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„Ich will dich nicht ansehen, du widerliches Schwein!“, brüllt sie mit einer gebrochenen Stimme. Ihr Schrei hallt im Raum, danach herrscht eine durchdringende Stille. Dunkle Haare wehen in ihr wunderschön bleiches Gesicht. Ich halte weiterhin den Blickkontakt, starre in ihre wunderschönen braunen Augen. Ratlos sieht sie mir entgegen, enttäuscht darüber, dass ich sie nicht verlasse.

Speichel rinnt ihr von diesem makellosen, kantigen Kinn. Diese kleinen, zierlichen Hände schmiegen sich in meine. Eine Träne perlt von ihrer markanten Wange. Betrübt wendet sie ihren Blick von mir, diesem Anblick, den sie verabscheut. Sie sieht zum Boden, ich sehe, wie eine weitere Träne aus ihrem Auge kullert. Sie presst ihre Lippen aneinander, nimmt die Hände von meinen. Während sie mit den Fingern ihre Nase packt stößt sie einen leisen Schluchzer aus. Nach wie vor schenkt sie mir keine Aufmerksamkeit, doch ich beobachte sie weiterhin stumm.

Ihr schlanker, eleganter Körper zittert, aber sie gibt keinen einzigen Ton von sich, auch wenn sie gerade innerlich zerbricht. Ist es wirklich so schlimm, mich anzusehen? Bemüht reißt sie sich zusammen, macht ihren ersten Schritt und lässt mich zurück.

So lief es schon seit einer ganzen Weile. Überall, wo sie nur konnte, beschimpfte sie mich, jedoch nur, als wir alleine waren, damit sie dennoch ihren guten Ruf bei ihren Freunden behalten konnte. Sie ist die Eine, die Nette, die Höfliche und Coole. Ständig geliebt von den Anderen ist es für sie schwer zu wissen, wie es mir geht. Wüssten die bloß, wie sie in Wirklichkeit ist. Ein prachtvoller Körper, mit einer kranken Seele.

Ich weiß, dass man nicht alles bekommen kann, was man will, doch sie ist die Einzige, mit der ich wenigstens gerne befreundet wäre. Sie soll mich respektieren, mich so behandeln, wie ich es verdiene. Oder behandelt man einen, der stets da ist, wenn man ihn braucht, so, wie einen Haufen Dreck?

Nachdem sie mich wegen meines Aussehens ständig gehänselt hat, wusste ich, dass ich mich verändern muss. Also fing ich damit an, kaum mehr etwas zu mir zu nehmen. Ich sah zu, wie sich meine Rippen aus meiner Haut hoben, meine Beine scheinbar nur mehr aus Knochen bestanden, meine Augen immer tiefer in die Höhlen sanken und wie ich kaum noch Kraft dazu hatte, mich in fernster Weise zu bewegen. Doch auch dann wendete sie mir den Rücken zu.

Langsam und schwer nahm ich wieder zu, war wiederholt topfit, wodurch ich von allen ermunternde Komplimente bekam. Am Anfang warf sie mir motivierende Blicke zu, doch das änderte sich rapide. Erneut hielt sie sich von mir fern, als sie mich sah, rief sie mir beleidigende Wörter zu.

Mein neuer Plan war es nun, Gewicht zuzunehmen. Das Fleisch an meinen Beinen vervielfachte sich, so auch an meinem Bauch und meinen Armen. Mit schwerem Herzen begann ich damit, mich ausschließlich von Junkfood zu ernähren. Natürlich war Sport dann der reinste Horror, doch das war es wert, wenn ich damit erreichte, dass ich von der einzigen Person, die mich interessierte, beachtet werde. Aber wiederholt scheiterte ich bei diesem Versuch. Ich fing an, Sport zu treiben, aß keine Burger oder Pizzen mehr und nahm schließlich ab und bekam meine ursprüngliche Form. Wie erwartet war ich auch dann nicht schön genug für sie.

Wahrscheinlich niemand aus der Schule wird es je schaffen, so viele Frisuren zu haben wie ich. Wenn ich jetzt die ganze Liste auflisten würde, dann würde es eine halbe Ewigkeit dauern. Aber hier ist die Kurzform: Glatze, Kurz, Mittellang, Lang, Dreadlocks. Unabhängig davon, wie ich gestylt war, war jeder nett zu mir. Ja sogar als ich die lächerlichsten Frisuren geschnitten bekam, war meine Anwesenheit von jedem geschätzt worden, außer von ihr. Mit meiner Kleidung lief es ebenso: Egal welchen Style ich ausprobiert hatte, von jedem wurden ihre Vorteile erkannt und ich wurde weiterhin von jedem akzeptiert, trotzdem wurde ich von ihr in wiederholter Weise gemieden.

Doch ein ganzes Leben lang kann das niemand ertragen. Also bin ich dem, was ich mein zu Hause nenne, entkommen und stehe nun hier im Dunkeln in ihrem Zimmer. Das Mondlicht taucht den Raum in eine angenehme Atmosphäre. Von draußen ist nichts zu hören, die Stille hat mich von jeher beruhigt. Das Messer in meiner Hand reflektiert das vom Mond kommende Licht. Schweigend beobachte ich, wie sie sich im Schlaf wälzt und wie ihre langen Haare das Kissen zieren. Schon solange wir uns kennen bin ich nie von ihrer Seite gewichen, war sowie am Tag zur Stelle, wenn sie mich brauchte, als auch in der Nacht, denn dann bin ich hergekommen und habe sie beobachtet, um mich zu vergewissern, ob sie mich brauchte.

Tief atme ich durch und komme ihr näher mit dem Messer in meiner Faust. Zum letzten Mal blicke ich in ihr Gesicht, das wie gemalt ist. Ich nehme das Messer in beide Hände, packe es und schwinge meine Arme hoch. Angestrengt stoße ich einen leisen Schrei aus und stoße mit der Klinge in ihre geschmeidige Haut. Sie schlägt die Augen auf und zieht ihr Gesicht zu einer schmerzerfüllten Fratze. Noch bevor sie einen Ton rausbringen kann halte ich ihr meine Hand auf ihren Mund.

Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie mich an, entsetzt von dem, was sie vor sich sieht. Ein unterdrückter Schrei dringt durch das Zimmer. Das Messer in ihrer Kehle bahnt sich langsam voran, ich ziehe es kräftig in meine Richtung. Ihr Körper zappelt, doch nicht mehr lange. Begeistert von dem Anblick, wie ihr der Lebenssaft entweicht, sehe ich wie das Wasser in ihre roten Augen steigt. Sie widersetzt sich schwächer, bis ihr Körper anschließend vollkommen ruhig ist.

Mit einem kräftigen Ruck ziehe ich das Messer raus und sehe sie zum letzten Mal an. Auch tot ist sie wunderschön. Wie gesagt: Ein prachtvoller Körper mit einer kranken Seele. Ich hoffe, dass sie wenigstens eine Sache aus ihrem Tod gelernt hat:

Sie hätte netter zu ihrem Spiegelbild sein müssen.

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