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Auf der Bühne stehen ein Tisch, drei Stühle. Auf dem Tisch eine kleine, weiße Tischdecke, darauf, zentral, eine kleine Petroleumlampe. Auf den Stühlen sitzen ein Mann und eine Frau. Der dritte Stuhl ist leer, allerdings so gerückt, als würde noch jemand erwartet. Der Mann heißt Erich Erhart und ist ein kräftiger, jedoch untersetzt wirkender Mann, etwa um die Dreißig. Die Frau ist Gertrude Erhart, Trudi genannt, wenig jünger als ihr Gemahl. Ihre pechschwarzen Haare sind ein wenig unordentlich, aber es tut ihrer Schönheit keinen Abbruch.

Erich: „Trudi, sag ehrlich... hab ich unsre Tochter, dir in so vielen Punkten ähnlich, jemals schlecht behandelt?“

Trudi: „Nein, Mann, das hast du nie. Deine Hingabe rührte selbst mich zuweil zu Tränen.“

Erich: „Und doch ist sie fort.“

Trudi: „Ja, sie ist fort. Das stimmt wohl.“

Schweigen

Trudi (greift nach der Hand ihres Gemahls): „Aber ob dies deine Schuld sei oder meine, noch viel eher ist es seine. Weder du, noch ich, wir beide nicht, wir konnten nichts dagegen tun.“

Erich (drückt die Hand seiner Frau): „Mag sein, Frau, doch bin ich mir bewusst: Ein Unrecht war mein Verhalten. So wahr Gott mir helfe, würde ich die Zeit zurückdrehen wollen und nur allzu gern verhindern, was ich da sagte.“

Trudi: „Ach, die Zeit zurück... Das Kind zurück, das Arme. Ein Unrecht war's, was ihr geschah, ein wahres Unrecht.“

Schweigen

Trudi: „Nun sag mir doch, was ist das hier? Der Stuhl, stehend als würd' er warten? Auf was wartet der Stuhl denn so geduldig?“

Erich: „Er wartet auf einen Hintern, der ihn seinem Zweck zukommen lässt, ein weit'res Mal. Kann unser Kind ihn doch nie mehr benutzen...“

Trudi: „Du hast Besuch für uns? Das ist doch... Und du sagst es mir nicht, nach so langer Zeit der Ehe? Nun sprich, Mann, wer ist es, der uns besuchen kommt?“

Erich: „Es ist (seufzt) der Mörder, der Eltern seine Kinder raubt. Der Abschaum ist es, das Scheusal, das ich in unser Haus geladen.“

Trudi (entgeistert): „Um des Himmels guten Herrn, wie kommst du dazu, diese Bestie in unser Haus zu senden?“

In diesem Moment ertönt ein Klopfen, wie an einer Tür

Trudi und Erich (gleichzeitig): „Das wird er sein.“



Szenenwechsel. Der Tisch und die Stühle werden weggeräumt und durch eine Bank und eine große Schiefertafel ersetzt. Offenbar spielt diese Szene in einer Schule. Mit einem kleinen Schild wird dem Zuschauer deutlich gemacht, dass es sich um eine Szene aus der Vergangenheit handelt. Ein Junge sitzt auf der Bank, etwa siebzehn Jahre alt, und starrt müde in die Luft. Dann betritt ein Mädchen, wenig jünger als er, die Bühne und gesellt sich, ihre schwarzen Haare aus dem Gesicht streichend, zu ihm. Er heißt Franz Grünling, während sie auf den Namen Erika Erhart hört.

Erika: „Hallo, mein Freund. Wie geht’s, wie steht's?“

Franz: „Es könnte durchaus besser sein. Die Schule zerrt an mir wie ein Gewicht an einem Faden aus feinster Seide, und nervig ist sie obendrein. Doch was beklag' ich mich. Wie geht es dir?

Erika: „Nimms nicht so schwer, die Nacht ist vor der Dämmerung am finstersten. Mir, nun, es geht mir gut. Auch wenn mich eine Sache stört oder zwei, hab ich doch meine Freude.“

Franz: „Was ist es denn, was dich so stört? Lieg' ich recht, wenn ich vermute, dass...?“

Erika: „Du sprichst wohl von...?“

Franz: „Jawohl, ganz recht. Von dem spreche ich. Ach, wo man den Teufel mal beim Namen nennt, da kommt er schon.“

Ein anderer Junge namens Tilo kommt hinzu, setzt sich neben Erika auf die Bank und rückt nah an sie heran. Ihr ist es sichtlich unangenehm, doch sie lässt ihn gewähren.

Tilo: „Mein Schatz, da bist du ja. Du musst nicht vor mir fliehen, ich hab dich doch so gern.“

Franz: „Nun, das scheint sie jedoch wenig zu interessieren. Fängt sie doch schon bei deinem bloßen Anblick an zu grummeln. Verstehen kann ich es ja, bei der Visage, die dein Gesicht darstellt.“

Tilo (wütend): „Nach deiner Meinung frag ich später, du... Misch dich nicht in Angelegenheiten ein, die dich nicht interessieren.“

Franz: „Es interessiert mich wohl, wenn es in meiner Nähe geschieht. Also beschwer' dich nicht, sondern mach, dass du Land gewinnst.“

Tilo: „Was fällt dir ein? Ich werd' dir bei Gelegenheit zeigen, was ich von dir halte! Wart's nur ab.“

Tilo springt auf und läuft wutschnaubend von der Bühne.

Erika: „Das war nun wirklich nicht die feine Art. Das hätte sich doch netter machen lassen.“

Franz: „Fürwahr, das mag stimmen, doch seh ich immer blutig Rot, wenn ich sein Gesicht erblicke. Nur zu gerne würd' ich sehen, wie es nach einem kleinen Kampf aussehen würde. Ich stelle mir grad' einen Kuhfladen vor...“

Erika (lacht): „Ach du. Sag mir doch lieber, was du von meinem Vorschlag hältst: Eine Freundin von mir, eine Volljährige, gibt bald eine Party. Mit netten Leuten, viel zu trinken. Schnaps wird fließen, auf das wir darin baden, sagte meine Freundin. Und für dich sind sicher nette Mädchen mit dabei.“

Franz (seufzt): „Das Angebot ist fürwahr verlockend, doch lässt die Schule mich nicht gewähren. Woran ich arbeiten muss: Mathematik, Volkswirtschaftslehre... und allein dafür benötige ich Zeit, die ich nicht hätte, würde ich dein Angebot in Anspruch nehmen. Doch glaub mir, auch ohne mich wird dir Spaß nicht vergönnt bleiben.“



Szenenwechsel. Die Bank und die Tafel werden entfernt und durch den Hintergrund einer Häuserwand ersetzt. Aus dem Hintergrund ertönt leise Musik, die sich immer weiter entfernt. Erika torkelt mit ein paar Freunden durch die Gegend.

Freund: „Sorry, Erika, wir müssen da lang.“

Erika: „Und ich nach dort. Aber gut, ich schaff das schon“

Freundin: „Aber es ist doch dunkel. Was, wenn du nun angegriffen würdest?“

Erika: „Ich passe halt auf mich auf. Auf wiedersehen, ihr zwei.“

Die anderen entfernen sich und Erika geht alleine weiter. Der Weg verdunkelt sich und offenbar ist ihr ein wenig mulmig zumute. Auf ein Mal springt eine Person aus der Dunkelheit, die der Zuschauer als Tilo erkennt.

Tilo: „Erika, mein Herz, meine Liebste. Wie sehr hab ich dich vermisst. Was hat mein Herz geschmerzt...“

Erika (stößt ihn von sich): „Ah... Was willst du? Wie oft schon hab ich dir gesagt, dass ich dich nicht ausstehen kann? Bleib fern von mir.“

Sie lässt ihn stehen und will weitergehen, doch seine Ansprache hält sie zurück

Tilo: „Das kann ich nicht glauben und will es auch nicht. Du bist mein, du liebst mich. Ich weiß es doch. Wir sind geschaffen füreinander. Und niemand kann uns davon abhalten, auch dieser Franz nicht.“

Erika: „Du bist verrückt, mehr nicht. Lass mich in Frieden, du gehst mir auf die Nerven. Hau ab!“

Sie geht an Tilo vorbei, der von ihrer Abweisung sichtlich mitgenommen ist. Mit einem Mal verfinstert sich sein Gesicht.

Tilo: „So ist das... Also doch.“

Er packt Erika, wirft sie zu Boden und beginnt, sie zu würgen.

Tilo: „Wenn ich dich schon nicht haben kann, dann soll dich niemand haben. Hörst du!? DANN SOLL DICH NIEMAND HABEN!!!“



Szenenwechsel. Es wird wieder das Zimmer der Erharts aufgebaut, diesmal ist auch der dritte Stuhl besetzt. Und zwar von Tilo.

Tilo: „Nun sagen Sie, aus welchem Grund haben Sie mich hergebeten?“

Erich: „Aus einem einfachen Grund: Der Ermordung unserer Tochter. Was ist dir darüber bewusst?“

Tilo: „Nur, was in der Zeitung stand. Ich habe wohl getrauert um dieses Mädchen, das sinnlos dahinschied'...“

Er wird unterbrochen von Erich, der ihm mit der geballten Faust ins Gesicht schlägt. Mit einem leisen Stöhnen bricht Tilo zusammen und fällt zu Boden. Aus seiner Nase läuft eine rote Flüssigkeit. Gertrude ist entsetzt.

Trudi: „Lieber Herr im Himmel, warum tust du das?“

Erich: „Das ist dir doch bekannt. Der nette Junge, Franz war sein Name, hat uns doch alles erzählt. Seine Worte... ich traue ihnen mehr als diesem Mörder zu meinen Füßen.“

Trudi: „Und was geschieht nun? Mann, was hast du für jetzt geplant?“

Erich: „... Frau... Hole mir bitte den Kanister aus der Kammer. Den großen roten, wenn du magst...“

Trudi geht langsam und schwerfällig hinter die Bühne und kehrt mit einem großen Benzinkanister zurück, den sie Erich in die Hand drückt. Dieser kippt den Inhalt über Tilo aus, dann über sich und schließlich auch über seine Frau. Als nächstes nimmt er die Petroleumlampe vom Tisch und wirft sie nach kurzem Zögern auf den Boden, wo sie zerschellt und die Bühne in Flammen aufgehen lässt.



Das Publikum klatscht, ein wahrhaft wilder Applaus. Sie sind so mitgerissen, dass sie die Hitze nicht zu spüren scheinen. Der Gestank von Rauch, brennendem Holz und Fleisch verpestet die Luft.

Und erst als die Flammen auf das Publikum übergreifen, erkennen die Zuschauer, dass nichts an diesem Stück gespielt war.

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