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Das Stadium des nervösen Kribbelns in den Beinen hatte Jenny schon hinter sich gelassen, noch bevor die Scheibe auch nur in ihr Blickfeld kam. Wie ferngesteuert bewegte sie sich auf die Trennscheibe zu, ohne jedes Gefühl im Körper. Ihr Mund fühlte sich trocken an, und ihr linkes Augenlid zuckte nervös. Und das lag nur an ihm.

Dominik saß auf einem Stuhl, das weiße Tshirt spannte über der Brust, wenn er einatmete, seine einst so schönen schwarzen Haare waren nun raspelkurz rasiert. In Jenny blitzte die Erinnerung auf: Dominik, wie er sie nach der Arbeit nach Hause begleitete. Wie er sie zum Abschied umarmte, und wie er sie, anstatt sie los zulassen, plötzlich noch enger an sich zog. Jenny dachte an den Kuss, den sie in dieser Nacht getauscht hatten – der Erste von unzählbar vielen Küssen, und die Wärme seines Körpers ganz nah an ihrem. Als sie sich auf den Stuhl setzte, nur durch die Plexiglasscheibe von ihm getrennt, stürzte der Verlust mit ganzer Gewissheit auf sie ein. Sie würde nie wieder seine Umarmung spüren, nie wieder seinen Atem schmecken, nie wieder in der Wolke seines Dufts erwachen. Dominiks Augen leuchteten so blau, wie sie sie in Erinnerung hatte, als sie den Hörer aufnahm. Seine Stimme klang rau.

„Jennifer.“

„Dominik.“

Eine Weile sagte sie nichts. Sie schwiegen zusammen, und Jenny fragte sich, ob Dominik, genau wie sie, all die Erinnerungen Revue passieren ließ: Das erste Treffen. Die erste Nacht. Und die letzte Nacht.

„Wie geht’s dir?“, fragte er schließlich, und die Alltäglichkeit dieser Frage trieb ihr die Tränen in die Augen. Er zuckte kaum merklich zusammen, als er sie schluchzen hörte.

„Wie geht es dir, Dominik? Oh mein Gott, wie geht es dir da drin?“

Dominik rang sich ein Lächeln ab, doch Jenny wusste, dass es nicht echt war. Er war noch nie ein guter Lügner gewesen, und er hatte ihr noch nie etwas vormachen können.

„Ist es so schlimm?“, fragte sie, und sie konnte zusehen, wie das Lächeln auf seinen Lippen verblasste. Der Aufseher beobachtete sie, also senkte sie die Stimme, als sie weitersprach: „Hör zu, ich werde dich da rausholen. Ich habe mit Jess und Jonathan gesprochen. Wir werden uns etwas überlegen, okay? Ich lasse nicht zu, dass du da drin verrottest.“

Dominik betrachtete sie so traurig, dass sich Jennys Magen schmerzhaft zusammenzog. Er musste alle Hoffnung aufgegeben haben. Wahrscheinlich stand er an diesem Ort furchtbare Qualen durch. Wie oft durfte er nach draußen? Wie oft die Sonne sehen? Aber sie würde seinem Leiden ein Ende setzen. Gemeinsam mit Jess und Jonathan hatte sie sich ganze Nächte um die Ohren geschlagen – und es war ein Plan dabei herausgekommen.

„Ich weiß, du glaubst nicht, dass du je wieder dort rauskommen wirst“, flüsterte in die Sprechmuschel, „aber du musst mir vertrauen! Vertrau mir, Dominik. Wir holen dich da raus.“ Sie presste die flache Handfläche gegen die Scheibe. Er betrachtete ihre Hand, aber dann schüttelte er den Kopf.

„Du musst mich nirgendwo rausholen, Jennifer. Es ist okay, es ist alles gut.“ Seine Stimme klang jetzt verzerrt durch den Plastikhörer, sodass sie ihn fester gegen ihr Ohr presste, bis es wehtat.

„Du darfst nicht aufgeben! Wir haben einen Plan! Wir holen dich dort raus, wirklich!“ Ihre Hand verkrampfte sich um den Hörer, und in ihren Augen sammelten sich plötzlich Tränen. Warum hatte er aufgeben? Hatte sie ihn zu lange nicht besucht? Hatte ihre Abwesenheit ihn schwach werden lassen? Sie waren sich doch immer sicher gewesen, dass ihre Liebe alle Hindernisse überwinden könnte. Warum also ließ er sich nun von einer lächerlichen Plexiglasscheibe aufhalten?

„Gut“, murmelte Dominik leise und blickte zaghaft zu einem der uniformierten Männer, „was ist dein Plan?“

„Ich werde einen Kuchen backen“, erklärte sie, „mit Sprengstoff darin. Dann besuche ich dich an deinem Geburtstag. Wir sprengen die Scheibe, und Jess wartet draußen mit dem Wagen. Wir besorgen dir gefälschte Dokumente und dann verlassen wir Europa.“

„Jenny.“

„Hör mir zu. Ich buche Tickets nach Costa Rica, und von dort aus können wir dann hin, wo immer wir wollen. Wir haben doch immer von den Vereinigten Staaten gesprochen, Dominik! Du wolltest doch immer nach Kalifornien!“

„Jenny, bitte, das hat doch – “

„Sag nicht, das hat keinen Sinn!“, unterbrach sie ihn harsch, „Jonathan weiß ganz genau, wie man Sprengstoff mischt. Er ist Chemiker, weißt du?“

Dominik schüttelte den Kopf, und hängte den Telefonhörer ein. Ungläubig starrte Jenny durch die Scheibe. So lange hatte sie an einem Plan getüftelt, und nun hörte er ihr nicht einmal zu!

„Dominik!“, schrie Jenny, aber er stand auf, weiterhin kopfschüttelnd, als könnte er gar nicht mehr aufhören damit. Sie sprang auf, hämmerte mit der flachen Hand gegen das Plexiglas, und fuhr fort, seinen Namen in die Sprechmuschel zu schreien.

DOMINIK!“ Sie begann, mit dem Hörer gegen das Glas zu schlagen, doch Dominik wandte ihr den Rücken zu, und ging. Er ließ die Schultern hängen. Er hatte aufgegeben. Doch das würde sie nicht zulassen. Sie würde das Glas zerbrechen, und ihn eigenhändig nach draußen ziehen, bevor dieses Gefängnis ihn umbrachte.

Hände packten sie von allen Seiten, zerrten sie von der Scheibe zurück. „DOMINIK!“, schrie sie, „WIR HOLEN DICH RAUS! WIR HOLEN DICH DA RAUS!“

Die Hände zogen sie weiter zurück, sodass sie wild um sich schlug. Erst, als die Tür zum Besuchsraum vor ihren Augen zugezogen wurde, wurde ihre Stimme leiser. „Dominik“, flüsterte sie, „er braucht mich. Er braucht mich.“ „Shhh“, machte jemand, und hielt ihren Arm fest, als man ihr die Beruhigungsspritze gab. „Gib ihr diesmal mehr. Das letzte Mal hat sie nach der Besuchszeit ihr ganzes Zimmer demoliert.“

„Ich werde mit Dr. Fischer reden. Die Besuche regen sie zu sehr auf“, antwortete eine junge Frau, die ganz in Hellrosa gekleidet war. „Shhh“, flüsterte sie Jenny zu, „ist ja gut. Wir schnallen dich jetzt an dieses Bett, ja? Damit du dir nicht wehtust. Und schau, deine Plüschtiere setze ich auch mit her.“

„Jonathan ist Chemiker“, flüsterte Jenny, „und Jess ist Mathematikerin.“

„Natürlich“, flüsterte die junge Frau zärtlich, während sie Jennifer fixierte, „natürlich sind sie das.“

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