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Mein Leben lang wollte ich Fotografin werden. Schon als ich ein Kind war fand ich es faszinierend, wie ein so einfaches Gerät flüchtige Augenblicke und Situationen für die Ewigkeit festhalten konnte, wie die Bilder mich immer wieder an Ereignisse erinnerten, die schon lange vergangen waren. Als ich älter wurde fesselte mich vor allem der Reiz aus etwas alltäglichem etwas Besonderes zu machen. Bildausschnitte und besondere Beleuchtungen zu finden reizte mich unheimlich. Als ich mein Hobby zum Beruf machte ahnte ich nicht, was geschehen würde. Obwohl, ich denke nicht, dass ein anderer Werdegang diese Gegebenheiten großartig hätte verändern können.

Mein Name ist Sarah Siebert, ein gewöhnlicher Name für eine nornale 22 Jahre alte Frau. Früher empfand ich meinen Namen als passend für mich, mochte ihn sogar, was vermutlich nicht viele von sich behaupten können. Mittlerweile sehe ich das anders.

Vor einigen Wochen saß ich spät Abends noch im Studio meiner Ausbildungsstelle. Ich hatte meine Lehre fast beendet und so einen ersten Kundenauftrag allein bearbeiten dürfen. Und dazu zählte auch die Nachbearbeitung der Bilder. Das junge Paar das ich in Portraitfotos abgelichtet hatte, Melanie und Markus hießen sie, war mir so sympatisch, dass ich ihnen versprochen hatte die Bilder noch am selben Tag zu bearbeiten, damit sie sie am folgenden Nachmittag abholen konnten. Ich hatte bereits mehrere Kaffee intus und konnte doch ein Gähnen nicht unterdrücken, als ich die gerade bearbeitete Datei speicherte und das letzte Bild des Shootings öffnete.

Ich nahm mir gerne einige wenige Minuten, um das unbearbeitete Bild zu betrachten. Eigentlich empfand ich es als Schande die Bilder nachzubearbeiten um je nach Bedarf ein Faltenlifting, eine Brustvergrößerung oder drei Jahre Bauch-Beine-Po-Kurs hinzuzufügen. Aber die Kunden wollten auf den Bildern natürlich perfekt aussehen, egal wie wenig das nachbearbeitete Bild am Ende der Realität glich.

Während meine Augen auf den Bild ruhten begann es sich irgendwie zu verändern. Die Augen wurden dunkler, erinnerten an dir Lichtflecke die man sieht, wenn man zu lange in dir Sonne oder auf eine Lampe gesehen hat. Ich blinzelte einige Male, doch die Farbflecken blieben. Seufzend entschied ich mich dazu für heute Feierabend zu machen. Überstunden am Computer gepaart mit literweise Koffein mussten ja zwangsweise irgendwann Nebenwirkungen zeigen. Also schaltete ich den Computer aus und machte mich auf den Weg nach Hause.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich deutlich ausgeruhter und nach einer gemeinsamen Zigarette mit den Kollegen machte ich mich wieder an die Bildbearbeitung. Als die Datei geladen war starrte ich jedoch zunächst ungläubig auf meinen Bildschirm. Die Augen meiner Modelle waren komplett schwarz. Und damit meine ich keine vergrößerte Pupille oder eine zu dunkel belichtete Iris, die kompletten Augen inklusive der Sklera waren pechschwarz. Als sei jemand mit dem Paint-Pinsel darüber gegangen. Einzig einige weiße Lichtreflexe ließen die Augen noch halbwegs realistisch erscheinen.

Meine Hände und auch meine Stimme zitterten als ich meinen Chef rief, offenbar in einem so entsetzten Tonfall, dass dieser sofort um die Ecke gestürmt kam. "Was ist denn Sarah? Alles ok?", fragte er mich besorgt. Ich deutete stumm auf die Augen der Personen, doch mein Chef blickte mich nur irritiert an. "Soll ich dir nochmal zeigen, wie du die Krähenfüße herausretuschierst?" Verdutzt blickte ich zu ihm auf. Sah er die schwarzen Augen etwa nicht? "Fi...finden Sie denn nichts an dem Bild ... nunja ... ungewöhnlich?" Fragend runzelte er die Stirn, besah sich das Bild genauer. "Naja, fachlich ist es nicht deine beste Arbeit, aber die emotionale Basis sticht sehr schön hervor und das dürfte den Kunden gefallen. Du bekommst das schon hin!" Er tätschelte mir kurz aufmunternd die Schulter, ehe er wieder nach vorne ging. Fassungslos sah ich ihm nach.

Es war schon kurz vor Ladenschluss - auch das seltsame Foto hatte ich inzwischen bearbeitet - als eine Frau Ende 40 den Laden betrat. Ihre Augen waren rot und aufgequollen und in ihrer Hand hielt sie ein bereits völlig verweichtes Taschentuch. Obwohl ich sie nie zuvor gesehen hatte war die Ähnlichkeit zu Melanie so gravierend, dass ich sofort wusste, wen ich vor mir hatte. Sie hatte die selben Augen. Kurz lief mir eine Gänsehaut den Rücken entlang, als ich daran dachte, wie ich die Bilder ausgedruckt und dann meiner Kollegin vorgelegt hatte. Auch sie hatte offenbar nichts außergewöhnliches entdeckt.

"Die...die Fotos." Die Frau schniefte einmal kurz um sich dann dir Nase kräftig in ihr Taschentuch schnäuzte. Vorsorglich hielt ich ihr eine Packung frischer Tücher entgegen, die sie sofort annahm. "Die Bilder von ...", schluchzte sie erneut. Irritiert sah ich sie an. "Von Melanie und Markus?", half ich ihr vorsichtig auf dir Sprünge, wobei ich den Umschlag mit den Bildern und der CD schon hinter der Theke hervor holte. "Ich dachte eigentlich sie würden sie selbst abholen", sagte ich zögerlich, unsicher was die Frau zu bedrückte. Offenbar waren meine Worte die falschen, denn sie schluchzte erneut auf. "Sie sind tot", heulte sie in ihr Taschentuch, ehe sie einige Schritte rückwärts taumelte.

Schnell schob ich ihr einen kleinen Sessel entgegen, auf den sich die weinende Mutter niederließ. Betroffen stand ich neben ihr, wusste nichts zu sagen. "Wie...?", brachte ich irgendwann leise über die Lippen. Sie tupfte immer noch mit einem Tuch an ihren Augen herum, wirkte aber gefasster. "Gestern Abend. Autounfall. Sie waren nicht schuld. Und...und der andere ist...einfach...abgehauen!" Kurz kamen wieder Tränen in ihrem Gesicht hoch, doch auch Wut spiegelte sich in ihrer Stimme wieder. Diese Wut schien ihr zu helfen sich zu fokussieren. Als sie weitersprach klang ihre Stimme immer noch gebrochen, aber die Schluchzer nahmen deutlich ab. "Darum wollten wir die Fotos holen. Weil sie jetzt die letzte Erinnerung an die Beiden sind. Sie dürften wohl die Letzte sein, die sie lebend gesehen hat."

Als sie das sagte hörte ich irgendwo in meinem Kopf ein mechanisch klickendes Geräusch. Das ungute Gefühl etwas Wichtiges vergessen zu haben drängte sich auf, das Gefühl etwas zu verdrängen, das nun unbedingt an die Oberfläche wollte. Es tat beinahe körperlich weh.

Nach Feierabend, natürlich hatte die Dame die Abzüge umsonst erhalten und darüber hinaus ein weiteres Paar für die Hinterbliebenden von Markus, machte ich mich so schnell ich konnte auf den Weg nach Hause. Dort setzte ich mich an den PC und öffnete alle meiner digitalen Fotoalben, alle Ordner mit unsortierten Bildern. Ich hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache und eine grobe Vorahnung wonach ich suchen musste. Landschaftsbilder und generell alles andere, auf dem keine Personen zu sehen waren übersprang ich schnellstmöglich. Bei den Bildern mit Menschen darauf wurde ich langsamer, suchte sie gezielt ab, nach - so seltsam es klingen mag - den selben schwarzen Augen wie bei Melanie und Markus. Es dauerte mehrere Stunden, ehe ich alle Bilder gesichtet hatte. Die meisten waren nichtssagend. Schnappschüsse und gestellte Familienbilder zwischen dem echten Leben.

Ein Bild meines Großvaters war dabei. Er lag in seinem Krankenhausbett, die Wangen eingefallen und hohl, aber ein freundliches Lächeln im Gesicht mit den eigentlich stahlblauen Augen die auf mich gerichtet waren und pechschwarz waren. Damals hatte ich es auf die schlechte und ungleichmäßige Beleuchtung geschoben, das Opas Augen so aussahen. Keine zehn Minuten später starb er an seiner Krebserkrankung.

Dann war da ein Bild unserer Skifreizeit. Einer unserer Lehrer posierte mit drei anderen Schülern vor einer der Pisten für Anfänger. Auch bei zwei von ihnen waren die Augen pechschwarz. Sie kamen damals um, als sich während der Abfahrt eine Schneelawine löste. Die Bilder waren aus der Ferne entstanden um den Berg im Hintergrund zu haben und erst durch starkes Zoomen erkannte man die schwarzen Augen.

Das letzte Bild war von meiner Katze, nur Minuten ehe sie über eine Straße lief und überfahren wurde. Ihre sonst jadegrünen Augen blitzten nun ebenso schwarz wie ihr Fell aus dem Bild hervor. Ich zoomte heran, um die Augen genauer zu betrachten. Was ich dabei sah raubte mir den Atem. Die weißen Reflektionen waren gar keine Reflektionen. Es waren Zahlen. Je zwei in jedem Auge. Und in Kittys Fall spiegelten sie eins zu eins ihren Todeszeitpunkt wieder. Ich überprüfte auch die anderen Bilder erneut, ebenfalls mit dem selben Ergebnis.

Das war vor zwei Wochen. Seitdem wird es immer stärker. Ich muss nur durch die Linse einer Kamera sehen und ich erkenne bei manchen Menschen die schwarzen Augen. Bei denen, die innerhalb der nächsten 24 Stunden sterben. Eine Einschränkung scheint es zu geben, das habe ich mittlerweile anhand von Recherchen herausgefunden. Ich muss die letzte sein, die vor dem Ableben der Person ein Bild von ihnen macht. Erst dann sehe ich die Todeszeit. Und dann ist es meist auch schon zu spät.

Jetzt liege ich auf dem Bett, die Webcam meines Laptops ist angeschaltet. Ich weiß nicht, ob ich dass hätte tun sollen, aber ich habe ein Bild von mir gemacht. Nachdem ich vor wenigen Minuten die Augen meiner Eltern und meiner kleinen Schwester schwarz werden sah machte ich ein Bild von ihnen. In 83 Minuten. Ich hatte sie nicht davon abhalten können ins Auto zu steigen, egal wie ich auch flehte und bettelte und versuchte den Schlüssel zu verstecken.

Das Bild beunruhigt mich. Ich habe schwarze Augen. Und in meinen Augen steht eine Zeit von genau 60 Minuten seit Aufnahme des Fotos. Jetzt sind es noch 2 Minuten. Ich nehme erneut ein Bild auf, gespannt auf das Ergebnis und den nahenden Tod kommen zu sehen. Doch dort stehen wieder 60 Minuten.

Bin ich nun dem Tod von der Schippe gesprungen oder spielt er mit mir?

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