FANDOM


Das Erste, was er bemerkte, war die unangenehme Kälte, die ihn umgab wie eine zweite Haut, und sich einfach nicht abschütteln ließ.

Er lag auf einem feuchten, harten Boden, der einen eher unschönen Schlafplatz darstellte, und keuchte erschrocken, als er feststellte, dass er sich definitiv nicht in in seinem Zimmer befand.

Nun schlug der junge Mann die Augen auf und blickte sich um, während ihm tausende Fragen gleichzeitig durch den Kopf schossen.

Was war geschehen? Warum war es geschehen? Wo war er? Warum war er hier? Wie lange war er schon hier?


Der Raum, ungefähr 8x15m groß, wurde nur schwach durch einige Fackeln an den gemauerten Wänden erhellt, die hin und wieder so schienen, als ob sie gleich erlöschen würden. Die Steine des Verlieses waren überwuchert von Moos und Efeu, als ob seit Jahren niemand mehr hier gewesen wäre, und das Geräusch der Wassertropfen, die auf den Pfützen am Boden aufschlugen, war erschreckend allgegenwärtig, gleichmäßig, und dennoch beunruhigend. Ein wahres Paradoxon. Zur Mitte hin wölbte sich der Boden leicht nach oben, was man daran erkannte, dass das Licht auf dem Stein unterschiedlich stark abprallte

Der junge Mann begann schleppend, sich aufzurichten, hielt jedoch abrupt in der Bewegung inne, als er eine belustigte Stimme hinter sich vernahm.

„Hey, Kleiner! Alles okay?“, fragte sie. Er wirbelte herum und starrte sie an, wobei er feststellte, dass das Mädchen wohl die kleinere von ihnen beiden sein musste. Ihre Augen funkelten, und ihre Lippen waren zu einem Lächeln gekräuselt. Sie stand etwas weiter entfernt von ihm in einer Ecke des Raumes, mit verschränkten Armen, und selbstsicherer Haltung.

„Wo bin ich und vor allem wer bist du?“, entgegnete er, ohne ihre Frage zu beantworten. Sie hingegen offenbarte in einem vollkommen gelassenen Ton: „Ich heiße Fabienne und die erste Frage werde leider auch ich dir nicht beantworten.“ Forschend blickte sie die schmächtige Gestalt an, die sich nun vor ihr aufbaute. „Mein Name ist Emil. Weißt du zufällig wie wir hierhergekommen sind oder wieder herauskommen?“, brachte er hervor. „Glaubst du nicht auch, dass – wenn dem so wäre – ich schon längst über alle Berge wäre?“ Sie betrachtete ihre Fingernägel höchst interessiert, während er sie nur fassungslos anstarrte. „Und mich hättest du einfach liegen lassen? Na toll…“

Erbebend begann er, sich in dem kleinen Raum umzusehen. „Sei froh, dass ich wenigstens ehrlich bin.“, murmelte sie, und begann ebenfalls, ihren Blick über ihre Umgebung schweifen zu lassen.. „Wenn er wir hier hergekommen sind, dann muss es einen Ausgang geben. Vielleicht eine Geheimtür oder so?“, schlug der junge Mann vor. „Ich wünschte, ich wäre so optimistisch wie du.“ Ihr Lachen war beinahe ansteckend, und Fabienne wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel. „Eine Geheimtür, pff. Ja genau.“

Sie half ihm nicht, als er begann die Wände abzuschreiten, und hier und da gegen den kalten Stein zu klopfen. Stattdessen stellte sie nur fest: „Das wird nichts bringen…“ Er ließ sich zu Boden sinken und raufte sich die Haare, bevor er die Arme wieder sinken ließ: „Was sollen wir denn jetzt tun?“ Die kurze Stille, die in diesem Moment entstand, war dermaßen unangenehm, dass das Mädchen einfach einen Witz reißen musste.

„Verhungern, verdursten, ersticken, erhängen… So viele Möglichkeiten.“, zählte sie mit den Fingern ab, und bei jedem ihrer weiteren Ausführungen klappte seine Kinnlade noch weiter nach unten. „Dein Ernst? Es muss doch irgendwo herausgehen!“, fuhr er das Mädchen an, um sie so zum Schweigen zu bringen. Sichtlich beleidigt gestikulierte sie in die Richtung der Decke.

Dort war eine kleine Falltür mit einer Leiter angebracht. Im Grunde unübersehlich, und dennoch war der junge Mann ein wenig schockiert. „Oh Gott, warum sagst du nicht gleich etwas?“, wollte er wissen.

„Sadistische Ader…“, entgegnete sie sanft. „Wenn du schon vom Erhängen sprichst, gibt es hier sicher auch noch ein Seil?“, fügte er an, woraufhin sie abermals stumm in eine Ecke des Raumes zeigte. Zu einem länglichen und dünnen Objekt, dass feinsäuberlich aufgerollt dort herumlag. Sie bezweifelte stark, dass es aus Fäden bestand.

Er näherte sich dem Gegenstand misstrauisch, bis er sich eine Hand auf den Mund presste, und herumwirbelte. „Ist das …?“

Erschrocken sah er sie an. Fabienne konnte weder nicken, noch den Kopf schütteln, und zuckte somit ergeben mit den Schultern. „Was macht das hier?“, entfuhr es dem sichtlich Erschütterten. „Rumliegen?“ Ihre Augenbraue schoss in die Höhe. Sie ging auf ihn zu bis sie dicht neben ihm stehen blieb, und ihm eine Hand auf den Rücken legte, um ihn wie ein Haustier zu tätscheln. Beängstigt blickte er sie an: „Wie kann man nur so kalt sein?“

„Mieses Immunsystem.“, sie musste lachen und beugte sich nach vorn, um das „Seil“ zu begutachten. Es stank, schien aber der einzige Ausweg zu sein, also würde sie sich nicht beschweren. Und dann wandte Emil sich ruckartig ab, und entleerte seinen Magen. „Scheiße, man!“, sie sprang beiseite und fragte aus sicherer Entfernung: „Geht`s dir gut?“ „Den Umständen entsprechend…“

Er stöhnte. Das war dann der Moment, in dem sie begann, wild zu lachen, bis sie nur noch prusten und nach Luft schnappen konnte. „Hilft es uns wenigstens?“, wollte er etwas beschämt wissen, während er sich mit dem Ärmel über den Mund fuhr.

„Hoffentlich.“, presste sie zwischen ihrer spontanen Lachsalve hervor, als er sich wieder fallen ließ, und sie dazu aufforderte, schon einmal ohne ihn anzufangen. „Du benimmst dich wie ein kleines Kind“, entgegnete sie, und begann einige Male zu versuchen, den Haken an der Leiter zu erwischen, was ihr jedes Mal um Haaresbreite misslang. „Du scheinst dich ja hervorragend mit dem Teil auszukennen.“, meinte der junge Mann. „Meine Großmutter hat auch sowas…“ „Ich hoffe doch sehr, dass nicht sie es ist, die hier wohnt.“ „Und ich dachte schon, dass man mich hier mit einem Vollidioten eingesperrt hat.“

Ihre Versuche endeten in Fehlschlägen, und nach einiger Zeit konnte er nicht mehr warten. „Soll ich es mal versuchen? Ich bin etwas größer als du…“, murmelte er. „Wenn du dich nicht wieder übergibst, gerne. Hier bitte.“ Er nahm das „Seil“ entgegen und schluckte. Schließlich war das weiche Gefühl alles andere als angenehm. Dann sah er nach oben und warf es. Er traf. Das Mädchen applaudierte. Mit lautem Scheppern erreichte die Leiter den Boden. Emil seufzte. „Lass uns schnell hier verschwinden. Ich habe ein ungutes Gefühl.“, meinte er.

„Selbstverständlich, aber ähm…“, sie schaut an ihrem eher dürftigen Nachthemd herab, und zog es ein Stück hinab, um danach sichtlich peinlich berrührt zu lächeln. „Könntest du zuerst?“ „Klar.“, er musste grinsen. Oben angekommen sah er sich kurz um, bevor er Fabienne nach oben winkte. Vor ihnen lag ein dunkler langer Gang. „Beeilen wir uns, ich fühle mich schon die ganze Zeit, als würde mich jemand beobachten…“, flüsterte der junge Mann dem Mädchen zu.

„Vielleicht weil ich dich anstarre?“, scherzte sie, ohne auf seine Befürchtung einzugehen. Langsam aber zielstrebig durchschritt sie den Gang. Der Junge folgte ihr, aber nur vorschichtig. Ihr machte die Dunkelheit nichts aus. Sie kannte sie. Er hingegen fürchtete sich vor dem Ungewissen. Doch plötzlich, als Schritte rechts hinter der Holzverkleidung ertönten zuckte sie zusammen, und rutschte etwas in seine Richtung. „Hörst du das?“, fragte ihr Begleiter.

„Nein, ich bin ja nicht eben zusammengezuckt.“, fuhr sie ihn an. „Oh stimmt. Klar… Was machen wir jetzt?“ Ihn beschlich umso mehr die Angst. „Nach unseren Müttern heulen?“, bei diesen Worten verdrehte sie die Augen. Sie ließ sich dennoch ein bisschen zurückfallen, so dass sie beide etwa auf gleicher Höhe gingen.

Je weiter die beiden in die Dunkelheit vorstießen, desto öfter blickte er über die Schulter. In immer kürzeren Zeitabständen. Immer schneller. Immer länger. "Hör auf", zischte sie entnervt. "Du machst mich ganz irre." Und dann kamen sie an einem Raum an, der von metallischem Geruch und ekelhaften Gestank bevölkert wurde. Die Schritte wurden lauter, woraufhin er sie packte, und hinter sich her durch die Gänge schleifte.

"Wir sind gleich am Ende", rief er, und sie stimmte ihm zu, obwohl sie definitiv verschiedene Enden im Sinn hatten. Und dann flammte das Licht auf, welches die beiden blendete. Sie standen kurz so da, bis sich ihre Augen daran gewöhnten, und die konturen einer massigen Frau sichtbar wurden.

"Wer sind sie?" Wollte Emil stotternd wissen. Doch die Dame hatte nur Augen für das Mädchen, welches resigniert seufzte. "Ich bin sehr sehr wütend! Fabienne Marlene Delacoste! Wie oft denn noch? Man spielt nicht mit seinem Essen! Ich trinke ja auch nicht mein Badewasser! Schäm dich!", das Mädchen stöhnte, als eine Kugel Emils Schädeldecke durchbohrte.

Ihre Mutter ließ die Hand mit der Waffe sinken, und verkündete: "Du hast Hausarrest." Schade eigentlich. Ihr neues Spielzeug respektive Abendessen war so vielversprechend gewesen.


Das Wölfchen

mit geringfügiger Hilfe von Whocaress

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.