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Die raschen Schritte seines Laufes federten auf dem Waldboden, der mit Laub und Nadeln bedeckt war. Sein Atem sorgte für kleine, weiße Wolken in der kalten Luft. Schwach bahnte sich das Sonnenlicht einen Weg durch die endlose, graue Wolkenwüste am Himmel und durch die noch nicht ganz entlaubten Wipfel. Er lief diese Strecke oft. Es gefiel ihm, wie ihm die kühle frische Waldluft beim Laufen um die Nase wehte. Der weiche Boden unter seinen Laufschuhen, die kalte Luft, die sein Gesicht zum Prickeln brachte, die Wärme an seinem Hals und an seinem Kopf, gut geschützt durch Mütze und Schal. All das brachte ihn dazu, das Joggen nach seinem Arbeitstag zu genießen. Es waren die letzten Momente seines Lebens, und es war schön, dass er sie genoss.

Sie wartete. Sie wartete in ihrem Reich, denn nichts konnte sie besser. Schon lange spürte sie das schwache Vibrieren kleiner, schneller Schritte. In ihrem engen Gang war das der einzige Bote, der seinen Weg aus der grässlichen, kalten Welt dort draußen in ihr Reich fand. Ihre Augen vermochten die ewige Dunkelheit nicht zu durchdringen. Der Gestank war fast greifbar, er rann wie etwas Verfaultes von den runden Wänden. Die Stille in dieser stickigen, warmen Dunkelheit war eine tödliche Ruhe. In dieser Stille fühlte man unsichtbare Augen auf sich gerichtet, unsichtbare Ohren auf jede panische Bewegung lauschend. Man fühlte sich wie das Wild, das kaltblütig ins Visier genommen wurde. Und das war die Wahrheit. Sie machte sich bereit. Das Trommeln kam immer näher. Sie war bereit.

Er passierte einen sanft geschwungenen Hügel am Wegesrand. Er hatte noch Zeit, einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Spalt zu sehen, der wie ein Halbmond um den Hügel lag. Er hatte noch Zeit, einen schwachen, aber dennoch nicht weniger unangenehmen Gestank zu riechen, als es passierte. Es geschah alles in Bruchteilen von Sekunden. Der Hügel hob sich, wie von Zauberhand. Nicht langsam wie in einem Märchen, nein, rasant schnell, wie von einer immens starken Kraft hochgeschleudert. Während ihm kleine Erdbröckchen ins Gesicht flogen, verdichtete sich der grauenhafte Gestank zu einem Miasma, das ihm fast die Sinne raubte. Es war fast so, als sei dieser Geruch etwas Lebendiges, das sich ihm ins Gehirn schlängelte. Er hatte zu dem Hügel geschaut, deshalb sah er sie. Es raubte ihm den Verstand. Ein gigantischer brauner Leib hatte sich unter dem Hügel hervorgeschoben, der an einem unsichtbaren Scharnier nach hinten geklappt war. Er erkannte die kleinen Härchen an der Monstrosität. Unter dem Körper des Ungeheuers klaffte ein schwarzer Abgrund. Er erkannte, dass dieser Abgrund sein Tod war. Würde er dort hineingezogen, würde er in liebevoller Geduld eingewickelt werden, würde sich noch schwach gegen sein seidenes Gefängnis wehren können, bis er starb und irgendwann in dieser ewigen Nacht dort unten gefressen werden würde. Seine Kleidung und Knochen würden sich, mit Fäden zu einem grotesken Bündel geschnürt, zu dem Rest an Abfall am Boden des Ganges gesellen, wenn es denn einen Boden gab.

Er kam nicht einmal dazu, den Gedanken ans Weglaufen zu fassen. Er spürte eine Erschütterung, nein, mehrere Erschütterungen hinter sich. Gnädigerweise sah er es nicht. Die Kreatur hatte vier ihrer langen, kräftigen Beine hinter ihm auf den Boden gerammt, sodass sie über und hinter ihm ein Gefängnis mit haarigen Gitterstäben bildeten. Jetzt zog sie sie mit einer einzigen, schnellen Bewegung wieder zu sich wie ein Gärtner, der Laub recht. Die Klauen an den Enden der Beine zogen Furchen durch den weichen Boden.

Mit brutaler Kraft wurde er in den Abgrund gerissen. Die starken Beine hielten ihn umklammert. Erst jetzt wehrte er sich, er zappelte ohne Hoffnung. Mit angstgeweiteten Augen sah er den Hügel über sich zuklappen. Das Licht schwand. Als ihn allein die monströsen Kiefer und die Dunkelheit umfassten, fiel er in Ohnmacht. Sein letzter Gedanke galt den Fäden in seiner Hand, die er von den Wänden gerissen hatte. Weich, dachte er verwirrt, weich wie Seide.