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Wiedersehen

Christian hasste Schulen. Jedes fröhliche Kind auf dem Pausenhof erinnerte ihn daran, was er Emily nicht zurückgeben konnte. Es war eine Erleichterung für ihn, als eine schiefe Glockenmelodie signalisierte, dass die Schüler den langen, beschwerlichen Weg zurück ins Klassenzimmer zu beschreiten hätten.

Wenn er ihnen folgte, würde sich schon alleine durch sein Aussehen verdächtig machen, und das konnte er sich nicht leisten. So wartete er, bis er alleine auf dem Schulhof war.

Sein ganzer Leib zitterte, was nicht nur daran lag, dass er seit seiner Freilassung keinen Alkohol getrunken hatte. Immer und immer wieder blitzten die alptraumhaften Erinnerungsfetzen vor seinen Augen auf. Hatte er diese… diese Monster wirklich gesehen? Maksim schien eine schreckliche Macht über Wesen zu besitzen, die allem Anschein nach in der Lage waren, die unnachgiebigen Ketten der Naturgesetze zu sprengen.

Er ballte die Fäuste, um dem Schauder entgegenzuwirken. All das durfte ihn nicht abhalten! Er musste weitermachen! Schließlich unterdrückte er die Ressentiments gegen Schulen und betrat trotz seines kontrahierenden Brustkorbs das Treppenhaus.

Er erreichte den ersten Stock der Schule und hielt nach dem Lehrerzimmer Ausschau. Kurz nachdem er einige Kilometer vor einer größeren Stadt aufgewacht war, hatte er die einzige Person angerufen, von der er sich Hilfe versprach.

Und nun durchschritt er wortlos ein großflächiges Foyer und betrachtete die geschlossenen Klassenzimmer. Mit gespitzten Ohren lauschte er jeder Information, die er kriegen konnte. Gedämpftes Raunen war alles, was er hörte, bis die autoritäre Stimme einer Lehrerin durch einen offenen Türspalt drang: „So, ließ das Gedicht bitte laut und deutlich vor!“ Ein pubertär klingender Junge leistete sogleich Folge:

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hält den Knaben…“, mehr bekam Christian nicht mit. Ein glühender Haken durchbohrte seine Brust von unten nach oben, seine Beine gaben nach und er sank auf die Knie, seine Finger gruben sich schmerzhaft in seine Kopfhaut, als er sich die Ohren zu hielt. Eine schwer zu erfassende Mischung aus körperlichem und emotionalem Schmerz schüttelte ihn. Zitternd, wimmernd und verzweifelt biss er die Zähne zusammen um nicht laut loszuschreien oder gar sich zu übergeben.

„Hör auf! Hör auf! AUFHÖREN!“, er nahm sein eigenes Keuchen nur am Rande wahr. Das Einzige, was er deutlich vor Augen hatte, war, wie ein grauhaariger Mann mit dämonisch verzerrtem Gesicht seine klauenartigen Finger um ein kleines Mädchen schloss. „Sie darf nicht sterben! Ich töte dich! Ich töte dich!“, flüsterte Christian und verkrampfte jeden einzelnen Muskel in seinem Körper, als wäre er eine Maschine. Zu Hause hatte er massenweise Psychopharmaka, die einen solchen Anfall vorgebeugt hätten. Aber er war nicht zu Hause. Er war alleine in einer gnadenlosen Welt in der er nichts tun konnte, als die eigenen Schreie zu unterdrücken.

„Christian?“, die dürren Finger einer gealterten Hand legten sich auf seine Schulter, wie Zweige eines Baumes, die das letzte Blatt vor einem Wintersturm schützen.

„Christian?“, wiederholte jemand seinen Namen, diesmal mit deutlich unsicherer, besorgter Stimme. Es fühlte sich an, als würde sich der Körper des Detektivs auf einen winzigen Punkt komprimieren, jeder Muskel schien sich unaufhaltsam in Richtung seiner Knochen zu bewegen. „Nein…! Nein…!“, mehr als ein schwaches Schluchzen brachte er nicht zustande.

„Keine Panik! Ich bringe dich weg von hier!“ Christian spürte, wie er von zwei dünnen Armen auf die Füße gezerrt wurde. „Ganz ruhig! Einatmen, ausatmen!“, flüsterte die barmherzige Stimme, deren Besitzer das zitternde Häufchen Elend außer Hörweite der Ballade zog. Mittlerweile starrten einige neugierige Augen vom halb geöffneten Klassenraum aus auf den schmuddelig wirkenden Ex-Detektiv.

Er konnte förmlich spüren, wie ihre Blicke ihn herabwürdigten. Sie musterten ihn als erbärmliche, fehlgeschlagene Existenz, die am untersten Boden ihrer Weltanschauung existierte und so sehr er diesen Blick auch hasste, er spiegelte nur sein eigenes Selbstbild wieder. Diese Gewissheit machte alles nur schlimmer.

„Komm, im Lehrerzimmer dürften wir Ruhe haben!“ Die helfenden Hände lösten sich vom Brustkorb des Leidenden. Als sich der verschwommene Schleier, gewoben aus Schmerzen vergangener Zeiten, von Christians Augen löste, erkannte er seinen Retter.

„Rheinhold…!“, hauchte er angestrengt und spürte, wie sich eine bleierne Erschöpfung über seinen ausgelaugten Körper legte. Vor ihm stand ein lächelnder alter Mann. Seine dunkelgrauen Haare schwanden. Sein Gesicht war durchzogen von freundlich wirkenden Lachfalten und an seiner rechten Schläfe prangte ein ansehnliches Muttermal. Christian war oft zu dem Schluss gekommen, dass Rheinhold aussah, wie man sich einen typischen Priester vorstellte.

„Schön dich zu sehen, Christian!“, sagte der Alte mit einer Stimme, die in der Lage war, jedem der sie hörte pures Vertrauen einzuflößen. Mit dieser Eigenschaft hatte er Zeit seines Lebens sowohl Gläubige als auch Schüler in seinen Bann gezogen. Als er sah, dass Christian es vorzog zu schweigen, senkte er den Blick und wurde ernst: „Ich möchte mich für das entschuldigen, was du gerade erfahren hast… Aber wer hätte auch ahnen können, dass gerade dieses Gedicht auf dem Lehrplan steht…?“ „Schon gut!“, beeilte sich Christian zu beschwichtigen. „Es konnte ja wirklich niemand wissen. Ist jetzt auch nicht wichtig, du sagtest etwas von Lehrerzimmer?“

Der Priester nickte und schweigend liefen sie in ein großes, aber dennoch gemütliches Zimmer. Die zahllosen Holztische waren unter einem chaotischen Berg aus Papier und Akten begraben. Außer ihnen beiden war niemand im Raum. Rheinhold wieß seinem Gast einen Sessel neben der Kaffeemaschine zu, die er sogleich zu bedienen begann. „Auch einen?“, fragte er. Christian schüttelte den Kopf.

„Na gut…“. Für einen Moment überließ er die gesamte Geräuschkulisse dem Dröhnen der Maschine. „Weißt du, als ich letztes Jahr aus St. Agatha weggezogen bin, habe ich ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, je wieder von dir zu hören.“ Diese Vermutung war nicht ganz aus der Luft gegriffen. Normalerweise war der Alkoholiker jemand, der keine großen Kontakte pflegte. Die Wenigen, die ihm gegenüber keine vollständige Abneigung empfanden (und umgekehrt) traf er meistens eher zufällig.

„Ich entschuldige mich nochmal“, fuhr Rheinhold fort. „Aber wenn du von dir aus mit mir reden willst, kann das nichts Gutes bedeuten, also worum geht es?“ In diesem Moment kam Christian seine Situation beinahe lächerlich vor. Er hatte durch mühsame, eintönige Recherche herausgefunden, dass der Priester mittlerweile in einer anderen Gemeinde praktizierte; einer verhältnismäßig großen Stadt, die für jemanden mit Geld höchstens dreieinhalb Stunden von St. Agatha entfernt lag. Nun war er im Begriff, ihm eine Geschichte aufzutischen, für die ihn jeder normale Mensch für verrückt erklärt hätte.

Er holte tief Luft: „Maksim!“ Und dieses Wort reichte. Die Kaffeetasse zitterte in der Hand des Geistlichen. Bedächtig setzte er sich auf einen Sessel, der Christian gegenüber stand, während das Blut aus seinen faltigen Wangen wich. Der schmuddelige Alkoholiker schloss für einen Moment die Augen und begann zu erzählen. Mit jedem Wort wurde das Gefühl stärker, dass er sein Leben bald wieder in einer Anstalt fristen würde.

Eigentlich hatte Christian erwartet, dass der Priester ihn ungläubig, zweifelnd oder sprachlos anstarren würde, doch dieses Glück war ihm anscheinend nicht vergönnt. Als die Erzählung zu Ende war sprang Rheinhold auf und schlug sich mit beiden Handballen gegen die Stirn. „Du hast ihm Lilli DiCatos Namen verraten?“, schrie er, als würde er einen dummen Fehler bei einem Schüler erkennen.

Von der unerwarteten Kritik überrumpelt schwieg der Angesprochene. „Christian, ist dir klar, dass Maksim ihr Bruder ist?“ Die Gesichtszüge des Ex-Detektivs entgleisten. Es gab nicht viel, was ihn noch wirklich aus der Fassung bringen konnte, schließlich sah er das eigene Leben als unverdient an, doch diese Information reichte mehrmals. Was würde Maksim DiCato, der seine Eltern und sein Dorf hasste wohl tun, wenn er erfuhr, dass er eine Schwester hatte? Eine grauenvolle Vorahnung durchpflügte Christians Magengegend: Würde er am Ende auch für Lillis Tod verantwortlich sein?

„Ihr Bruder?“, er sprach die Worte aus, als könne er nur dadurch ihre Bedeutung erfahren. Sein Tonfall hatte etwas Anklagendes. „Ich wollte die Familie schützen, es stand mir nicht zu, irgendjemandem den Namen der Betroffenen preiszugeben, auch nicht dir!“, rief sich der Geistliche. „Ich konnte doch nicht ahnen, dass…!“ „Lass es!“, blaffte Christian. „Streiten ist das Dümmste, was wir jetzt machen können!“ Trotz allem konnte sich der Ex-Ermittler dieses Mindestmaß an Professionalität erhalten.

„Ihren Namen hast du mir zwar nicht verraten, aber du hast erzählt, dass seine Eltern oft bei dir in der Kirche waren!“, er zwang sich, nüchtern zu klingen. „Hör zu, ich weiß nicht, was dieser Junge ist, oder wieso er gerade jetzt zurückkommt, ich weiß auch nicht, ob es eine Möglichkeit gibt, ihn aufzuhalten, aber wenn es eine gibt muss ich sie erfahren! Ich muss! Um Lillis Willen! Aber dazu brauche ich jede Information, die ich kriegen kann, also bitte! Bitte Rheinhold, auch wenn du sonst immer diskret mit Geheimnissen umgehst, verrate mir alles, was du weißt!“

Der Priester fuhr mit dem Fingernagel um sein Muttermal und zeichnete somit kleine Kreise in seine Schläfe. „So viel haben sie mir nicht erzählt“, sagte er. „Maja DiCato sprach oft davon, dass sie die katholische Kirche nicht möge, sie besuchte auch nie die Messe sondern kam wenn überhaupt spät abends in die Kirche“, er kniff die Augen zusammen, man konnte sein Gedächtnis fast arbeiten hören.

„Sie sagte mir etwas davon, dass sie ihn in ein christliches Internat geschickt hätten. Erzählte mir irgendetwas von Exorzismus, und dass sie am Anfang noch gehofft hätten, dass Maksim irgendwann zurückkommen würde. Zumindest, bis Lilli geboren wurde.“

„Ein christliches Internat?“, das gezeichnete Gesicht des Ermittlers hellte sich auf. Auf eine Informationsquelle wie diese hätte er nicht zu hoffen gewagt. „Gib dir keine Mühe!“, Rheinhold zerschmetterte die Hoffnung ebenso schnell, wie er sie aufgebaut hatte. „Das Internat ist vor drei Jahren bis aufs Fundament abgebrannt. Von Überlebenden weiß ich nichts.“ Eine unangenehme Art von Verständnis gepaart mit tiefer Mutlosigkeit überkam Christian. Außer Rheinhold kannte er niemanden, der auch nur ansatzweise etwas über Maksim wissen könnte. Und dieser schien eine Sackgasse zu sein.

„Du musst doch irgendeine… irgendeine brauchbare Information haben!“, die Verzweiflung in seiner Stimme war durch viele Jahre der Enttäuschung intensiviert worden. Rheinhold schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, ansonsten weiß ich nur noch, in welchem Krankenhaus er geboren wurde.“ Christian atmete tief durch. „Besser als nichts!“ Er hatte bereits vermutet, dass die DiCatos zugezogen waren, ihr Herkunftsort könnte alles und nichts bedeuten.

Der Geistliche schrieb ihm die Adresse auf und sah ihn an. „Kommst du irgendwie hin?“ „Ich muss wohl. Zur Not muss ich schwarzfahren. Hierher bin ich auch nicht anders gekommen.“ Der Priester schüttelte den Kopf. „Nimm mein Auto, ich brauche es im Moment sowieso nicht! Schule und Kirche erreiche ich auch zu Fuß!“

„Wirklich?“, freudiges Staunen machte sich auf dem Antlitz des Ex-Detektivs breit. Nicht nur, dass er zum ersten Mal seit sechs Jahren Glück zu haben schien, das warme, fast vergessene Gefühl von Freundschaft siegte über das kalte und doch schützende Misstrauen in seiner Brust.

„Natürlich! Bedenke, mit wem wir es hier zu tun haben! Wenn du irgendetwas rausfindest, ist es mir das wert!“ „Danke!“, hauchte Christian. Er konnte sich nicht erinnern, wann er dieses Wort das letzte Mal aufrichtig ausgesprochen hatte. „Ich gehe dann jetzt! Ich habe keine Zeit zu verlieren!“, fuhr er nach einer Weile fort. Der Geistliche legte eine Hand auf seine Schulter. „Nur noch eines!“, Rheinhold sah ihn ernst an. „Du hast doch bestimmt… na du weißt schon was!“ Instinktiv griff der schmuddelige Mann an seinen Hosenbund, bis er das kalte Metall seiner 9mm-Waffe auf seiner Haut spürte.

„Sei vorsichtig damit! Vielleicht kämpfst du gegen überirdische Mächte, aber auch manche menschlichen Kräfte sind gefährlich! Denke daran: In Waffen liegt Versuchung! Sie könnte Leben ruinieren!“ Die Einwände des Priesters klangen wie eine Predigt. „Ich werde schon aufpassen!“, entgegnete Christian. Dann drehte er sich um und ging.

Während er die Schule verließ dachte er über St. Agatha nach. Er würde das Dorf retten, um Lillis Willen! Diese erbärmlichen Ignoranten von Dorfbewohnern hatten sicherlich nicht die geringste Chance dazu und wenn würden diese Feiglinge sie nicht wahrnehmen. Christian runzelte die Stirn. Obwohl er sich selbst als Abschaum betrachtete, hatte er sich dem Rest des Dorfes oft überlegen gefühlt. Sie wussten nicht, was es bedeutete zu leiden. Sie waren auch nicht bereit zu tun, was notwendig war.

Waffen konnten Leben ruinieren, aber sie konnten sie auch retten. Wenn es notwendig war, würde er Maksim höchstpersönlich erschießen, sobald er einen Weg gefunden hatte, an den Dämonen vorbeizukommen. Doch was, wenn er das nicht schaffte? Maksims Geburtsort war schließlich nicht die heißeste Spur. Christian atmete tief durch, als er durch den Haupteingang nach draußen trat. Sollte er scheitern, wusste er genau, für wen die letzte Kugel bestimmt war.

Übersicht (Zwischenspiel I)

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Da Christians Handlungsstrang in Zwischenspielen erzählt, die jedoch unmittelbar vor dem eigentlichen Teil veröffentlicht werden sollen damit das Ganze nicht unvollständig wirkt :)

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