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Bedtime final

Teil 4



Ich zittere, während ich das schreibe. Vor zwei Stunden lies mich die Polizei wieder gehen und ich bin gezwungen, hier so schnell wie möglich die Ereignisse der letzten Tage zusammenzufassen. Ich möchte alles vergessen, aber ich weiß, dass ich es nicht vergessen kann, und auch nicht vergessen sollte.

Ich muss erzählen, was passiert ist, sonst werde ich nie zur Ruhe kommen. Sollte ich es jemals wagen, mich wieder von rationalen Erklärungen beeinflussen zu lassen, sollen diese Worte mich daran erinnern, dass es schrecklichere Dinge auf dieser Welt gibt, als sich ein Mensch vorstellen kann.

Als Mary ging, wusste ich, dass ich sie für immer verloren hatte, doch anstatt mich untätig in Depressionen zu stürzen, ließ ich mich von einem bestimmten Gedanken leiten. Ich musste dieses Ding zerstören, bevor es noch irgendeiner anderen unschuldigen Seele Schaden zufügen konnte.

Ich wusste, dass ich mein Leben dabei verlieren könnte, doch da ich das Gefühl hatte sowieso schon alles verloren zu haben, kam mir das eher wie ein lächerlich geringes Opfer vor. Man sagt zwar, dass man Rache am besten eiskalt serviert, aber nachdem ich all die Jahre davon geträumt hatte, dieses Ding, den dunklen Schatten, der auf mir gelegen hatte, für immer loszuwerden, wollte ich ihm ins Gesicht lachen, während sein Leben langsam erlischt.

In dieser Nacht musste es sterben, auch wenn ich mich mit ihm in die Hölle bringe.

Die nächsten Stunden beschäftigte ich mich damit, ein paar Sachen zusammen zu packen und einen Brief an Mary und meine Familie zu schreiben, worin ich alles erklärte und sagte, dass nichts ihre Schuld war. Ich rief meine Eltern und meinen Bruder an, nur um noch ein letztes Mal ihre Stimmen zu hören, lies mir aber nicht anmerken, dass das wohl das letzte Mal sein wird, dass wir miteinander sprechen. Meine Mutter fragte mich instinktiv, ob alles in Ordnung sei; ich lächelte und sagte ihr, dass ich sie lieb habe, bevor ich mich widerwillig verabschiedete.

Gegen 19 Uhr ging ich raus zu meinem Auto. Die Sonne war schon fast vollständig untergegangen und die Straßen schienen unheimlich still, leise wie ein einsames Begräbnis. Ich setzte mich in den Fahrersitz und ließ die Beifahrertür offen stehen. Ich erwartete einen unwillkommenen Besucher.

Um 21 Uhr herum war immer noch nichts geschehen und die kühle Luft von draußen begann schon zu schmerzen. Als ich so da saß, drehten sich meine Gedanken wieder um dieses Wesen. Ich dachte stark über diesen leichenblassen Parasiten nach. Eine Frage erhob sich aus dem Gedankenmeer in meinem Kopf und schwebte deutlich und eisern über dessen Oberfläche.

„Kann man etwas töten, was schon längst tot ist?“

Ich wusste nicht, ob es aus einem Grab gestiegen oder ob es ein seltsamer Geist war, den man irgendwie als 'lebendig' bezeichnen konnte, doch gerade als ich meinen Plan noch einmal im Kopf durchging, geschah etwas. Man konnte es kaum erkennen, doch die Aufhängung bewegte sich ganz leicht. Wäre das unter anderen Umständen geschehen, hätte ich es auf einen Windstoß geschoben, der am Fahrgestell wackelte, doch ich kannte dieses Gefühl noch zu gut, ein kaum spürbares Rackeln am Bett, als dieses Ding unten in es hinein kroch. Ich erkannte es, wenn es da war. Die Luft wurde dichter, als wenn etwas sie verschmutzte.

Es war bei mir im Auto. Unsichtbar, ja, aber dennoch da. Als ich ein leises, röchelndes Atmen vom Rücksitz hörte, lehnte ich mich vorsichtig zur Beifahrertür und schloss sie vorsichtig. Ich drehte den Schlüssel um und fuhr auf die Straße. Fast könnte ich schwören, ein leises, seltsam fieses Kichern von hinten gehört zu haben, das mich auslachen sollte.

Wusste es, was ich vorhatte?

Es war keine weite Reise und durch die vielen Hügel hob und senkte sich die Straße immer wieder; eine stetige Erinnerung an diese Isolation in der Nacht. Gelegentlich hörte ich etwas hinter mir, doch ich drehte mich kein einziges Mal um. Geduld; es würde nicht mehr lange dauern, bis ich es beenden würde.

Diese Ironie, ich war kurz davor, dem Selben Wesen einen riesigen Schrecken einzujagen, welches mir all die Jahre zuvor Angst gemacht hat. Ich musste ruhig bleiben und fuhr vorsichtig über die von Dunkelheit überschwemmte Landstraße in der Hoffnung, dass mein Mitfahrer nichts ahnte.

Ich kam an.

Die Räder rutschten über das Gestrüpp, Als ich von der Landstraße runter fuhr. Man konnte nun viel weiter sehen und als ich so auf die umgestürzten, halb verrotteten Bäume sah, bemerkte ich, dass es passte, an so einem unheimlichen Ort zu kommen, um das unheimlichste von allen endgültig zu zerstören.

Die weite Fläche endete abrupt; an einem alten Steinbruch lag eine tiefe Schlucht, an deren Grund sich ein dunkler See befand. Das Gebiet oben an der Klippe war relativ flach, weswegen vor langer Zeit auch noch ein paar Häuser dort standen. Nun deutet nur noch ein Teil einer Straße auf die einstige Zivilisation hin, deren Rest mitsamt der Häuser sich nun auf dem Grund dieses Sees befand. Die Kinder in der Gegend erzählen von rachsüchtigen Geistern der Ertrunkenen, doch das ist alles nur erfunden. Oder vielleicht auch nicht. Früher hätte ich solchen Geschichten keine Beachtung geschenkt, aber wer würde schon meine Geschichte glauben, wenn ich sie ihm erzähle?

Ich parkte ein paar Meter vor der Klippe, schaltete den Motor und sämtliche Lichter ab und bereitete mich auf das vor, was gleich geschehen würde. Ich saß eine gefühlte Ewigkeit in dem Auto, begleitet von dem Geräusch von Wellen, die ab und zu gegen die Wand der Schlucht schlugen.

Ich wartete.

Dieses Wesen war schlau, da gab es keinen Zweifel. Es hatte mit mir gespielt, die Angst und die Qualen genossen, die es verursacht hatte. Ich wusste, dass es mir misstrauen würde und wahrscheinlich sogar geflohen wäre, wenn ich das Auto zu nah an die Klippe gebracht hätte; ich musste darauf warten, dass es angreift, mich frisst, sich an meinem Leiden weidet, so darin vertieft ist, dass es vielleicht noch nicht einmal merken würde, wich das Auto langsam auf die Klippe zurollt, bevor es es damit in das dunkle, kalte Wasser zieht.

Ich wollte dieses Arschloch ertränken.

Ich hatte im Kopf genau abgeschätzt, was alles geschehen könnte und stellte fest, dass es einen einzigen, winzigen Moment gab, wo ich aus dem Auto springen könnte, noch bevor es über den Abhang fährt. Mary und ich waren oft dort gewesen, ein Ort um in Ruhe zusammen sein zu können, abseits von allem anderen und es sah nie so kahl und kalt aus, wie jetzt. Der Fall war mindestens neun Meter tief, und ich wollte nur ungern in dem Auto sein, wenn es das Wasser trifft, erst recht nicht zusammen mit diesem Ding.

Ich wartete.

Dann hörte ich es. Erst langsam, dann schneller und lauter. Ein rasselndes, keuchendes Atmen. Seltsamerweise klang es angestrengter als zuvor. Jeder Atemzug ein einziger Kampf, schleimig, alt, kraftlos. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ein übler, fauler Gestank füllte die Luft.

Es kam näher an mich heran.

Mein Herz begann zu rasen, stark und schnell hämmerte es  von innen gegen meine Brust, als ich nach oben blickte und sah, wie die Windschutzscheibe begann von innen zu gefrieren.  Ich konnte meinen Atem sehen, eine normale Sache, nicht so wie der nun sichtbare Atem, der von der Seite vor meinem Gesicht entlang schwebte. Langsam drehte ich mich zur Seite. Ich wollte weinen, verschwinden, in die Nacht hinein rennen, aber ich musste hierbleiben. Ich durfte nicht zulassen, dass es entkommt.

Ich saß auf dem Beifahrersitz.

Ich sah es an, und es mich. Seine Schultern umhüllt von der Dunkelheit, verdreht, dürr, die Hände geformt, als wollen die einer Leichenstarre entfliehen, bewegte es sich auf mich zu. Eines seiner Beine knackte, als es sich über meinen Schoß auf die andere Seite bewegte.

Es saß auf mir.

Es zog sich nah an mich heran. Angeleuchtet von einem dünnen Schimmer von Mondlicht konnte ich sein Gesicht erkennen. Haut hing von seinen zerstörten Gesichtszügen herab. Glasige Augen starrten in meine, als sich ein breites Grinsen über seinem Gesicht erstreckte, durch das halb verrottete Fleisch war dieses unnatürlich weit und offenbarte verfaulte Muskeln, kaputte Zähne und Sehnen unter der Haut.

Während es sich näher an mein Gesicht zog, offenbarte sich eine feuchte, verfaulte Zunge, die man etwas durch ein fehlendes Stück in seinem Kiefer erkennen konnte. Der Gestank strömte durch sein heftiges Keuchen und Ausatmen in meine Augen und in meinen Mund, wodurch ich würgen musste. Als ich das tat, hielt es einen kurzen Moment inne, dann kicherte es in sich hinein; glücklich, zufrieden. Als ich in seine kalten Augen sah, machte es doch wieder den Eindruck, als sähe ich in die Augen eines geplagten, zunehmend schwächer werdenden alten Mannes. Es war immer noch unglaublich stark, aber es schien, als hätte es etwas seiner Kraft verloren.

Vielleiht hatte es doch etwas damit zu tun, dass es das kleine Zimmer in dem alten Haus verlassen hat?

Seine langen, dürren Finger strichen über mein Gesicht, dann, als Zeichen seiner Kraft, stach es einen von ihnen tief in meine Schulter. Ich schrie, als es ihn krümmte und drehte, um mir so viel Schaden und Schmerz zuzufügen, wie ihm damit möglich war. Währenddessen glitt die andere Hand an meinem Körper herab.

Es fasste mich an.

Jetzt war der richtige Zeitpunkt. Mit meinem freien Arm drehte ich den Schlüssel, schaffte es irgendwie, den Schmerz halbwegs zu ignorieren, legte den Gang ein und drückte das Gaspedal durch.

Die Kreatur bäumte sich auf, schrie, versuchte über mich zurück in den Rücksitz zu kriechen, doch ich hielt es mit all meiner Kraft bei mir, die Wut auf das, was es Mary angetan hatte, gab mir zusätzliche Kraft. Wir rasten auf die Klippe zu. Verzweifelt sah ich zur Fahrertür. Als wir uns dem Hang näherten, schrie ich vor Wut und schubste ihn von mir.

Es krabbelte in den Rücksitz, kämpfte um sein Leben, während ich um mein Leben kämpfte, indem ich die Tür aufschloss.

Es war zu spät, das Auto stürzte über die Klippe und bevor ich es mitbekam schlugen wir schon in das dunkle Wasser, teilten die glasähnliche Oberfläche mit gewaltiger Kraft. Ich hätte sterben sollen, doch eine Art Kissen aus Luft nahm mir die Fallkraft. Trotz allem schaffte ich es noch, mit meinem Kopf gegen den Türrahmen zu knallen.

Betäubt sah ich mich um. Das Geräusch, welches dieses Ding hinter mir von sich gab, klang verzerrt und doch vertraut. Der Schrei eines dämonischen Kindes entkam dem Wesen, welches wusste, dass es kurz vor dem Tod stand.

Das Wasser war fast gefroren und strömte nun mit solcher Kraft durch die zerstörte Tür hinein, dass ich an die andere Seite geworfen wurde. Ich holte verzweifelt tief Luft und mein Mitfahrer tat es mir gleich. Es warf sich hin und her, auf der panischen Suche nach einem Ausweg. Als es die offene Tür bemerkte, zog es sich an den Vordersitzen gegen das anströmende Wasser nach vorne.

Ich ballte meine Hand zur Faust und schmetterte sie mit voller Kraft in das Gesicht dieses Scheusals. Kleine Stücke des verrotteten Fleisches wurden mitgerissen, als eine tief schwarze Flüssigkeit aus der entstandenen Wunde sickerte.

Wieder versuchte es an mir vorbei zu kommen und ich wusste, dass ich mit ihm sterben musste, um es lange genug in dem Auto zu halten. Ich war starr vor Kälte, als das eisige Wasser mein Kinn erreichte. Mein Herz kämpfte gegen die Kälte an und mit einem plötzlichen Ruck tauchte ich unter.

Ich hielt meinen Atem an und bereitete mich auf einen eiskalten Tod vor. Ich hoffte nur noch, dass es nicht zu sehr wehtun wird. Meine Gedanken wanderten noch einmal zu Mary und zu meiner Familie und ein Gefühl von Trauer überkam mich, doch als ich gegen dieses Ding ankämpfte, ihm den Weg nach draußen versperrte und es zurück hielt, sah ich kurz nach unten und bemerkte etwas.

Sein Bein war durch den Aufprall zwischen Armaturenbrett und Boden des Autos eingeklemmt und es konnte sich zwar noch bewegen, das Auto aber nicht mehr verlassen.

Ich drehte mich sofort um und schwamm aus der Tür. Ich konnte zwar kaum was erkennen, aber das Mondlicht reichte aus um mir den Weg zu leuchten. Als ich gerade durch die Tür gekommen war, schnappte sich dieses Biest mein Bein und zog mich zu sich zurück. Es hatte jede Hoffnung aufgegeben, doch es wollte, dass ich mit ihm ertrinke.

Wir kämpften eine gefühlte Ewigkeit miteinander, während wir langsam immer tiefer in unser kaltes, nasses Grab sanken. Ich spürte, wie mein Körper mich anflehte zu atmen, das letzte bisschen Luft in mir auszustoßen und dann das eiskalte Wasser in mir aufzunehmen.

Ich bin wirklich froh nun erzählen zu können, dass ich meinen Verstand einsetzte, um diesem schrecklichen Schicksal zu entkommen. Noch einmal sammelte ich das letzte bisschen Kraft in mir zusammen und stemmte meine Füße gegen das Armaturenbrett, stieß mich mit all dieser Kraft ab und entkam so dem Griff des Wesens. Ich erinnere mich sonst noch an kaum etwas, nur an einen qualvollen, hasserfüllten Schrei, den mein jahrelanger Peiniger von sich gab, als ich ihn zurück ließ.

Dann fand ich mich am Rande des Sees wieder, kalt und nass, aber lebendig. Die Wunde in meiner Schulter machte mich langsamer, als ich mich auf den Heimweg machte, doch indem ich meine andere Hand auf die Stelle drückte, konnte ich die Blutung etwas zurückhalten. Nach etwa zwei Stunden war ich da und ich war erstaunt, dass ich nicht durch die Erschöpfung oder Unterkühlung zusammengebrochen bin. Als ich das wohlbekannte Schild mit dem Namen meiner Straße erblickte, übermannte mich ein Gefühl der Erleichterung, das Gefühl, dass ich etwas geschafft hatte, ein Gefühl von Stolz und Triumph.

Ich hatte dieses Ding ein für alle Mal besiegt.

Das dachte ich zumindest bevor ich mein Haus betrat und eine Reihe nasser Fußspuren vorfand, die zu meinem Bett führten.

Ich konnte es nicht glauben. Ich war so überrascht, so verzweifelt, so ungläubig, dass ich es nicht mit Worten beschreiben kann. Es lag in meinem Bett, bedeckt von meiner Bettdecke.

Das menschliche Gehirn ist doch ein tolles Ding. Gerade noch bist du so fertig, dass du keinen klaren Gedanken fassen kannst, so zerstört, dass du einfach nicht weiter machen kannst, und dann kommt dir plötzlich eine Idee in den Kopf, die alles ändert.

Lass es schlafen, vorerst.

Leise schlich ich mich durch die Dunkelheit, nahm meine Brieftasche vom Nachttisch, schlich mich wieder aus dem Haus und kam knapp eine Stunde später wieder, um mich nach ein paar Minuten der Vorbereitung in das Bett im Gästezimmer zu legen.

Da lag ich dann und wartete. Ich war mir sicher, dass das das Ende des Spiels war, dass es nun nicht mehr mit mir herumspielt, sondern direkt zum Töten übergeht. Es durfte nicht noch einmal entkommen, sonst wäre ich verloren. Ich konnte nur hoffen, dass es mich irgendwie vom anderen Zimmer aus spüren konnte.

Ich schloss meine Augen und tat so, als ob ich schlafe. Während die Zeit verging, versuchte ich zwar dagegen anzukämpfen, doch ich war so erschöpft,  dass ich nicht lange kämpfen konnte und schon bald in einen tiefen Schlaf versunken war.

Ich wachte auf, als es seine Hände um meinen Hals legte. Es hustete und zischte über mir, während eine widerliche, schwarze Flüssigkeit aus den Wunden in seinem Gesicht auf meines tropfte. Durch Herumzappeln und starkes Winden versuchte ich irgendwie die Kraft aufzubringen, seinem Griff zu entkommen, doch es war zu stark und ich konnte es einfach nicht greifen, da es immer noch durchnässt war.

Es war vielleicht nicht das Beste, was ich tun konnte, doch als langsam das Licht vor meinen Augen erlosch, tat ich, was so viele andere Tiere auch tun würden; ich spielte tot.

Ich bewegte mich nicht mehr und hielt den Atem an, während das Vieh auf mir mich schüttelte und dann los lies. Ich wartete auf den richtigen Moment, meine letzte Chance das Ding zu zerstören.  Sein Atem beruhigte sich und es starrte mich an, fast schon, als ob es wusste, was ich tat.

Ich wartete darauf, dass es sich so hinsetzte, dass ich es auf den Boden schubsen konnte.

Es kam näher an mich heran und lächelte spöttisch. Dann sammelte es etwas seines verfaulten Speichels in seinem Mund in etwas, was wie eine Wange aussah und spuckte mir die eklige Flüssigkeit in mein Gesicht, der letzte Rest tropfte durch das Loch in seinem Kiefer.

Ich wollte schreien, irgendetwas tun, um diese ekelhafte Schmiere von meiner Haut zu entfernen, doch ich durfte mich nicht bewegen; es war noch nicht der richtige Zeitpunkt. Kurz darauf fing es an in der Wunde in meiner Schulter herumzustochern und alles wieder aufzukratzen. Der Schmerz war gigantisch, aber ich gab kein Lebenszeichen von mir.

Dann schob es langsam und geduldig zwei seiner dünnen, missgebildeten Finder in meinen Mund. Der Geschmack war überwältigend ranzig, vergammelt, tot. Ein plötzliches Knacken seiner Knochen besiegelte mein Versagen. Freudig setzte es sich auf und rammte mir seine Finger tief in den Hals.

Ich würgte. Verdammter Reflex.

Anstatt geschockt zu sein quetschte es ein gurgelndes Lachen durch seine Zähne und drückte seine Finger noch tiefer in meinen Hals. Sie waren eiskalt und ich spürte, wie sie an der Innenseite meines Halses kratzten.

In solch schrecklichen Momenten entwickelt man oft erst seine wahre Stärke. Ich rollte mich zur Seite, setzte sein Gewicht gegen es ein und schaffte es endlich, es von mir zu schubsen. Ich fiel auf den Boden. Schnell griff es nach meinem Bein und versuchte, mich zurück zu ziehen, doch mit einem gezielten Tritt schaffte ich es, mich zu befreien. Es starrte mich einen Moment an. Seine brüchigen Knochen knackten, während es sich auf dem Bett vor mir auftürmte um sich auf mich zu stürzen.

Seit ich ein Kind war, machte es mich fertig. Es hat mich gequält, Mary angegriffen und mein Leben zerstört.

Jetzt war die Zeit der Rache gekommen.

Übermut, von dem Gedanken getäuscht, dass es mir voll und ganz überlegen ist, geleitet von purer Boshaftigkeit ohne einer Sekunde logischen Denkens. Es war in meine Falle getappt, entstanden durch logisches Denken. Ich kannte es lang genug um zu wissen, wie es vorgehen würde.

Feuer beseitigt alles.

Als es brüllte, schrie, seinen Körper verrenkte, während es sich zum Angriff bereit machte, zog ich mit einer schnellen Bewegung eine Decke von einem Eimer auf dem Boden, den ich mit Benzin, welches ich in der kurzen Vorbereitungszeit vorher gekauft hatte, gefüllt hatte. Mit all meiner Kraft warf ich diesen dem Etwas auf dem Bett an den Kopf, wodurch es über und über mit dem Benzin bedeckt war.

Es grinste mich an, verspottete mich für meine bloße Existenz, lachte mich für diesen kläglichen Angriff aus.

Ich zog ein Feuerzeug aus meiner Tasche, klappte es auf, zündete es an und war es auf das Bett. Es schrie, wand sich in Qualen, Stücke seines Fleisches verschwanden nach und nach, brannten vor meinen Augen voll und ganz weg; es tat mir fast schon Leid.

Lass es brennen.

Das Feuer  geriet außer Kontrolle, glücklicherweise bemerkte ein Nachbar den Rauch und allarmierte die Feuerwehr. Ich weiß nicht mehr, wie ich noch entkommen bin.

Ich musste viele Stunden im Krankenhaus verbringen, leichte Rauchvergiftung und starke Verbrennungen an den Händen. Klar, es tut immer noch Weh, vor allem wenn ich hier tippe, aber das sind oberflächliche Wunden, die heilen wieder. Höchstens bleiben ein paar Narben, aber damit kann ich leben.

Die Polizei verhaftete mich kurze Zeit später wegen Mordes. Sie glaubten, ich habe jemanden mit dem Feuer umgebracht und fanden es höchst verdächtig, dass sich eine tiefe Wunde in meiner Schulter befand und mein Körper über und über von Kratzern übersät war. Sie sagten, ich solle die Stadt nicht verlassen, für den Fall, dass sie noch ein paar Dinge fragen wollen. Sollen sie doch, sie werden mir sowieso nicht glauben. Sie fanden keinerlei Überreste und auch sonst keine Beweise, dass noch jemand bei mir war, nur einen seltsamen Abdruck einer Figur auf dem Bett und an der Wand, als hätte etwas versucht zu entkommen, doch ich bezweifle, dass es es auch geschafft hat.

Eine riesige Last ist von mir abgefallen, erst jetzt, wo sie weg ist, merke ich, dass sie schon immer da war, seit mich damals das erste Mal das Rascheln einer Bettdecke unter mir geweckt hat. Dieses Ding konnte mich auch aus großer Entfernung noch kontrollieren, und nun ist es weg, endlich fühle ich mich wieder wohl.

Ich bin völlig fertig, weil Mary weg ist und ich werde sehr wahrscheinlich kein Geld von der Versicherung bekommen, da die Polizei früher oder später herausfindet, dass ich das Feuer gelegt hatte.

Meine Hände und meine Schulter schmerzen, mein Verstand aber nicht. Ich schreibe das hier aus einem Hotelzimmer, klein und bescheiden, aber es reicht aus. Heute Nacht werde ich wieder schlafen und träumen, sorgenfrei, wie damals als kleines Kind, bevor dieses Drecksstück in mein Leben eindrang.

Ich glaube, dass es mein logisches Denken war, dass mich letztendlich gerettet hat, und ich bin mir sicher, dass sich noch mehr in dieser Welt verbirgt, als ich denken kann. Ich habe einen Teil der Welt kennen gelernt, den ich nicht wieder sehen möchte und morgen werde ich mein Leben wieder aufbauen, ein glückliches Leben ohne Wesen aus der Wand beginnen. Es ist weg, das spüre ich, ich weiß es.

Es wird etwas Zeit brauchen, bis ich mich an diese Freiheit gewöhne, wahrscheinlich werde ich mir ab und zu noch etwas einbilden, lebenslange Paranoia verschwindet nicht von heute auf morgen. Ich muss lernen, diese Sicherheit zu akzeptieren. Ich werde freiwillig wohl mein Leben lang nie wieder auf diese Zeit zurückblicken, doch ich werde immer vorsichtig sein. Heute Morgen im Krankenhausbett hatte ich für einen Moment das Gefühl, als würde das Bett wackeln, aber ich weiß, dass es nur Einbildung war.

Ich bin froh, dass ich diese Erfahrungen mitgeschrieben habe. Es hat mir selbst einiges über mich offenbart und vor allem, sollte sich irgendjemand irgendwann auch einmal in so einer Situation befinden, was ich nicht hoffe, weiß er nun, was zu tun ist.

Jetzt ist Schlafenszeit und ich muss mich von einer Erschöpfung erholen, wie ich sie in meinem Leben noch nie gespürt hatte.

Gute Nacht, und schlaf gut.


ENDE


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