnerin, in die Anstalt eingeliefert wurde? Meine Tochter hat es schon gesagt und ich wollte ihr zuerst nicht glauben, aber es gibt einfach keine andere Erklärung!“ Sie machte eine Pause. Ihr Tonfall hatte verraten, dass sie sich für die einzig verständige Person auf der Welt hielt.

Bevor sie den Satz beinahe genüsslich beendete, holte sie tief Luft: „Maksim DiCato!“ Augenblicklich sprang eine blonde Frau mit Brille auf. „DAS IST EINE UNVERSCHÄMTE UNTERSTELLUNG!“, kreischte Maja DiCato ihrer Nachbarin entgegen. Oberflächlich waren sie befreundet, doch letzten Endes waren sie zu verschieden um sich wirklich zu mögen. „Maja, beruhige dich!“, sagte Abramo DiCato, ihr Mann und zog sie zurück in Sitzposition. „ICH SOLL MICH BERUHIGEN? DIESE…“ „Maja…!“ Eine weitere Person fühlte sich zu wenig beachtet und ergriff das Wort.

„Maja, wir sagen ja gar nicht, dass er es böswillig tut, aber erzählt er nicht immer selbst davon, von Monstern verfolgt zu werden? Was auch immer dieses Wesen war, es war wohl hinter ihm her.“ Sein Tonfall war sachlich und klang seriös. Wie sehr der Sprecher von sich eingenommen war, war offensichtlich. „Dass du wieder mit deiner Besserwisserei kommst war klar, Christoph!“, antwortete Maja gereizt. „Es geht hier um unseren Sohn! Jetzt sag du doch auch mal was!“, keifte sie gleichzeitig Christoph, ihren Mann und den Rest der Menge an.

„Euer Sohn? Schön und gut… Aber heute sind schon drei Kinder gestorben! Irgendwann heißt es vielleicht er oder wir!“ Jemand hatte mit verstellter Stimme dazwischen gerufen. Ein angeregtes Getuschel breitete sich aus. Man hörte einige zustimmende Laute…

Nun ging es auch Abramo zu weit, der die Dinge wesentlich objektiver sah als seine Frau. „Er oder wir?“ Wie schon die anderen stand er auf. „Was soll das denn heißen?“ Seine Stimme nahm eine seltene Lautstärke an. „ICH WEIß NICHT, WER VON EUCH FEIGLINGEN DAS GESAGT HAT. ABER…!“

„Ganz ruhig!“, versuchte Manfred von der Bühne aus zu deeskalieren. „Niemand hat die Absicht, eurem Kind etwas anzutun!“ Die Menge wurde noch unruhiger. Hier und da hörte man Dinge wie, „Eben!“, „Selbstverständlich!“ oder „Wofür haltet ihr uns?“

„Wir werden euch auch nicht aus dem Dorf werfen oder sowas! Wir finden eine Lösung!“ Die Stimmung war daraufhin erfüllt von Zustimmung, von energischem Nicken… und von Heuchelei. Maja konnte die missbilligenden Blicke spüren. Die Abneigung gegen etwas, das das Weltbild des Dorfs überstieg. Der Hass auf jemanden, der das bequeme und einfache Leben, auf das die Dorfmenschen so stolz waren, stören könnte. Sie hatte in diesem Moment nur noch den Wunsch, die Halle zu verlassen.

„Aber fürs Erste bleibt uns wohl nichts anderes übrig als abzuwarten. Ich hoffe wir konnten wenigstens ein bisschen klären. Also beende ich die Sitzung jetzt!“, sagte Manfred und stieg von der Bühne. Die Einwohner verließen nach und nach die Halle, während noch immer eine unterschwellige Feindseligkeit in der Luft zu spüren war. Nicht nur, dass jedem klar war, dass diese Versammlung nicht die geringsten Ergebnisse oder Lösungen hervorgebracht hatte, das Dorf hatte jetzt auch ein neues Feindbild. Eine Familie mit einem kleinen Jungen, der nun zum Sündenbock von St. Agatha geworden war.

Manfred war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, doch durch seine Passivität, seine Introvertiertheit was das Dorf anging und seinen Mangel an wirklichen Lösungsvorschlägen hatte er Maksim DiCato für vogelfrei erklärt.


Zwei: Treue Bearbeiten

Marielle Rousseau erwachte aus unruhigen Träumen. Eine Zeit lang zitterte sie, unfähig Traum und Realität auseinander zu halten. Unangenehm klebriger Schweiß rann ihre Beine hinab, außerdem fühlte ihr Mund sich trocken an. Hektisch suchte sie ihr Zimmer nach ominösen Schatten ab. Sie hatte nicht mehr oder weniger Angst vor Monstern als jeder andere Achtjährige auch, doch nach den Ereignissen dieses Tages war sie geradezu panisch. Maksim hatte schließlich bewiesen, dass Monster existierten. Sie atmete durch, im Moment wollte sie nur noch zu ihren Eltern, zusätzlich machte sich der Durst immer stärker bemerkbar.

Sie stand auf und tapste auf den Flur. Mit angehaltenem Atem spähte sie ins Zimmer ihrer kleinen Schwester, die sieben Jahre jünger war als sie. Marielle wollte niemanden wecken und so schwebte sie zur Treppe und schlich Stufe für Stufe ins Erdgeschoss, dabei blies sie sich immer wieder die blonden Locken aus dem Gesicht.

In der Küche angekommen sah sie sich die phosphoreszierende Uhr an. Nachdem sie sich voll auf den Anblick der Zeiger konzentriert hatte und ein unsicheres Wissen, das sie noch nicht allzu lange erworben hatte, abrief, kam sie zu dem Schluss, dass es zwanzig Minuten vor Elf sein musste. Eigentlich sollte sie tief und fest schlafen, doch die schmerzhafte Trockenheit in ihrem Mund verhinderte dies. So ging sie zum Kühlschrank und nahm in freudiger Erwartung eine Flasche Apfelsaft heraus. Doch als sie auf Zehenspitzen zurückschleichen wollte, sah sie Linien aus Licht, die aus dem Spalt der Wohnzimmertür heraustraten.

Unfähig, ihre Neugier zu bezähmen presste sie ihr Auge auf das kleine Sichtfenster. Ihre Eltern, Renée und Jeanette Rousseau, saßen mit dem Rücken zu ihr. Marielle hielt so gut sie konnte den Atem an und lauschte:

„Töten? Du glaubst allen Ernstes jemand würde ihn töten?“ Die Augen des kleinen Mädchens weiteten sich. Sie hatte ihre Mutter noch nie in so einem entsetzten Tonfall gehört. Ihr Vater seufzte. „Über kurz oder lange wird es jemand versuchen. Du hast dieses Wesen doch genauso gesehen wie ich! Das sprengt nicht nur das Weltbild des Dorfes, sondern das der Menschheit an sich…! Ganz St. Agatha dürfte in einem Schockzustand sein!“

Jeanette sah ihren Mann ungläubig an. „Das kann doch nicht dein Ernst sein! Wir wissen doch gar nicht, ob Maksim wirklich der Auslöser war! Es könnte doch alles ein Zufall gewesen sein! Auf dieser Grundlage kann man doch nicht über ein Menschenleben entscheiden!“ Sie musste sich beherrschen, nicht allzu laut zu schreien.

Renée ließ sich nicht aus der Fassung bringen und warf der Mutter seiner Kinder einen ernsten Blick zu. „Jeanette, Leute die in einem Dorf aufgewachsen sind, haben ein sehr beschränktes Weltbild und fühlen sich leicht bedroht. Dörfer stehen für Intoleranz… Und du glaubst wirklich, dass solche Menschen einen Beweis brauchen? Ein Verdacht gegen jemanden, von dem sie sich ausreichend bedroht fühlen, genügt und sie fallen zurück in Barbarei.“

„Aber…Er ist noch ein Kind, Renée!! Kein Einwohner würde aus dem Stegreif ein Kind ermorden! Vielleicht ist Maksim ja wirklich eine Gefahr, aber deswegen wird ihn niemand gleich töten! Vielleicht wird er noch mehr ausgeschlossen, aber dass er wirklich in Lebensgefahr schweben soll?“, lenkte Jeanette ein, doch auch darauf wusste ihr Mann eine Antwort:

„Heute sind drei Kinder gestorben… Und ich will ehrlich sein… Irgendetwas Seltsames, etwas Beunruhigendes geht von Maksim aus. Das ging es schon immer und wenn diese… Wesen öfter auftauchen, wird die Angst vor ihm wachsen. Man wird ihn nicht mehr als Kind sehen… Nicht einmal mehr als Mensch.“

Marielle verstand kaum die Hälfte von dem, was ihr Vater sagte, doch sie konnte es fühlen. Ihr sensibles Kinderherz spürte, dass ihr Sandkastenfreund in Lebensgefahr schwebte. „Was sollen wir machen? Wir können es doch nicht zulassen! Die Polizei…!“ Jeanette stockte nachdem sie das gesagt hatte. Wie sollten sie der Polizei erklären, dass ein Kind in Gefahr war? Auch wenn sie dieses Monster im Feuer nicht erwähnten, hatten sie keinerlei Beweise.

„Auch wenn die Polizei keine Option ist, wir können Maksim doch nicht einfach sterben lassen! Was sollen wir nur machen?“ Jeanette schmiegte sich an ihren Mann und unterdrückte die Tränen. Renée sagte lange Zeit lang nichts. Als Psychologe fiel es ihm normalerweise nicht schwer, die richtigen Worte zu finden, doch dieses Mal war auch er mit der Situation überfordert. „Ich denke…!“, sagte er schließlich, „ich denke, dass es nicht unsere Sache ist. Auch wenn es sich grausam anhört. Letztendlich sind es Abramo und Maja, die die Entscheidung treffen müssen. Er ist ihr Sohn.“

„Was?“ Seine Frau war im ersten Moment entsetzt… doch dann begriff sie. Was würde passieren, wenn sie sich einmischten? Noch war alles ruhig, doch sie wusste, dass ihr Mann Recht hatte. Maksim stellte eine Bedrohung dar, der niemand beizukommen wusste. Und in solchen Situationen wurde zu Gewalt gegriffen. Wenn sie sich jetzt auf die Seite der DiCatos stellen würden, würden sie auch ihre Familie in Gefahr bringen.

Sie dachte an ihre Töchter. Lilou und Marielle, die beiden Mädchen, die sie über alles liebte. Wie sollte sie Marielle erklären, dass der kleine Nachbarsjunge, den sie so gerne hatte, tot war? Ihr war nie ganz wohl gewesen, wenn ihre Tochter mit ihm spielte, doch bis vor kurzem schien ihre Sorge unbegründet zu sein.

„Also glaubst du felsenfest, dass Maksim sterben wird?“ Während sie das sagte, hatte sie keine Ahnung, dass ihre Tochter sie belauschte. „Ich fürchte ja…“, sagte Renée knapp. Und das war die Bestätigung, auf die Marielle gewartet hatte.

Sie drehte sich um und rannte zur Haustür. In Windeseile schlüpfte sie in ein kleines Paar Pantoffeln und verließ das Haus. Ihr war strengstens verboten worden, nachts nach draußen zu gehen, doch dieses Mal war es anders! Sie sah es als ihre Aufgabe an, den kleinen Jungen von nebenan zu beschützen, und jetzt wo sein Leben in Gefahr war, schien es in Ordnung, ein paar Regeln zu brechen. Sie war der festen Überzeugung, dass ihr Vater immer Recht hatte und so zweifelte sie keine Sekunde daran, dass Maksim sterben würde, wenn sie nicht eingriff.

Als sie das Nachbargrundstück betreten hatte, ergriff sie einige Kieselsteine aus dem Vorgarten und widmete sich dann einem Fenster im Erdgeschoss, hinter dem das Kinderzimmer lag. „MAKSIM!“, rief sie so laut sie es wagte und warf einen Kiesel nach dem anderen gegen das Glas. „MAKSIM, WACH AUF!“ Inständig hoffte sie, dass ihre Rufe nicht auf die falschen Ohren trafen, doch schließlich wurde das Fenster geöffnet.

„Marielle…?“, fragte eine schläfrige Stimme. „Was machst du? Warum bist du noch im Schlafanzug und warum…?“ Er hustete und seine Stimme klang rau, was auf die Nachwirkungen einer leichten und bereits behandelten Rauchvergiftung zurückzuführen war. Marielle machte jedoch keine Anstalten, die Frage zu beantworten:

„Komm raus! Spring aus dem Fenster, wie ich‘s dir gezeigt hab‘! Sofort! Wir müssen dich verstecken! Schnell!“ „Aber… aber….“ Die Worte irritierten den Jungen. Wieso sollte Marielle von ihm verlangen, nachts das Haus zu verlassen? Ein furchtbarer Gedanke kam ihm. Wollte sie ihm etwa auch einen gemeinen Streich spielen? Hatte seine einzige Freundin ihn verraten?

„Maksim! Komm runter! Sie wollen dich kriegen! Sie töten dich! Bitte, bitte! Wir müssen dich verstecken!“ Tränen der Angst und Trauer kullerten über das kindlich-hübsche Gesicht des kleinen Mädchens. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke. Maksim sah die aufrichtige Sorge in Marielles Augen. Doch dann kam ihm ein anderer Gedanke… Hatte sie ihm gerade gesagt, dass er sterben würde? Maksim zitterte. Er hatte furchtbare Angst vor dem Sprung aus dem Fenster, aber was würde passieren, wenn er es nicht tat?

Er schluckte noch einmal. Dann holte er sich einen Stuhl und ein eigenes Paar Hausschuhe aus seinem Zimmer, kletterte auf das Fensterbrett und holte noch einmal tief Luft bevor, er sprang. Trotz des Schreckens, den er bekam, landete er mehr oder weniger sicher und unverletzt.

„Was ist los? Wo wollen wir hin?“, fragte er. „Wir müssen ein gutes Versteck suchen!“, war die Antwort. In ihrer kindlichen Naivität war die kleine Retterin überzeugt, ein gutes Versteck finden zu können. Keines der Kinder begriff, was so eine Flucht bedeuten konnte. Für sie lag ein endgültiger Abschied außerhalb des Vorstellbaren, beide waren überzeugt, dass bald wieder alles gut werden würde und sie dann wieder sicher bei ihren Eltern wären.

Die Nacht war kühl und Maksim hatte gerade erfahren, dass er sterben sollte, doch weder fror er noch hatte er Angst. Er spürte Wärme und Sicherheit von Marielle ausgehen. Seiner besten Freundin und Beschützerin, die ihm bis zum Ende ihre Treue bewies. Die beiden hatten einander und so schien es, als wären sie jeder Gefahr gewachsen. Voller Hoffnung rannten die Kinder in die Dunkelheit des Dorfes St. Agatha.


Drei: Ein TraumBearbeiten

„Wo wollt ihr Kinder denn so spät noch hin?“ Maksim und Marielle mussten erkennen, dass eine schlecht geplante Flucht meistens scheitert. Nachdem sie nur wenige Meter gerannt waren, trafen sie auf eine alte Frau, die ihren Hund spazieren führte. Es war noch nicht ganz elf Uhr nachts und sie sah sich einem schwarzhaarigen Jungen und einem blonden Mädchen gegenüber, beide im Schlafanzug und von ihren Eltern war nichts zu sehen.

Der alten Dame war sehr wohl bewusst, aus welchen Familien diese Kinder stammten, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Seid ihr nicht noch ein bisschen klein für Nachtspaziergänge? Eure Eltern machen sich bestimmt Sorgen!“ „Wir sind auf dem Weg zu ihnen!“ Eine bessere Ausrede fiel der Kleinen nicht ein. Die Frau zog eine Augenbraue hoch. „Es ist aber gefährlich, so nachts ganz alleine, am besten ich begleite euch oder rufe eure Eltern an!“

„Nein, vielen Dank, wir schaffen das schon!“, entgegnete Marielle mit einem herzhaften und kindlichen Unschuldslächeln. Durch einen Stoß in seine Seite ermutigte sie Maksim zu einem Nicken. „Wie ihr meint, aber passt auf euch auf, Kinder!“, sagte die alte Dame und schenkte ihren Gesprächspartnern ebenfalls ein Lächeln, von dem jedoch selbst diese wussten, dass es künstlich und aufgesetzt war. „Äh… Ja…!“, sagten sie gleichzeitig und beeilten sich, an der alten Dame vorbeizukommen.

Somit bekamen sie nicht mit, wie die Frau in für ihr Alter beeindruckender Geschwindigkeit nach Hause eilte und zum Telefonhörer griff.

„Marielle, warte…!“, rief Maksim als die zurückgelegte Strecke etwas größer geworden war. Er atmete schwer und pfeifend, während er die Hände auf seine Oberschenkel stemmte. Der viele eingeatmete Rauch am vergangenen Mittag kam erschwerend zu der Tatsache hinzu, dass er ohnehin kein sonderlich guter Sportler war.

„Wir rennen aber dann gleich weiter, wenn du kurz Pause gemacht hast!“, war die trotzige Antwort. Marielle überlegte weiter, was ein passendes Versteck wäre. Ihr fiel eine Scheune im Wald ein, ebenso ein alter Bunker, aber die waren furchtbar gruselig. Eine ihrer Freundinnen hatte in ihrem Keller eine versteckte Tür zu einem ungenutzten Raum… Das wäre ideal, aber sie würde sie erst einmal überreden müssen, Maksim bei sich aufzunehmen.

Am besten wäre es wohl, erst einmal ein gutes Versteck für die Nacht zu finden. Sie würde bei Maksim bleiben, damit er sich nicht fürchtete, zumindest redete sie sich das ein, denn insgeheim hatte sie selbst furchtbare Angst davor, in dieser Nacht alleine zu sein. Nach einem kurzen Verschnaufen des Jungen rannten die Kinder weiter.

Nach einigen Minuten bogen sie in eine Seitengasse, Maksim schluckte angesichts der für ein Kind viel zu tiefen Finsternis. Er spürte, wie eine zitternde Hand seine Eigene ergriff. In diesem Moment wurde ihm klar, dass Marielle nicht so furchtlos und stark war, wie er immer gedacht hatte. Sonst war er immer der Ansicht gewesen, dass sie, seine beste Freundin, ihn vor allem beschützen könne, doch nun musste er einsehen, dass Marielle auch nur ein Kind war… mit den Ängsten eines Kindes. Sie waren alleine. Alleine in der Dunkelheit. Niemand würde ihnen helfen können, falls SIE kamen.

„Ancora…!“, flüsterte eine Stimme in der Nacht. Maksim schreckte hoch. „Hast du das gehört?“, fragte er wie betäubt. „Was gehört?“ Das Mädchen sah ahnungslos aus. „Ancora…!“ Ihr kleiner Begleiter ließ ihre Hand los als er dieses Wort aussprach. Er wirkte vollkommen geistesabwesend, selbst als er weitersprach: „Wir müssen hier weg, Marielle! Sofort!“

Sie konnte sein Gesicht nicht genau erkennen, doch alleine die Umrisse seiner schrecklichen Angst reichten, dass die beiden Kinder aus der Gasse sprinteten. Marielle spürte, wie panisch der Junge war und sie wollte einfach nur weg. Es war eine kleine Straße, die zwischen zwei Häusern hindurchführte, doch es kam ihr vor, als wäre diese Straße plötzlich viel länger.

Sie rannte schneller und schneller aber… außer, dass sie langsam außer Atem geriet geschah nichts. Das Ende der Straße war durch eine Laterne beleuchtet, deren Lichtkegel eigentlich immer näherkommen sollte, doch er schien sich schlichtweg zu weigern. Egal wie sehr sie sich bewegten, sie schienen nicht vom Fleck zu kommen.

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„Hey Maksim… Irgendwas stimmt nicht, wir…!“ Sie kam nicht weiter. Urplötzlich schienen sich die beiden Häuserwände, rechts und links vom Straßenende, zu bewegen. Sie schlossen sich, als wären die das Maul einer Bestie. Mit einem Mal sahen sich die Kinder einer Sackgasse gegenüber. „Was passiert hier?“, flüsterte Marielle und spürte, wie ihr Herz immer schneller schlug und sich ihr Inneres vom Magen aufwärts zusammenzog. Maksim stand nur kerzengerade da und starrte ins Leere. Dann bekam der Boden um sie herum Risse. Ein orangenes Leuchten drang aus einer brüchig gewordenen Straße und dabei blieb es nicht: Der zerschmetterte Weg fiel Brocken für Brocken in eine plötzlich entstandene Tiefe. Als Marielle nach unten sah, entdeckte sie, dass die Steinfragmente in einen gähnenden schwarzen Abgrund fielen. Ein Loch ins Nichts, das von einem Ende der Gasse zum anderen reichte. Die Kinder standen nun auf einer Plattform, die über dieser verheerenden Grube schwebte. Sie wollten schreien, doch bekamen keinen Ton heraus, alles was sie taten, war voller Schrecken in die bodenlose Leere starren. Und das sollte nicht das Schlimmste bleiben. Die Wände begannen damit zu pulsieren. Marielle glaubte, Adern an ihnen zu erkennen. Sie hörte ein Pochen wie von einem Herz. Dann geschah das Schrecklichste. An der Wand bildeten sich unförmige Gesichter. Toter Stein formte sich zu einer grotesken Kombination aus Augen, Nase und Mund. Unzählige Köpfe aus Stein ragten aus der Wand. Schließlich konnte Marielle es hören. Das Wort, von dem ihr so schwächlich wirkender Sandkastenfreund ständig gequält wurde. „Ancora!“, riefen die Gesichter im Chor. „Ancora…!“ Das war zu viel. Sie begann unkontrolliert zu schreien. Hatte den Drang sich zu übergeben und war schließlich nicht mehr in der Lage das Gleichgewicht zu halten. In einem unwirklich scheinenden Moment sah sie mit an wie sie stolperte und in den gierigen Schlund der Finsternis fiel. Doch als sie den Rand der Insel erreicht hatte schlug sie hart auf. Unfreiwillig schloss sie die Augen und als sie sie wieder öffnete, war wieder alles wie vorher. Keine Gesichter, keine lebendigen Wände, kein Abgrund, nur die Straße. Maksim stand unverändert neben ihr. Ansonsten war alles still… seltsamerweise hatte niemand ihren Schrei gehört „W-w-was war das?“, stotterte sie, nachdem sie sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt hatte. „Ein Traum…“, flüsterte der Junge. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie viel davon Maksim bereits hinter sich hatte. Allmählich musste sie sich Fragen stellen, die sie sonst erfolgreich verdrängte: Was hatte ihr kleiner Nachbar schon alles durchgemacht? Wer oder was war dieser Junge? Sie stand auf und biss sich auf die Lippe. Ihre Mutter sagte ihr immer, dass man manchmal stark sein musste und das würde Marielle, das schwor sie sich. „Komm, wir müssen weiter!“, rief sie und zerrte ihn aus der Gasse, an deren Ende das Licht endlich näher kam. Keiner der Beiden kannte das Wort ‚Illusion‘, doch diese Szene würde sie noch lange verfolgen. Sie wussten nicht, woher diese Trugbilder kamen, ihre kindlichen Verstände nahmen es einfach hin. Einen Erwachsenen hätte dieses Erlebnis wahnsinnig gemacht. So setzten Marielle und Maksim ihre Flucht fort. Unwissend darüber, dass dies erst der Anfang war.
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Übersicht (Teil 2)


Dieser Teil könnte etwas unfertig oder unspektakulär wirken, ich bitte dies zu entschuldigen, da das zweite Kapitel dieser Geschichte viel zu lange geworden wäre und deshalb in zwei Teilen erzählt wird :)

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