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Verärgert erhob sich George Potter aus seinem hohen Lehnsessel, als die Türglocke läutete. Der Mann mittleren Alters mit der Hornbrille schlurfte missmutig zur Haustür, um zu sehen wer die Unverschämtheit besaß, am Heiligen Abend seine Ruhe zu stören.

Vor der Tür stand eine junge Frau, eher ein Mädchen – und sie war anscheinend schwanger. Er gab sich nicht sonderlich viel Mühe, seine Abscheu zu verbergen, als sie ihn flehentlich fragte, ob er sie hereinlassen würde. Schroff schlug er ihr die Tür vor der Nase zu, ohne eine wirkliche Antwort an sie zu verschwenden.

„Nur für eine Nacht“ – sicher, und danach würde sie ohne Weiteres wieder gehen. Natürlich würde sie das nicht, Potter besaß genügend Menschenkenntnis, um das zu wissen. Neidische Schmarotzer, allesamt. Wie seine Angestellten bei der Bank, die allen Ernstes jedes Jahr Weihnachtsgeld erwarteten, nicht einmal darum baten, sondern das wirklich als selbstverständlich ansahen. Es schüttelte ihn innerlich bei diesen Gedanken. Nach einem Blick auf das Ziffernblatt der alten Standuhr in der Zimmerecke beschloss er, sich zu Bett zu legen.

Potter schlief unruhig in dieser Nacht, ihm war, als würden im Traum Stimmen zu ihm flüstern. Unheimliche, geisterhafte Stimmen.

Hallo, George. Ich muss dir etwas zeigen. Du wirst heute Nacht Besuch bekommen, dreimal.

Schwitzend wälzte sich der Mann im Schlaf hin und her, in seinem Traum sah er einen gehörnten Totenschädel vor sich, die Hörner erinnerten an das Geweih eines Hirsches, auf einer Seite an der Hälfte abgebrochen. Die ganze Gestalt war von blauen, züngelnden Flammen umhüllt und das Gesicht schien diabolisch zu grinsen.

Plötzlich, es mochten Stunden vergangen sein, oder auch nur Minuten, schreckte er aus dem Schlaf. Wie gelähmt lag er in seinem Bett, die Augen auf das Wesen geheftet, welches vor dem Kamin stand. Es war die Kreatur aus seinen Träumen, hoch ragte sie vor ihm auf, die schwarzen Flügel auf dem Rücken weit ausgebreitet.

Erinnerst du dich noch, George? An all die Sachen, die du getan hast?

Die Augen des Wesens begannen heller zu leuchten, blickten tief in die Seele des verstörten Mannes. Wie hypnotisiert liefen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit, er erinnerte sich an die Winter seiner Jugend, damals als er seinen Bruder aus dem See gerettet hatte, als dieser im Eis eingebrochen war. Dann diesen einen Tag...

Du hast es getan, gib es ruhig zu, tönte die unheimliche, unnatürlich tiefe, aber doch leise Stimme in seinem Kopf.

Damals, als der junge George noch in dem kleinen Krämerladen gearbeitet hatte.

Du wusstest, dass es Gift war.

Eine wichtige Lieferung, kurz vor Weihnachten, er hatte einem älteren Herren sein Medikament bringen sollen. Der Alte war reich, und er war ihm schon immer unsympathisch gewesen... Und es war so leicht gewesen, die Fläschchen sahen beinahe gleich aus und es war nicht einmal der Verdacht auf ihn gefallen, stattdessen hatten sie seinen Arbeitgeber eingesperrt. Was den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass er mittelfristig zum Geschäftsführer aufgestiegen war.

Und dann der Tag, an dem sie die Zeitungsartikel lasen, das Gesicht von Georges Bruders auf dem Titelblatt. Polizeifotos, sie hatten ihn wegen fünfzehnfachen Mordes gefasst.

Aber er sah noch mehr als nur seine Erinnerungen, da waren ebenfalls andere Bilder. Ein alter Mann, wie er ganz alleine in seiner Wohnung hustend und röchelnd verstarb. Unzählige Familien, die um ihre getöteten Söhne und Töchter trauerten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit überkam Potter etwas wie Mitgefühl und damit auch Reue.

Die Gedanken verblassten, er lag wieder in seinem bequemen Bett, nur seine Schuldgefühle plagten ihn weiter. Kaum griff der Schlaf wieder sanft nach ihm, erschien mit einem dumpfen lauten Knall erneut die brennende, dämonische Gestalt vor ihm, diesmal etwas näher an seinem Bett.

Ich habe noch mehr, was ich dir zeigen kann.

Die blauen Flammenzünglein, die ihre zerrissene Robe umspielten, schienen größer geworden zu sein, eine unangenehme Aura ging von der Gestalt aus.

Diesmal war es Potter so, als würde er sich mit einem Schlag woanders befinden, draußen am Stadtrand, ganz alleine auf der Straße. Aus den Fenstern in der Umgebung schien Licht, offenbar wurde überall gefeiert, doch hier draußen in der Nacht herrschte eisig kalte Einsamkeit.

Eine junge Frau lief eilig an ihm vorbei, sie hielt sich die Hände vor den Bauch.

Ihr Partner hat sie davon gejagt, da es nicht von ihm ist.

„Ist das...“, stammelte Potter, mehr zu sich selbst redend.

Genau.

Ohne dass sie Notiz von ihm zu nehmen schien, folgte er dem Mädchen, das am Abend an seiner Tür gestanden war. Sie lief bis zu einer baufälligen Scheune, deren Tor einen Spalt weit offen stand. Potter folgte ihr hinein.

Er sah zu, wie die Wehen einsetzte.

Sah zu, wie die Schreie immer qualvoller und schließlich kraftloser wurden.

Er sah hilflos zu, wie sie, das hässliche, blutüberströmte Baby in den Armen, langsam verreckte.

Diesmal wachte er nicht wieder in seinem Bett auf, er fand sich mitten in der Stadt wieder, auf einer großen Brücke. Tief unter ihm rauschten die Wassermassen vorüber, die gigantischen Eiszapfen unten an der Brücke hingen meterweit in die Tiefe.

Ohne dich wäre das womöglich alles nicht passiert. Diese Menschen hätten nicht sterben müssen. Und sie wäre von jemand anderem womöglich aufgenommen worden...

Nach so langer Zeit fühlte er sich das erste Mal wieder... unglücklich. Wirklich unglücklich, es schien, als hätte er seinen Lebensmut verloren.

Als er ein Bein über das Geländer der Brücke schwang, hörte er erneut die Stimme.

Ich bin noch nicht fertig.

Und vor seinen Augen breitete sich ein Bild der Stadt aus. Allerdings sah sie nicht aus wie gewohnt, das Elend schien verschwunden, die Häuser waren größer, prächtiger.

„Was ist das?“, fragte er ins Nichts.

Das ist die Zukunft. Eine Zukunft. Eine Zukunft, in der der Abschaum der Gesellschaft nicht länger frei herum läuft. Siehst du das Gebäude dort hinten?

Ein gewaltiger Plattenbau von der Größe eines Hochhauses ragte dort in den Himmel.

Das ist ein Gefängnis. Wer nicht freiwillig arbeitet, wer unnütz ist, untauglich oder zu schwach, der wird dazu gezwungen. Oder vernichtet.

Die Arbeitslager garantieren Wohlstand für die Allgemeinheit, Bettler sind kein Problem mehr, die Welt ist eine so viel bessere...

Hilfst du mir?

Ein Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Bankers. Ja, das war sein Traum gewesen...

Gleich zu Beginn des neuen Jahres würden hunderte Menschen ihre Arbeit verloren haben. Die Wirtschaft würde kollabieren, die gesamte Bevölkerung ins Chaos reißen. Und nur die Stärksten überleben.

In den Flammen eines abgebrannten Asylantenheims stand der Dämon und ließ sein schallendes Lachen ertönen.

Ist das Leben nicht schön?

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