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Bedtime final

Teil 3

Die letzte Nacht war eindeutig die schlimmste meines Lebens. Ich kann mich nur schwer dazu bringen, das alles hier jetzt noch einmal durchzugehen.

Mittlerweile habe ich schon veröffentlicht, was an diesem verfluchten Ort, den ich einst zu Hause nannte, geschehen ist; ein Besuch, der meine Kindheitsängste zurückkehren ließ. Vollkommen egal, was mir hätte widerfahren können, nichts hätte mich auf das vorbereiten können, was vergangene Nacht geschah.

Nachdem ich mit dem Anblick des in zwei Hälften gebissenen Spielzeugsoldaten aufgewacht bin,  fand ich das Fenster leicht geöffnet vor. Nach kurzer Untersuchung war ich mir sicher, dass es von außen aufgebrochen wurde. Die Schlösser waren verbogen, als ob sie sich einer uneingeschränkten, ungebundenen, rohen Macht unterworfen hatten.

Von außen konnte ich drei Einkerbungen erkennen, wo der unwillkommene Hausbesucher scheinbar eine Art Werkzeug benutzt hatte, um das Fenster aus dem Schoss zu hebeln. Seltsam war allerdings, dass  diese Kratzer sich über den ganzen Rahmen des Fensters zogen, wobei eine Brechstange oder ähnliche Geräte nur eine Delle dort hinterlassen hätten, wo sie benutzt würden.

Nichts war gestohlen und ich begann die Spuren als von Menschenhand geschaffen anzusehen, und nicht mehr als durch Klauen verursacht, wie ich es vorher tat. Ich konnte mir bloß nicht anders erklären, wie der Spielzeugsoldat zu mir zurückgekehrt ist. Schon bei dem kleinsten Gedanken daran sank mein Herz.

Ich weiß, dass er eine Nachricht darstellen sollte, doch mir schien der eher wie ein makabrerer Scherz, der mehr die Rückkehr meiner Kindheit ankündigt, als etwas, wo ich die verrücktesten Dinge hineininterpretiere.

Ich verbrachte den Morgen damit in jedem Raum nachzusehen, ob etwas gestohlen wurde; nichts fehlte. Ich konnte nur hoffen, dass dieses Ding auf dem Rücksitz die Nacht zuvor mich nur ein allerletztes Mal erschrecken wollte und sich nun endgültig auf und davon gemacht hatte.

Vielleicht war es so weit von diesem Zimmer entfernt schwächer.

Normalerweise ist es recht einfach, sich ein traumatisches Erlebnis wenigstens etwas schöner zu reden, ich aber schaffte das in diesem Fall nicht; dieses kaputte Spielzeug war nicht nur ein Scherz, es war ein Versprechen. Ein Versprechen, dafür, dass es zurückkommen wird, für etwas, was ich nicht wahr haben wollte.

Meine Gedanken richteten sich wieder auf diese schrecklichen Nächte aus meiner Kindheit. Mich überkam wie damals wieder diese Sehnsucht nach dem Tag und die Angst vor der Nacht, wie ein unnachgiebiger alter Feind, und meine Furcht wuchs, je mehr der Tag sich dem Ende neigte, fraß mich auf und brachte mich dazu, mir die seltsamsten Dinge auszudenken, die dieses Wesen mit mir anstellen würde, wenn ich es wirklich versehentlich mit nach Hause gebracht hätte.

Versteh mich nicht falsch, meine Sorgen drehten sich nicht nur um mein eigenes Wohl. Als Kind dachte ich, dass dieses Etwas nur darauf versessen war, mich zu kriegen und glaubte keine einzige Sekunde daran, dass Familie und Freunden irgendeine Gefahr drohte. Das hat sich geändert. Ich hatte Angst. Ich spürte nichts anderes als Sorge um meine Mitbewohnerin, denn, wie du vielleicht schon weißt, lebe ich nicht allein.

Vor etwas mehr als zwei Jahren sind meine Freundin und ich zusammen hier eingezogen. Ich habe eindeutig schon genug Schaden angerichtet und werde deshalb nicht ihren richtigen Namen nennen. Stattdessen bezeichne ich sie hier einfach als 'Mary'. Mary und ich lebten glücklich zusammen und waren sehr verliebt. Ich wollte ihr an Weihnachten eigentlich sogar einen Antrag stellen, aber das hat sich jetzt wohl alles erledigt. Dieser ursprünglich so schöne Moment ist von einer widerlichen Scheußlichkeit endgültig zerstört worden. Eine Scheußlichkeit, die ihr ja mittlerweile alle kennen müsstet.

Ich wusste, dass sie an diesem Abend nach Hause kommen würde. Sie arbeitet in Schichten und wird oft versetzt, weshalb sie öfter gleich für mehrere Tage weg ist. Stattdessen befindet sie sich auf irgendwelchen Konferenzen und Ausstellungen, die sich über das ganze Land verteilen. Ich beschwere mich nicht. Wir beide wissen, dass mir ab und zu ein paar Tage allein auch ganz gut tun können, vor allem, weil ich mich so ungestört voll und ganz aufs Schreiben konzentrieren kann.

Trotzdem vermisse ich sie, und nach diesen Ereignissen der Vergangenheit, dem erneutem Durchleben dieser Erinnerungen und dem Wiederkehren meiner Ängste vermisse ich sie mehr als je zuvor.

Sie kam etwa gegen 18 Uhr und ich empfing sie mit einem Lächeln, einer warmen Umarmung und einem herzlichen Kuss. Ich versuchte meine Beunruhigung so gut es ging zu verstecken, aber Mary kennt mich besser als jeder andere Mensch auf der Welt, deshalb fragte sie ohne zu zögern:

„Was ist los?“

Es fiel mir schwer, die richtigen Worte zu finden und ich stotterte etwas herum, als ich ihr erzählte, dass ich eine Geschichte aus meiner Kindheit aufgeschrieben habe und das erneute Durchleben dieser dunklen, unschönen Erinnerungen mich etwas fertig machte. Mary hat eine extrem sorgsame Persönlichkeit und so legte sie ihre Koffer und Taschen auf den Boden, setzte sich mit mir aufs Sofa und sagte auf ihre ruhige, weiche Art, ich solle ihr alles genau erzählen.

Aber ich konnte nicht.

Ich konnte dieses Ding nicht erwähnen, diese Scheußlichkeit, die nun ihren Weg zu uns gefunden hatte; ein unsichtbarer Eindringling, eingelassen von meiner idiotischen Neugier. Zu diesem Zeitpunkt war ich davon überzeugt, dass sie mich für verrückt halten würde, hätte ich es ihr erzählt, doch nun, im Nachhinein wünschte ich, ich hätte ihr die volle Wahrheit erzählt.

Wenn es eines gibt, was einer Beziehung mehr schadet, als eine Lüge, ist es eine Halbwahrheit. Nicht, weil so etwas einfach nur Betrug ist, sondern weil es die verdorbene Wahrheit ist, verdreht und dazu missbraucht, dem Erzähler so ausgelegt zu werden, dass es seinen Vorstellungen entspricht.

Ich erzählte ihr meine Halbwahrheit.

Ich erzählte ihr von den Geschehnissen aus diesem seltsamen Zimmer und von dem Wesen aus dem Schaukelstuhl, doch das ist, wo die Wahrheit endete und die Lüge begann. Ich erzählte ihr überlegt und bewusst, dass das alles nur meiner kindlichen Einbildung entsprungen war und erzählte nicht von meinem Besuch beim Haus meiner Kindheit. Da ich wusste, dass sie früher oder später das aufgebrochene Fenster und die Spuren entdecken musste, spann ich die Geschichte von einem Einbrecher zusammen, den ich heldenhaft vertrieben hatte.

Ich machte mich zu einem Helden. Ich log sie an und sie war sichtlich beeindruckt, behandelte mich besonders freundlich; alles wegen einer hässlichen Täuschung.

Zu dem Zeitpunkt war mir die Wahrheit peinlich und nun schäme ich mich für diese Lüge. Wäre ich ehrlich gewesen, hätten wir die ganze Sache vielleicht zusammen durchstehen können, doch stattdessen nutzte dieses Wesen meine Unehrlichkeit und trieb einen Keil zwischen Mary und mich.

Dann nahmen mir die Geschehnisse der letzten Nacht das wichtigste, was es in meinem Leben gab.

Ich wollte nicht, dass es Nacht wird, doch sie kam in all ihrer Schwärze und hüllte uns in unserem Bett langsam in Dunkelheit. Mary schlief schon, jeder ihrer Atemzüge eine beruhigende Erinnerung daran, dass ich nicht allein war. Doch trotz der Tatsache, dass es mir um einiges besser geht, wenn jemand bei mir ist, tat ich die ganze Nacht kaum ein Auge zu. Wenn mein ungebetener Gast eintreffen würde, das wusste ich aus Erfahrung, würde er vorsichtig sein und mit jedem seiner unbemerkten Besuche die Kontrolle über mich verstärken, als wenn es Zeit bräuchte, um seine Volle Kraft zu erlangen; als würde es sich an meiner Angst laben.

Nervosität hielt mich auf Trab und bekämpfte den nahenden Schlaf mit beeindruckendem Erfolg. Am Ende gewann dann aber doch die Müdigkeit und während mein Wecker so auf vier Uhr morgens zu schwankte, ergriff mich der Schlaf; die entspannende dunkle Decke der Vergessenheit wusch meine Angst fort und meine Sorgen waren nur noch eine ferne Erinnerung. Mit einem leisen Seufzer sank ich noch tiefer in die Matratze und schlief endlich ein.

Egal wie tief der Schlaf auch ist, nur selten kann er auch nicht gestört werden. Während ich gerade an der Schwelle zu einem Traum schwebte, begann mich etwas zu stören. Langsam schob es sich in meinen Kopf. Ich öffnete meine Augen und wartete darauf, dass sie wieder klar werden.

Mary lag ruhig neben mir. Ich beruhigte mich etwas, indem ich ihrem Atmen zuhörte. Einatmen gefolgt von Ausatmen, wieder und wieder, rhythmisch, beständig. Ich begann wieder einzuschlafen.

Aber nein. Da war etwas anderes, klar und doch undefinierbar.

Es schien leise und entfernt, fast, als wäre es von etwas bedeckt, als käme es hinter irgendetwas hervor. Ich versuchte genau hinzuhören, doch es war zu leise. Ich blieb noch ein paar Minuten liegen, doch mit jeder Sekunde schmerzte dieser unhörbare Ton in meinen Ohren, wie eine Glasscherbe auf einem offenen Nerv.

Der Schlaf hatte mich nun endgültig verlassen. Frustriert entschied ich mich dazu, den Ursprung dieses Geräusches zu suchen. Ich setzte mich auf und hörte genau hin. Dieses Geräusch war anders als alle anderen, die ich je zuvor gehört hatte. So leise. Doch als mein Verstand sich endlich voll auf dieses Geräusch richtete, glaubte ich zu wissen, was ich hörte. Es war wirklich von etwas bedeckt, aber für mich klang es wie… ein sich wiederholendes Gemurmel. Ich glaube, ich habe etwas ähnliches doch schon einmal gehört, als ich meine Großmutter im Altersheim besuchte. Ein Ort, welcher mit seinen verwirrt durch die Hallen laufenden, gebrochenen Bewohnern, welche sich windend und immer wieder sich selbst von den vergangenen Tagen erzählend oder einfach nur zusammenhangslose Worte redend durch die Gegend schleichen, einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Daran erinnerte es mich; ein kontinuierlicher Strom nicht entzifferbarer Worte, gesprochen von jemandem in ewiger Verwirrung.

Ich schaute zu Mary. Ihre Brust hob und senkte sich bei jedem Atemzug. Ohne sie zu stören stand ich auf und bemerkte sofort, dass das Gemurmel lauter geworden war. Unter der Tür kroch etwas Licht hervor, denn ich hatte das Licht im Flur angelassen. Das tu ich immer. Durch dieses Licht konnte ich das Zimmer schwach aber sicher erkennen.

Ich schaute mich um, um zu sehen, ob irgendetwas anders war, doch der Raum lag da wie zuvor. Meine Gedanken wanderten wieder zu dem zweiten Zimmer, wo ich als Kind auch Geräusche von etwas hörte, eine zwar erst ungesehene, aber durchgehend präsente Bedrohung.

Als ich einen Schritt nach vorne ging, wurde das Gemurmel wieder ein Stück lauter. Ich konnte zwar immer noch nicht verstehen, was gesagt wurde, aber ich erkannte die Art der Stimme. Sie klang alt, über die Jahre trocken geworden, mit einem rauen, kehligen Unterton. Die Worte wiederholten sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und schienen ängstlich und von einer seltsamen Barriere gedämpft.

Ich hatte Angst, aber die Tatsache, dass Mary im selben Zimmer war, gab mir Mut. Mit einem tiefen Atemzug voller Beklommenheit nahm ich einen weiteren Schritt nach vorne und spürte den kalten Boden unter meinen Füßen.

Wieder wurde die Stimme lauter. Es kann auch nur Einbildung gewesen sein, aber ich könnte schwören, dass die Stimme aufgeregter klang, als ich näher kam. Als ich den nächsten Schritt machte und die Lautstärke des Gemurmels wieder anstieg, bekam ich einen riesigen Schrecken; zwischen dem unverständlichen Gebrabbel konnte ich ein Wort heraushören. Ein Wort, welches förmlich einen Eiszapfen in meine Knochen schlug. Ein Wort, welches mir Angst bereitete.

Es sprach meinen Namen.

Es kannte meinen Namen! Ich weiß nicht, warum, aber an dieser Stelle wusste ich, dass es eine unbegrenzte Reichweite hat. Ich wusste, dass ich es wohl nie loswerde. Ich wusste, es konnte mich jeden Moment einfach umbringen.

Plötzlich bemerkte ich etwas aus dem Augenwinkel, eine Bewegung, gefolgt von dem Rascheln von Stoff. Nun wusste ich, wo diese seltsame, aufgeregte Stimme herkam und warum sie so dumpf klang. Ich sah es, ein paar Schritte vor mir.

Da stand es.

Hinter den geschlossenen Vorhängen.

Der helle Mond drang nicht ganz durch den dicken Stoff hindurch, reichte aber gerade aus, dass ich schwach die Umrisse des Wesens erkennen konnte, dass mich durch die Vorhänge durch beobachtete. Ich kann nicht beschreiben, wie komisch ich mich dann fühlte. Meine Angst stieg wieder an, doch ein seltsamer Zwang, eine ziemlich unpassende Absicht überkam mich.

Ich musste sehen, was es ist.

Ich machte noch einen vorsichtigen Schritt auf die Vorhänge zu. Sie schwangen leicht hin und her, als ob sie von einem leichten Windhauch erfasst wurden, doch ich konnte nicht sagen, ob dieser von mir oder dem Ding hinter dem Schleier aus Stoff verursacht wurde. Ich war nun nahe genug, um sein mühsames Atmen zu hören, wie die Luft sich mit jedem Atemzug lautstark an der schleimigen Flüssigkeit in seinem Hals vorbeischiebt.

Das war es.

Ich würde mich diesem Monster gegenüberstellen, diese lebendig gewordene Kindesangst. Während ich langsam meine rechte Hand hob, berührte ich versehentlich den Stoff, wodurch ein leichtes Wackeln des Vorhanges diesen für einen winzigen Augenblick teilte. Ich stöhnte erschrocken auf. Auch, wenn wirklich nur für einen kurzen Moment war offenbarte der Spalt zu lange, was dahinter stand.

Ich kann kaum beschreiben, wie es aussah. Auch jetzt noch schließe ich meine Augen und wünschte, ich könnte es einfach aus meiner Erinnerung löschen. Es wackelte und zitterte während es weiter sprach und immer wieder dieselben unverständlichen Worte wiederholte, wobei es klang, als würde es eine bizarre Mischung aus unzähligen Sprachen sprechen. Seine schlaffe Haut zog sich über spröde, hervorstehende Knochen; Wirbelsäule, Rippen und innere Organe stachen unter seiner hauchdünnen, blassen, matten, violetten, fast blauen Hülle hervor.

So unterernährt es auch schien, sein Magen war voll und an seinem Platz und die knochige Erscheinung trug nicht gerade dazu bei, das Gefühl zu vermindern, dass es fähig war, seinen Opfern viel brutales, perverses Leid zuzufügen.

Übelkeit stieg in mir hoch, als ein verdorbener, widerlicher Gestank die Luft erfüllte. Als er weiter murmelte, klang es, als wären seine Zähne kaputt und zerbrochen. Ich konnte nicht anders, als Mitleid für diesen zitternden Wicht zu verspüren. Es schien, als müsste er schon ziemlich lange hungern.

Meine Gedanken wurden etwas klarer und ich merkte wieder, dass dieses Ding nicht zu bemitleiden, sondern zu fürchten ist. Man kann es nicht verstehen, nur bekämpfen. Ihm war nicht kalt, es zitterte vor Aufregung, wie ein Drogenabhängiger vor der nächsten Ladung.

Während ich noch darüber nachdachte, was ich gerade gesehen hatte, bereitete ich mich schon wieder darauf vor, den schützenden Schleier aus Stoff wegzuziehen und zu offenbaren, was dahinter ist; ein katherziges Etwas, ein Spanner der schlimmsten Art, ein abartiges Nagen an seinem eigenen Vergnügen.

Als ich erneut meine Hand hob, bemerkte ich etwas. Ein unaufhörlich verworrenes, raues, undeutliches Flüstern quetschte sich durch seinen zerstörten Mund und murmelte die drei schrecklichsten Worte, die ich je gehört hatte.

„Dreh dich um.“

Ich spürte einen kalten Atem in meinem Nacken.

Ich bewegte mich nicht, doch Liebe ist zu stark. Wäre ich allein gewesen, hätte Angst mein logisches Denken ausgelöscht, doch Mary schlief im selben Raum, in dem sich auch dieses Etwas befand; ich musste sie beschützen.

Ich drehte mich langsam um. Während ich das tat, hörte ich dieses Ächzen und Stöhnen. Nach einer viertel Drehung konnte ich seinen Atem riechen. Der Gestank des Todes lag in der Luft wie die Pest. Dann hörte ich eine Stimme, doch sie kam nicht von diesem Ding, sie kam von Mary. Sie stieß einen panischen Schrei aus, der mein Herz zerriss, einen Schrei, der mich bis in alle Zeiten verfolgen wird.

Nun sprang ich sofort herum und wollte mich vor Wut auf es stürzen, doch es stand nicht hinter mir. Es saß auf dem Bett. Es wackelte herum und sein Atem rasselte vor Vergnügen, seine Wirbelsäule, verbogen von all den qualvollen Jahren, brach fast unter dem löchrigen Stück Stoff hervor, welches einen Teil seines Körpers in einem verzweifelten Versuch wenigstens etwas menschlich zu wirken bedeckte.

Aber ist es menschlich? War es vielleicht wirklich einmal ein Mensch gewesen? Oder war es etwas so niederträchtiges, etwas so verabscheuungswürdiges, so verstoßen und mitleidslos abgewiesen, dass kein Mann und keine Frau es jemals auch nur annähernd verstehen könnten?

Jetzt stürzte ich mich erst recht auf es, riss an seiner losen Haut, versuchte mit all meiner Kraft es von Mary weg zu ziehen, doch es fuhr scheinbar ungestört weiter damit fort freudig ihr Gesicht in ihr Kissen zu drücken und ihr mit seinen langen dürren Fingern über ihren nackten Körper zu streichen, wobei es all seine anderen Glieder unter lautem Knacken in die unmöglichsten Positionen verrenkte um sich an des Bett zu klammern.

Marys Schreie klangen dumpf unter dem Kissen hervor und ich bekam Angst, dass sie ersticken würde.

Ich rief, ich schrie, ich flehte dieses Ding an, sie in Ruhe zu lassen und mich stattdessen zu nehmen, doch das schien es nur noch dazu anzutreiben, noch härter zu drücken. Es tat ihr Weh, es verletzte sie. Meine wunderbare Mary.

Plötzlich hörte es auf. Es hielt zwar immer noch mit einer seiner spröden, dünnen, mageren Hände ihren Kopf im Kissen, doch es griff sie nicht weiter an. Ich umklammerte seinen Hals, tat mein Bestes, um es herunterzureißen, doch meine Bemühungen waren umsonst. Seine dürre Erscheinung täuschte, es hatte eine immense Kraft. Qualvoll musste ich mit ansehen, wie es begann, seine toten Finger durch Marys Haare gleiten zu lassen, langsam, fast schon liebevoll.

Ich hörte jetzt nichts mehr außer dem Brechen seiner Knochen, dem Knacken seiner Knöchel und dem Reißen seiner Sehnen.

Was für ein Glück, es wollte Mary doch nichts antun! Ich hing mittlerweile auf seinem Rücken, einen Arm um seinen Hals gedrückt, während seine Wirbelsäule in meinen Magen stach. Während mein Kinn an seiner rauen Haut entlang schliff, drehte es seinen Kopf auf unmenschliche Weise. Sein Nacken krachte und ächzte unter der Anstrengung, als ob er von tausenden Jahren Leichenstarre daran gehindert wurde.

Nun sah es mich an.

Manche von euch kennen bestimmt das Gefühl sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen zu können, ich war jedenfalls an dieser Stelle ziemlich dankbar, dass dieser Fall eintrat. Ich war so nah en seinem dunklen, kalten Blick dran, dass ich außer diesem Blick nichts anderes in seinem Gesicht wahrnahm.

Ich zog noch fester, fluchte, schrie, ich hätte ihm den Kopf abgerissen, wenn ich gekonnt hätte, aber es war alles vergebens. Es fuhr unbekümmert damit fort, seine Finger durch Marys Haar gleiten zu lassen, während es mich nur ansah.

Ich glaube nicht, dass ich mich jemals von diesem Geräusch erholen kann, welches aus etwas, wovon ich denke, dass es der Anflug eines Grinsens sein sollte, hervorsickerte; ein stöhnendes Seufzen; ein Grunzen; etwas, was sehr nach einem finsteren Lachen klang.

Als sein Gesicht meines berührte, starrte es tief in meine Augen. Noch nicht einmal meine Reflektion schien zurück; seine Augen waren zwei leere schwarze Glaskugeln in der Dunkelheit seiner Augenhöhlen, ohne eine Spur von Licht, Freude oder Liebe in sich. Es sah aus, als wolle es mir etwas sagen, mir eine einfache Nachricht mitteilen.

Böswilligkeit.

Mit seltsam hackenden und gewaltvollen Bewegungen riss es eine Hand voll von Marys Haaren aus ihrem Kopf, wobei  es eine offene Wunde hinterließ. Dann war es weg. Mary schrie nicht, sie schluchzte nur. Ich schaltete die Nachttischlampe an und egal, was ich sagte, ich konnte sie nicht beruhigen.

Sie weinte unkontrollierbar heftig.

Das Bett war übersät mit Flecken von Blut, welches aus den unzähligen Kratzern auf ihrem Rücken und der großen Wunde heraussickerte, wo vorher ihr Haar gewesen war. Ich nahm sie in den Arm und sagte, dass alles wieder gut werden würde; dann sah sie mich an.

Als ich in ihre mit Tränen gefüllten Augen sah, wusste ich, was sie dachte. Sie glaubte, dass ich sie angegriffen hatte, dass ich ihr das angetan hatte. Von all den Erinnerungen, die ich habe, wird dieser Blick voll Ekel und Abscheu als die schmerzvollste erhalten bleiben.

Sie ist weg.

Nachdem sie sich wieder einigermaßen gesammelt hatte, packte sie ein paar ihrer Sachen zusammen und ging. Ich versuchte ihr alles zu erklären, doch sie hörte mir noch nicht einmal zu. Sowieso, wer würde solch eine absurde Geschichte glauben? Sie sagte nur, dass sie die Polizei aus dem Spiel lassen würde, doch wenn ich irgendwie versuchen sollte, sie zu kontaktieren, würde sie diese sofort alarmieren. Für sie war ich der Angreifer, nicht dieses Ding. Als sie aus der Tür ging drehte sie sich noch einmal um und sah mich an. Dann brach sie wieder in Tränen aus.

Ich habe sie für immer verloren. Die Frau, die ich mehr liebe, als alles andere auf dieser Welt, denkt, ich wäre ein abscheuliches, brutales menschliches Wesen. Wenn sie doch nur verstehen würde, dass, was auch immer es war nicht menschlich ist, und falls es das einmal war, diese Zeit schon lange hinter ihm liegt…

Es war heute Morgen um fünf Uhr, als sie ging; jetzt ist es um neun. Ich sitze hier im kalten Licht des frühen Tages an meinem Küchentisch und schreibe das hier, sodass ich eine Art Aufzeichnung habe, sodass die Leute wissen, sodass Mary weiß, dass alles, was von nun an geschieht nur noch wegen dieser scheußlichen Kreatur aus diesem verfluchten kleinen Zimmer aus meiner Kindheit geschieht, welches nun dieses Elend über mich gebracht hat; über uns.

Ich muss mich jetzt von all meinen Gefühlen befreien. Ich könnte hier jetzt einfach sitzen und dem Verlust meiner Beziehung mit Mar hinterhertrauern oder mich von meiner Angst überwältigen lassen und nichts tun, aber das würde logischerweise auch nichts bringen.

Ich höre draußen das Lachen der Nachbarskinder. Ich erinnere mich an das Gefühl von Glück und Freude, verursacht durch so simple Dinge, wie mit Freunden zu spielen, oder einen Baum hinaufzuklettern, oder die Frau zu küssen, die ich liebe, oder einfach nur nachts einzuschlafen und von schönen Dingen träumen, sicher und geborgen im Haus der Familie. Erinnerungen… Alles nur Erinnerungen… Ich fürchte, ich werde diese Freude nie wieder spüren können. Dieses Ding hat mich zerstört. Aber ich habe mich entschlossen. Was auch immer es noch vorhat, was auch immer dieses abscheuliche Vieh noch alles mit mir anstellen will, ich werde nicht zulassen, dass es noch einer anderen Person Schaden zufügt oder in das Leben eines unschuldigen Kindes eindringt, wie in meines all die Jahre zuvor.

Ich muss nun aufhören zu schreiben. Es gibt noch einiges zu tun bevor es dunkel wird, bevor es wieder kommt. Mein Plan steht und ich brauche nur ein bisschen Glück, dann klappt alles. Ich wünschte, ich könnte sagen, ihr hört von mir, aber das ist unwahrscheinlich. Ich hoffe, ihr wisst, was getan werden muss.

Heute Nacht werde ich es töten. 



Original

Teil 5


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