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Manchmal sehe ich junge Leute in der Bahn mit ihren Smartphones spielen und frage mich, ob sie jemals ein Buch in der Hand hatten, ein richtiges Buch, nicht nur eine Datei auf einem eBook Reader. Der Geruch von altem Papier, das leise Rascheln der Seiten. Schon als Kind habe ich ein Buch nach dem anderen verschlungen, abends im Bett erkundete ich die Schatzinsel oder ich begleitete Alice auf ihren Abenteuern im Wunderland. Mein Wunderland waren Bücher. Zwischen zwei Buchdeckeln verbargen sich unglaubliche Abenteuer, Helden und Bösewichte erwachten in meinem Geist zum Leben und wurden meine besten Freunde.

Deshalb liebe ich meinen Beruf. Ich bin Restauratorin, spezialisiert auf Bücher. Oft kommen Leute zu mir, um ihre Lieblingsbücher aus Kindertagen neu binden zu lassen. Das Lächeln auf ihrem Gesicht, wenn sie ihr Buch in Empfang nehmen, ich glaube das macht diesen Job so besonders für mich.

Ich will gerade den Laden aufschließen, als mir ein Päckchen auffällt. Es liegt direkt vor der Tür, vermutlich hat es nicht durch den Briefschlitz gepasst. Ich hebe es also auf, ärgere mich kurz über den Postboten und öffne dann die Tür. Wie jeden Tag beginne ich die Arbeit mit meiner morgendlichen Routine. Erst die Einkäufe, die ich auf dem Weg hierher besorgt habe, in den kleinen Kühlschrank in der Teeküche stellen, dann die Kaffeemaschine anschalten, den Computer hochfahren und die Post sortieren, einen Stapel für Werbung, einen für wichtige Briefe. Danach ist in der Regel der Kaffee fertig. Ich drehe noch das Schild in der Ladentür um, so das die Seite mit der Aufschrift „geöffnet“ zur Straße zeigt, dann gehe ich nach hinten in meine kleine Werkstatt und beginne mit meiner Arbeit.

Während ich diesen Automatismus abspule, fällt mein Blick auf das Päckchen. Es ist mir vorher nicht aufgefallen, aber es stehen weder Absender noch Adressat darauf. Ich zerschneide das Paketband mit einem Skalpell und entferne vorsichtig mehrere Lagen Packpapier. Dass sich darin ein Buch befindet, überrascht mich nicht besonders, aber als ich mit der Hand über den verwitterten Ledereinband streiche, schlägt mein Herz schneller. Dieses Buch ist alt, sehr alt. Vielleicht mehrere hundert Jahre. Ich öffne vorsichtig den Buchdeckel, schließe die Augen und berühre die erste Seite behutsam mit den Fingerspitzen. Es ist echtes Pergament, das spüre ich sofort. Feinste Qualität, wie man sie nur aus den besten Tierhäuten herstellen kann.

Dann beuge ich mich zum Buch und atme tief durch die Nase ein, um den Duft in mich aufzusaugen,den Duft nach altem Leder und Staub, nach modrigen Kellergewölben und Eisengallustinte. Schon jetzt ist mir klar, dass es sich um ein besonderes Buch handelt. Ich weiß, ich sollte es zu einem Experten bringen, in ein Museum vielleicht. Aber ich kann nicht.

Ich beginne zu lesen. Es scheint eine Klosterchronik zu sein, eine Jahreszahl ist in kunstvollen Lettern auf die erste Seite geschrieben: „Anno Domini Nostri 1349“. Auf das selbe Jahr ist auch der folgende Text datiert. Ein Mönch namens Zacheryus schreibt über eine Belagerung.

„Lange können wir nicht mehr ausharren. Wir werden unsere Leben lassen, ob wir an Hunger zugrunde gehen oder von den Barbaren geschlachtet werden. Nahrungsmittel gehen zur Neige, und auch an allem anderen ist ein großer Mangel. Ich habe eine Lösung gefunden, doch sie wird meinen Brüdern nicht gefallen. Weh mir wenn sie es herausfinden, es wird mein Ende sein. Doch mein Werk wird weiterleben.“

Ein Klingeln lässt mich aufschrecken. Ich blicke zur Tür, eine Kundin kommt, um ihre Bestellung abzuholen. Ich grüße flüchtig, suche das Buch aus dem Regal und schiebe es wortlos über den Tresen.

Als sie wieder weg ist, setze ich mich sofort wieder vor die geheimnisvolle Chronik. Das nächste Kapitel ist deutlich später datiert, AD 1490. Ich vermute, dass ein paar Seiten fehlen. Ich kann den Text nicht lesen, das Pergament ist sehr brüchig und es gelingt mir nur mit Mühe ein paar Worte und Satzfetzen zu entziffern. „...Das Feuer verzehrte ihre sündhaften Leiber, um ihre Seelen mit dem Licht des Herrn zu erfüllen...So jung, so voller Unschuld. Der Teufel geht andere Wege.“ Ein paar Skizzen zeigen mittelalterlich anmutende Foltergeräte. Ich denke, es geht irgendwie um Hexenverfolgung. Nur den letzten Satz verstehe ich nicht „...Du, meine Schwester, wirst das ewige Leben erlangen, denn du hast mich gefunden...“

Ein Blick auf die Uhr verrät mit, das es schon halb elf ist. Ich muss schon seit Stunden über dieses Buch gebeugt sitzen. Meine Augen brennen und ich kann mich kaum noch konzentrieren, also beschließe ich, am nächsten Tag weiterzulesen. Mein übermüdeter Verstand lässt Schatten in meinem Augenwinkel vorbeihuschen, die verschwinden als ich versuche meinen Blick auf sie zu fokussieren. Die engen Gassen der Innenstadt verschwimmen immer mehr vor meinen Augen und ich bin froh, als ich meine Haustür erreicht habe. Ich falle sofort in mein Bett und schlafe, bis das Schrillen des Weckers mich weckt.

Wieder mache ich mich auf den Weg in den Laden, arbeite meine Morgenroutine ab und setze mich dann sofort an meinen Arbeitstisch. Ich weiß nicht warum, aber ich will so schnell wie möglich weiterlesen.

Wieder eine neue Jahreszahl, AD 1523. Ein Gedicht.

ICH komm zu DIR,

Komm DU mit MIR,

Aus UNS wird WIR,

Und WIR sind Ewig

Ich denke eine Weile darüber nach, es könnte vielleicht eine Art Rätsel sein. Ich überlege, aber mir fällt nicht viel dazu ein. Merkwürdig. Langsam beginne ich mich zu fragen, was der Sinn dieses Buches ist. Ich blättere weiter zur nächsten Seite. 1655. Nur ein paar Zeichen, ich verstehe sie nicht.

„...Tod heißt das Vergessen, Erinnerung heißt das ewige Leben...“ hat irgendjemand unten auf die Ecke der Seite gekritzelt.

Was soll das alles? Nichts in diesem Buch ergibt einen Sinn für mich.

Es klingelt, ich schrecke hoch. Niemand da. Ich stehe trotzdem auf und gehe nach vorne zum Tresen. Draußen ist es dunkel. Wie lange habe ich gelesen?

Die Uhr zeigte 11:20. Ich kann noch nicht aufhören, ich will noch weiterlesen.

Eine Seite, wenigstens noch eine Seite. Die unleserlichen und verwitterten Passagen überspringe ich.

1718. Spanisch? Ich glaube, es ist Spanisch. Vielleicht auch Latein. Ich weiß es nicht.

Mein Kopf ist so leer, doch er fühlt sich an, als würde er bersten. Ein pulsierender Schmerz breitet sich von meinen Schläfen über meinen gesamten Kopf aus. Ich kann nicht. Konnte nicht mehr lesen, kann die Augen nicht mehr aufhalten, den Kopf nicht mehr aufrecht halten.

Ein Klingeln weckt mich. Aber es ist nicht mein Wecker, es ist die Glocke der Ladentür. Langsam stehe ich auf und schlurfe nach vorne in den Verkaufsraum. Das Buch, das der Mann abholen will, ist noch nicht fertig, ich murmele es sei noch in Arbeit, es habe unvorhergesehene Probleme gegeben, er solle morgen wiederkommen, dann sei es ganz bestimmt fertig. Ohne seine Reaktion abzuwarten drehe ich mich um und gehe zurück in die Werkstatt.

Das Buch erwartet mich. Anatomische Zeichnungen. War das die Seite, die ich aufgeschlagen hatte? Ich weiß es nicht mehr. Mit feinen Federstrichen ist das Bild eines Mannes gezeichnet, auf seinem Rücken sind einige Stellen schraffiert und mit Beschriftungen versehen, doch ich kann die Schrift nicht lesen. Ich blättere weiter. Und weiter.

1812, „Du verstehst es nicht, du kannst es nicht verstehen. Noch bist du blind, bald wirst du sehen....“

1849, „Hab keine Angst. Es ist ein Geschenk.“

1901. „Die Zeit war so kostbar, so knapp. Doch jetzt nicht mehr. Ich schlafe nicht, ich werde nie mehr schlafen. ....“

Und weiter, 1934. „Wer ist König, wer Volk, wer der Narr? Erkennst du die Zeichen? Wir sehen sie. Wir sehen alles. Wissen alles. Lachend werden wir auf euren Gräbern tanzen, wenn ihr zu Staub zerfallen seid.“

Das meiste ist unlesbar. Was ich lesen kann, ergibt keinen Sinn. Oder liegt es an mir? Ich bin so müde. Warum kann ich nicht aufhören?

1981. „Sei ein Teil von uns“

Als ich den Satz lese, höre ich ihn in meinem Kopf. Erst ganz leise. Lauter, immer lauter. Zahllose grotesk verzerrte Stimmen rufen nach mir. Wieder diese Schmerzen. Unerträglich hämmert ihr Geschrei von innen gegen meinen Schädel.

Dann endlich Stille....nur ein leises Flüstern: „....doch mein Werk wird weiterleben.“

Das Klingeln der Ladentür lässt mich zusammenzucken..

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Auszug aus dem Polizeibericht:

28.07.2013

[….]Die Beamten fanden eine unbekleidete Frauenleiche auf dem Boden liegend vor. Ein großes Stück Haut vom Rücken fehlte.

Eine Befragung der Nachbarn (Anhang A) hat bisher zu keinen Ergebnissen geführt.[...]

29.07.2013

[…] Cutis und Subcutis wurden vom Rücken entfernt, beginnend etwa auf Höhe des ersten Brustwirbels bis hinunter zum Kreubein. Die Verletzung wurde prämortal zugefügt, etwa ein bis zwei Stunden vor Eintritt des Todes. Andere Verletzungen wurden nicht festgestellt. Als Todesursache wird ein Kreislaufzusammenbruch infolge des Blutverlustes angenommen [...]

12.08.2013

[...]Die Ermittlungen wurden ohne Ergebnisse eingestellt.[...]

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