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Hektik. Chaos. Unruhe.

Diese drei Worte beschrieben die Szenerie, die sich mir an diesem Morgen bot, am besten. Menschen die sich an einander vorbei drängten, auf die Ankunfts- und Abfahrtstafeln blickten, die über den Köpfen der Leute hingen, stehen blieben, Karten an den Maschinen lösten und mit schnellen Schritten zu ihren Gleisen liefen. Sie wuselten herum wie Ameisen: scheinbar chaotisch und ohne Ordnung, doch wenn man genau hinguckt, zielstrebig auf ihr Ziel zu. Einige liefen hektisch und unter dem Druck der Zeit durch die große Eingangshalle, andere bummelten gemütlich herum und hielten hier und da an einem Zeitungskiosk oder einem der Snackstände an. Die Menschen, die an diesem Tag den Bahnhof belebten, waren vermutlich ebenso unterschiedlich, wie die Züge und ihre Ziele, die sie erreichen wollten. Geschäftsmänner mit Anzug, Krawatte und Aktenkoffer die zu wichtigen Terminen hasteten, Familien die freudig aufgeregt die Züge in der langersehnten Urlaub nahmen und hier und da sogar Paare, die sich nach langer Zeit der Trennung wieder in die Arme schlossen.

Und ich war mitten unter ihnen. Auch ich war mit der Menschenmenge verschmolzen, quetschte mich durch die Masse aus sich bewegenden Körpern und versuchte in dem Rummel des Alltags meinen Zug noch zu bekommen. Ich war spät dran. Die große Uhr, die in der Bahnhofshalle an der Decke über den Köpfen der Leute prangte, wirkte wie ein Wächter über die Zeit oder ein hämischer Kobold, der sich einen Spaß daraus macht unaufhörlich zu ticken und zu zusehen, wie einige der gestressten Leute ihre Züge verpassen. Zumindest schien es mir an diesem Tag so. Denn als die Uhr 11:55 Uhr anzeigte, hatte ich gerade erst den Bahnhof betreten und nur noch drei Minuten, um meine Karte zu kaufen und zum richtigen Gleis zu rennen.

Etwas unruhig und ungeduldig hackte ich auf eines der anonymen Terminals ein, um endlich meine Karte entgegen zu nehmen. Natürlich vertippte ich mich mehrmals und kam nun noch mehr in den Stress. Als ich endlich am Gleis angerannt kam, waren die Türen des Wagons bereits geschlossen. Etwas panisch auf dem letzten Meter die Bahn noch zu verpassen drückte ich mehrmals auf den Knopf an der Tür, bis sie sich öffnete und ich mit einem zu tiefst erleichterten Seufzer in den Wagon einstieg.

Erschöpft aber zufrieden ließ ich mich mit einem Lächeln auf meinen Sitz in meinem Abteil fallen. Ich warf einen amüsierten, sogar etwas schadenfrohen Blick aus dem Fenster auf die Menschen die auf den Gleisen noch herumrannten auf der Suche nach ihren Zügen, Informationsschaltern oder Abfahrtstafeln. Es war fast schon faszinierend, wie sich innerhalb von einer Sekunde, beim Überschreiten des Spalts zwischen dem Gleis und dem Bahnwagon, die ganze Hektik und das Chaos in wohlige Gelassenheit und Zufriedenheit auflöste. Ein unglaublich befreiendes, tolles Gefühl.

Ein Ruck ging durch den Zug.

Er rollte an. Immer mal wieder liefen Menschen mit Koffern an der Tür zum Abteil vorbei. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Rentner. Ich richtete meinen Anzug, richtete mich auf und sah mich fröhlich um. In meinem Abteil saßen vier weitere Leute. Ein junger Mann beschäftigte sich mit seinem Laptop, ein kleiner Junge saß daneben und schielte immer wieder schüchtern auf den Bildschirm. Die Mutter des Kindes ermahnte ihn, er solle den Mann nicht bedrängen, während sie strickte. Ihr gegenüber saß ein Mann mittleren Alters, der offenbar auch geschäftlich reiste. Und neben ihm, am Fenster, saß ich. Ein Schaffner, ein Mann um die vierzig Jahre alt, kam in unser Abteil und ließ sich die Bahntickets zeigen. Während ich in meinen Taschen nach dem Fahrschein suchte, grinste mich der Kleine an. „Na, wohin fährst du?“ fragte ich ihn freundlich. „Ich fahre mit meiner Mama zu meinem Papa!“, sagte er mit einem breiten Grinsen. Seine Mutter blickte auf und lächelte mich an. „Und du?“ fragte er mich nun interessiert. „Ich fahre zur Arbeit. Oft muss ich dafür durchs ganze Land fahren“, erwiderte ich freundlich. Der Junge nickte und guckte wieder dem jungen Mann zu. Der Schaffner stempelte meine Karte und verließ das Abteil. Ich schaute aus dem Fenster auf die dahingleitende Landschaft und lauschte dem beständigen, monotonen Rattern, der Räder über die Bahngleise. Kurz darauf schlief ich ein.

Ein Ruck ging durch den Zug.

Langsam öffnete ich die Augen. Noch immer zog die Landschaft an dem fahrenden Zug vorbei. Das Abteil war leerer als zuvor. Die Mutter und der ältere Mann waren verschwunden, vermutlich ausgestiegen oder kurz auf der Toilette. Der junge Mann blickte noch immer wie gebannt auf den Bildschirm. Der Junge schaute sich ein Bilderbuch an, bis er bemerkte, dass ich wieder wach war. Er winkte mir lächelnd zu. Ich war noch etwas benommen, da ich gerade erst aufgewacht war, lächelte aber dann zurück. Das Ruckeln hatte mich etwas unsanft geweckt. Ich schaute wieder aus dem Fenster und sah ein paar kahle Trauerweiden aus Sümpfen hervorragen. Der Anblick hatte etwas geisterhaftes und unnatürliches. Unruhe stieg in mir auf: Ich konnte mich nicht daran erinnern hier jemals eine derartige Landschaft gesehen zu haben. Ich tippte den Mann an und fragte, als er seine Kopfhörer aus den Ohren nahm, wo wir jetzt seien. Doch er wusste es nicht, da er nichts mitbekommen hatte. Etwas nervös und ängstlich meine Station verschlafen zu haben, klopfte ich mit den Fingern auf die Armlehne, während ich auf einen Schaffner oder eine Durchsage wartete. Doch als selbst nach einer halben Stunde immer noch nichts passierte, fing ich an Angst zu bekommen. Kein Schaffner, keine Durchsage, keine Informationen...selbst die Mutter des Jungen ließ sich nicht blicken. Man konnte doch nicht einfach so lange sein Kind bei fremden Leuten im Abteil lassen und wegbleiben. Noch dazu bei einem so netten Jungen. Irgendetwas hier stimmte nicht. Dieses Gefühl, einer unguten Vorahnung gepaart mit völliger Ahnungslosigkeit und der hektischen Angst seine Station verpasst zu haben, war in höchstem Maße bedrückend. Vor allem, wenn man die ganze Zeit auf diese toten Bäume in der sumpfigen Landschaft geguckt hatte.

Dann geschah etwas seltsames. Der Lautsprecher knackte, jedoch ertönte keine Stimme. Wir fuhren in einen Bahnhof ein. Auf den Anzeigen stand jedoch kein Name.

Ein Ruck ging durch den Zug.

Wir standen. Dann ertönte eine Stimme aus den Boxen. Monoton und tief brummte sie: „Alles aussteigen.“ Sofort sah man eine Vielzahl von Menschen die auf den Bahnsteig traten. Auch meine beiden anderen Mitfahrer standen auf und gingen hinaus. Sie hatten nicht einmal ihr Gepäck mitgenommen. Es schien, als ob der Junge überhaupt keine Angst hätte ohne seine Mutter den Zug zu verlassen. Ganz selbstständig stand er auf und ging automatisch hinaus in die Menge der Menschen. Ich war neugierig und zugleich verspürte ich eine tiefe Furcht, ausgelöst durch die maschinenhafte Folgsamkeit der Stimme aus den Lautsprechern gegenüber und mit der die anderen Fahrgäste sich auf dem Platz vor meinem Fenster tummelten. Ich nahm meine Aktentasche und folgte den anderen. Ich wollte mich hier nach weiteren Informationen umhören und dann den nächsten Zug zu meinem Termin nehmen.

Der Bahnhof war etwas älter. Er schien eine Mischung aus Wilder Westen und dem 20. Jahrhundert in England zu sein. Es war ein kleines Gleis auf dem sich jedoch nun gut zweihundert bis dreihundert Menschen befanden. Pfeiler aus Backsteine trugen ein Dach. Ein kleines Häuschen aus Holz, über dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift „INFORMATION“ hing, stand gegenüber der Schienen. Das alles wurde von der sumpfigen Moorlandschaft umgeben. Einige der Leute die hier standen, kannte ich vom Sehen aus dem Zug. Ich bemerkte sogar, dass einige fehlten, wie etwa der ältere Mann und die Mutter aus meinem Abteil. Und selbst die Schaffner standen auf dem Platz vor dem Zug und blickten etwas ratlos und leer in die Gegend.

Hinter mir schlossen sich die Türen des Zuges und das Pfeifen ertönte. Jetzt saß ich hier fest. Ich beschloss in das Häuschen zu gehen und mal die Angestellten zu fragen, wie ich hier wieder wegkommen würde. Der Innenraum des Häuschens war genauso kahl, wie die Landschaft: Ein Tresen an dem ein Mann in Uniform stand und mehrere Stühle, auf denen alte Greise saßen und grau wurden. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die drei Gestalten die in gebeugter, buckeliger Körperhaltung auf den harten Stühlen saßen, hatten alle schon graue Haare und Bärte und ihre Gesichter waren von Falten und Altersflecken durchzogen. Der Mann, der hinter dem Schalter stand sah jedoch relativ jung aus, obgleich seine Augen etwas unglaublich mysteriöses hatten. Es war so, als würde sich die Weisheit von vielen Jahrhunderten an Lebenserfahrung in ihnen spiegeln. Ich stellte mich an den Schalter und wurde sofort von ihm begrüßt: „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte er freundlich. Seine Uniform sah seltsam aus, nicht wie das eigentliche Personal der Bahn eine rote Krawatte, mit einem weißen Hemd und einer dunkelblauen Weste. Er trug ein schwarzes Hemd mit einem Namensschild, auf dem nur „C.“ stand, und eine schwarze Hose, dazu eine weiße Krawatte. Jedoch trug er das selbe rote Logo, wie das normale Personal. „Entschuldigung“, begann ich höflich, „ich glaube, ich habe meine Haltestelle verpasst. Könnten Sie mir sagen, wann der nächste Zug zurück geht?“ Der Mann musterte mich. Sein Blick war seltsam. Gleichzeitig freundlich und etwas...traurig. Fast so als hätte er Mitleid mit mir. „Oh, das tut mir Leid, von hier geht leider nur ein einziger Zug“, entgegnete er freundlich. Mist. Ich war hier wirklich gefangen. Hoffentlich musste ich hier nicht so lange warten wie die grauen Herren. „Und wo bin ich hier grade? Ich konnte kein Schild mit dem Namen des Bahnhofes sehen.“ Der junge Herr antwortete: „Dies hier ist ein Ausweichsbahnhof. Ihr Zug hatte einen kleinen Defekt und wurde hier hin umgeleitet. Leider fährt von hier aus kein Zug zurück, aber Sie können den Nächsten nehmen. Die Fahrt geht auf uns... als Entschädigung für ihren Schaden.“ In seiner Stimme lag ein merkwürdig wissender und doppeldeutiger Unterton. Ich nickte zögernd. „Ich mache Ihnen sofort ihr Ticket fertig“, sagte er nun wieder sehr freundlich. Auf dem Tresen stand eine Dose für Spenden. „Wofür sammeln Sie denn?“, fragte ich. „Unfallopfer“, erwiderte Herr C. knapp. Offenbar ein Thema über das man nicht gerne sprach. Währenddessen hörte ich einen Zug in den Bahnhof einfahren. „Da ist ja schon Ihre Bahn“, sagte der junge Mann und schob mir das Ticket über den Schalter zu. „Vielen Dank“, sagte ich und nahm das Papier entgegen. Ich drehte mich um und wollte gehen, doch der Mann rief mir hinterher: „Warten Sie! Ich begleite Sie noch zum Zug.“ Er kam hinter dem Tresen hervor und ging neben mir her. „Wissen Sie, wir legen hier besonders viel Wert auf Kundenbetreuung. Die meisten Kunden die hier ankommen, sind verwirrt, sauer oder traurig, wenn ihr Zug nicht da ankommt, wo er eigentlich hinfahren sollte.“ Am Zug angekommen schüttelte ich seine Hand und stieg ein.

Ich suchte mein Abteil und saß erstaunlicher Weise wieder mit dem Jungen und dem Mann in einem Raum. Beide schauten leer in das Abteil hinein. Die Mutter des Jungen war offenbar schon wieder unterwegs, denn sie saß nicht neben ihrem Kind. Erstaunt darüber, wieder mit denselben Fahrgästen zu reisen, wie davor, setzte ich mich auf meinen Platz am Fenster. Vor mir auf dem Gleis stand der Mann vom Informationsschalter. Er lächelte freundlich, als ich das Fenster hochschob. „Noch einmal vielen Dank!“, ich öffnete mein Portemonnaie, um ihm etwas Geld für die Spendendose zu geben. Ich reichte ihm ein silberglänzendes 2€ Stück: „Das ist für die Unfallopfer, Herr...“

„Charon“, sagte der Mann lächelnd, „nennen Sie mich Charon."

Ein Ruck ging durch den Zug.


Mis4nthr0py666 (Diskussion) 15:22, 17. Aug. 2015 (UTC)

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