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„Ah, Winter! Sie haben meine Einladung also bekommen.“

Ich erhebe mich, während der unscheinbare Mann mittleren Alters auf meinen Tisch zuhält. Im warmen Licht der Lampen, die das kleine Restaurant noch gemütlicher erscheinen lassen, wirkt er eher wie ein Bankangestellter als wie der hocheffiziente Auftragsmörder, der er ist.

„Ja, auch wenn ich nicht erwartet hätte, auf diesem Wege davon zu erfahren. Woher wussten Sie, dass und wann ich dem alten Herrn einen Besuch abstatten würde?“ Beim Gedanken daran verziehen sich meine Lippen zu einem leisen Lächeln. Es war ein Leichtes gewesen, sein nächstes Ziel herauszufinden. Das Einpflanzen der Worte, die es kurz vor seinem Tod ausstieß, eine nette kleine Fingerübung.

„Berufsgeheimnis. Ich hoffe, Sie verübeln mir meinen kleinen Scherz nicht.“ Winter winkt ab. Wieder steigt mir sein außergewöhnlicher Geruch in die Nase. Ich habe lange niemanden mehr gekannt, der nach Tod riecht. In seiner Erwiderung schwingt ein Hauch Sarkasmus.

„Sei’s drum. Ich fände es nur... sagen wir... irritierend, wenn die letzten Worte meiner... Patienten... in Zukunft dauernd aus Ihren Einladungen bestehen würden.“

Ich lächle. „Keine Sorge, ich werde es nicht zur Regel machen. Einen kleinen Drink vor dem Essen?“ Ein kurzer Blick von mir und es kommt Bewegung in das Personal, das bis jetzt unauffällig hinter dem Bartresen gewartet hat.      

„Gerne. Sie haben nicht zufällig einen Single Malt, den Sie mir empfehlen können? Übrigens ein sehr hübsches Lokal, das sie da ausgesucht haben.“ Sein Blick schweift scheinbar zufällig über die geschmackvolle Einrichtung, scannt die Ausgänge und verweilt einen Tick zu lang auf dem Kellner, der sich dem Tisch nähert. Ich habe ihm nicht viel Zeit zur Vorbereitung gegeben.

„Vielen Dank. Ich habe tatsächlich eine Flasche, die Ihnen zusagen könnte. Und das Lokal entdeckte ich vor einigen Jahren, als mich… Geschäfte… in diesen Teil der Stadt führten. Die Aromen, die mir in die Nase stiegen, machten es mir quasi unmöglich, nicht hineinzugehen.“ Bei der Erinnerung daran schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Es war ein äußerst amüsanter Tag.    

„Also hat Sie die gute Küche hergeführt?“ Jedem anderen wäre der Hauch Ironie in Winters Stimme wohl entgangen. Wie überaus erfrischend, sich mit jemandem unterhalten zu können, ohne dass er irgendwann anfängt, um sein Leben zu betteln. Ich hoffe wirklich, dass es anhält.

„Auch. Der Laden wurde gerade überfallen, und einer der Diebe war dabei, die Frau des Besitzers zu vergewaltigen. Angst, Schmerz und frische Lammpastete. Es war köstlich.“ Beobachte Winter bei diesen Worten. Ich rechne immer noch halb damit, dass die Maske fallen und Winter sich als ebensolche Enttäuschung herausstellen wird wie die meisten. Aber seine einzige Reaktion ist ein Schmunzeln.

„Ich vermute, Sie haben dem Wirt und seiner Gattin aus ihrer misslichen Lage geholfen und sich erboten, ähnliche Vorfälle in Zukunft zu unterbinden. Gegen eine kleine... Gefälligkeit, versteht sich.“ Neige leicht den Kopf als Zustimmung. Schon bald nach meiner Ankunft waren das Geschäft und die unmittelbare Umgebung völlig frei von Ungeziefer. Dafür steht es mir jederzeit frei, das Lokal für meine eigenen Zwecke zu nutzen.

„Sie haben wirklich Ihre Hausaufgaben gemacht, Winter.“ Mit geübten Bewegungen stellt der Kellner zwei Gläser auf den Tisch und schenkt in beide eine bernsteinfarbene Flüssigkeit ein. Dass die Angestellten des Lokals keine Ahnung haben, wen sie da bedienen, gehört ebenfalls zu meiner Abmachung mit dem Wirt. Es wäre nur der Qualität ihrer Arbeit abträglich.

„Danke“, erwidert mein Gast knapp. Er weiß, dass es sich meinerseits um ein ehrliches Kompliment gehandelt hat.

„Auf Ihr Wohl!“ Sehe, dass er den Unterton bemerkt, der in diesen Worten mitschwingt. Eine Erinnerung, wie schnell sich das eigene Wohl verflüchtigen kann. Er hebt sein Glas.

„Auf das Ihre!“ Er schwenkt das Glas ein wenig im Kreis und führt es dann kurz zur Nase. Anschließend kostet er einen winzigen Schluck. „Ein interessanter Tropfen. Ein Insel-Whisky, Innere Hebriden, vermute ich. Ein Islay?“ Winter gibt sich keine Mühe, seine Unsicherheit bezüglich seines Urteils zu verbergen. Was immer er auch sein mag, ein Aufschneider ist er nicht.

„Nicht schlecht, allerdings handelt es sich um eine etwas größere Insel. Ein irischer Connemara, 22 Jahre alt, zweifach gebrannt.“ Ich fixiere mein Gegenüber genau. Gespannt, wie er auf diese „Täuschung“ reagieren wird.

„Ein Whiskey ganz wie die Person, welche ihn ausgesucht hat: Vielschichtig, würzig und mit leichter Süße, aber mit einer gewissen Bitterkeit im Abgang. Und man bekommt etwas völlig anderes, als man erwartet hat. Fast schon ein kleiner Betrug.“ Von jedem anderen würden diese Worte schmeichlerisch klingen. Bei Winter ist es schlicht die Wahrheit.

„Fair Play war noch nie meine Stärke. Ah, das Essen. Ich habe mir erlaubt, für uns beide zu bestellen. Es macht Ihnen doch nichts aus?“ Ein weiterer Kellner erscheint, und stellt zwei Teller ab, von denen ein betörendes Aroma ausgeht. Zwar ist es nicht so befriedigend wie nackte Angst, aber genug, um mir das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen.

„Wir werden sehen. Aber wenn das Menü ebenso raffiniert ausgewählt wurde wie der Aperitif, verspricht es zumindest spannend zu werden.“ Wieder kommt mir in den Sinn, wie selten ich die Möglichkeit habe, mich mit jemandem zu unterhalten, der mir nicht nach dem Mund redet.

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„Lammfilet Mignon an einer Portweinsauce. Serviert mit Lauchragout und karamellisierten Karotten.“ Beobachte, wie er ein kleines Stück Fleisch abschneidet. Erst, als er andächtig zu kauen beginnt, widme ich mich meinem eigenen Teller.

„Ausgezeichnet. Aber pflegt man Filet Mignon nicht ‘medium’ zu servieren?“ fragt Winter aufrichtig interessiert.

„Durchaus. Doch ich finde, ‚englisch’ bekommt das Ganze eine wunderbar kupfrige Note.“ Genüsslich nehme ich einen weiteren Bissen des blutigen Fleisches.

„Nun, ich verfüge zwar nicht über Ihre ausgeprägten Sinne, aber ich muss zugeben, dass diese Komposition ausgesprochen... interessant ist.“ Eine Weile essen wir schweigend. Das Lamm ist wirklich vorzüglich.

„Lassen Sie uns über Ihr kleines Geschenk reden.“ Winter, der sich gerade ein weiteres Stück Fleisch abschneiden will, lässt sein Besteck sinken. Sorgsam tupft er sich den Mund mit seiner Serviette ab, setzt sich etwas zurück und schaut mich an.

„Was möchten Sie wissen?“ Er ergreift sein Glas und schwenkt es sachte in seiner Hand, um den Whiskey auf Temperatur zu bringen.

„Ich habe eine Idee, wie ich den Abend mit dem guten Cedric gestalten möchte. Dafür brauche ich mehr Informationen. Erzählen Sie mir etwas über ihn.“ Mein Gast verzieht abschätzig den Mund, so als habe er auf etwas Faules gebissen, und ich frage mich, ob seine Reaktion unbewusst ist oder seine aufrichtige Abscheu gegenüber dem Gegenstand unseres Gesprächs zum Ausdruck bringen soll. Dann führt er aus:

„Cedric Barnabas Malfoy der Dritte. New-England-Geldadel, wie man ihn sonst nur aus Romanen kennt. Der junge Mann vereint gutes Aussehen, Arroganz, Narzissmus und Feigheit in ganz ungewöhnlichem Maße. Er bildet sich ein, dass die ganze Welt ihm gehört - oder zumindest nach seiner Pfeife zu tanzen hätte. Sein Hauptvergnügen besteht im Besitzen, nicht im Erleben.

Seine Verlobte hingegen war ein deutlich freierer Geist und behielt sich vor, insbesondere ihr Liebesleben weiterhin selbständig zu gestalten. Unglücklicherweise gehört der gute Cedric zu der Sorte Kinder, die im Sandkasten immer die schönsten Förmchen haben wollen und sie lieber kaputtmachen, als sie mit irgendjemandem zu teilen. Selbstverständlich hatte er nicht den Mut, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Da kam ich ins Spiel.“ Bei diesen letzten Worten gleitet sein Blick, der bis jetzt unverwandt auf mir ruhte, auf das Glas in seiner Hand. Säße mir ein anderer gegenüber, würde ich darin ein Zeichen von Verlegenheit oder Scham sehen. Ein wirklich interessanter Mensch. Aber immer noch ein Mensch.

„Sie hätten den Auftrag ablehnen können“, erwidere ich. Während er weiter sein Glas schwenkt, wenden sich seine Augen wieder mir zu.

„Das hätte den feinen Herrn kaum davon abgehalten, jemand anderen zu engagieren; jemanden, der Naturell und Wohlgestalt der jungen Dame möglicherweise weniger zu schätzen gewusst hätte. Also zog ich es vor, ihr den Abschied vom Leben so... angenehm und lustvoll wie möglich zu gestalten.“ Mit einem leichten Senken des Kopfes hebt Winter sein Glas und prostet mir zu. Dann nimmt er einen Schluck von seinem Whiskey. Ich erwidere seinen Gruß und bemerke:

„Mitleid… Ein seltener Zug in Ihrem Metier. Sie werden doch nicht etwa weich auf Ihre alten Tage?“ Fasziniert betrachte ich, wie die Bilder in Winters Geist erscheinen. So ordentlich. So kontrolliert.

„Vielleicht. Vor allem aber hasse ich Verschwendung. Die Schönheit und Lebensfreude dieser Frau zu zerstören war eine solche. Wäre ich Katholik, würde ich womöglich von einer Todsünde reden.“ Winter zögert kurz, kneift die Augen zusammen und reibt sich die Schläfe. „Verzeihen Sie, aber ich habe mit einem Mal gewisse Kopfschmerzen, ähnlich denen, die ich hatte, als Sie mir liebenswürdigerweise einen kleinen... Einblick in Ihre Gedankenwelt gestatteten. Sie haben nicht zufällig etwas damit zu tun?“ fragt er mich ohne Umschweife.

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„Verzeihung. Manche Menschen vertragen es nicht gut, gelesen zu werden. Eine der kleineren Nebenwirkungen. Ich muss zugeben, wie Sie mit dieser Frau verfahren sind, war… fantasievoll.“ Tatsächlich bekommen nur die wenigsten Kopfschmerzen. Meist ist der Wille der Person zu schwach, um sich gegen mich zu wehren. Natürlich stellt auch ein Geist wie der Winters kein Hindernis für mich dar. Aber er versucht es immerhin.

„Ich würde es vorziehen, das Gespräch auf der verbalen Ebene zu belassen. Ich habe nicht die Absicht, Ihnen etwas anderes als die Wahrheit zu sagen. Wenn Sie etwas wissen möchten, fragen Sie einfach.“ Es ist lange her, seit ich mich so köstlich amüsiert habe.  

„Macht der Gewohnheit. Übrigens hat noch niemand ein „Raus aus meinem Kopf“ so gekonnt formuliert.“ Ich ziehe mich tatsächlich aus seinen Gedanken zurück. Jedenfalls so weit, dass die Kopfschmerzen abklingen können.  

„Nach allem, was ich über sie in Erfahrung bringen konnte, waren generell nicht viele in der Lage, überhaupt einen solchen Satz zu formulieren, zumindest nicht im Nachhinein.“ erwidert er süffisant.

„Das könnte allerdings auch ein Grund sein. Warum eigentlich Opium?“ Mein Gast lächelt ein wenig versonnen.

„Nun, ich habe eine Schwäche für die Klassiker, gewissermaßen. Manche altbewährten Methoden sind so aus der Mode gekommen, dass die heutigen Ärzte die Symptome nicht mehr kennen. Wie heißt es doch so schön? Der beste Mord ist der, welcher nicht als solcher erkannt wird. Was das Opium betrifft: ich wollte die angenehme Stimmung des Abends nicht durch die gewaltsame Applikation eines gewöhnlichen Betäubungsmittels verderben. Opium, als Räucherwerk verwendet, verbreitet einen würzig-feinen Duft und sorgt für angenehme Träume. Zudem kann man sehr offen darüber reden. Die wenigsten erwarten, dass, wo Opium draufsteht, auch Opium drin ist.“ Sein Gesichtsausdruck ist jetzt der eines Mannes, der sich über eine gelungene Pointe freut.

„Sie geben sich wirklich viel Mühe mit ihren Gästen.“ Das versonnene Lächeln weicht einem deutlichen Schmunzeln.

„In Anbetracht der Höhe meines Honorars können meine Klienten das auch erwarten. Einen Menschen einfach umbringen kann jeder Laie. Das Arrangement eines individuellen, quasi maßgeschneiderten Todes hingegen ist eine Herausforderung, die zu bewältigen mir viel Freude bereitet. Außerdem erschwert es die Strafverfolgung, wenn man keinen... nun... ‚Modus Operandi’ hat.“ In Winters Stimme schwingt eine Spur Eitelkeit mit, eine Charaktereigenschaft, die bei ihm im Allgemeinen wenig zu finden ist. In diesem Moment eine verzeihliche Schwäche.

„Sie geraten ja richtig ins Schwärmen, Winter. Den Ausführungen zu einigen Ihrer Aufträge würde ich nur zu gerne lauschen.“ Er zögert einen kurzen Augenblick, dann wird seine Miene wieder geschäftsmäßig.

„Vielleicht ein andermal. Heute würde ich gerne mehr über die... Gefälligkeit... erfahren, die Sie bei unserem letzten Treffen erwähnten.“ Ich verziehe mein Gesicht in gespielter Überraschung.

„Ich dachte, wir hätten das zur Genüge besprochen?“ Mein Gast hebt die Augenbrauen und fixiert mich kühl.

„Keineswegs. Und da, wie Sie damals deutlich machten, mein künftiges Wohlbefinden davon abhängen könnte, möchte ich sicher sein, dass ich Ihnen diese Gefälligkeit auch erweisen kann. Ich würde ungern aus dem Leben scheiden aufgrund... sagen wir... falscher Erwartungen. Zwar weiß ich um Ihre Vorliebe für vage Verbindlichkeiten, aber Sie werden verstehen, dass ich eine gewisse... Planungssicherheit brauche.“ Jeglicher Humor verschwindet aus meinem Blick.  

„Wissen Sie, was einen Gentleman auszeichnet, Winter? Er weiß immer, wie weit er zu weit gehen kann.“ Winter spießt das soeben abgeschnittene Stück Lammfilet mit der Messerspitze auf und hält es hoch. Aufmerksam beobachtet er den Tropfen aus Blut und Portweinsauce, der sich unter dem Fleisch sammelt.

„Vielleicht bin ich kein Gentleman. Vielleicht sind Sie auch keiner.“ Kurz bevor der Tropfen auf den Teller fallen kann, führt er die Messerspitze zum Mund, fasst das Fleisch mit den Zähnen und verspeist es genüsslich.

„Würde jemand anderes so mit mir sprechen, würde er es für den Rest seines nicht mehr allzu langen Lebens sicher bereuen.“ Die Lampen fangen an zu flackern. Etwas bewegt sich in den sich verdichtenden Schatten. Nicht zu viel. Nur ein kleiner Vorgeschmack. Winter gibt sich unbeeindruckt. Einzig sein Herzschlag beschleunigt sich ein wenig. Vielleicht ist er tatsächlich so interessant, wie es auf den ersten Blick schien.

„Hätten Sie einen solchen Jemand auch zum Essen eingeladen?“ Ich wende mich wieder meinem Teller zu. Die Gestalten ziehen sich zurück. Unterdrücke ein Lächeln, als mich ein winziger Lufthauch erreicht.

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„Wohl kaum… Nun gut, wenn Sie darauf bestehen: Ein Auftrag. Frei Haus, versteht sich. Ort, Zeit und Vorgehensweise bleiben selbstverständlich Ihnen überlassen. Mit den Vorbereitungen können Sie sofort beginnen, aber Sie unternehmen nichts, bevor ich es anordne. Sorgen Sie dafür, dass die Person genau weiß, was ihr bevorsteht. Und seien Sie nicht zu zimperlich. Ich will, dass sie leidet. Sie soll erfahren, was es heißt, Angst zu haben. Und wenn Sie die Gelegenheit nutzen, um sie ein wenig zu demütigen, käme das meinen Intentionen sehr entgegen.“ Ich kann sehen, wie wenig ihm dieser Auftrag zusagt, obwohl sein Gesicht keinerlei Regung zeigt. Der unterhaltsame Gesprächspartner hat dem Profikiller Platz gemacht.

„Ich nehme an, Sie werden mir kaum verraten, wodurch diese Person Ihren Unmut auf sich gezogen hat. Sonst noch etwas?“ Schiebe den, nun leeren, Teller von mir und lehne mich zurück. Meine Hand spielt mit dem Glas, in dem der Whiskey glänzt wie flüssiges Gold.

„Ich werde während der ganzen Zeit dabei sein. Als… Zuschauer.“ Kurz sehe ich Überraschung in seinen Augen aufblitzen, bevor der kühle Ausdruck auf sein Gesicht zurückkehrt.

„Und wem möchten Sie dieses ‚einmalige Erlebnis’ zuteilwerden lassen?“ Winters Stimme verrät, dass er weiter im Business-Modus ist.

„Einer jungen Dame. Ihr Name ist: Annabelle Crowe.“ Die Gute würde bald erfahren, dass alles im Leben seinen Preis hat. Besonders die Dinge, die nichts kosten. Eine wichtige Lektion für jemanden so Leichtgläubiges. Ich habe es in ihrem Blick gesehen, an dem Tag in der Lagerhalle. Sympathie. Vertrauen. Sie ist wirklich erstaunlich naiv. Nicht so mein Gegenüber.  

„Man wird noch meinen, dass ich etwas gegen Frauen hätte. Warum wollen Sie nur zuschauen? Sie nehmen doch normalerweise gern Einfluss auf die... Performance.“ Sehe ihn nur mit einem unergründlichen Lächeln an und nehme einen weiteren Schluck von dem vorzüglichen Whiskey.

„Sagen wir, dass ich jemandem noch einen Gefallen schuldig bin.“ Winter verzieht den Mund zu einem bitteren Lächeln.

„Allein das dürfte bereits ein ‚einmaliges Erlebnis’ sein, vermute ich.“ Auch wenn er sich nichts anmerken lassen will, weiß ich doch genau, was er denkt. Ich kann den Gedanken im Kopf meines kühlen Geschäftspartners kreisen sehen. Es gibt also tatsächlich Dinge, die selbst einen Victor zu etwas zwingen können.

Vermuten dürfen Sie alles.“ Er schiebt seinen nun ebenfalls leeren Teller von sich. Sofort nähert sich ein Kellner, der die beiden Gedecke dezent entfernt.

„Sei’s drum! Noch etwas, das ich wissen sollte?“ Jetzt kommen wir zum interessanten Teil.

„Diese junge Dame hat noch etwas in ihrem Besitz, das mir gehört. Etwas Persönliches, das ich ungern in fremden Händen sähe.“ Er merkt auf. Ich kann förmlich hören, wie es in seinem Kopf arbeitet.

„Informationswiederbeschaffung, wie Terry Gilliam es nennen würde?“ Interessant. Ein Cineast ist er auch noch. Ob er auch ahnt, wie sehr die Menschen für mich den grotesken Gestalten aus „Brazil“ tatsächlich ähneln.

„Aktenvernichtung würde es wohl eher treffen.“ Winter schmunzelt wissend.

„Analog oder digital?“ fragt er routiniert.

„Gehen Sie von sowohl als auch aus!“ Wieder ein Nicken.

„Können Sie den Inhalt der ‚Akte’ näher spezifizieren? Je genauer ich weiß, was ich zu suchen habe, umso schneller und unauffälliger lassen sich Ergebnisse erzielen.“ Soll heißen, desto einfacher kann er herausfinden, wie er sich das Gesuchte zunutze machen kann.

„Text- und Grafikdaten. Der Text ist Latein und besteht aus exakt vier Zeilen. Die Grafik wird relativ einfach zu erkennen sein, wenn sie darauf stoßen.“ Wäre sein Gehirn eine Maschine, würde sie gerade anfangen zu qualmen, so schnell schießen seine Gedanken hin und her. Er weiß, dass er nicht mehr von mir erfahren wird. Schließlich soll es noch eine Herausforderung bleiben.

„Wie erkenne ich die Dame?“ Wenn er jetzt mit einem Dossier rechnet, das sich 10 Sekunden nach der Lektüre selbst zerstört, muss ich ihn enttäuschen. Mir stehen bessere Mittel zur Verfügung.

„Ich werde Ihnen einen kleinen Eindruck von ihr vermitteln - und von dem, was mir vorschwebt. Geeignete Räumlichkeiten sind vorhanden.“ Winter verzieht schmerzhaft das Gesicht.

„Vielleicht hätte ich noch erwähnen sollen, dass, wenn ich etwas wissen möchte, Sie es einfach sagen können. Ich vermute, Ihr Steuerberater geht nie ohne Aspirin aus dem Haus.“ Faszinierend, dass er trotz der Schmerzen seinen Humor nicht verliert. Wie lange er diesen wohl behalten würde? Ein andermal vielleicht.

„Verzeihen Sie! Ich dachte, so geht es schneller. Und etwas Geschriebenes kann so leicht verloren gehen. Sind denn noch irgendwelche Fragen offengeblieben?“ Er wirft mir einen gespielt resignierenden Blick zu.

„Glücklicherweise nein! Zumindest im Augenblick nicht. Allerdings habe ich nun eine Ahnung, woher der Ausdruck >etwas brennt sich ins Gedächtnis ein< stammen könnte.“ Der Mann ist wirklich unterhaltsam.

„Und, Winter? Wie mundet Ihnen das Gericht, das ich für Sie bestellt habe?“ Es besteht kein Zweifel, dass er die Doppeldeutigkeit meiner Worte verstanden hat, aber er bleibt perfekt in der Rolle.

„Passend zum Whiskey: Vielschichtig, würzig und mit leichter Süße, aber mit einer gewissen Bitterkeit im Abgang. Ich bin gespannt, was als Dessert kommt.“ Amüsiert sehe ich ihn an. Was Vielschichtigkeit angeht, steht er dem Whisky in nichts nach.

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„Ist Ihnen der ‚Gefallen’ noch nicht umfangreich genug?“ Mein Gast lächelt milde.

„Nicht alle meine Worte haben einen Hintersinn. Ich hatte diesmal tatsächlich an den Nachtisch gedacht.“ Natürlich hat er das. Ich gehe auf den Themenwechsel ein und gebe dem Kellner, der unauffällig im Hintergrund wartet, einen Wink.

„Wenn das so ist: Passend zum Fleisch habe ich etwas Gegrilltes ausgewählt. Marinierte Aprikosen an Kartoffel-Zimt-Blini.“ Prompt erscheint das versprochene Dessert. Winters Gesicht erhellt sich, während uns der verführerische Duft der Pfannkuchen umhüllt.

„Blini! Sehr gut! Eine Erinnerung an vergangene Zeiten?“ Winter mag vielleicht nicht bei all seinen Worten Hintergedanken haben, wohl aber bei einigen. In meinen nächsten Worten schwingt eine unausgesprochene Warnung mit.

„Wie schon gesagt: Vermuten dürfen Sie alles.“ Seine gute Laune scheint sich nicht im Mindesten zu dämpfen, aber es ist klar, dass er verstanden hat.

„Dann vermute ich mal, dass es für mich nicht wichtig sein sollte.“ Ein kluger Mann, dieser Winter. Er mag kein Gentleman sein, aber er weiß, wie weit er zu weit gehen kann.

„Wohl gesprochen!“ Wir wenden uns beide unseren Tellern zu. Ein perfekter Abschluss für einen höchst amüsanten und dazu produktiven Abend.

by RookieNightmare (in freundlicher Kooperation mit Horrorcocktail)

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Victor & Winter - die Chroniken

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