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Der folgende Brief wurde neben der Leiche einer jungen Frau gefunden. Dem Ausweis, den sie bei sich trug, nach handelt es sich um Angel Reeves, 18 Jahre alt, wohnhaft in einem Heim in der Nähe von Chicago, Wisconsin. Familie unbekannt. Todesursache unbekannt. Obduktion steht noch aus.


Ich habe ihn nicht umgebracht. Es war ein Unfall. Das wird mir aber keiner glauben.

Für alle bin ich doch nur Angel, das Waisenkind. Hat hübsche, blonde Haare und pinke Stränchen, dunkle Augen und helle Haut, aber sonst nichts. So nutzlos, dass selbst ihre eigenen Eltern sie ausgesetzt haben.

Ja, meine Eltern haben mich ausgesetzt. Als Baby. Ohne Notiz, Geburtsurkunde, oder sonst was. Einfach in Windeln, Strampler und mit ein paar Decken in einen Korb gelegt, und den dann unter die Engelsstatue an der Straße, die am Heim vorbeiführt, gelegt. Deswegen auch Angel. Reeves heiße ich, weil der Erzieher, der mich damals gefunden hat, mit Nachnamen ebenfalls Reeves heißt.

Ich meine, nicht, dass ich das Heim hassen würde. Gut, es liegt mitten im Wald, zu den nächsten Nachbarn sind es 2 Meilen, nach Chicago 20. Das hier ist der Arsch der Welt mit Anschluss an den Highway. Wenigstens fährt ein paar Mal am Tag ein Zug nach Chicago und zurück.

Dafür sind unsere Erzieher toll. Bis auf die Tatsache, dass wir Kids keine Eltern haben, sind wir normal. Wir tragen normale Klamotten, essen Lebensmittel aus dem Supermarkt, gehen ins Kino, zur Schule etc. Dennoch wünschen wir uns alle eine Familie. Schon allein, damit wir die Hänseleien der anderen Kids nicht mehr hören müssen.

Trotzdem alles ganz normal bei uns. Bis vor ein paar Wochen.

Ich war auf dem Weg vom Bahnhof zurück ins Heim, gemeinsam mit meinem Kumpel Jack, dem Sohn der nächsten Nachbarn. Es hatte stark geschneit, weswegen wir durch den Wald gingen, weil hier nicht ganz so viel Schnee lag.

Jack und ich waren beste Freunde, auch wenn wir uns erst seit der High-School kannten. Er war der Einzige meiner Mitschüler, der sich mit mir anfreunden wollte. Als wir so nach Hause gingen, nahm Jack mich am Arm.

„Weißt du…“, begann er. Ich stoppte und drehte mich um. „Was?“, fragte ich. „Angel… ich mag dich wirklich.“, fuhr er fort. Sein Tonfall irritierte mich, weswegen ich den Kopf schief legte. Jack stellte sich vor mich. „Angel, ich liebe dich“, sagte er und legte die Hand auf meine Hüfte.

Ich nahm sie wieder runter. „Sorry, Jack, aber ich mag dich nur als Freund.“, entgegnete ich. Jack nahm meine Handgelenke. „Angel, ich werde kein Nein von dir als Antwort akzeptieren.“ Er war ziemlich aggressiv, eine Seite, die ich nicht an ihm kannte.

Rückblickend betrachtet war das wohl der Auslöser für den Unfall. Ich riss mich los und schob Jack weg. „Nein habe ich gesagt.“ Jack packte mich wieder, aber wieder riss ich mich los und schubste ihn diesmal fester. Er rutschte jedoch weg und fiel eine Böschung runter. Ich bekam einen Riesenschreck, konnte aber nur noch zusehen, wie er mit dem Kopf aufschlug und reglos liegen blieb.

Ich rutschte vorsichtig die Böschung runter, um nach Jack zu sehen. Keine Chance, er war tot. Ich überlegte fieberhaft, was ich tun sollte. Ich konnte niemandem davon erzählen, so viel stand fest. Also schleifte ich ihn zum nächsten Schneehaufen und vergrub ihn darunter. Hinterher kletterte ich die Böschung wieder hoch und beeilte mich, nach Hause zu kommen.

Auf dem Rückweg glaubte ich, ihn noch gesehen zu haben, aber das schrieb ich als Einbildung aufgrund der Situation ab. Am Heim angekommen wurde ich von Mary, der diensthabenden Erzieherin, empfangen. Auf ihre Frage, wo ich gewesen sei, antwortete ich, ich habe nach der Schule noch auf Jake gewartet, damit ich im Winter nicht allein heimlaufen muss.

Ich ging die Treppe hoch in den 2. Stock, um meine Tasche, die Stiefel und den Mantel in mein Zimmer zu legen und flitzte wieder nach unten zum Abendessen. Nach dem Essen, als ich aufgestanden war, um mein Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, warf ich einen Blick aus dem Fenster. Ich hätte beinahe schwören können, Jack gesehen zu haben, tat dies jedoch als Verwechslung ab. Große, blonde Jungs sind in den U.S.A. keine Seltenheit.

Nach dem Abendessen sahen wir zusammen fern, bevor wir nacheinander in unsere Zimmer gingen, um zu schlafen. Der nächste Tag begann ganz normal: aufstehen, frühstücken, zur Schule fahren. Als ich jedoch nach der 1. Pause etwas früher als meine Klassenkameraden ins Klassenzimmer ging, weil sich 2 von den Jungs sich prügelten und ich Gegensatz zum Rest keine Lust hatte, mir das anzusehen, traf mich fast der Schlag: Jack stand vor mir! Die blonden Haare mit einer dünnen Eisschicht überzogen, Reif auf den Lippen, die Schultern mit Schnee bedeckt.

Ich dachte, mein Herz bleibt stehen und rutscht mir gleichzeitig in die Hose. Plötzlich spürte ich, wie jemand an meinem Arm zog. Ich drehte mich um, sah meine Klassenkameradin, ignorierte ihre erneute Stichelei und setzte mich an meinen Platz. Jack war weg. Den Rest des Tages konnte ich mich kaum konzentrieren. Ich musste immer nur an die Begegnung mit Jack denken.

Nach dem Unterricht, als ich mich auf den Heimweg machte, sah ich ihn wieder, diesmal am Bahnhof in Chicago. Und im Zug, in einem leeren Abteil. Ich machte mir so viele Gedanken um diese Begegnungen, dass ich fast vergaß, auszusteigen. Auf dem Heimweg folgte er mir, immer noch schweigend. Ich sprach ihn auch nicht an, weil ein Stück vor mir 2 meiner Mitbewohnerinnen liefen, und ich nicht auch noch von denen für geistesgestört erklärt werden wollte.

Ich meine, Jack war tot!? Also konnte er auch nicht da sein. Eigentlich. Wieso sah ich ihn dann? Ich habe keine Ahnung. Jedenfalls ging ich zurück ins Heim. An den Rest vom Abend erinnere ich mich nicht mehr. Nur daran, dass er wieder kam. Abends, als ich im Bett lag und versuchte zu schlafen.

Ein Gefühl, als ob jemand über mein Grab gegangen sei, trieb mich dazu, die Augen zu öffnen. Da war er wieder. Er saß auf meiner Bettkante, so zauberhaft und kalt. Jack strich mir mit seiner kalten Hand über mein Gesicht. Es fühlte sich an, wie der Tod höchstpersönlich. So ging es weiter, bis heute.

Selbst jetzt sitzt er neben mir und sieht mir zu. Ich halte das nicht mehr aus. Ich habe Alex, unserem Diabetiker, eine seiner Insulinspritzen geklaut. Er schuldet mir eh noch 5 Dollar, also geht das wohl klar. Für ihn ist es lebenswichtig, für mich tödlich. Ich werde das Heim vermissen.

Angel

Tod4

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