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Schon mal von Belau TV gehört? Nein? Macht nichts, es ist nur die göttlichste Sendung aller Zeiten. Es ist eine mehr als bescheiden gehaltene Call-In Show. Der Moderator Martin Belau und einer oder mehrere Co-Moderatoren sitzen an einem Tisch und empfangen die Anrufe der Zuschauer am Telefon. Es finden Gewinnspiele statt, die aber meistens viel zu leicht sind, wie etwa "Finde irgendein Wort mit 4 Buchstaben". Die Gewinne sind wertlose Gegenstände, über die sich nicht mal ein Penner freuen würde, wie etwa alte DDR-Handbücher, abgenutztes Spielzeug oder versiffte Altkleidung. Es ist fraglich, ob die Gewinne überhaupt verschickt werden. Ich habe schon mehrere Bücher gewonnen, wo sind sie? Wie auch immer, fast alle Anrufer missbrauchen die Sendung nur, um öffentlich dreckige Witze oder unqualifizierte politische Meinungen in die Welt zu schreien.

Dies trifft genau den Humor der Zuschauer und auch den der Moderatoren. Sie durften zwar nach der unverhinderbaren ersten Abmahnung keine feindlichen Aussagen über Minderheiten mehr treffen, doch die Anrufer kamen stets ungestraft davon. Schnell hatten sie ihre Stammanrufer, die die Sendung zum Kult gemacht haben.

Besonders gerne hörte man den Anrufer, der sich King A nannte. Er rief nicht nur geschätzt 30 mal pro Sendung an, nein, er terrorisierte Belau regelrecht. Wenn er durchkam, posaunte er mit kräftiger Stimme sexuelle Drohungen aus oder schmiss mit Beleidigungen um sich.

Wann immer er durchkam, sorgte er für heiteres Lachen bei Martin Belau, seinen Co-Moderatoren und auch bei mir. Ich liebte die Sendung und ich liebte King As Unsinn. Ich weiß noch, ich war etwa 16, als ich Belau TV entdeckte. Meine erste Freundin verließ mich für einen reichen Spießer und für mich war die Welt zu Ende. Ich war depressiv, ließ beinahe die Schule schleifen und schlief den ganzen Nachmittag nur. Ich verlor meinen Sinn für Humor und meine Freunde mobbten mich, bis ich auch sie verloren hatte.

Eines Tages fand ich den Sender OKB und es lief Belau TV. Es war recht witzig, aber irgendwie bekloppt. Dann rief King A an und trieb das Niveau in den finstersten Keller. Ich war etwas verwundert, doch ich erwischte mich selbst dabei, wie ich lachte. Seit Monaten lachte ich wieder, und zwar aus tiefstem Herzen. Ich verfolgte den Rest der Sendung gespannt und rieb mir vor Aufregung unbewusst die Handflächen wund. Ich wagte selbst einige Anrufe und fühlte mich cool. All mein Selbsthass war in einem Hauch beseitigt und ich meisterte mein Leben. Ich packte die Schule doch noch und war bald wieder glücklich verliebt. Es war so toll, dass Leute hier, in meinem Bezirk, so klasse drauf sind und Belau feiern, genau wie ich.


King A war von allen der witzigste Stammanrufer, eine Art Dinosaurier. Der erste große Troll, und das noch vor der Heim-PC Revolution. Und irgendwann wollte Martin Belau natürlich King A in seiner Pracht zu sehen bekommen. Er war neugierig darauf, wie der selbsternannte König wohl aussieht, was für ein Mensch er ist. Was er arbeitet, was er trägt. Was er in der Freizeit macht. Wie er wohnt. Was seine Träume und Wünsche sind. Was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Belau war bereit, die Scheine regnen zu lassen. Er bot eine hohe Summe für einen Gastauftritt vom King oder wenigstens ein privates Treffen an.

Ich wollte es auch unbedingt wissen. Wenn ich in der Schule kurz nicht zugehört habe, habe ich mir ausgemalt, wie King A wohl aussieht und wie der Unterricht mit ihm als Lehrer wohl wäre. Irgendwann, etwa ab 1998 kam kein Anruf mehr von King A. Niemand wusste was von ihm. Hatte er keinen Bock mehr? Ist er umgezogen? Oder gar umgekommen?

Keine der Fragen wurde je beantwortet. Die Legende lebte weiter, immer wieder würden Anrufer Aufnahmen von King A in den Hörer laufen lassen. Die Sendung wurde schließlich abgesetzt, sehr zu meinem Bedauern. Weil ich in meinem Freundeskreis keinen hatte, mit dem ich über Belau TV reden konnte, vergaß ich die Show allmählich.


Es war ein dunkler, verregneter Freitag. Ich geriet in der überfüllten Straßenbahn in einen Streit mit besoffenen Touristen. Die Schweine schmissen mich an einer Haltestelle hochkant raus und warfen mir einen Rucksack an den Kopf. Es handelte sich nicht um meinen Rucksack, die Saufköpfe haben ihn wohl vertauscht. Erst wollte ich den Rucksack als Fund abgeben, doch es war ein schicker, blauer Eastpack, viel besser als mein Fishbone. Ich beschloss, ihn zu behalten und nahm ihn mit nach Hause. Ich warf den Rucksack auf mein Bett, schaltete den Fernseher ein, und setzte mich lächelnd aufs Bett neben meinen neuen Eastpack.

Da fiel mir ein, dass ich noch gar nicht weiß, was drin sein könnte. Blauäugig erwartete ich teures Kamera-Equipment, Geld, Zigaretten oder ein Playboy-Magazin. Neugierig leerte ich den Inhalt neben mir aus. Es waren VHS-Kassetten. Zwei Jackie Chan-Filme und drei Kassetten ohne Hülle. Anhand der Aufkleber konnte ich sehen, dass es sich bei zwei der Tapes um "Gute Zeiten Schlechte Zeiten"-Folgen handelte. Das dritte trug die Aufschrift "Belau TV - Gastauftritt King A". Auf einmal erinnerte ich mich an die Sendung, die einen neuen Abschnitt in meinem Leben markierte und mich die Welt mit neuen Augen sehen ließ. Gleichzeitig war ich irritiert: King A Gastauftritt? Ich habe jede Folge gesehen, doch King A war nie anwesend. Vielleicht ist es ein Video von einem Fan, der die Show nachspielte. Egal, ich warf das Band in meinen VHS-Rekorder ein und starrte gebannt auf den Fernseher, der nur wenige Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt war.

Zuerst lautes Rauschen und ein dunkelblauer Bildschirm. Beim genauen Hinsehen erkennt man die Umrisse eines Tunnels. Es sah am ehesten wie in der Kanalisation aus. Auf einmal stoppte das Rauschen und das Bild schnitt zu Belau TV.

Martin Belau sah ungesund aus. Kreidebleich, mit todernstem Gesichtsausdruck, wie auf einer Beerdigung. Neben ihm saß eine groteske Gestalt, zuerst dachte ich, es wäre eine morbide Puppe, doch es atmete. Es hatte mit einem Menschen gemeinsam, dass es einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine hatte, es hatte alle Organe wie ein normaler Mensch. Die Proportionen waren jedoch verstörend. Sein Schädel war riesig, obendrauf ein riesiger Afro in verschiedenen, bunten Farben. Er hatte große, grüne Augen, die nicht glänzten. Seine Nase ging mindestens zehn Zentimeter nach vorne, war mindestens sieben Zentimeter breit und plattgedrückt. Seine Lippen waren riesig, ähnlich wie beim McDonalds-Clown, nur das es nicht geschminkt aussah, sondern wie echte Lippen. Er war oben ohne, und seine Muskulatur war gut ausgeprägt. Doch seine Unterarme und Hände waren enorm. Seine Hände und Ellbogengelenke mussten viermal so breit sein wie die eines normalen Mannes. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er einen Kopf mit seiner großen Hand zerdrücken kann und einem Menschen die Arme und Beine mühelos ausreißen kann.

Am aller auffälligsten ist die Hautfarbe. Sie war ein kräftiges Orange. Es gibt Weiße, Schwarze, Gelbe, aber noch nie habe ich einen Orangenen gesehen. Irritierenderweise sah dieses intensive Orange sogar irgendwie gesund aus. Seine Haut glänzte geradezu jugendlich und er war etwas rötlich um die Wangen. Dennoch ist diese Kreatur eine der wenigen, die Martin Belau wie Brad Pitt aussehen lassen.

Die Gestalt Sprach "Hallo, hier ist King A! Der Belau, die Sau, hat 'nen Fehler gemacht und jetzt bin ich hier. Ich verpasse euch den Arschfick bis euch die Rosette glüht!" Ich war mir nicht sicher, was ich sah, aber meine geistige Gesundheit schwand in der Luft wie verdunstendes Wasser. "Wir hatten alle keine Ahnung", sagte Belau emotionslos und trank ein Viertel einer Jägermeisterflasche. "Nie hätte ich gedacht, neben einem Killer zu sitzen. Erst recht nicht neben einem Freak." Im Hintergrund hörte man Schluchzen. King A lachte aus seinen unglaublich großen Lippen. Ab hier war ich wie in einer Trance. Ist das inszeniert? Wenn es echt ist, haben wir alle nichts mehr auf diesem Planeten verloren. "Ihr seid alle dran! Ich erzähl euch meine Geschichte. Ich bin King A! Ich lebe in der Kanalisation. Ein Arschficker fährt kein Auto! Ich habe ein Kanu, mit dem ich durch die Zisterne fahr!" Schwitzend und ohne zu blinzeln verfolgte ich die Freakshow. Wenn das ein Fake ist, und es muss ein Fake sein, dann ist das nicht lustig.

"Ich bin mehrere tausend Jahre alt. Ich kenne eure Propheten und verpasste ihnen den Arschfick! Ja, da gickste, wa? Früher terrorisierte ich das Orakel von Delphi, heute die Hotlines. Ich bin der Schärfste! Ich gab falsche Prognosen und führte damals schon die Kriegsherren der Maya in den Arschfick! Euer Problem ist, dass ihr denkt, die Welt wird von Illuminati beherrscht. Die Welt wird vom Arschfick beherrscht! Deshalb sind viele Promis so aurrangiert. Sie vertragen den Korkenzieher Arschfick nicht!" Ich konnte mir nicht alles merken, aber hauptsächlich war alles Eigenlob. King A erwähnte, dass er der Erfinder des HI-Virus sei und er die Menschheit in 500 Jahren mit einem Durchfallvirus vernichten will.

Am Ende weinte Belau und schüttelte sich unkontrolliert. Der orangene Freak stand auf und ging vor die Kamera, zwei Oettingerflaschen in der Hand. Er ließ beide in seinen Riesenhänden zerspringen: "Oettinger ist die schlechteste Gleitcreme. Am besten ist Dünnschiss." Er lachte verrückt und pausierte dann kurz. Mit weit aufgerissenem Mund schrie er wie von allen guten Geistern verlassen und stampfte auf die Kamera zu. Als fast sein ganzes Gesicht das Bild ausfüllte hatte ich plötzlich den Eindruck, King As Gesicht würde sich vom Bildschirm abheben, als würde er aus dem Fernseher steigen. Der Schreck schoss durch meinen Körper und ich stand vom Bett auf, rannte ins andere Zimmer und wurde bewusstlos.

Ich wachte nachts auf. Ich hatte für drei Tage den schlimmsten Durchfall meines Lebens. Was ich auf dieser Kassette sah, konnte kein Drogentrip sein, ich war und bin stets clean. Die Kassette habe ich noch, aber ich werde sie nie mehr abspielen. Im Internet habe ich sie verkaufen wollen, aber niemand hat Interesse.

Ich bin seit Jahren auf dem Tiefpunkt. Mit der Welt fertig. Ich schlafe nicht viel und wenn, dann wache ich weinend auf. Mein Stuhl ist nicht mehr wurstförmig wie früher, sondern eine Spirale. Ich bin dem Korkenzieher zum Opfer gefallen. Als Belau TV nach langer Zeit wieder ausgestrahlt wurde, wunderte ich mich nicht darüber, dass Martin inzwischen ein vom Alkohol gezeichnetes Wrack ist.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es, das Schwein, das meinen Rucksack vertauscht hat, zu bestrafen. Dann müsste er die Kassette ansehen.

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