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Sie war so schön... So unfassbar schön... Jedes Mal schoss mir das durch den Kopf. Ich streckte meine Hand aus und ergriff ihre. Vorsichtig, denn sie war so zart und klein. So zerbrechlich.

Ihre Haut war weich und weiß wie Schnee, ein bisschen kühl. Ihre Haare waren hochgesteckt, die Kristalle schimmerten im warmen Licht zwischen ihren Locken hervor. Ein Meer aus goldenen, seidigem Haar. Die vollen Lippen, geschwungen wie ein kleines Kunstwerk. Und oh, sie waren so weich, so zärtlich...

Ihre Nase hat sie nie gemocht, sie fand sie zu klein und klobig, für mich war sie perfekt. Alles an ihr war perfekt. Und ihre Augen erst... Ein klares Blau, wie die Ozeane nie hätten sein können. So tief, voller Gefühl... früher. Ihre langen, dunklen Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen. Sie harmonierten wunderbar mit ihrem elfengleichen Gesicht und Statur. Leider war der leichte Rosaton auf jenen Wangen schon verblasst.

Aber es war mir egal.

Für mich war sie perfekt.

Ich lächelte sie selig an, rieb mit meinem Daumen sanft über ihren Handrücken. "Ich liebe dich", flüsterte ich in ihr Ohr und atmete ihren vertrauten Duft ein. Ich brauchte keine Antwort. "Ich werde immer bei dir sein. Jetzt hab keine Angst, okay? Wir werden bald wieder vereint sein." Mein Blick wandte sich, fast wehleidig, von meiner Liebsten ab, nach vorne. Der Pastor schluckte. "Sir...?" Es reichte ein Blick, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Das heilige Buch in seiner Hand zitterte leicht, die Seiten flatterten im warmen Sommerwind. Die Bäume um uns herum rauschten leise, als wollten sie uns ein Lied spielen.

"Liebes Hochzeitspaar...", fing er nun an, "Liebe.... Mitfeiernde..."

Ich schloss die Augen und drückte ihre Hand. Endlich war der Tag gekommen.

"Die Hochzeit ist der Höhepunkt einer jeden Liebe und ein Tag großem Glücks. Von allen Seiten kommen Ratschläge, Glückwünsche und Gebete. Zwei Menschen auf ewig miteinander zu vereinen, etwas Schöneres gibt es nicht auf dieser, vom Herren erschaffenen Welt.  "Allein ist der Mensch ein unvollkommenes Ding. Er muss einen Zweiten finden, um glücklich zu sein", so sag Blaise Pascal, ein christlicher Philosoph. Zwei Schicksale werden miteinander vereint..."

Ich hörte ihm zu, der Klang seiner zittrigen Stimme brachte starke Ungeduld in mir auf. Ich wollte all das nicht hören. Ich wollte einfach nur für immer mit ihr zusammen sein. Für immer.

"... und Gott, der auf uns alle herabschaut, wird es gutheißen. Sie, liebe ...Braut, lieber Bräutigam, stehen unter seinen Schutz, ebenso wie ihre Liebe. Auch, wenn Liebe zerbrechlich is..."

Ich konnte nicht mehr warten, wollte nicht mehr warten. Die unerklärliche Wut schwappte über mich, wie eine Sturzflut und rissen meine Worte einfach mit sich: "Beeil dich verdammt, sag es. Sag es."

Wieder schluckte der Pfarrer nervös. "N-natürlich." Er stierte verängstigt in sein ach so heiß geliebtes Buch. "Lieber Bräutigam, wollen Sie, die hier anwesende Sophia Sunford zur Frau nehmen?"

Mein Blick wandelte sich, er wurde wieder weich und ich schaute zu meiner stillen Geliebten. "Ich will."

"Und Sie, liebe Braut wollen Sie..."

"Sie will." Sie muss.

Der Pfarrer schloss seinen Mund und murmelte lediglich: "Sie-Sie dürfen die Braut jetzt küssen..."

Ich drehte mich vom verschwitzten, zitternden Pfarrer weg, beugte mich herunter und nahm ihr Gesicht zwischen meine Hände und legte meine Lippen auf ihre. Sie waren kühl, ja, fast eiskalt. Aber es machte mir nichts aus. Sie waren immer noch weich, schmeckten nach ihr.

Ich strich ihr eine verirrte Locke aus dem Gesicht, vertiefte unseren innigen Kuss. Ich hörte den Scheißkerl hinter uns würgen, die Bibel fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Schritte, er lief nun scheinbar doch davon. Fühlte sich nicht mehr bedroht. Und so was schimpft sich Pfarrer, ein Sohn Gottes.

Schaute er wirklich auf uns herab? Es war eine so schöne Vorstellung, zu schön. Jemand, der immer auf einen aufpasste, egal was man tat? Naiv. Wie ein Kindermärchen. Doch sie hatte fest daran geglaubt, so habe ich es extra für sie arrangiert. Mir war alles recht, war ich nur für immer mit ihr verbunden. Ich löste mich, leckte mir kurz über die Lippen, um ihr Blut zu schmecken.

Ich hockte mich vor sie, damit wir auf Augenhöhe waren. "Freust du dich so wie ich?", fragte ich sie und lachte leise, weil ich keine Antwort erwartete. "War es nicht schön? Fast so wie wir es uns immer gewünscht haben." Mein Daumen streichelte wieder ihren Handrücken. "Es hätte noch schöner werden können, wärst du nicht weggelaufen." Meine Stimme hatte einen bitteren Klang bekommen und ich schalt mich dafür. Ich wollte diesen wundervollen Moment doch nicht zerstören...

"Aber jetzt ist ja alles gut. Du und ich, wir werden uns immer lieben, nicht wahr?" Meine Finger schlossen sich um die kühle Waffe, die bislang in meiner Jacketttasche geruht hatte. "Mach dir keine Sorgen, ich bin gleich bei dir."

Bedauernd schaute ich auf die leeren Stühle, wo eigentlich all unsere Freunde hätten sitzen müssen, uns zujubeln müssen. Aber es war zu riskant. Sie hätten unser Glück vielleicht zerstört.

Unfaire Welt.

Mit einem Klicken war die Waffe entsichert. Das Geräusch war unpassend in dieser, nur vom Rauschen der Bäume unterbrochenen, Stille. Die Blumen wiegten sich sanft im Wind und Schmetterlinge flogen herum. Das Klicken wurde bedeutungslos. Alle war perfekt.

Sie war perfekt.

Mein Lächeln schlich sich wieder zurück auf meine spröden Lippen. Mein Zeigefinger fuhr zum Abzug und ich hielt mir den Lauf an den Kopf. "Wartest du auch brav auf mich?", fragte ich sie. Ihre, von mir leicht geöffneten Lippen, gaben zwar keinen Ton von sich, aber ich wusste es. Sie liebte mich schließlich auch. Natürlich tat sie das.

Und so drückte ich ab.

Der Knall war ohrenbetäubend und hallte  in meinem Kopf nach. Blut bespritzte das weiße Kleid meiner geliebten Frau, die stumm und erstarrt da saß. Den Stuhl hatte ich extra für sie gezimmert. Das schönste Mahagoniholz, dunkel und edel. Lange hatte ich daran gesessen. Liebevoll die Details ausgearbeitet. Selbst die Lederriemen, die sie dort hielten, hatte ich geschnitten und angebracht. Ich war stolz auf meine Arbeit.

Und ihre Schreie, welche ich ihr entlockt hatte, waren meine Belohnung gewesen.

Und was hatte sie geschrieen.

So schön, nicht schrill, sondern klar.

Wie ein sterbender Engel.

So perfekt wie sie.

Und nun folgte ich ihr.

Ich kippte zur Seite, wollte ihre Hand nicht loslassen, doch sie rutschte mir weg. Ich schrie nicht, sondern schloss glückselig die Augen. Spürte noch das weiche Gras an meiner Wange.

Meine Gedanken schwenkten wieder zum allmächtigen Gott. Schaute er sich das gerade an? Passte er auf sie auf, bis ich oben bei ihr war? Es musste richtig sein, was ich tat, getan hatte. Sonst hätte er protestiert oder nicht? Hätte nicht zugelassen, dass wir und vereinen. Es musste Schicksal sein. Ich freute mich so, sie wieder zu sehen.

Wir würden zusammen bleiben.

Bis über den Tod hinaus.

Und oben saß der allmächtige Herr, beobachtete das Spektakel und freute sich über eine Abwechslung im grauen Alltag der Wesen, die sich für was Besseres hielten. So viel Grauen vollbrachten sie, immer mehr, immer fürchterlicher. Und nie würde es enden.

Denn Gott mischt sich nie ein. Er ist nur ein Beobachter seines Experimentes.

Hier oben gab es kein Paradies. Es gab nur ihn.

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