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„Wir fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn.“ - Kraftwerk, Autobahn



Harvey fühlte sich nicht unbehaglich. Er war ein wenig müde, und die Stille missfiel ihm, aber er fühlte sich nicht so unbehaglich, wie er sich hätte fühlen müssen. Nicht so unbehaglich, wie er sich gefühlt hätte, wenn er gewusst hätte, was gleich passieren würde.

Harvey fuhr auf der Autobahn mit hundertsiebzig Kilometern pro Stunde und genoss es. Normalerweise fuhr er nicht so schnell, aber nun, kurz vor Mitternacht, befand sich kein einziges Auto auf der Straße, die sich wie ein Lineal vor ihm erstreckte. Ebenso war die Fahrbahn des Gegenverkehrs wie leergefegt, was ihm komisch hätte vorkommen können. Im Rausch der Geschwindigkeit war es ihm vollkommen egal. Die Straßenlaternen, die in einem Abstand von fünfzig Meter positioniert waren, versorgten ihn mit genug Licht, um selbst bei dieser Geschwindigkeit ein langsamer fahrendes Auto vor ihm zu sehen, also machte er sich darum auch keine Sorgen. Das wäre auch nicht nötig gewesen, denn es gab kein langsamer fahrendes Auto. Nicht vor ihm, nicht hinter ihm... Überhaupt gab es gar kein anderes Auto.

Unbehaglich wurde ihm zumute, als die Straßenlaternen aussetzten. Zuerst beachtete er es überhaupt nicht, aber als er schließlich merkte, dass es um ihn herum immer dunkler geworden war, war er irritiert. Die Nacht war wolkenverhangen und schwarz, es gab nirgendwo mehr die vorschriftsmäßigen Straßenlaternen, sie waren einfach nicht mehr da. Das einzige Licht ging von seinen Scheinwerfern aus. Da ihm nun langsam mulmig wurde, schaltete er das Radio ein. Jedenfalls versuchte er es, bis ihm einfiel, dass es seit zwei Wochen defekt war. Bedauerlich.

Nichtsdestotrotz fuhr Harvey nicht langsamer. Als er nachsah, merkte er, dass er sogar noch ein wenig schneller geworden war. Lichtmangel hin oder her, er war ja nach wie vor alleine auf der geradesten Strecke, die er kannte. Warum diese Gelegenheit nicht ausnutzen? Dass das Licht seiner Scheinwerfer immer schwächer wurde, bemerkte er kaum.

Das fiel ihm erst auf, als sie vollständig erloschen und Harvey sich in einer absoluten Finsternis wiederfand, die er bisher nur aus Albträumen zu kennen glaubte. Er hatte gerade den Entschluss gefasst, abzubremsen, als er gegen etwas knallte. Der Schock erweiterte seine Sinne und für einen Moment sah er alles in einem taghellen Licht. Sah, dass direkt vor ihm, mitten auf der Straße, eine Backsteinwand stand, durch die sich, bedingt durch den Aufprall, etliche große Risse zogen. Sah, wie sein Sicherheitsgurt riss, als der Wagen von einhundertvierundachtzig Km/h innerhalb einer Sekunde zum totalen Stillstand verdammt wurde. Sah, wie die Wand immer näher kam, die Scheibe splitterte, durch die er flog. Dann war der Moment vorbei, und Harvey sah nichts mehr. Überhaupt nichts.



Es war sieben Uhr Morgens, die Sonne war vor achtunddreißig Minuten aufgegangen, als das Auto von Harvey gefunden wurde. Es stand leicht schräg, jedoch unmittelbar auf der Mittelspur der Autobahn, und war in einem absurd grässlichen Zustand. Praktisch die gesamte vordere Hälfte war zusammengequetscht, von einem Fahrer fehlte anfänglich jede Spur. Ein Polizist sollte später behaupten, dass ein solcher Zustand eigentlich nur hätte eintreten können, wenn man mit mindestens Hundertsiebzig gegen eine massive Blockade gefahren wäre. Von einer solchen fehlte aber weit und breit jede Spur.

Dafür wurde bald Harvey gefunden. Er befand sich gute fünfzig Meter weiter, wurde offenbar den gesamten Weg aus dem Auto geschleudert, ein weiteres Indiz für das Fehlen einer Mauer, die das Auto hätte aufhalten können.

Er war wie abstrakte Kunst um den Pfahl einer Laterne gewickelt, deren Glühbirne noch um zehn Uhr Morgens brannte. Das wurde auf einen Wackelkontakt durch den Aufprall zurückgeführt.