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Meine Haare und mein Kleid wehen im Gleichtakt mit den Sträuchern um mich herum im Wind. Ich stehe auf einem kleinen Weg, der sich den Weg durch das Gräberfeld, das man Friedhof nennt. Am liebsten würde ich, schreien, weinen, mich wenigstens bewegen, aber ich kann nicht. Ich blicke auf den Stein vor mir, und auf das Loch, in das nun ein Sarg eingelassen wird. Wehmütig lese ich die Inschrift des Steines. Nie mehr werde ich meinen Freund sehen.


Als wir uns kennenlernten, waren wir beide noch Schüler. Wir gingen auf dieselbe Schule, selber Jahrgang. Er war in der Parallelklasse, trotzdem trafen wir uns in jeder freien Minute. Kurz vor Ostern kamen wir zusammen. Während andere Beziehungen nicht lange hielten, blieben wir zusammen. Zum Studium zogen wir nach Australien. In Sydney hätte ich viele Möglichkeiten gehabt, mit den angesehensten Jungs zusammenzukommen, doch ich blieb bei ihm und er bei mir.


Ich verliebte mich in ihn, weil er immer ehrlich war und für mich da. Er tat alles, damit ich mich wohl fühlte. Kurz bevor ich ihn kennenlernte, war ich schwer depressiv; weder zu Hause noch bei meinen Altersgenossen war ich sonderlich erwünscht. Ich nahm Stimmungsaufheller, Betäubungsmittel, rauchte, trank und ritzte mich. Er zog mich aus diesem Loch, half mir wieder auf die Beine, brachte mir mein Selbstvertrauen zurück. Er wollte nie etwas zurück, Geschenke, die ich ihm machen wollte, lehnte er ab oder schenkte mir viel wertvolleres zurück. Wenn ich ihn fragte, warum, erklärte er mir, es ginge nur darum, dass es mir möglichst gut ginge.


Irgendwann war er nicht mehr für mich da. Es fing damit an, dass er bis spät nachts wegblieb, dann war er tagelang auf spontanen Reisen. Doch er kam immer wieder und entschuldigte sich.
Ich liebte ihn weiterhin, weil er trotzdem immer ehrlich war und um mich besorgt. Und immer brachte er mir etwas mit, hier eine Muschelkette, da ein Parfum, eine Spezialität seines Reiseziels. Er erklärte mir, warum er wegblieb und widmete mir all seine restliche Zeit.


Dann war er nicht mehr ehrlich, brachte mir kaum noch etwas mit, doch er überwies regelmäßig genug Geld, damit ich ein angenehmes Leben führen konnte, ohne viel zu arbeiten, ich hatte trotz Überqualifikation keinen Job als Architektin gefunden.


Ich liebte ihn immer noch. Doch eines Tages kam er wieder nach Hause und war so niedergeschlagen, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Er erzählte mir, dass er seinen Job aufgeben müsse.
Tagelang schloss er sich in seinem Zimmer ein, aß nicht, trank nicht, schlief nicht. Ich hörte immer nur seine unruhigen Schritte, wenn er durch das Zimmer schritt. Er wollte keinen Arzt, Obwohl ich es ihm immer wieder vorschlug, wenn ich an der geschlossenen Tür lehnte.


Schließlich ging die Tür doch auf. Er war total abgemagert und bleich, sein Gesicht eingefallen, die sonst bräunliche Haut ungesund gelblich. Er brach fast augenblicklich zusammen und stammelte etwas davon, wie leid es ihm täte, mir das anzutun, doch es läge an seinem Job.

Jetzt stehe ich hier, auf dem Friedhof, und blicke in das Grab. Er hatte einen schwierigen Job, der allerdings gut entlohnt wurde. Doch sein letzter Auftrag war eine Qual für den sonst so robusten Mann. Sein Klient hatte ihm eine hohe Summe geboten und er war verpflichtet, den Auftrag zu erfüllen.


Manchmal hatte ich Angst, es würde so kommen, doch während er krank war, verdrängte ich jeden Gedanken an die Möglichkeit, dass es so war. Ich ging davon aus, dass er ein besonders schwieriges Ziel bekommen hatte in seinem Job als Auftragsmörder, doch das hätte ich nie gedacht.
Ein letztes Mal blicke ich in mein Grab, dann verdeckt Erde mein Blickfeld.

Crepka

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