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Gott ist unendlich. Und so auch seine Grausamkeit. Brennend fließt sie unter seinem Mantel hervor, erschlägt jene, die er einst schützen sollte, raubt ihnen den Atem und schleudert sie in das endlose, grauenhafte Nichts. Nur für dich singen wir, Herr. Bereichere uns mit deiner Willkür, ergötze uns durch deine Scheußlichkeit, belohne uns mit der Peitsche. Oben ist unten und richtig ist falsch.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Wir folgen dir.

Setze dich zu mir mein Kind und verweile einen Moment. Ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Eine Weihnachtsgeschichte. Aber sei gewarnt: Sie wird anders sein, als die Geschichten, die du zu dieser Jahreszeit sonst immer zu hören bekommst. Sie wird trauriger sein. Trauriger, dunkler und vor allem weit näher an der Wahrheit, als dir lieb sein wird. In dieser Erzählung geht es um einen Engel. Ich werde ihm keinen Namen geben, denn er hat nie einen besessen und wird auch niemals einen besitzen, außerdem wäre es unsinnig, denn er ist nur einer von Vielen und verfügt über keinerlei Eigenschaften, welche ihn in irgendeiner Hinsicht von den anderen seines Volkes unterscheiden würden. Nun ja... über fast keine.

Er hatte seine gesamte Existenz, seine ganze, nun beinahe schon nicht mehr messbares Lebensspanne, dem Schöpfer gewidmet. War aufgeblüht unter den glänzenden Heerscharen, hatte gehuldigt, gedient und gesungen, bis er schließlich zu einem Teil der homogenen Masse geworden und geistig abgestumpft war. Nur für dich singen wir, Herr. Was dem Schöpfer an ihm missfiel? Nebensächlich. Vielleicht ein falscher Ton, eine kleine Differenz zur Gleichförmigkeit der Engelsschar, oder eine böswillige Laune, die ihn an diesem Tag befiehl, jedenfalls riss er ihn ohne Vorwarnung aus seinem gewohnten Umfeld und schleuderte ihn mit unvergleichlicher Gnadenlosigkeit auf die Erde. Und glaube mir mein Kind: Das ist die größte aller Strafen.

Wie eine Schnecke ohne Haus, nackt und hilflos musste er sich nun mit seinem neuen Körper vertraut machen, dem eisig peitschenden Wind, den spitzen, kalten Steinen die sich in seine zarte Haut bohrten und der grausam brennenden Sonne, die seine Augen tränen und sein Herz erzittern ließ. Er hatte noch nie den Geruch vom irdischen Verfall, den bitteren Geschmack von Blut und Regen wahrgenommen, den grausam verzerrten Klang menschlicher Stimmen gehört oder den beißenden Frost gespürt.

Und er wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, was es heißt, Gefühle zu haben. Das Erste, welches er kennen lernte, war die nackte Angst. Sie schlug über ihm zusammen wie eine stinkende, schwarze Woge und verschlang alles, ließ ihn in einem tiefen Loch ertrinken. Danach kam die Einsamkeit. Oben im Himmel war er nie allein gewesen, hatte nicht einmal als Individuum existiert. Er war ein Teil einer großen Maschine, eins mit dem Kollektiv, eins mit dem Universum. Nun war er allein. Ganz und gar allein. Die Einsamkeit war kaltweiß und endlos. Eine gigantische Eiswüste tat sich in seinem Inneren auf und ließ sein Herz gefrieren. Als er dieses Stadium erreicht hatte, vergoss er auch zum aller ersten Mal heiße Tränen. Doch der bitterkalte Dezemberwind ließ sie auf seinen blassen Wangen erstarren und glitzernden Perlen gleich, zu Boden rieseln. Das dritte Gefühl war die Hoffnungslosigkeit. Grau in Grau, bedeckte sie sein ganzes Wahrnehmen, pelzig und sanft aber erstickend wie ein Ascheregen. Er war nichts weiter als eine leere Hülle. Eine Hülle, die es zu füllen galt.

Und dann traf er auf das Wesen.

Es machte ihm keine Angst, weder die leeren, bläulich lodernden Augenhöhlen und sein starres Grinsen, noch die grauenhaften Schatten die es umgaben. „Bist du Lucifer, mein Bruder?“, fragte der Engel mit seiner neuen, kratzigen und ekelerregend menschlichen Stimme, als er die diabolischen Hörner auf dem Schädel der Kreatur sah. Doch diese grinste nur und verriet ihm ein Geheimnis.

Du willst mehr von der Kreatur erfahren mein Kind? Glaub mir, in dieser Geschichte gibt es nicht sonderlich mehr über sie zu berichten. Das Einzige was noch zu erwähnen wäre ist, dass sie an jenem kalten Dezemberabend den Funken der Hoffnung in seinem erstarrten Herzen entzündete. Und die Hoffnung war in diesem Falle rot. Rot, klebrig und tropfend.

Die graue Asche die sich in ihm angesammelt hatte ging in Flammen auf und verbrannte jegliche Traurigkeit.

Der Engel dankte der Kreatur und befolgte ihren Ratschlag mit Eifer. Er wusste nun, wie er zurück in den Himmel gelangen und Gottes Gnade erfahren konnte, denn der Gehörnte hatte ihm verraten, in welchem Punkt er versagt und dem Schöpfer missfallen hatte.

Er ging nun jeden Abend seiner Arbeit nach, suchte, fand und sammelte, so wie ihm die Kreatur geraten hatte und seine Aufgabe belohnte ihn mit Zufriedenheit und Stolz. Er tat das Richtige. Er wusste es. Irgendwann bemerkte er, dass er nicht mehr nur aus reiner Notwendigkeit seiner Arbeit nachging, nein, ganz im Gegenteil, sie erfüllte ihn mit Spaß, feuerrotem, brennendem Spaß, der rasch in Gier umschlug und je mehr er sammelte, desto gieriger wurde er.

Seine Sammlung wird von Tag zu Tag größer, doch seine Habsucht ist nicht mehr zu befriedigen.

Er will mehr.

Das war die Geschichte mein liebes Kind und ich hoffe sie hat die gefallen. Was? Du willst wissen wie die Aufgabe des Engels aussah? Gut... lass es mir dir erzählen. Er sucht, findet und sammelt... Stimmen. Ja, du hast richtig gehört, Stimmen!

Am liebsten sind ihm zarte, helle Kinderstimmen. Er genießt es, ihnen die kleinen, schreienden Münder zu zuhalten, er genießt den Geruch des Blutes, das heiß und zäh aus ihren dünnen Hälsen rinnt! Die Lust, wenn er in ihr weiches Fleisch beißt, seine Zähne tief hineingleiten und Fetzen um Fetzen die Haut von ihren jungen Kehlen reißen, der Geschmack ihrer Verzweiflung, wenn sie blutgurgelnd in seiner Umarmung ersticken! Und dann, der Moment, wenn er in ihre zerfleischten Kehlen greift und die Stimmbänder daraus hervorzerrt, ihnen die Zungen herrausreißt und in eine seiner stinkenden, verklebten Taschen stopft!

Ist es das, was du wissen wolltest mein Kind?!

Lass dir gesagt sein! Es gibt noch mehr zwischen Himmel und Erde als eure verweichlichte Rasse, die in ihrer Beschränktheit nicht einmal wagt, an mehr als ihre eigenen dummen kleinen Geschichten zu glauben!

Ihr seid nicht allein! Ich war es, der die Asche, den Hass in dem gefallenen Engel zum Brennen brachte!

Und was, dass frage ich dich nun Kind, seid ihr anderes als Asche?

Ihr sollt brennen!




TheVoiceInYourHead (Diskussion) 14:33, 19. Dez. 2014 (UTC)

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