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Ich bekomme kaum mehr mit, wie sich draußen die Sonne verabschiedet, der Tag dem Zwielicht der Dämmerung weicht und es allmählich dunkler wird in jenem düsteren, vollgepackten, stickigen Büro, welches ich seid Neuestem mein Eigen nennen darf.

Beförderung. Abteilungsleiter.

Pff. Drauf geschissen, wenn ich ehrlich bin und dafür meine Freizeit flöten geht.

Was bringt es einem ordentlich Kohle zu verdienen, wenn man sie aus Zeitmangel nicht einmal ausgeben kann?!

Ich Idiot hätte diese verdammte Stelle niemals annehmen dürfen. Habe diese Bürohengste immer verachtet, sie auf den Arm genommen wo es ging. Hatten doch keine Ahnung davon wie richtige Arbeit aussieht. Doch jetzt...

Ich verdränge den Gedanken mit voller Absicht, konzentriere mich mehr auf meinen Selbsthass es überhaupt soweit gekommen haben zu lassen und darauf endlich diesen gottverdammten Bericht fertig zu bekommen.

Erst als ich kaum noch erkennen kann, was ich da eigentlich schreibe, mache ich mir die Mühe aufzustehen und den angeknackten Lichtschalter zu betätigen. Kaltes, künstliches Licht flutet den überladen wirkenden Raum. Staub tanzt in der Luft und legt sich sogleich wieder auf die umliegenden Aktenschränke.

Müde reibe ich mir die Augen.

Ich brauch ´nen Kaffee, verdammt.

Ich schlurfe die Treppe hinauf in die Kantine. Vor wenigen Stunden noch hatte hier hektisch Betriebsamkeit geherrscht, jetzt lag alles wie ausgestorben da. Nicht einmal die Putzkolonne war noch zu vernehmen.

Komisch.

Meine Schritte hallen etwas auf dem angegrauten Linoleumboden, der seine besten Tage lange hinter sich hat. Es quietscht, als ich die Türe zum Raucherraum öffne und mir abgestandene, nikotingeschwängerte Luft entgegen schlägt. Nichts desto trotz krame ich meinen Tabak hervor und rolle gelangweilt eine Zigarette. Weil es schmeckt rauche ich schon lange nicht mehr. Doch der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Und der Kaffee schmeckt als hätte der Kantinenwirt hinein gepisst. Zumindest hält er wach.

Gedankenverloren starre ich durch die gelblichen Fenster und das dahinterliegende Fliegengitter auf den schwärzer werdenden Hof hinaus. Sternchen tanzen vor meinen Augen, weil ich zu lange auf das Blatt Papier gestiert hatte, das ich bearbeiten musste. Verfluchter Papierkrieg. Jeden Tag wurde es mehr und kein Ende in Sicht.

Tief zog ich an der Zigarette und spuckte einen Krümel Tabak auf den Boden, der sich auf meine Zunge verirrt hatte.

Ich wollte heim. Auch wenn dort niemand auf mich wartete und ich genau das selbe tat wie an meinem Arbeitsplatz - auf den Computerbildschirm starren und hoffen das etwas passierte - war es doch etwas anderes in vertrauter Umgebung.

Mir graute schon jetzt davor, mich wieder hinter meinen Schreibtisch zu setzen und meine Unterschrift auf das gefühlt hundertste Blatt Papier zu setzen, nur weil mein Vorgesetzter zu faul - oder zu dämlich, diese Möglichkeit bestand natürlich auch - war seine Arbeit zu erledigen. Noch ehe ich die Kippe im Aschenbecher ausgedrückt und den letzten Rest des inzwischen kalt gewordenen Kaffees in mich hineingekippt hatte, waren der Hof und die Umgebung von der Nacht verschlungen worden.

Die Firma befand sich inmitten eines weitläufigen Industriegebietes, Straßenlaternen gab es nicht viel. Und von denen die es gab funktionierten auch nur die Hälfte. Es war jedes Mal eine Art Spießrutenlauf bis zu meinem Auto auf dem riesigen Parkplatz. Ich war oft der Letzte, der die Firma verließ und so war es leicht sich vorzustellen, dass man aus der Dunkelheit heraus beobachtet wurde. Schließlich lag es in der menschlichen Natur sich einzubilden, dass dräunende Widernaturen in der Finsternis lauerten, egal ob man ein Mann Ende zwanzig war oder ein 10 jähriger Junge mit aller Vorstellungskraft der Welt.

In meinem Nacken kribbelt es verdächtig, als ich den Raucherraum verlasse und die Kantine ein weiteres Mal durchquere.

Dreh dich nicht um... Ich rede es mir selbst ein. Ich muss es mir selbst einreden. Das tue ich immer, wenn ich so lange allein bin. Schon allein deswegen, um das Unwohlsein zu verdrängen, das sich jedes Mal in mir ausbreitet, wenn ich weiß, dass rings um mich herum nichts als - vermeintlich - leere Räume sind.

Oft genug höre ich Geräusche, die ich nicht so ganz zuordnen kann. Ich schiebe es auf die Ratten, auf die Mäuse und Kakerlaken, eben alles was in einem so alten Verwaltungsgebäude zwangsläufig kreucht und fleucht. Selbstredend denke ich mir dabei oft genug, dass es wohl nicht so ganz hinkommen kann, wenn es irgendwo in den Eingeweiden dieses monströsen Baus plötzlich laut knallt und scheppert. Wird wohl der Wind sein. Irgendwie ein Rohr gewummert, weil sich das Wasser aufheizt. Das sind nur die Putzleute, die eigentlich vor einer Stunde alle gegangen sind. Die Ausreden sind genauso zahlreich wie meine Ängste davor, was es wirklich sein mochte.

Ein Luftzug streift die nackte Haut an meinen Armen und lässt mich frösteln. Die Haare stellen sich auf und mir wird bewusst, dass Schweiß in Rinnsalen meinen Rücken hinunterläuft. Weil ich mich selbst nervös mache. Weil meine Gedanken ständig zu der Möglichkeit zurück kehren, dass ich irgendetwas übersehe. Weil jemand will, dass ich es übersehe. Fast als würde sich etwas verstecken.

Als ich die Tür zu meinem Büro aufreiße, hindurch stürme und sie hinter mir zuwerfe, als wäre Luzifer persönlich hinter mir und meinem schlecht sitzenden Haarschnitt her, bin ich klitschnass.

Komm runter, man! Und scheiß dir nicht in die Hosen! Wie unglaublich hilfreich das eigene Ich doch manchmal ist.

Mit zitternden Fingern wische ich mir durch das Gesicht und versuche ruhig ein und aus zu atmen.

Dann greife ich nach meinen Pillen.

Die ich immer für den Notfall parat habe. Also jeden Tag.

Mir schmeckt weder der Gedanke, langsam abhängig von dem Zeug zu werden, noch die Pille selbst, als ich sie einwerfe und laut knirschend zerkaue.

Es wird besser. Kurz.

Dann wird es schlimmer. Lange.

Draußen vor meiner Tür schleicht etwas vorbei. Ich kann die schleifenden Schritte und den unregelmäßigen Atem deutlich hören.

Da verarscht mich doch jemand!

Galle steigt meine Speiseröhre empor und will, dass ich sie nach draußen befördere. Warmer Speichel sammelt sich in meinen Backentaschen und wird zusammen mit dem Magensaft wieder nach unten befördert.

Jetzt zähl langsam bis zehn und komm runter! Die Stimme hört sich verdächtig nach meinem Therapeuten an.

"Eins..."

Die Schritte kommen zurück.

Ja sag mal spinn ich?!

"Zwei..."

Ich will darauf keine Antwort. So langsam glaube ich, dass ich sie kenne.

"Drei..."

Der Atem ist genau vor der Tür. Und er hört sich nicht unbedingt so an, als würde er von etwas stammen, was wir allgemein als menschlichen Laut bezeichnen.

"Vier..."

Meine Stimme zittert bei jedem Laut, den meine Lippen formen, immerhin will ich die grässlichen Geräusche draußen übertönen.

"Fünf..."

Jetzt kratzt etwas am Türblatt, dann wieder Schritte... und sie werden langsam leiser.

"Sechs..."

Knall.

Mein Zucken und Schrei sind Eins und ich verliere den Kopf.

Wirble herum und hab die Tür aufgestoßen noch ehe ich kapiere, was ich gerade getan habe, bin schon halb auf dem Gang hinaus und wende wild den Kopf, entschlossen herauszufinden was mir hier meinen letzten Rest Selbstbeherrschung abspenstig machen möchte.

Da sind nur zwei glühend rote Punkte.

Ich komme gar nicht dazu mich zu fragen ob die Pillen vielleicht noch andere Nebenwirkungen haben. Halluzinationen zum Beispiel - ich sprinte bereits in die entgegengesetzte Richtung. Über meine eigenen, donnernde Schritte hinweg höre ich hämmernde Pfoten/Füße/AufjedenFallistesschnelleralsichselbst!

Meine Augen fliehen den langen Gang entlang, auf der Suche nach einem Ausweg, sehe keinen und haste weiter und übersehe so das Drahtgestell eines Mülleimers, direkt an der Ecke, die ich eigentlich abbiegen wollte. Jetzt verheddern sich meine Beine im lose da hängenden Müllsack und die eigene Bewegungsenergie katapultiert mich in die Waagrechte, dem Kopf voran gegen die nächste Wand. Irgendwo in meinem Schädel knackt es erbärmlich, dann..

"Zeh..."

Sind Überstunden nicht etwas schönes?

Ravnene

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