FANDOM


Gong! Die Glocke schlug ein erstes Mal, als der Horror begann. Das Streichholz entzündete den letzten unberührten Docht als mein Körper aufhörte, mir zu gehorchen. Aus heiterem Himmel erstarrte ich und sah zu, wie ich mich selbstständig bewegte ohne es zu wollen. „Was ist jetzt los?“, meine Lippen bewegten sich noch nach meinem Ermessen, doch sie schafften es bei weitem nicht, das Entsetzen auszudrücken, dass mich ohne Vorwarnung überfiel.

Die Uhr in meiner Küche zeigte dreiundzwanzig Uhr siebenunddreißig, warum die Glocke geschlagen hatte war mir schleierhaft, doch es sollte erst der Anfang sein.

Gong! Die Glocke schlug ein zweites Mal, mit ihr begannen die Nebenglocken zu läuten, die Melodie die normalerweise die Gläubigen zusammenrufen sollte hallte durch das gesamte Dorf, doch diesmal war es anders. Normalerweise schenkte kaum jemand dem Geläut Beachtung, doch ich spürte eine ungeheure Faszination davon ausgehen. Wie hypnotisiert öffnete ich meine Eingangstür und trat hinaus. Angst und Kälte ließen mich zittern. Warum tat ich das? Verzweifelt versuchte ich zurück ins Haus zu gehen, doch meine Nerven ignorierten sämtliche Befehle, das Läuten der kleineren Glocken nahm mir jede Kontrolle.

Gong! Die Glocke schlug ein drittes Mal und ich setzte mich in Bewegung. Es war eine eiskalte Winternacht und es schneite, eigentlich wunderschön. Meine Beine liefen unaufhörlich in Richtung der Quelle des hypnotischen Klangs. „Was soll das? Was ist hier los?“, schrie ich in die Nacht, ich konnte den Kopf drehen, doch der Rest meines Körpers fühlte sich taub und steif an, was einerseits von der Kälte und andererseits von… Ich hatte nicht die geringste Ahnung was mich steuerte doch ich wollte es eigentlich gar nicht wissen.

Mittlerweile war ich nicht mehr alleine. Einige andere Bewohner meines Dorfes waren aufgetaucht und liefen neben mir her. Ich wohnte noch nicht lange hier und kannte noch nicht viele von ihnen, doch vielleicht wussten sie nähere Details. „Hey! Was ist hier los, was passiert mit uns? Wer oder was läutet die Glocken?“ Ich bekam keine Antwort. Die anderen marschierten fast in perfektem Gleichschritt, ich drehte meinen Kopf um jeden von ihnen mustern zu können. „Was ist mit euch?“, fragte ich zitternd wobei mein Atem kristallisierte und kleine Nebelschwaden aus meinem Mund entwichen. Ihre Gesichter waren vollkommen ausdruckslos.

Sie wirkten so als würden sie überhaupt nicht mitbekommen, was um sie herum geschieht. Die Glocke schien sie noch schlimmer hypnotisiert zu haben als mich. Wie kam es wohl, dass nur ich noch bei Bewusstsein war? Eiseskälte schlich sich in meine Knochen, ich hatte das Gefühl, bald erfrieren zu müssen bevor ich merkte, dass die Kirche vor mir lag.

Gong! Die Glocke schlug ein viertes Mal als sich das ganze Dorf: Männer, Frauen und Kinder vor den Toren versammelte. Ich sah mich so gut ich konnte um, doch ich entdeckte nur kalte, leere, ja beinahe leblose Gesichter. Die großen Türen der Kirche schwangen auf, ein eisiges blaues Licht schien aus ihrem Inneren zu dringen. Mein fremdgesteuerter Körper bewegte sich über die Schwelle, innerhalb des Kirchengebäudes war es nicht wirklich wärmer, doch zumindest ließ die Angst vor dem Erfrieren nach. Das Tor schlug geräuschvoll zu als der letzte Bewohner es durchschritten hatte. Langsam verstummten auch die Nebenglocken.

Ich bemerkte, dass sich die meisten Bewohner in der Mitte des Hauptschiffs versammelten, doch für mich schien es eine andere Aufgabe zu geben. Es fühlte sich an als wäre ich betrunken oder von Halluzinogenen durchdrungen, ich konnte nur zusehen wie sich mein Körper von selbst in die Ecke bewegte. Ich drehte mich um und mir fiel auf, dass in den restlichen drei Ecken des Hauptschiffs ebenfalls jemand stand. Ob diejenigen auch noch bei Bewusstsein waren? Ich konnte es nicht erkennen.

Gong! Die Glocke schlug ein fünftes Mal, die unregelmäßigen Abstände der Schläge kamen mir nicht zum ersten Mal seltsam vor. Dann plötzlich machte sich etwas an meinem Ohr bemerkbar. Es war leise wie ein Flüstern, doch ich hörte es deutlich. Während ich darüber nachdachte, was für ein Geräusch das war, teilten sich die hypnotisierten Dorfbewohner in vier Gruppen und stellten sich zwischen den Bänken auf, sodass die vier Menschenknäule sich gegenüberstanden.

Ich schluckte und mein Zittern wurde heftiger. Meine Knie wurden weich und ich brachte lediglich ein dünnes „Was ist hier los…?“ heraus. Nun hatte ich erkannt, was dieses Geräusch an meinem Ohr war: ein Herzschlag.

Gong! Die Glocke schlug ein sechstes Mal und dieses lähmende Entsetzen schien mit jedem Schlag stärker zu werden. Was würde jetzt wohl passieren? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ohne sichtbare Quelle gingen die Bilder an der Wand in Flammen auf. Es war jedoch kein gewöhnliches Feuer sondern brannte blau, die Gemälde, die biblische Szenen zeigten wurden in Sekundenschnelle eingeäschert. Und es blieb nicht dabei.

In einem Schreckmoment stellte ich fest, dass das Kruzifix hinter dem Altar zu schmelzen begann. Es sah aus als würde Jesus am Kreuz verwesen. Alle anderen christlichen Symbole teilten nach und nach dasselbe Schicksal, durch schmelzen oder durch blaue Flammen. Ich spürte wie Panik meinen Hals heraufkroch. Von Anfang an war mir klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging, aber das hier… Was sich in diesem Moment in der Kirche abspielte war nicht mehr rational zu erklären. Alles was geschah, die gesamte Atmosphäre war geradezu…

Gong! Die Glocke schlug ein siebtes Mal… ‚dämonisch‘ war das Wort, das mir nicht einfallen wollte. Über der geviertelten Menschenmenge erschien eine schwache, durchsichtige Silhouette, und schwebte durch das Hauptschiff. Das Ding das sie darstellte war menschenähnlich soweit ich es erkennen konnte. Es trug eine Art Robe und sein Gesicht erinnerte an einen Totenschädel aus dem zwei Ansätze von Hörnern wuchsen. Ich erschauderte. Der Herzschlag an meinem Ohr wurde lauter und schneller, was immer diese Silhouette war… sie lebte.

„Heute Nacht werde ich diese Welt betreten!“, flüsterte eine Stimme so kalt wie ein Schneesturm in meinem Kopf. Trotz der Temperaturen begann ich zu schwitzen, das Blut raste durch meinen Körper und ich hatte das Bedürfnis zu rennen wie ich noch nie gerannt war, doch die hypnotische Macht schien mich an Ort und Stelle festzunageln. „Ihr, die ihr noch bei Bewusstsein seid, werdet meine Zeugen sein!“, fuhr die Stimme fort.

Langsam begann ich zu begreifen. Was dieses Wesen auch war, es steuerte die Glocke und somit auch die Einwohner meines Dorfes, es musste telepathische Fähigkeiten haben, denen ich auch die Stimme im Innern meines Verstandes zu verdanken hatte. Ich war noch halbwegs bei Bewusstsein, weil dieses Wesen es so wollte, ebenso wie die anderen Drei in den Ecken. Mit uns schien dieser Dämon etwas ganz besonderes vorzuhaben. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Was er auch vorhatte, jeder Glockenschlag brachte uns seinem Ziel näher.

Gong! Die Glocke schlug ein achtes Mal, das Geräusch des Herzschlags wurde lauter. Jeder der Dorfbewohner holte einen scharfen Gegenstand hervor, es gab lange Messer, Eispickel, Sägen und kleinere Äxte, gerade so groß um sie unter der Kleidung zu verstecken. Wieso hatte jeder von ihnen eine Waffe dabei? Hatten sie bei den ersten Glockenschlägen vielleicht andere Befehle erhalten, statt einfach nur herzukommen? Ich schluckte. Eigentlich war es vollkommen egal, woher sie die scharfen Gegenstände hatten. Es war nur zu klar, was sie damit tun sollten.

„Es ist soweit!“, rief das durchsichtige Wesen, das über den vier Gruppen von Menschen in der Luft stand. „Das Ritual möge beginnen!“ Beim Wort ‚Ritual‘ blitzten unheilvolle Gedanken an meinem Hinterkopf auf. War das hier ein Ritual? Waren wir alle nichts als… Opfergaben? Dieser Gedanke löste Übelkeit in mir aus, die noch verstärkt wurde, als die Dorfbewohner ihre Waffen zückten und sich in vier Kreise aufstellten, sodass jeder jeden in seiner Gruppe sehen konnte. Es war so offensichtlich wie grausam, was nun folgen würde.

Gong! Die Glocke schlug ein neuntes Mal und es war genau, wie ich es erwartet hatte, nur schlimmer. Die Einwohner –man könnte sie auch Opfertiere nennen- stimmten ein grausiges Gekreisch an, als sie sich aufeinander stürzten. Sie griffen jeden in ihrer Gruppe an, Menschen, die schon seit Jahrzehnten befreundet sein mussten, Eltern ihre Kinder und umgekehrt. Messer wurden in Herzen, Augen und Hälse gerammt, Blut und Eingeweide verteilten sich auf dem Boden, ich wollte wegsehen doch es war mir unmöglich. Ich zitterte und biss die Zähne zusammen, wodurch ich mit aller Macht den sich aufbäumenden Brechreiz zu unterdrücken versuchte. Aus den Augenwinkeln konnte ich bereits sehen, wie sich einer der anderen Leute in den Ecken übergab.

Das Kreischen der kämpfenden Menge und der schreckliche Herzschlag, der von nirgendwoher zu kommen schien steigerten sich ins Unerträgliche. Sie bohrten sich in meinen Kopf und zerrten meine Brust in sich zusammen. Das Atmen fiel mir schwerer und schwerer doch ich war nicht in der Lage, meinen Blick von diesem abartigen Blutbad abzuwenden.

Ich kann unmöglich sagen wie lange das Gemetzel dauerte. Jeder schien auch mit den furchtbarsten Wunden weiter zu kämpfen, erst als das letzte bisschen Leben aus ihnen herausgestochen war, gaben die Dorfbewohner auf. Irgendwann wurde das Geschrei leiser und nur noch das Hämmern des geisterhaften Pulses drang an meine Ohren.

Soeben hatte sich das Dorf in dem ich lebte selbst entvölkert. Außer Stande einen rationalen Gedanken zu fassen starrte ich mit offenen Augen auf die vier Leichenfelder. Der durchsichtige Dämon schwebte noch immer darüber und ließ ein entfernt klingendes, aber unfassbar grausames Lachen verlauten. Während ich mit aller Macht dagegen ankämpfte, nicht in Panik zu schreien merkte ich, wie der Pulsschlag immer lauter wurde. Die Dorfbewohner waren von dieser hypnotischen Todesglocke in die Kirche gelockt worden, um einem Dämon für ein Ritual zu dienen.

Gong! Die Glocke schlug ein zehntes Mal und ich sah, wie ich mich von selbst in Bewegung setzte. Die anderen drei, denen das Bewusstsein gelassen wurde taten es mir gleich und wir trafen uns in der Mitte des Hauptschiffs neben den vier Ansammlungen von Leichen. Es waren ein Mann und zwei Frauen die ich allenfalls vom Sehen kannte, ihre blassen Gesichter waren verzerrt von Panik, Ekel und Fassungslosigkeit. Ich wollte etwas sagen, doch meine Lippen gehorchten mir nicht. Den anderen schien es ähnlich zu gehen, da niemand ein Wort sprach.

Zu meinem Abscheu musste ich feststellen, dass meine Hände die blutenden Leichen ergriffen und aufeinander schichteten. Ein Haufen aus entstellten Kadavern entstand, den ich entgegen aller Instinkte auf Boden und Bänken stapelte. Mein Zeitgefühl war schon seit dem ersten Glockenschlag verloren, doch es kam mir vor, als würde ich nur einen kurzen Augenblick dafür brauchen, an sich waren die toten Körper erstaunlich leicht.

Als ich fertig war sah ich, dass aus den vier Gruppen der Bewohner vier Leichentürme gebildet hatten, die von den Überlebenden konstruiert waren. Was würde als nächstes folgen? Hatten wir vier Auserwählten unseren Zweck erfüllt? War es unsere einzige Aufgabe gewesen, die Leichen aufeinander zu stapeln? Neben einer leichten und irrationalen Kränkung drängte sich die Frage auf, was nun aus uns werden würde. Eine schleichende Todesangst ergriff mich. Der Herzschlag den ich hörte wurde lauter.

Gong! Die Glocke schlug ein elftes Mal, worauf der Dämon meine Frage beantwortete, als hätte er meine Gedanken gelesen: „Sorgt euch nicht! Zwar wart ihr ebenfalls nützlich in dem ihr die Opfergaben aufgetürmt habt, doch euer Zweck liegt in eurer Angst! Eure Angst ist es, die mein Herz schlagen lässt!“ Seine Stimme klang nun wesentlich deutlicher, so als würde er direkt neben mir stehen. Sein Tonfall war arrogant und höhnisch, hatte jedoch eine gewisse Würde.

Die schemenhafte Silhouette der Bestie näherte sich nun dem Boden, sodass sie in etwa in der Mitte der vier Leichenberge schwebte. Urplötzlich gingen die sterblichen Überreste in Flammen auf. Die Türme aus Kadavern wurden zu blau brennenden Scheiterhaufen, einer nach dem anderen entzündete sich. Dieser Anblick erinnerte mich auf eine groteske Weise an einen Adventskranz. Natürlich. Heute war der vierte Advent. Was ich sah, war ein grausamer Scherz.

„Bald ist es so weit!“, rief der Dämon! „Eure Angst, gab mir Leben und die Menschenopfer werden dafür sorgen, dass dieses Leben niemals endet!“ Sein Lachen klang noch grausamer als zuvor, hätte mich die telepathische Kontrolle nicht auf den Füßen gehalten, wäre ich jetzt zusammengebrochen.

‚Todesglocke‘ hatte ich den unheiligen Gongschlag genannt, doch es war auch eine Lebensglocke. Der Tod der Dorfbewohner würde einem entsetzlichen Übel erlauben auf dieser Welt zu wandeln. Bald wäre das Ritual beendet sein und dann würde auch mein Tod dem Leben dieser Bestie zugutekommen.

Gong! Die Glocke schlug ein zwölftes Mal und das blaue Feuer breitete sich auf wie auf Schienen in Richtung des durchsichtigen Dämons aus. Bald stand auch er in Flammen. Sein Aussehen veränderte sich. Er schien größer und muskulöser zu werden, sein Kopf der zuvor einem menschlichen Schädel zu gleichen schien, ähnelte nun dem eines Hirsches wie er manchmal an der Wand eines Jägers hing. Auch die Ansätze von Hörnern waren zu einem stattlichen Geweih geworden. Aus seinem Rücken wuchsen nun in erstaunlicher Geschwindigkeit zwei schwarze Flügel.

Ein triumphierendes Lachen ging von der brennenden Kreatur aus, im Takt dazu begann die Erde zu beben. ich sah, dass die Decke der Kirche Risse bekam und sich immer größere Gesteinsbrocken lösten und geräuschvoll zu Boden fielen. Über mir war die Sicht auf den schwarzen Himmel freigelegt worden.

Langsam wich die durchsichtige Form des Dämons einem plastischen und stofflichen Äußeren. Wie mächtig war er jetzt wohl? Was würde diese gnadenlose Höllenbestie der Welt antun?

„Ich danke euch, ihr gabt mir endlich das vollkommene Leben!“, unterbrach er meine Gedanken. „Und zur Belohnung sollt ihr die ersten sein, denen ich meine Macht demonstriere!“, wieder entfuhr ihm ein höhnisches Lachen. Mit einem Mal ließ seine Kontrolle über meinen Körper nach und ich war wieder Herr über mich selbst. Doch ich konnte nichts tun, als das nachzuholen, was ich die ganze Zeit unterdrückt hatte. Ich holte tief Luft und mir entfuhr ein panischer Schrei.

Der Anblick des sich materialisierenden Dämons ließ mir keine andere Möglichkeit… Ich wollte mich umdrehen und rennen, wollte irgendetwas tun, doch mein Körper ließ mich nicht. Nun war es nicht der Dämon sondern meine eigenen Grenzen die mich beherrschten und so tat ich nichts außer zu schreien… und zu schreien… und zu schreien…

Gong! Die Glocke schlug ein dreizehntes Mal. Advent bedeutet Ankunft.

NegativeRoot (Diskussion) 00:26, 21. Dez. 2014 (UTC)

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki