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[Das Mädchen]

Mein Herz klopft. Ein kurzer Blick und da ist es wieder. Ich sehe Colin jeden Tag, aber er mich nie.

Erschöpft lehne ich mich an die Hauswand. Den ganzen Weg zur Sporthalle bin ich gerannt, nur, um ihn noch rechtzeitig zu sehen zu bekommen, bevor er mit den anderen Jungs verschwindet.

Moment mal, wer war das? Ich sehe ein lachendes Mädchen mit langen, braunen Haaren an seiner Seite. Wer ist sie und warum ist sie bei ihm? Sie hat kein Recht, mit ihm zu sprechen! Niemand darf mit ihm sprechen! Ich kriege einen Schreck und nehme meinen Kopf von der Wand. Hat sie mich etwa gerade gesehen? Jetzt redet sie auch noch mit ihm und kichert... Dafür muss sie bezahlen!

Ich erschaudere bei meinen eigenen Gedanken. Wie kann ich nur wieder an so etwas Grauenvolles denken? Ich wollte doch niemandem mehr wehtun! Wirklich nicht! Aber wenn sie ihn weiterhin so ansieht, dann bleibt mir keine andere Wahl. Tut mir wirklich leid!


[Colin]

Sue ist heute besonders hübsch. Ich schaue zu ihr rüber und sie lächelt mich an. Dann kommt sie auf mich zu. Ich liebe ihre unschuldigen blauen Augen und ihr dunkelbraunes Haar. Es erinnert mich an ein Reh. Wir sind in einer Klasse, allerdings kam Sue erst vor einem Jahr zu uns. Schon von Anfang an verstehen wir uns richtig gut. Ich hoffe, dass diesmal endlich mehr daraus werden kann. Na ja, ich hatte zwar schon mal eine Freundin, sogar zwei, aber beide sind bei einem Unfall gestorben.  Marie wurde von einem Auto überfahren. Nach zwei Wochen im Krankenhaus wurde ihr Tod bekannt gemacht. Auf der Beerdigung legte ich Rosen und ein Bild von uns mit ins Grab. Mathilda wurde beim Skifahren in den Bergen von einer Lawine erwischt. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Natürlich hatte ich danach sehr starke Depressionen und hätte mehrmals fast Selbstmord begangen, aber irgendwie ist immer eine neue Person aufgetaucht, die mich wieder aufgeheitert hat. Bei Maries Tod war es Mathilda, jetzt ist es Sue. Ich werde auf jeden Fall gut auf sie aufpassen! Und dann wird bestimmt wieder alles gut!


[Das Mädchen]

Es ist Ende der 8. Stunde. Ich sehe ihn auf dem Gang. Er unterhält sich wieder mit ihr. Ich stehe an meinem Schließfach und beobachte ihn durch einen Schminkspiegel. Ich beiße meine Zähne voller Hass aufeinander. Eng und enger aufeinander, bis es bedrohlich knirscht. Überrascht bemerke ich, dass das Mädchen ihn verlässt. Ich fasse einen Entschluss und folge ihr unauffällig. Sie bemerkt mich nicht. Sie verlässt das Gebäude und geht über den Schulhof. Hat sie jetzt etwa Unterrichtsschluss? Das ist die Gelegenheit. Jetzt oder nie! Ich könnte ihr noch eine Chance geben, aber die hat sie nicht verdient. Jeder, der es wagt, ihm zu nahe zu kommen, muss sterben! Jetzt biegt sie um die Ecke. Ich bleibe ihr auf den Fersen. Bemerken wird sie mich nicht.


[Sue]

Wie jeden Winter wird es nach der Schule schon dunkel, so dass es, wenn ich zu Hause bin, schon pechschwarz ist. Ich bin so glücklich. Schon immer war ich in Colin verliebt gewesen, aber ich habe mich nie getraut, mit ihm zu sprechen. Jetzt schenkte er mir endlich Beachtung. Meine Gedanken kann ich nicht von ihm abwenden. Plötzlich fröstelt es mich. Was ist los? Ich drehe mich ruckartig um, doch dort ist niemand. Dieses brennende Gefühl, dass man beobachtet wird, breitet sich in mir aus. Unsicher drehe ich mich um und gehe mit schnellem Schritt weiter. Nicht mehr weit und ich bin bei der Haltestelle. Die Schule liegt etwa einen Kilometer entfernt von ihr. Von dort aus fährt der Bus, der mich nach Hause bringt. Es ist nicht mehr weit. Angespannt schaue ich mich nochmal um. Es ist immer noch niemand zu sehen. Aber woher kommt dann dieses Gefühl der Verfolgung? „Angst ist kein Gefühl. Es ist ein Sinn“, höre ich plötzlich eine Stimme flüstern. Dann spüre ich etwas Kaltes an meinem Hals. Ich kreische laut auf.


[Colin]

Ich lache und halte sie fest. Dass Sue sich so sehr erschreckt, ist richtig niedlich. Ich habe mich von hinten angepirscht und eine kalte Dose Limonade an ihren Hals gepresst. Sie hat mich nicht gesehen, wie ich mich angeschlichen habe. Jetzt dreht sie sich um und schaut mich an. Dann lächelt sie. „Du bist doof!“, sagt sie. Ich gebe ihr lachend die Dose. Für mich habe ich auch eine gekauft. Wir trinken unsere Limonade, während ich sie zur Haltestelle begleite. „Hey, möchtest du nicht mit zu mir nach Hause kommen?“, fragt sie mich. Ich bin erst etwas überrascht von der Frage und antworte dann. „Ja, gerne!“, sage ich. Sie scheint sich zu freuen. Sue ist so ein süßes Mädchen. Sie ähnelt ein bisschen Marie. Ich schüttel mich kurz. Wie kann ich jetzt nur an Marie denken? Ich bin doch schon längst über den Schmerz hinweg. Sonst hätte ich ja auch nie Mathilda kennengelernt. Und nach ihr hätte ich nie Sue kennengelernt.

Ich blicke in den Himmel. Die Sonne ist jetzt entgültig untergegangen, sogar die Straßenlaternen erfüllen die Straße mit einem sanften Glanz. Ich richte meinen Blick wieder nach vorne. Mir fällt kein Thema ein, über das ich mich mit Sue unterhalten könnte. „Weißt du, ich habe ein bisschen Angst vor der Arbeit morgen. Wir schreiben ja Geschichte, weißt du. Ich kann mir das alles einfach nicht merken“, sagt Sue. „Wenn du möchtest, kann ich dir beim Lernen helfen, das ist überhaupt kein Problem!“, antworte ich. „Du hilfst mir? Ich wette, wenn du mir beim Lernen hilfst, kann ich mir das alles viel besser merken!“, sagt sie und nimmt dann meinen Arm. Überrascht schaue ich zu ihr. Sie ist etwas rot. Wie süß! „Sieh mal! Dort ist die Haltestelle!“, ruft Sue aus. Ich schaue nach vorne. Auf der Anzeige steht, dass der Bus in drei Minuten kommt.


[Das Mädchen]

Ich sehe die beiden im Bus sitzen. Direkt nebeneinander. Diese eingebildete Tusse wagt es tatsächlich, ihren Kopf auf seine Schulter zu legen. Und Colin lächelt auch noch! Das hätte ich nicht von ihm gedacht. Obwohl... dieses Mädchen manipuliert doch bestimmt irgendwie seine Gedanken! Colin sieht mich zwar nie, aber ich weiß, dass er mich niemals verraten würde! Ich meine, ich kenne ihn schließlich in- und auswendig. Ich ziehe mir die Kapuze meiner Jacke über den Kopf und betrete den Bus. Die Beiden dürfen mich nicht sehen. Niemand darf mich sehen. Ich setze mich auf einen Platz weiter hinten im Bus. Der Platz ist zwei Reihen von den Beiden entfernt. Ich kann ihn also gut im Auge behalten. Colin hat mir zwar schon die Möglichkeit genommen, das Mädchen auf dem Weg zur Haltestelle zu töten, aber diesmal entkommt sie mir nicht.


[Colin]

Ihre Haare duften nach Blumen. Und sie ist ganz warm. Während wir so nebeneinander sitzen und aus dem Fenster schauen, setzt der Bus sich in Bewegung. Draußen fängt es an zu regnen. An der Scheibe fließen die vielen Regentropfen entlang und verwischen das ohnehin schon unerkennbare Bild. Doch plötzlich sehe ich ein deutlich erkennbares Gesicht und springe auf. Ich höre quietschende Reifen und dann das ohrenbetäubendes Geräusch einer Explosion. In dem Moment fühle ich mich wie in der Zeit gefangen. Ich drehe meinen Kopf zu Sue und sehe ihren Körper, wie er anfängt, zu brennen. Ihre braunen Haaren werden pechschwarz und die Haut schlägt Blasen und blättert dann ab. Ihr ganzer Körper wird schwarz. „Nein!“, rufe ich. „Nein, nicht Sue!“

Ich sehe ihre verkokelte Leiche in meinen Armen, dann bemerke ich, dass auch ich Feuer gefangen habe. Das Letzte, was ich sehe, bevor mir schwarz vor Augen wird, ist dieses Gesicht. Es lächelt. Woher nur kenne ich es?


[Das Mädchen]

Es ist jetzt ein paar Tage her, seit das Mädchen seine Strafe bekommen hat. Ich persönlich habe natürlich dafür gesorgt, dass Colin nichts geschieht. Ist natürlich schade um die ganzen anderen Leute im Bus. Der Schock muss natürlich groß für ihn gewesen sein, aber ihm müsste sicher bald auffallen, dass er sich in ihr getäuscht hat. Ich kann es kaum erwarten, wenn er wieder aus der Nervenheilanstalt raus ist. Ich könnte ihn natürlich besuchen. Soll ich? Oder soll ich nicht? Ich überlege kurz, bin mir dann aber sicher. Ich werde ihn auf jeden Fall besuchen. Ich kann es schließlich nicht ertragen, ihn längere Zeit nicht sehen zu können.


[Colin]

Diese Menschen hier verstehen mich nicht. Ich bin längst über den Tod von Sue hinweg! Das eigentliche Problem, das mir zu schaffen macht und mir jede Nacht Albträume bereitet, ist das Gesicht, was ich gesehen habe. Es war ein Mädchen und ich kenne es. Ich bin mir nur nicht mehr sicher, woher. Jedes Mal, wenn ich von ihr träume, sehe ich sie in einen Nebelschleier gehüllt mit Tränen in den Augen. Und dann fange ich an zu brennen. Während ich mich auf dem Boden wälze und schreie, beugt sie sich zu mir runter und flüstert mir in die Ohren: „Jetzt sind wir für immer zusammen.“  Dann treibt mich der Schmerz in die Ohnmacht. Ich weiß genau, dass ich sie kenne, aber ich weiß nicht mehr, woher.


Ich liege in meinem Bett und starre an die Decke. Es ist langweilig hier. Mittlerweile habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Geräusche der Schritte der einzelnen Arbeiter hier genauestens zu merken und den Gesichtern zuzuordnen. Mittlerweile kenne ich die Schritte von jedem Einzelnen hier auswendig und kann sie sofort erkennen. Die Eeinen gehen eher schneller, die anderen schlurfen mehr. Oder aber es klingt wie ein unregelmäßiges Hinken. Jetzt höre ich wieder Schritte. Von wem sind sie? Hm. Es ist schwer. Irgendwie kommen mir diese Schritte unbekannt vor. Ist das Besuch? Wie spät ist es überhaupt? Ist es nicht zu spät für Besuch? Ich schaue aus dem Fenster. Der Helligkeit nach zu urteilen, muss tiefste Nacht sein. Plötzlich höre ich, wie sich meine Tür öffnet. Das Licht geht aber nicht an. Sofort drehe ich mich um und kann eine Gestalt erkennen. Es scheint ein Mädchen in meinem Alter zu sein. Sie steht in der Tür und starrt mich an. Sie bewegt sich nicht, aber sie starrt mich an. Die ganze Zeit. Ich starre zurück, doch kann sie immer noch nur schleierhaft erkennen. Nach einer gefühlten Stunde, bewegt sie sich langsam auf mich zu. Es ist jemand, den ich kenne. So viel steht fest. „Wer bist du?“, flüstere ich. Sie bleibt stehen. Dann starrt sie wieder.


[Das Mädchen]

Hat er gerade wirklich gefragt, wer ich bin? Nein, das kann nicht sein! Er muss sich doch an mich erinnern! Mir wird etwas übel. Habe ich mich etwa die ganze Zeit in ihm getäuscht? War er wirklich nicht in der Lage, sich an mich zu erinnern? Oder... will er sich etwa gar nicht mehr erinnern? Ich gehe weiter auf ihn zu. „Du weißt doch, wer ich bin.“, sage ich, leicht unsicher. „Ich weiß es nicht mehr. Bitte!“ Langsam werde ich wütend. „Sag bloß, du erinnerst dich nicht mehr an mich! Ich bin es doch!“, schreie ich fast. Er schüttelt langsam den Kopf. „Es tut mir leid, aber kannst du mir nochmal deinen Namen nennen?“, fragt er mich. In dem Moment zerbricht etwas in mir. Colin, meine einzige seelische Stütze, er, für den ich sogar getötet habe, hat mich vergessen. Er hat mich vergessen! ER! Ich... ich glaube... ich kann es nicht mehr erwarten. Ich kann es nicht erwarten, alles enden zu sehen. Das Ende wird wie ein Feuerwerk sein!

Ich nenne ihm einfach meinen Namen!



[Colin]

Es kommt alles wieder zurück. Alle Erinnerungen an sie. Aber... wie ist das möglich? „Du hast mich also bereits vergessen! Ich bin dir überhaupt nicht wichtig und ich war es auch nie!“, schreit sie mich an. „Hör zu, es tut mir leid! Es ist zu lange her! Ich habe alle meine Erinnerungen verdrängt, um ein neues Leben anfangen zu können. Ich wusste ja nicht, dass du noch am Leben bist!“, antworte ich mit zittriger Stimme. Sofort springe ich aus dem Bett. „Sehr witzig. Spiel mir nicht etwas vor! Du hattest deine Chance, aber die ist jetzt vorbei!“, schreit sie. Ich kann ihre Bewegungen nicht erkennen. „Nicht!“, schreie ich voller Angst. Sie lächelt nur. Dann fühle ich mich müde. Sehr müde. Am liebsten würde ich jetzt einfach schlafen. Aber ich darf nicht einschlafen, sonst passiert mit mir das Selbe wie mit Marie. Nur deswegen habe ich Mathilda aus meinen Gedanken verdrängt. Sie hat Marie getötet!


[Mathilda]

Wie konnte er mich nur vergessen? Er weiß doch noch genau von unserem Geheimnis! Das sehe ich in seinen Augen! Jetzt erinnert er sich also. Jetzt erinnert er sich! Aber jetzt ist es zu spät! Er hat mich nach dem Vorfall einfach vergessen! Das ist unmöglich! Ich werde ihn vernichten! Dann ist es endlich vorbei! „Du kannst nicht mehr entkommen! Nicht vor deinem Schicksal! Und kein Mensch wird dich schreien hören, weil du nicht schreien wirst!“, sage ich zu ihm. Er reagiert nicht.   „Noch irgendwelche letzten Worte?“, Er scheint sich noch einmal zu regen. „Ich... liebe dich... Ich hab dich immer geliebt, Mathilda...“, flüstert er. Dann fressen ihn die Flammen und umhüllen ihn wie eine lodernde Feuerkugel. Ich trete einen Schritt zurück. „Du Idiot!“, schreie ich. „Warum sagst du mir das erst jetzt?“


[Der Junge]

Mein Herz klopft. Ein kurzer Blick und da ist es wieder. Ich sehe Mathilda jeden Tag, aber sie mich nie. 

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