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Eine Leiche sollte ihre Ruhe haben. Oh, ich kenne das gut. Wie die Geheimnisse so süß locken. Nur ein ehrlicher Tod kann Euch heilen. Euch befreien, von Eurer wilden Neugier.“ - Fürstin Maria des Astralen Uhrturms

● I - Der Puppenspieler Bearbeiten


Werden Sie müde?“, fragt mich die verschrobene Stimme ausdruckslos.

An der Mauer angelehnt liegt ein sich bewegendes Wesen aus Stoff, mit einem Hut aus Stroh. Die alte Vogelscheuche, die ich früher auf dem Feld aufgestellt hatte. Heute sieht sie immer noch genauso mitgenommen aus, Stofffetzen und viel Schmutz. Auf dem mittlerweile grauen Gewand erkennt man sogar noch Blut, woher dieses herkommt, weiß ich allerdings nicht mehr. An den Stroharmen erkennt man noch den alten, rostigen Stacheldraht, den die Bauern zur Festigung dran gebunden hatten. Dies hielte besser als Seile, meinten sie. Über den Kopf wurde ein Sack gestülpt, der Mundraum ist längs eingerissen und mit schwarzen, verbrannten Kohlestücken gefüllt, die wie Zähne aussehen. Einige Stoffschichten sind allerdings schon abgeblättert, es sind viele Falten erkennbar. Die Augen bestehen aus ausgehöhlten, ebenfalls schwarzen Kreisformen. Die Öffnung des Sacks wurde an den Schulterraum festgenäht, als wäre der Kopf darunter gefangen. Die Kinder hatten sich damals, vor dutzenden Jahren, auch Geschichten ausgedacht, unter dem Stoffsack würde sich ein echter Schädel befinden. Einzig der schwarze, spitze Hut sieht trotz des Alters noch neu aus, nur die Spinnweben überdecken die gesamte Vogelscheuche.

Wissen Sie, es ist unhöflich, nicht auf eine Frage einzugehen“, hakt das Geschöpf provokativ nach. Dessen Kopf regt sich in meine Richtung, die schwarzen Augenhöhlen starren mich an. Einige Momente warte ich, dann kommt das Wesen meiner Antwort zuvor: „Wie entwürdigend, einem Gesprächspartner die Konversation zu verweigern. Wenigstens besitzen Sie noch den Anstand, mich dabei anzusehen.“

Das Wesen richtet sich mich verhöhnend auf, es fällt ihm schwer, aber schließlich kann es sich an alten Landgeräten aufrichten: „Wobei es mir schwer fällt, Ihrem Wunsch nach ein wenig Aufmerksamkeit zu entsagen. Wären Sie nur nicht so bescheiden.“

Keine weitere Reaktion. Ich setze mich in den staubigen Schaukelstuhl neben der Vogelscheuche, wir sitzen nun nebeneinander. Das Geschöpf scheint es sich auf den ausgebauten Teilen eines rostigen Mähdreschers bequem gemacht zu haben.

Wie lange sind Sie schon hier? Wenn ich fragen darf, denn ich hätte nicht mit Ihrer Ankunft gerechnet“, fragt mich das Wesen neugierig aus. Weitere Augenblicke verstreichen, einer nach dem Anderen.

Einen scharfen Blick werfe ich dem Wesen zu, welches sich leicht vorbeugt, um mein Gesicht genaustens zu betrachten: „Werden Sie nicht so stürmisch, ich kann Ihnen ja gar nicht mehr folgen! Würden Sie mir wenigstens die Ehre eines einzigen Wortes erweisen? Winseln können Sie genauso gut später, eines sind Sie mir nach all der Zeit schuldig, immerhin habe ich Sie damals versorgt!“

Allmählich scheint mir der Besuch dieses Wesens ein Fehler zu sein, doch als ich mich wieder erheben wollte, fasst es mir an den Arm und hält mich zurück: „Warten Sie doch einen Moment, könnten wir nicht ein wenig plaudern? Wir haben uns doch früher so sehr miteinander amüsiert, doch nun kommt es mir beinahe so vor, als hätten Sie all die schönen Erinnerungen vergessen.“

Mehr als ein verächtliches Schnauben gebe ich nicht von mir, plötzlich treten Tränen aus den schwarzen Augenhöhlen der weinenden Vogelscheuche aus: „Wissen Sie denn nicht mehr? Wie lange haben Sie nicht mehr an ihren Kunstwerken weitergearbeitet?“

Gute Frage. Die alten Holzpuppen, die ich früher immer gebaut hatte. Mittlerweile müssten die Materialien zwar verstaubt sein, aber sicher noch anständig zu verarbeiten. Da hat es gewiss nicht Unrecht, obwohl es mir vermutlich lieber wäre. Mühsam stehe ich auf und blicke hinter die alten Gartengeräte, die Vogelscheuche betrachtet mich dabei durchgehend: „Was haben Sie jetzt vor, geben Sie Ihren Erinnerungen einen Sprung? Wie es mir gefehlt hat, dass Sie mich immer wieder mit Ihrer Spontanität überraschen. Welche Bilder haben Sie im Kopf, die Sie nun materialisieren wollen?“

Nach und nach streiche ich mit den Händen die ganzen Spinnweben zur Seite, es befinden sich überall noch Laubüberreste der letzten Jahre und zahlreiche Insekten machen sich über die Erinnerungsstücke meiner Vergangenheit her. Kellerasseln, Spinnen, sogar einige Ratten. Ungewöhnliche Konstellation, doch das hier ist ein zeitloser Ort, hier werden nicht mehr so schnell Besucher herkommen. Würde ich hier sterben, würde mich hier niemand finden.

Werden Sie wieder eine neue Marionette anfertigen?“, ertönt die forsche Stimme der Vogelscheuche hinter mir, doch sie klingt gedämpft, als würde es an mir vorbeirauschen. Ich suche weiter nach der Lederkiste, in der sich meine alten Kunstwerke befinden. Plötzlich entdecke ich diese direkt vor mir – die rotbraune Farbe ist unter der dicken Staubschicht nicht mehr erkennbar gewesen, jetzt ist die Kiste nur noch hellgrau. Am Griff packe ich das Behältnis, doch dieser ist von den Spinnweben komplett verklebt, er lässt sich nur schwer bewegen.

Wie es scheint, haben Sie sie gefunden, aber denken Sie, dass es eine gute Idee ist, ausgerechnet dieses Werk hervorzuholen?“, merkt das Wesen hinter mir misstrauisch an, doch ich ignoriere es weiterhin. Meine Aufmerksamkeit fokussiert sich nur auf den Inhalt der alten, verstaubten, anderthalb Meter langen Kiste. Ächzend stößt das Wesen ein schrilles Lachen hervor, die Tränen fließen weiter aus seinen Augenhöhlen: „Wer hat Ihnen diese Fertigkeit gegeben? Wie – sagt mir – wie kamen Sie nur dazu? Würdet Sie von sich selbst behaupten, dass Sie es verdient hätten? Wüssten Sie nur, womit Sie sich auseinandersetzten, auch nur eine Sekunde, dann würden Sie nie wiederkehren. Wären Sie klug, würden Sie rennen, rennen um Ihre Realität zu bewahren!“

Worte ohne Zusammenhang, eine Angst, wie sie jeder besitzt. Ich hebe die Kiste an und schleppe sie zu einer geräumigeren Stelle, nur, um Abstand von dem weinenden Geschöpf zu gewinnen. Ich entriegle den verstaubten Verschluss, schiebe den Deckel von der großen Kiste runter, ein dutzende Jahre alter Lufthauch kommt mir entgegen und versetzt mich in die vergangene Zeit zurück.

Warum?“, fragt die rauschende Stimme hinter mir, wimmernd. Ein Lächeln fährt in mein Gesicht, ein breites, in den Mundwinkeln zuckendes Grinsen, als ich die hölzerne Marionette vor mir sehe. Eines meiner besten Stücke. Die Marionette ist in ein Kleid gehüllt, in einem kräftigen Rot. Wäre sie nur die Person, die sie sein sollte, meine Lady Maria. Ich greife behutsam unter Kopf und Schenkel, um sie aus dem Sarg zu heben und vorsichtig in den Schaukelstuhl zu setzen.

Genüsslich betrachte ich meine Arbeit, die feinen, geschnitzten Arme und Beine, die glatte, warme Haut, die Perücke aus braunem, nahezu schwarzem Haar. Ich streiche über die Wange des Gesichts, über die wundersam harte, hölzerne Wange bis hinunter zum Kinn, welches ich leicht anhebe. Die Lippen sind geschlossen, aber sorgfältig gefeilt. Einzig sind es die Augenhöhlen, die dafür sorgen, dass man die Puppe nicht mit einem Menschen verwechseln kann. Diese schwarze Augenhöhlen, sie kommen mir schon fast bekannt vor. Ich nehme den Kopf der Marionette in beide Hände und schließe meine Augen, während ich ihrem Gesicht näher komme und sie lang und innig küsse. Das hölzerne Gerüst regt sich, ihr Kopf neigt sich. Eine weibliche Stimme ertönt aus dem Nichts: „Ich habe Euch vermisst.“


Die Marionette beginnt ihre Arme um mich zu schließen, als wäre es ein Wiedersehen zwei sich liebender Personen nach einer langen Zeit, in der der Mann in einer fernen Isolation lebte und die Frau spurlos ins Exil ging. Seltsamerweise fühlt sich die Umarmung warm an, die hölzernen Arme ließen eine warme Haut vermuten, würde man sie vorher nicht kennen. Sie flüstert in meinem Kopf: „Mein Liebster, wo seid Ihr gewesen? Weshalb habt Ihr mich so lange warten lassen?“

Zu gerne würde ich ihr mitteilen, dass es nicht anders ginge. Doch wie würde sie es auffassen, würde ich erzählen, dass ich im Leben so sehr versagt habe, dass ich wieder an den Ort des Anfangs gereist bin?

Schon gut“, erzählt sie weiter, „Ihr musst es mir nicht erzählen. Lassen wir uns das Vergnügen nicht nehmen, unser Wiedersehen zu feiern. Mein Lord, für mich seid Ihr keinen Tag älter geworden.“

Werden Sie wirklich diese Scharade auf sich wirken lassen“, fragt das weinende Wesen neben unserer Zweisamkeit verzweifelt, „wieso sind Sie immer noch so naiv?“

Die wütenden Blicke brennen sich in meine Haut ein, ich packe die mich liebende Marionette und bewege mich weiter von der Vogelscheuche weg. Sie schreit nur noch stumpf hinterher: „Wir sind mal Freunde gewesen. Wem vertrauen Sie mehr?“

Abrupt springt die hölzerne Puppe von mir runter. Sie dreht sich freudig zu mir um, mit komplett menschlichen Bewegungen, ihr Gesicht verzieht sich kein Stück, doch sie klingt, als ob sie gerade glücklich lächeln würde: „Oh, ich kann es nicht glauben, dass ich wieder laufen kann! Kaum zu fassen, es ist so lange her, dass wir geredet haben. Wahrscheinlich seid Ihr nach wie vor ein vielbeschäftigter Mann, so, wie Ihr es damals schon gewesen seid. Erzählt mir Geschichten! Ich will wissen, was Ihr erlebt habt, während ich wach zwischen vier engen Wänden gelegen habe, während ich auf Euch gewartet habe! Hat es sich gelohnt? Mich so lange zurückzulassen, bis Ihr mich wieder nach Gelüsten benutzen wolltet?“

Ihre Stimme klingt euphorisch, so vernehme ich auch jedes ihrer Worte. Sie ist so glücklich. So glücklich, dass ich wieder da bin.

Mein wundersamer, wunderbarer Jäger“, redet sie mich enthusiastisch an, „wie viele Bestien habt Ihr auf eurer Jagd erlegt? Ich hatte Albträume – ja – ich glaube, ich weiß nun, was Albträume sind. Böse Männer wollten mich heimsuchen, sie sind zu mir gekommen und haben mich geschändet, einer nach dem anderen, Tage über Nächte!“

Sie tanzt umher, hüpft leicht vor Freude, dabei gibt sie mir mit den Händen immer verführerische Zeichen, ihr zu folgen. Das lächelnde Geschöpf lacht munter vor sich hin: „Ich weiß nicht mal mehr, ob es wirklich geschehen ist oder nur ein Albtraum war. Wie nennt Ihr dies, einen schlaflosen Albtraum? Gleichgültig! Folgt mir, mein liebster Jäger, folgt mir!“

Beim Laufen nimmt sie aus einer kleinen Seitentasche in ihrem Kleid eine Nagelfeile raus, sie beginnt, ihre hölzernen Finger von kleinen Splittern zu befreien. Dann packt sie sie wieder zurück und mit immer höheren Sprüngen bewegt sie sich über den gesamten Hof, bis wir schließlich beide in der Mitte ankommen. Kurz verspüre ich den Wunsch, sie zu fragen, weshalb wir uns hier befinden, doch sie wird es mir schon von sich aus verraten. Sie ist wie ein kleines Kind.

Schaut nur! Da oben, da oben!“, ruft sie mir freudig zu und zeigt dabei mit einer Hand hoch. Skeptisch lasse ich meinen Kopf in den Nacken fallen und betrachte den grauen Himmel. Zwischen den Wolken werden Schemen sichtbar, winzige, schwarze Schatten. Ich sehe sofort, dass es sich um Leichen handelt, unzählige Kadaver stürzen aus der Höhe. Es hat nicht den Anschein, als ob sie näherkommen. Nein, um ihre Hälse sind Seile gebunden, sie hängen zwischen Himmel und Erde, direkt unter dem Galgen der Wolkendecke.

Dies sind alles Engel. Engel, die ihren Verstand verloren und sich dann das ewige Leben genommen haben. Haben sie die Hoffnung im Paradies verloren oder haben sie das Paradies in der Hoffnung verloren? Ist auch das Leben nach dem Tod weiterhin von Sinnlosigkeit geprägt, wenn nicht mal himmlische Wesen das ertragen können?

Ich weiß, was Ihr dort seht“, kichert mir die Marionette hämisch zu, „ich kann sie auch sehen. Sind sie nicht wunderschön?“

Ohne einen wirklichen Ausdruck zu zeigen, horche ich weiter den Geräuschen, die sie von sich geben. Ich kann sie schreien hören, aus schier endloser Ferne sind ganz leicht ihre Todesschreie wahrzunehmen. Womöglich wurde nicht allen von ihnen der Genickbruch gegönnt, nein, einige müssen nun elendig an ihrer abgeschnürten Kehle versterben, bis der letzte Hauch der Hoffnung aus ihrem Körper entweicht. Die Schreie kommen von dem Fall aus dem Himmel, die letzten Laute vor dem Ende. Ich kann ihre Aura förmlich spüren, die grauenhafte Pein der Engel. Wie diese starke Präsenz von der Angst vor Sinnlosigkeit, die einem das ganze Leben lang begleitet. Sie wird immer stärker, sie wächst mit der Zeit und ist am stärksten, wenn man schließlich aus dem Himmel fällt. Womöglich gibt es keine Hölle? Vielleicht gewöhnen wir uns so sehr an die Erde, dass uns diese nicht mal mehr verschrecken würde.

Ich sehe es Euch doch an“, flüstert mir meine Liebste zu, „Ihr liebt diesen Anblick, diese herzhaften Schreie!“

Ich lasse mir keine Reaktion anmerken, blicke lediglich wieder herunter. Auch sie wirft mir einen scharfen Blickkontakt zu, die leeren Augenhöhlen bohren Löcher durch mich. Das hölzerne Gesicht bleibt versteift, wenn ich doch nur wüsste, wie sie jetzt gucken würde. Vielleicht schaut sie klagend auf mich drein? Vielleicht weist sie mir die Schuld zu für die verlorenen Schicksale der Engel, die auf der Jagd sterben mussten?

Kann ich da Reue erkennen in Eurem Gesicht?“, fragt das hölzerne Gerüst skeptisch. Meine Mimik verändert sich nicht, ich atme nur tief ein und aus, während sie weiter flüstert: „Woran Ihr wohl denkt? Ihr könnt doch stolz darauf sein, was Ihr vollbracht habt! Gebt es schon zu!“

Die Engel hatten schon so Schmerzen, ich hätte ihnen helfen sollen. Jetzt hängen sie dort vom Himmel und ich bin Schuld an ihrem Tod. Ich habe sie alle umgebracht.

Als würde sie meine Zweifel erkennen, redet sie weiter auf mich ein: „Ihr liebt diesen Ausblick der Leblosigkeit! Das wisst ihr genau! Ihr habt ihn geschaffen!“

Womöglich habe ich sie erlöst, zumindest vom irdischen Dasein. Wie viel mehr Leid hätten sie ertragen müssen, wäre ich nicht dagewesen? Was hätten sie noch gehört, wenn nicht die Melodie der Pein, die das Leben aus unseren innersten Seelen durchzieht? Vielleicht. Ich habe sie alle umgebracht.

Ihr müsst stolz auf Eure Errungenschaft sein“, vermutet die Marionette, „so viele, beendete Existenzen mit jedem Bolzen, der Eure Armbrust verließ. Mit jeder Silberkugel, die eure Pistole verließ.“

Die ganzen Geschöpfe standen im Weg, ihnen war nicht mehr zu helfen. Ich habe ihnen allen einen Gefallen getan, indem ich ihnen das Leben nahm. Engel, sie lassen sich so von der Melancholie quälen, dass sie beinahe schon im Schmerz untergehen. Ich habe sie umgebracht, ich habe es genossen.

Ich wusste es, ich wusste es“, ruft meine Liebste fröhlich los, „Ihr liebt diesen Anblick so sehr, wie ich Euch liebe! Kommt mit mir, ich will Euch noch mehr zeigen!“

Voller Vorfreude greift sie zu meiner Hand und zieht mich mit sich, wir näheren uns der alten Scheune des Bauernhofs, dahinter liegt der niedergebrannte Acker. Die Tür ist offen, nur einige eingestürzte Balken liegen im Weg, über die sie einfach hinüberklettert. Ich bleibe ohne Motivation vor den Barrikaden stehen, schaue zu dem Holzgerüst hoch, das mich enttäuscht fragt: „Mein Lord, worauf wartet Ihr? Kommt mit, kommt mit!“

Nach wie vor bewege ich mich nicht vom Fleck, ich schaue nochmal zum Himmel, um die Gestalten zu mustern, die regungslos dahinvegetieren. Wie viele Kugeln habe ich verschossen, wie viele haben getroffen? Ich weiß es nicht, doch letztendlich habe ich niemanden leben lassen. Niemand, der Rache ausüben kann, kein Zeuge, der den Familien Bescheid geben konnte. Ich wünschte, jemand würde davon wissen. Ich wünschte, jemand würde mich in den Himmel schicken, bevor der letzte Strick gebunden wird. Dann wäre wenigstens einem Engel die Möglichkeit vergönnt, sich an mir zu rächen. Für alles.

Mein Blick schweift wieder zurück zur Scheune, wo ich gerade die Marionette sehe, wie sie mit zwei kleineren Kästchen hinauskriecht. Dieses Mal unter die Balken hindurch. Auch die beiden Kästchen habe ich hergestellt, feine Handarbeit, sie waren mit meine ersten Werke, neben meinem besten Freund. Wobei ich diesen soeben verloren habe.

Erinnert Ihr euch? An den Inhalt?“, fragt sie aufgeregt, während sie das erste Kästchen öffnet und hauchdünne Leinen herauszieht, beinahe dünner als Spinnweben. Es sind Fäden, die Fäden für ein Puppentheater. Auch die hölzernen Kreuze befinden sich darin, die Marionette nimmt sie gleich mit raus.

Lächelnd betrachtet sie die feinen Fäden, daraufhin murmelt sie ihre Gedanken heraus: „Erinnert Ihr Euch an die Zeit, in der Ihr Eure Gabe noch nicht entdeckt hattet? Meine Arme wurden von all diesen Fäden nach oben und nach vorne gezogen, Ihr hattet sie selbst angebracht. Ihr habt immer mit mir gespielt, Ihr wart so glücklich gewesen!“

Die Anblicke der alten Fäden amüsieren mich, munter tappst meine Liebste zu mir und präsentiert mir jede noch so kleine Schnur, als wäre sie ein Heiligtum.

Ihr seid so ein wunderbarer Künstler, wieso arbeitet Ihr nicht mal wieder weiter?“, fragt sie mich aufmunternd und schließt mich in die wohltuende Gewogenheit ihrer Arme, während sie mir einen weiteren Kuss gibt. Vier sich nicht bewegende Lippen treffen aufeinander, doch dann drückt sie mit ihren Händen meinen Kopf fester an den ihren, im Rausch des Genusses werde ich leidenschaftlicher. Mein Atem wird schwerer, ich umgreife ihren hölzernen Körper, wobei ich ihr Kleid leicht hochziehe.

So seid Ihr, so kenne ich Euch. Denkt an all die toten Engel, lasst sie Euch Lust auf das Leben geben, fleischliche Lust!“, verführen mich ihre Worte. Ich beuge mich komplett nach vorne und fange an, sie zart abzuküssen, bedauerlicherweise ist sie dabei recht teilnahmslos. Ein modriger Geschmack erfüllt meinen Mund, doch dies ändert nichts an seiner wohl weit unterschätzten Köstlichkeit.

Angeregt zieht sie mich mit sich auf den steinernen Boden, ihre knochig harten Beine umschlingen mein Becken und ihre Arme meinen Rücken. Erregt fahre ich mit meiner Zunge über die glatten Teile ihres leblosen Gesichts, mit der ich schließlich bis in ihre tiefschwarze Augenhöhle gelange. Ich spüre, wie sich beim Lecken dieser einige Holzsplitter in meiner Zunge, meinen Lippen und meinem Mund festsetzen und der Geschmack von Blut dabei meinen Durst stillt.

Plötzlich wirft mich die Schönheit von sich, sodass wir nun die Positionen gewechselt haben. Ihr Antlitz befindet sich unmittelbar vor meinem, aus ihrer Augenhöhle fließt noch ein wenig von meinem Blut. Dieses schwarze Nichts, es starrt mich direkt an, es durchschaut mich.

Von oben blickt sie auf mich herab, ich höre ihr liebenswertes Kichern. Sie beginnt, spielerisch ihre Händen über mir hin und her zu schütteln, mein Verlangen zerrt mich fast wieder zu ihr hoch. Als ich genauer hinsehe, bemerke ich sie, die hauchdünnen Fäden, die an ihre Finger geschnürt sind und über meinen Körper verteilt sind.

Ich habe Euch gefangen, jetzt werdet Ihr mich nicht mehr so leicht verlassen können“, scherzt meine Liebste mit ernster Stimme. Spielend leicht zieht sie meinen Oberkörper mit sanften Fingerbewegungen nach oben, um schließlich kurz aufzustehen und sich auf meine Schulter zu setzen. Daraufhin lenkt sie meine Hände zum Boden, ich beginne, gegen meinen Willen Kraft auszuüben und stehe auf, wobei sie die Balance auf meinem Oberkörper hält. Ihre Fäden ziehen mich zu dem anderen Kästchen, ich hebe es gezwungenermaßen auf, kann es jedoch nicht öffnen.

Wie in Euren größten Träumen, nicht wahr? Habt Ihr diesen Traum bereits vergessen oder hegt Ihr ihn immer noch, das Abbild eines anmutigen Gebäudes, umgeben von weißen Blumen, mit einem Teich und einem großen Baum. Nicht zuletzt hingegen mit mir zusammen, so saht Ihr doch den Traum des Jägers, nicht? Vielleicht werdet Ihr in Kürze zu diesem gelangen, lasst es Euch gut ergehen.“

Jetzt bin wohl ich ihre Marionette.


Mit motorischen Bewegungen gehe ich denselben Weg wieder zurück, in Richtung der weinenden Vogelscheuche und des Sarges, in dem sich meine Puppenspielerin befand. Strukturiert führt sie mich, als wäre ich immer entfremdeter vom Menschsein.

Ein Schritt nach dem anderen“, flüstert sie singend, wir kommen wieder bei der Vogelscheuche an, deren Tränen immer noch fließen. Enttäuscht blickt sie mich an: „Weshalb haben Sie sich diese Schmach über sich ergehen lassen?“

Als wäre das wichtig“, gibt die Marionette auf meinen Schultern misstrauisch von sich und steuert meinen Arm nach oben, sodass ich ihre Nagelfeile wieder aus der Tasche hole und beginne, ihre Füße zu schleifen.

Sagt mir, Jäger, ist Euch die Fabel von dem Kater und den Vögeln bekannt?“, fragt mich die Marionette mit intimer Stimmlage. Ich bin gewillt, den Kopf zu schütteln, doch sie kann meine Reaktion schon absehen.

Worauf willst Du hinaus?“, zischt die Vogelscheuche zur hölzernen Puppe. Sie beginnt zu lachen und erzählt daraufhin: „Ein hungriger und begieriger Kater machte einst Jagd auf drei Vögel. Vom Hunger getrieben verfolgte er sie mehrere Tage lang, eine Taube, eine Amsel und einen Raben.

Die Tiere waren allesamt von der Verfolgung erschöpft, und so blieben die drei Vögel auf einem Ast sitzen, zu dem der Kater vom Baumstumpf aus aufsah. Beeindruckt lobte der Kater die Vögel für ihre Ausdauer sowie die Vögel den Kater für seine Kondition lobten. Doch aus der Erschöpfung heraus machten die Vögel dem Kater ein Angebot, bei dem dieser sich jeweils einer Herausforderung stellen muss. Sofern er diese besteht, wirft sich der jeweilige Vogel ihm zum Fraß vor. Tut der Kater das nicht, darf der Vogel davonfliegen.

Die Taube begann und behauptete, der Kater könnte niemals ein Blatt von dem Baum hinunterzerren. Der Kater willigte in die Probe ein und rannte zu einem kleinen Baum, wenige Meter weiter, von dem er ein Blatt mit einer Kralle durchbohrte und der Taube vorwarf. Entmutigt flog sie vor die Schnauze des Katers und ließ sich fressen.

Nun fuhr die Amsel fort und unterstellte dem Kater, dass er niemals den Baum erklimmen konnte. Dieser willigte herablassend ein und kratzte sich an den Rinden hinauf, bis er direkt vor den beiden verbliebenen Vögeln hockte. Die Amsel schaut betrübt zu Boden und ließ sich von dem Kater verspeisen.

Vollgefressen schließt der Kater halb seine Augen, müde von seiner Mahlzeit, doch ließ ihn sein Appetit auch die letzte Prüfung annehmen. Der Rabe erkannte die Leichtsinnigkeit in beiden Herausforderungen und stellte seine Forderung, indem er behauptete, der Kater könnte niemals vom Baum springen. Gesättigt und hochmütig lässt sich der Kater in den Freitod fallen. Kopfschüttelnd flog der Rabe davon.“

Was willst Du damit sagen?“, fragt die Vogelscheuche skeptisch nach, woraufhin die Marionette mich aufforderte, das Kästchen zu öffnen. Die Fäden steuern meine Hände und ich entriegle das kleine Schloss, ich hebe den Deckel an und entdecke dort einen edel angefertigten Dolch. Meine Hand gleitet zum Griff und ich nehme den Dolch hoch, er liegt gut in der Hand. Wimmernd redet das fremdartige und doch vertraute Wesen weiter: „Wie kannst Du dies tun, zuzeiten, wo die Straßen übersät mit Bestien sind?“

Ich bin Euer ganzer Besitz, mein guter Jäger“, redet sie verächtlich auf mich ein und ignoriert die Worte der Vogelscheuche. Die Fäden ziehen meinen Arm nach oben, der Dolch fest im Griff, und führt ihn direkt zu meiner Kehle.


II - Der Baron Bearbeiten


Leblos sinkt mein alter Körper zu Boden, meine letzten Blicke schließen das Antlitz des hölzernen Gerüsts in mein Gedächtnis, wie eine Gravur wird es in mein inneres Auge gebrannt.

Wie es scheint, hat der Engel nun seine Rache am Peiniger vollzogen“, brummt die wimmernde Ackerdekoration vor sich hin und betrachtet trauernd meinen unbestatteten Leichnam, „werde ich jemals erfahren, was in Deinem Kopf vorgeht?“

Dieser Mann“, erzählt sie herablassend, „ist derjenige, der mir erst ein Bewusstsein geschenkt hat. Die schwere Bürde, die dieser Puppenspieler mir dadurch auferlegt hat, ist nur mit Vergeltung zu entschuldigen. Nun ist er ein toter Jäger, der sein ganzes Leben lang vor den Folgen und den Leiden seiner Kunst davongelaufen ist. Mehr ist dieser verachtenswerte Mann nicht gewesen.“

Womit rechtfertigst Du dann die Lüge, dass Du ihn geliebt hättest?“, fragt die Vogelscheuche verwirrt nach, worauf die Marionette nur mit grölendem Gelächter reagiert: „Selbstverständlich war dies nicht gelogen, immerhin hat er in meinen frühsten Jahren die wertvolle Fähigkeit beigebracht, Rache für die Last Lebens ausüben zu wollen.“

Wie – Du hattest doch ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt?“, erwidert das weinende Wesen. Die Marionette erinnert sich an die früheren Zeiten zurück, ihr ausdrucksloser Blick verdunkelt sich: „Er hat mich weggegeben, an eine Gruppe von Männern. Viele waren dabei, Regenten, Wächter, einfache Bürger, all jene Gesichter, die man beim Wandern über die nächtlichen Straßen erkennt, nachdem sie sich von einer verachtenswerten Machenschaft auf den Weg nach Hause begeben. Diese eine Person hier hat mich wissentlich in eine Folter laufen lassen, damit er selbst eine Vergütung in Form von wertloser Ehre erhält.“

War es der Baron, an den das Geschenk galt, das Geschenk deines lebenden Körpers?“, zischt die Vogelscheuche hervor, deren Stimme von Neugierde mehr und mehr vergiftet wird. Doch Recht behält sie, wobei die Marionette es nur widerwillig zugibt, nickend steht sie von meinem leblosen Körper auf und stützt sich mit dem Fuß auf meinem Kopf ab, wodurch langsam das Blut aus meinem Kehlkopf quillt. Plötzlich hebt die Vogelscheuche ihren Arm in Richtung der Pforte, die aus dem Bauernhof führt: „Wenn Du diesen Weg nimmst und der Straße Richtung Osten folgst, wirst Du zur Residenz des Barons gelangen. Was Du wissen solltest, ist, dass sich in der Zeit, in der Du geschlafen hast, eine Menge in diesem Dorf verändert hat.“

Überrascht dreht sich die Marionette zu ihrem Gesprächspartner: „Dass sich etwas verändert hat, ist mir wohlbekannt. Viele Menschen und Engel sind gestorben. Weshalb die Hilfe?“

Sich die letzten Tränen aus dem Gesicht wischend gesteht die Vogelscheuche schließlich: „Weil du es verdienst, deiner Vergangenheit gegenüberzutreten.“ - Das hölzerne Wesen neigt fragwürdig ihren Kopf zur Seite - „Weißt Du allerdings auch, weshalb die Menschen verstorben sind?“

Sie wurden ermordet“, spricht die Marionette direkt ihre Gedanken heraus, doch das Kopfschütteln des gegenüberstehenden Wesens schlägt auf ihre Eitelkeit ein: „Wärst Du doch nur nicht so überheblich, dann würdest Du viel leichter an Dein Ziel gelangen. Wenn Du das Gelände hier verlässt, richte deinen Blick auf den Acker, dann wirst du sehen, was passiert ist.“

Sich vor ihrem Gesprächspartner würdevoll verbeugend geht die Marionette von meinem Leichnam hinunter und folgt den steinigen Weg zur eisernen Pforte, die bereits mit Rost überzogen ist. Das Grundstück sieht verwahrlost aus, und mehr und mehr realisiert das Holzgerüst, dass sich dies über den gesamten Horizont erstreckt. Sie sieht sich weiterhin aufmerksam um, nachdem sie das Gelände meines früheren Heimatortes verlassen hat. Ihr Blick fährt über die Felder, die früher zahllose Früchte haben aufblühen lassen, die ein Panorama des Lebens und der Nahrung geboten haben. Doch über die Weiten des Ackers sind Grabsteine gereiht, nicht mal mit Namen sind sie versehen. Aus der vermüllten Erde ragen Kreuze und andere Formen empor, allesamt ohne Gravuren, ohne Dekoration, es sind nur Plätze, an dem Leichen untergebracht wurden, solange, bis kein Platz mehr da war. Der Gestank liegt bis hierhin noch leicht in der Luft, der stechende Gestank des Todes. Kein einziger Funken Grün ist erkennbar, selbst die Gräser unter den hölzernen Füßen der Marionette sind grau und halbtot.

Gedankenverloren blickt die tränende Vogelscheuche nach oben in den Himmel, der sich über einer dunklen Wolkendecke versteckt und sämtliche Himmelskörper vor den gierigen Augen des Menschen verbirgt. Der Duft des Regens vermischt sich mit dem Geruch des Leblosen, entmutigt flüstert das Wesen: „Wahrer Schmerz, allmächtiger Richter, wahrer Schmerz ist schlimmer als das Ableben.“


Nach nur wenigen Momenten steht die Marionette im tosenden Regen vor jener Villa, dessen Anblick zahlreiche Bilder der Vergangenheit in ihr hervorruft. Der bereits von Efeu überwachsene Grenzzaun ragt in die Höhe, davor und dahinter liegen zerbrochene und abgebrannte Bestandteile von Kutschen, zusammen mit skelettierten Pferden. Den Garten des Barons zieren Spinnennetze, die rohes, verwestes Fleisch überdecken. Ohne zu zögern richtet die Marionette entschlossen ihr durchnässtes Kleid und betritt das Grundstück, ihre Schritte auf den vermoosten Steinen gehen unter den Geräuschen des brausenden Sturms beinahe unter.

Sie ist nicht mal die Treppe zur meterhohen, edlen Tür aus Massivholz angekommen, als diese schon aufgeschlossen wird. Ein junger Herr mit erstaunlich weißer Haut und tiefschwarzem Haar baut sich vor ihr auf, gekleidet ist er in einem noblen Anzug mit Fliege, um seinen Arm eine Serviette gelegt.

Kann ich Euch helfen, Mademoiselle?“, fragt der Butler mit dauerhaft erhobenen Kinn und fast zugekniffenen Augen. Bevor die Marionette das Wort ergreifen kann, erscheint hinter ihm ein zweiter Mann, der den Butler wieder zurückschickt.

Dieser zweite Herr ist ein großer, buckliger alter Greis mit kahlem Kopf und grauem, ungepflegtem Bart, gekleidet in einem rustikalen Surcot und mit einem Monokel. Seine Wangenknochen sind bereits deutlich erkennbar, genau wie der Gestank von Leichen weiterhin die Luft erfüllt. Dennoch bemüht er sich, aufrecht zu stehen, mit einer Hand durchfährt er hämisch die Zwirbel von seinem Schnurrbart. Ein Grinsen durchfährt sein Gesicht, wie die Marionette es lange nicht mehr gesehen hat: „Ihr junges Mädel seid hier? Eine lange Zeit ist es her, gewiss doch, vieles hat sich verändert und gewandelt.“

Ich gehöre nicht dazu, wertester Baron von Laire, meine Erinnerungen altern nicht so, wie es Eure anmutslose Gesichtsbehaarung tut“, kontert die Besucherin kalt zurück, bemüht sich dabei, ihren Zorn zu unterdrücken. Der Baron neigt seinen Kopf, ohne die Mundwinkel nach unten fallen zu lassen: „Dies sticht schon in Euren Worten hervor, wie es das Silber in einem geschossenen Wolf bei Vollmond tut. Ja, Ihr seid dieselbe, holde Maid, wie ich sie in Erinnerung behalten habe. Weder seid ihr höflicher geworden noch habt Ihr einen Wechsel Eurer – höchst dekorativen – Bekleidung in Betracht gezogen.“

Schwer atmend fährt der Regent mit der Zunge über seine vertrockneten Lippen, doch darauf geht die Marionette kaum weiter ein: „Sind wir denn nur hier, um Banalitäten auszutauschen?“

Oh, verzeiht mir meine Manieren, ich bitte Euch darum, in meinen warmen Salon zu treten. Wir haben alle noch verbliebene Zeit der Welt, es wäre mir eine Ehre, jene mit Euch zu verbringen. Nur mit Euch alleine...“, stöhnt der alte Greis leise hervor und lässt die Besucherin in die Residenz eintreten. Hier sieht es genauso aus wie vor vielen Jahren, die umwerfend große Eingangshalle wird geziert von goldenen Skulpturen und einem brennenden Kronleuchter in der Größe eines Springbrunnens. Ein rotbrauner Teppich führt vom Eingang über die hölzerne Treppe, die zu den oberen Stockwerken führt. Durch die Villa dröhnt eine penetrante Orgelmusik, die sich in immer gleichen Tonfolgen wiederholt. In gekrümmter Haltung bittet der Baron seinen Gast, ihm zu folgen, dann spazieren die beiden zu dem Salon. Die Marionette hält stets einen achtsamen Abstand zu ihm.

Was, wenn ich fragen dürfte, verschafft mir das Vergnügen Eures lang ersehnten Besuches? Ihr müsst sehr beschäftigt gewesen sein mit den Adelsmännern, die um Eure Aufmerksamkeit gerungen haben“, fragt von Laire neugierig nach, worauf die Besucherin nur im ernsten Tonfall reagiert: „Die Menschen, von denen Ihr sprecht, habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr aufgesucht. Aufmerksamkeit war es nicht, was sie begehrten, es war die Erfüllung ihrer animalischen Gelüste, nach denen jeder von ihnen lechzte. Doch ich kann Euch getrost beruhigen, Ihr wart derjenige, der mich am meisten entwürdigt hat.“

Hämisch kichernd erwidert er: „Wie schön zu hören, dass Eurer Humor derselbe geblieben ist, ein solches Wiedersehen steht zweifelsohne in unser beider Interesse.“

Beide setzen sich vor einen prächtigen Kamin aus Marmor in zwei Sessel mit jadegrünem Polster.

Erzählt mir“, beginnt die Marionette zu fragen, „was ist aus Eurem Partner geworden, mit dem Ihr Euch immer an mir vergriffen habt? Ich schätze Eure Gesellschaft ungemein, doch würde ich es begrüßen, auch meine anderen Kontakte mal erneut anzutreffen.“

Den Schneider erbittet Ihr aufzusuchen? Ihr habt eine lange Zeit hinter Euch, Ihr müsst ja voller Gelüste sein“, stöhnt der Baron leise hervor, wobei er genau zu wissen scheint, wie sehr die Marionette ihn verabscheut, „doch womöglich wird der werte Herr nicht gut auf Euch zu sprechen sein, da Ihr doch sein zierliches, wundervolles Kleid ruiniert habt, das er extra für Euch anfertigte.“

Sicherlich habt Ihr Recht, doch hält mich nichts davon ab“, erwidert die Marionette trocken und betrachtet den Baron, wie er seine Finger verzahnt und immer noch sein widerliches Lächeln behält. Der alte Greis lässt sein Kopf weitgehend nach hinten fallen und schlägt seiner Besucherin vor: „Soweit Ihr bereit seid, mir eine Prise der Vergangenheit zu schenken, gebe ich Euch vielleicht die gewünschte Information. Quid Pro Quo, meine Liebste.“

Mit einem abrupten, wütenden Schnauben erhebt sich die Marionette und nähert sich dem Greis, der es sich in seinem Sessel gemütlich macht und sich selbstsicher zurücklehnt: „Dies hat mir gefehlt, das kann ich Euch versprechen.“

Doch die Besucherin bleibt vor ihm stehen: „Diesen Gefallen, um den Ihr mich bittet, ist teurer als diese eine, simple Information, dich ich auch auf anderem Wege erlangen könnte, das ist Euch bewusst, von Laire.“

Gewiss doch“, erwidert der Baron, „was erwünscht Ihr noch zu wissen?“

Nicht Wissen ist es, wonach mir der Sinn steht“, erklärt sie ihm mit ruhiger Stimme, „es sind Aufzeichnungen Eurerseits. Zeigt mir, wem Ihr geschrieben habt.“

Ist nicht ebendies das Wissen auf einer materiellen Ebene?“ krächzt der altadelige Herr, der anschließend aufsteht und dem Mädchen verführerisch über die Haarsträhnen der Perücke greift, „Doch wie Ihr meint. Was erwünscht Ihr zuerst zu bekommen? Den Aufenthaltsort oder die Briefe? Erfüllen wir zuerst einen Eurer Wünsche, folgend den meinen und zuletzt wieder Euren. Habt Ihr verstanden?“

Die Besucherin nickt und teilt dem Baron ihre Entscheidung mit. Erneut beginnt der Greis, seltsam zu kichern, woraufhin die Marionette ihn mit skeptischen Blicken bewirft.

In der Manufaktur hat sich der Schneider niedergelassen, Ihr könnt ihn jederzeit aufsuchen“, gesteht er lächelnd und fährt mit den verschrumpelten Fingern über die Rüschen des nassen Kleides, direkt danach zieht er es vom hölzernen Körper der jungen Marionette herunter, es hinterlässt ein klatschendes Geräusch, als es zu Boden fällt.

Sehr schön“, bewundert der Baron sie, „gewiss habt Ihr nichts von Eurer Schönheit verloren. Wie ich alter Freiherr gegenüber Euch ewig jungem Ding wirken muss...“

Ihr seid ekelhaft“, flüstert die Marionette erzürnt, woraufhin nur ein weiteres, herablassendes Gelächter ertönt: „Als würdet ihr die Fähigkeit besitzen, mir zu drohen. Junges Mädchen, ich bin die wichtigste Person in diesem Dorf, Ihr könnt mir nicht schaden, sondern mir nur meine Wünsche und Begierden erfüllen. Im Gegenzug belohne ich Euch, wie es die Höflichkeit und Würde gebietet. Andernfalls, solltet Ihr mir schaden, werdet Ihr dafür büßen, da als Konsequenz alles zusammenbrechen wird und das Volk Euch zu hassen beginnt.“

Hinterlistig stellt sie weitere Fragen: „Welche, ach so wichtige, Rolle meint Ihr denn in diesem Dorf zu erfüllen, wo Ihr doch die meiste Zeit abgeschottet in Eurer Residenz verweilt?“

Oh, diese Angelegenheiten meines Ranges sind keine Gesprächsthemen für Frauen und schon gar nicht für junge, unechte Mädchen. Stellt keine Fragen über Dinge, die Ihr nicht verstehen würdet.“

Bevor die Umgarnte ein Wort von sich geben kann, fährt der Gegenüber fort: „Außerdem wollt Ihr wohl kaum die Bestie erwecken, nicht wahr, meine Teuerste?“

Angewidert betrachtet das Holzgerüst, wie der Speichel an der stoppeligen Wange hinunterfließt und wie er seine Zunge nicht mehr in seinen Mund bekommt, „nun kommt“, bittet der Baron einladend, „ziehen wir uns in die Wärme meiner Gemächer zurück, Ihr werdet sie sicherlich noch genaustens kennen.“

Von der ekelerregenden Art erfüllt fragt die Besucherin mit erhobenem Kinn nach: „Wird es dort denselben, unbehaglich penetranten Duft geben, wie Ihr ihn ausstrahlt?“

Nur ein überheblicher Laut ist es, den der Baron von sich gibt, dann packt er die entkleidete Marionette am Arm und führt sie gewaltsam mit sich: „Ihr seid erstaunlich hochmütig für Eure aussichtslose Lage, den Willen habt Ihr gewiss, das muss man Euch lassen. Doch Hoffnung werdet Ihr vergeblich suchen, meine Liebe, so sehr Ihr Euch auch bemüht.“

Das ungleiche Paar betritt die Gemächer des Hausbesitzers, der Baron entkleidet sich zwischen Tür und Himmelsbett, bittet die Marionette darum, ruhig näherzukommen. „Verwöhnt mich“, fordert der Greis sie lustvoll auf, „wie in den guten, alten Zeiten, meine Schöne.“

Anzüglich fährt die benutze Puppe mit ihren Fingern über die Oberschenkel des gealterten Barons, der sie an der Schulter näher an sich zieht. Ihr fällt es schwer, Ruhe zu bewahren, dennoch flüstert sie stotternd: „Ist es nicht... viel spannender, wenn wir wieder die Augenbinde verwenden?“

Vom Dufte der Lust berauscht lächelt der alte Greis und zieht ein Seidenband hervor, welches die Marionette sofort mit leicht stöhnenden Lauten ergreift. Sie bewegt sich auf Knien über die Matratze, umarmt den haarigen Oberkörper des ungewaschenen Mannes vor ihr. Sanft bindet sie dem Baron die Augenbinde um, anschließend zieht sie diese abrupt fest.

Oho, Ihr könnt es ja gar nicht mehr erwarten, hehe“, lechzt der erregte Mann hervor, worüber die Marionette nur mit erhobenem Kinn hinwegsieht und hinter seinem Rücken feine Fäden aus ihren Fingern zieht, die sie kaum sichtbar zu spannen beginnt, „was tut Ihr dort? Versucht Ihr Eure Lust zu unterdrücken? Kommt schon, ich warte!“

Er spreizt seine Beine, doch bevor er sich nach hinten lehnen konnte, reißt das hölzerne Gerüst in blitzartiger Geschwindigkeit die scharfen Fäden um Hals und Kopf des Barons, der aus Reflex mühselig versucht, seine Augenbinde vom Kopf zu ziehen. Empört schreit der Greis los: „Wie könnt Ihr es wagen? Dafür werdet Ihr exekutiert und hingerichtet werden!“

Tatsächlich, werde ich dies?“, entgegnet sie herablassend und schnürt die Fäden fester zu, sodass einzelne Bluttropfen aus der aufgeschlitzten Haut hervorquillen, schmerzerfüllt schreit der alte Mann auf, versucht sich loszureißen, womit er sich jedoch nur tiefer einschneidet. „Ihr undankbares Puppenweib, Ihr werdet leiden für Eure Tat!“, brüllt er mit verzogenem Gesicht, woraufhin die Marionette nur gelassen und eitel antwortet: „Wisst Ihr, werter Herr Baron von Laire, nachdem man Jahrzehnte in der Isolation eines Sarges eingeschlossen war, vergisst man jedwede Angst. Ich schätze, dies ist auch der Grund, weshalb Ihr Euch kaum noch vor etwas fürchtet, ist es nicht so?“

Erschöpft bringt der Gefangene noch weitere, unverständliche Laute heraus, worauf sie allerdings nur ruhig reagiert: „Gewiss könnt Ihr versuchen mir einen Fluch aufzuerlegen, ich besitze kein Recht dazu, Euch das Reden zu verbieten, allerdings ist Euer unattraktives Mundwerk nicht mehr allzu lange noch dazu in der Lage, Eure ohnehin schon inhaltslosen Aussagen öffentlich zu machen.“

Murmelnde Töne bekommt er noch heraus, sein Gesicht wird in seinem Blut und Schweiß getränkt, die Marionette genießt jede Sekunde, in der der Baron den Hauch des Lebens verliert.

Ihr scheint mir vergessen zu haben“, flüstert sie behutsam und bemutternd, „wenn ich Notizen von Euch ersuche, kann ich Euch auch einfach gerechterweise umbringen und sie mir im Nachhinein nehmen. Das ist bei Weitem einfacher, als noch einen Moment Eure widerwärtige Art zu ertragen.“

Mit aller Kraft wehrt sich der alte Greis noch, womit er dem Tod lediglich näherrückt, die Marionette nickt und beruhigt ihn: „Phst, ist ja schon gut, es wird alles wieder gut werden. Wenn Ihr erst gestorben seid, werde ich Euch sicherlich besuchen kommen. Sicher. Habt keine Angst, meine verehrte Nemesis.“

Die Glieder des alten Mannes zucken schwächer, der Atem wird flacher, bis er zum Stillstand kommt. Die letzten Fingerbewegungen, das letzte Zerren.

Wie gerne würde ich wissen, woran Ihr gerade denkt, jetzt, wo Euer Leben sich final dem Ende zuneigt. Ihr dachtet bestimmt, nein, Ihr wart Euch sicher, dass Ihr niemals sterben würdet und dass ich Euch nun etwas Anderes weismache, muss Eure gesamte Weltanschauung vernichten. So vernichten, wie ich es gerade mit Eurer Existenz tue. Was Menschen wohl denken, sobald sie sterben? Ich hoffe doch sehr, dass Ihr mich verflucht, oh ich liebe die Vorstellung, dass Eure allerletzten Gedanken einzig und allein dem Hass an mich gewidmet sind. Ich hasse Euch doch auch, mein liebster Baron, ich habe niemals anders gefühlt.“

Schließlich verendet der Greis in ihren Armen, hätte die Marionette kein starres Gesicht, würden ihre Mundwinkel weit in die Höhe steigen und ihre Augen von Freudentränen erfüllt werden. Unbeeindruckt erhebt sie sich und lässt den Leichnam des Barons fallen, sodass der weiße Bezug mit Rot gefärbt wird. Nachdem sie schließlich ihr Kleid ausgewrungen und wieder angezogen hat, spaziert sie ins benachbarte Zimmer, das Arbeitszimmer des Barons. Auch dieses ist mit goldenen Skulpturen und hochwertigen Bildern ausgestattet, doch hat die Marionette keine Augen dafür. Letztendlich greift sie zu den Papieren, die unter dem Kerzenlicht des Schreibtischs liegen und verlässt lesend die Residenz des Barons, in Gedanken stets bei dem Schneider.

An der Eingangstür steht bereits der Butler, der die Marionette mit skeptischem Blick durchlöchert: „War Euer Besuch in der Residenz zu Eurer Zufriedenheit?“

Zu höchster Zufriedenheit, ich danke der Nachfrage“, erwidert sie, während sie in den Augen des höflichen Herren erkennt, dass er genau über ihre Tat Bescheid weiß. Er öffnet ihr die Tür und sie tritt hinaus, schließlich flüstert er ihr noch in rauer Stimme hinterher: „Ich danke Euch, Mademoiselle.“


Die Briefe des Barons


Verehrtester Jäger und Kunstsammler,

Ihr habt dem Adel meines Hauses in den letzten Jahren einen hohen Dienst erwiesen, welchen ich Euch niemals zu vergelten weiß. Meine ewige Dankbarkeit sei Euch garantiert sowie ein Platz im höchsten Rat des Volkes für Euch reserviert werden wird. Einzig ein letzter Gefallen ist es, um den ich Euch zu erbitten suche, eine Tat, bevor Ihr zu meiner Residenz zurückkehren möchtet.

Wie Ihr bestimmt nicht vergessen habt, habt Ihr mir einst eines Eurer Werke erstattet, eine hölzerne Puppe, der Ihr den Lebenshauch geschenkt habt. Ein halbes dutzend Jahre befand sie sich im Besitz des Adels, bis sie Euch zurückgegeben wurde, doch frage ich Euch ergebens, ob Ihr mir dieses prachtvolle Werk Eurerseits bei Eurer Rückkehr mitbringen könntet.

Anschließend erhaltet Ihr Eure rechtmäßige Belohnung.

Gezeichnet, Baron von Laire


Mein Freund, mein treuster Diener,

nunmehr sind Jahrzehnte vergangen, seit wir die Marionette aus unserem Besitz verloren haben. Wenn Ihr Recht hattet mit der Theorie, dass sie sich beim Hersteller befände, so wird sie in der kommenden Zeit wieder zu uns zurückkehren. Ihr seid mein bester Freund, seid es immer gewesen, daher werde ich nach ausreichender Verwendung zuallererst Euch das Vergnügen mit der Puppe überlassen. Sie wird wütend sein, sie wird nicht vergessen haben, das heißt, dass sie eine umso lustvollere Anziehung ausstrahlen wird. Ich werde Euch von meinen Erlebnissen mit ihr berichten, sobald sie Euch ebenfalls erfüllt hat.

Schneidert Ihr doch in der Zeit ein neues Kleid, eines in der Natur des Jadegrünes, vielleicht weiß sie Euer Geschenk und Eure Aufmerksamkeit zu schätzen.

Gezeichnet, Baron von Laire


III - Der Schlächter Bearbeiten


Orientierungslos spaziert die Marionette am Wegesrand entlang, schreitet durch die scheinbar ewig andauernde Nacht. Die Straßenbeleuchtung besteht aus flackernden Laternen, die sämtliche Löcher und fehlenden Steine der Straße offenlegt. Das Unkraut abseits des Weges wurde jahrelang nicht mit gejätet, es wächst ungehindert vor sich hin, mehr noch ist es das Einzige, was an diesem Ort zu erblühen scheint. Zwischen dem morschen Holz von verlassenen Kutschen und den Kadavern der toten Pferde liegen Leichen von Menschen, im Endstadium ihrer Verwesung. Wie in der Residenz des Barons wird die Luft mit Gestank erfüllt, das Leben scheiterte hier schon vor langer Zeit.

Niemand ist zu sehen, rechts und links betrachtet die Marionette zahlreiche Häuser mit erloschenem Licht, erkennt jedoch keine Zuflucht. Sie hatte in den letzten 60 Jahren eine Menge verpasst. Entmutigt fasst sie den Schluss, sich zwischen den gesättigten Maden und halb skelettierten Leichen abzulegen, doch im Dreck ist es erstaunlich gemütlich. Langsam merkt sie, wie die Kellerasseln sich zwischen ihrer Kleidung und ihrer rauen Haut einnisten, das Rascheln von Insekten und Tieren wird immer deutlicher zu hören. Eines spürt sie in jedem Fall, und zwar, dass sie nicht alleine ist in diesem Dorf. Die Worte des Barons von Laire wiederholen sich in ihrem Kopf: „Wir leben noch, auch auf einem Fundament aus Toten. Sagt, haben wir denn je etwas Anderes getan?“


Die Stunden verstreichen rasch im Gegensatz zu der weggesperrten Zeit im Sarg. Gedämpft konnte die Holzpuppe Laute aus der Richtung vernehmen, aus der sie hergekommen war, das Poltern eines Heuwagens, der grob über die Straße gezogen wird. Sie blickt vorsichtig auf und erkennt eine im schwarzen Leinenmantel gehüllte Gestalt, die sich im Rhythmus meterlange Stoffsäcke vom Wagen nimmt, um mit diesen anschließend in die Gräser zu schleifen und die Leichen einzusammeln. Einen Kadaver im Sack zugebunden wirft er sich diesen mühselig über den Rücken und schleppt ihn zurück auf den Karren.

Das ummantelte Wesen trägt ein zerfetztes Mundtuch sowie einen großen Hut, der auch die Augen verdeckt, ohne dass die Marionette auffällig wird, reißt sich das Wesen abrupt herum und sprintet direkt auf sie zu. Entspannt erhebt sie sich wieder, sich über ihre Situation bewusst. Unter dem Ärmel zückt das Wesen eine dunkelgraue Machete, die von Staub und Schmutz überzogen ist.

Wer seid ihr?“, fragt die Gestalt in einer verschrobenen Stimme und neigt den Kopf musternd zur Seite, als könnte das Wesen durch die Bedeckung direkt in die schwarzen Augen der Marionette starren.

Ihr redet mit edlem Machwerk, ist Euch das bewusst? Mir scheint, als hätte jede Seele unter diesem schwarzen Himmel ihre Manieren verloren“, antwortet das Gerüst trotzig, worauf der Karrer nur mit Gelächter reagiert.

Entweder Ihr habt ein neues Stadium des Irrsinns erreicht, oder seid gar nicht von hier. Sollte Letzteres der Fall sein, empfehle ich Euch, schleunigst wieder zu Eurer Heimat zurückzukehren. Hier werdet Ihr keine Götter mehr finden.“ - Die Marionette hört klar heraus, dass der ehemalige Kutscher nicht weiß, dass sie ein bloßes Holzgerüst ist. Auch er ist nicht mehr bei Sinnen, doch besitzt er eine Kenntnis über diesen Ort.

Ihr fragtet, wer ich bin. Eine Passantin, die eine Gelegenheit zur Reise sucht“, bittet sie den mysteriösen Fahrer.

Es scheint, als wolltet Ihr wirklich hier bleiben. Ich habe Arbeit zu tun, viel Arbeit. Das Volk muss versorgt werden. Solange Ihr mich nicht belästigt, könnt Ihr auf den Karren, doch versteckt Euch unter der anderen Ware“, schlägt das Wesen vor, während es eine weitere Leiche vom Wegesrand aufnimmt und sie in einem Sack auf den Heuwagen wirft, „wo wollt Ihr denn hinreisen zu dieser ewig späten Stunde?“

Kurz grübelt die Marionette, versucht, die Worte des Barons nochmal zu ordnen, sich an die Furcht der Vogelscheuche zu erinnern. Schließlich kommt sie zu einer Eingebung: „Nun, bringt mich einfach dorthin, wo Ihr selbst hingeht.“

Ein hämisches Kichern ertönt, dann stülpt das Wesen in einer schnellen Bewegung einen Sack über die Marionette: „Das hätte ich ohnehin getan!“

Ohne sich zu wehren wird sie auf den Karren geschleudert und lässt sich durch die Nacht fahren. Mit zunehmenden Druck durch die Leichenstapel auf ihrem Leib wird der Fahrer unruhiger. Dauerhaft nuschelt er, als würde sich eine fröstelnde Furcht in seinem Blute ausbreiten, als wäre es ein Dämon. Hin und wieder gibt das Wesen ein plötzliches „Nein!“ von sich, nur, um daraufhin wieder in ein manisches Lachen zu geraten.

Die Puppe kann ein Kichern nicht unterdrücken, so sehr sie sich auch bemüht, daher hört sie auch schnell auf, ihre Zunge hüten zu wollen: „Woran denkt Ihr? An die Hinrichtungen der Engel, denen Ihr nicht beiwohnen konntet oder daran, dass ebenjene Euch erst zu dem kümmerlichen Geschöpf gemacht haben, das Ihr seid und sich dann vor Eurer Rachsucht in den Tod geflüchtet haben?“

Vorerst kommt keine Antwort, bis auf einmal der Fahrer auf seinen Karren springt und wie eine wilde Bestie auf seinen Transportwaren einzutreten beginnt. Unter Geschrei gibt die frustrierte Gestalt von sich: „Schweigt! Ihr wisst nichts!“

Ein entsetzliches Weinen bricht aus, welches der Reisende als neue Maske annimmt und samt dieser seinen Weg fortsetzt. Schweigend vergeht die Zeit.


Monotones Gestöhne unterbricht die gepflegte Stille. Der Wagen scheint langsamer zu fahren, ohne nach vorne sehen zu können, merkt die Marionette, wie dem Fahrer die Kraft ausgeht. Mit einem Sprung auf den Rand stoppt schließlich der Karren, die schwarze Gestalt nimmt ein Stück Last mit sich und immer leiser werdende Schritte sind kurz danach vernehmbar. Unter Mühe schafft es die Puppe, sich zu bewegen und sich schließlich aus dem Sack zu stülpen. Ihr Blick schweift rasch umher, der Gestank wird selbst für ihre geruchsneutralen Nerven extrem. Kurz glaubt sie, sich auf einer Deponie zu befinden, doch mit weiterem Blick sieht es aus wie ein Mausoleum.

Berge von Leichen sind auf ausgestorbenen Flächen gestapelt, geordnet nach dem Stand der Verwesung. Der eifrige Sammler bewegt sich mit zwei gefüllten, grauen Säcken in die Richtung eines Gebäudes, welches früher wohl eine Mühle gewesen war. Jetzt ist der gesamte obere Teil umgebaut worden, ein rotierender Eisenring umgibt das Gebäude, daran sind menschliche Kadaver aufgehängt. Sie wurden unsauber gehäutet, als hätte jemand mit einem langen Bayonett Stück für Stück ihre Haut vom Körper geschält. Auf dem Boden befinden sich jedoch nur wenige Blutflecke, offenbar wurden die Menschen anschließend verkohlt, doch nicht vollständig verbrannt. Wer weiß, ob sie noch gelebt haben, als diese Tortur begonnen hat. Dies ist kein Mausoleum, sondern ein eigenständig errichtetes Schlachthaus.

Von außen kann man bereits die klirrenden und polternden Geräusche vernehmen, die im Inneren einen bedrückenden Lärm auslösen. An der aus Balken bestehenden Tür angekommen, beginnt der Fahrer wiederholend zu klopfen. Er brüllt, die Karawane sei zurückgekehrt, und bittet scheinbar jemanden, ihn reinzulassen. Zwischendurch muss er jedoch weiterhin unkontrolliert lachen. Über dem Schlachthaus tritt tiefschwarzer Qualm aus einem Schornstein, die Gase verdecken jedwede Sterne am Himmel. Vorsichtig schleicht die Begleiterin einen großen Bogen um ihren Weggefährten, nähert sich dabei dem Gebäude an. So schafft sie es knapp, einen Blick in den Innenraum zu erhaschen, wo sie sofort ein konzentriertes Wesen bei seiner Arbeit bestaunt.

Doch nein, es ist mehr als nur ein Wesen. Dieses Geschöpf befindet sich schon unzählige Jahre an diesem Ort, die Augen sind von einer dunkelroten, miefenden Binde bedeckt, die wohl eine ehemalige Verletzung lindern sollte. Unter den Nasenlöchern ragen jeweils zwei dunkelgraue Stangen hervor, die bis zum Kinn reichen und sich mit der Haut verschmolzen haben. Auch der Mundraum wurde mit weiteren, dünnen Stangen abgedeckt, sie überdecken den gesamten Kiefer. Nur ein winziger Hohlraum scheint dem Monstrum noch für das Atmen zu bleiben, ob es reden kann, ist fraglich. Die massige Gestalt trieft vor angehäuftem Fett, der Körper ist mit Nähten überzogen, als hätte es selbst Materialien unter seine Haut deponiert. Wie vom Weibe hüpfen Rollen von Speck und Fett umher, während sich das Wesen bewegt. Die Haut ist grau gefärbt, übersät von zahlreichen Entzündungen geplatzter Geschwüre und schwarzen Beulen der Pest. In seinen Arm hatte es zahlreiche Messer gestochen und Beile gestoßen, von denen er sich wählerisch eines für das Fleisch aussucht, welches er soeben bearbeitet. Mühsam und unter knirschenden Geräuschen reißt er sich ein Hackebeil vom Leib und beginnt, die vor ihm liegenden Extremitäten in kräftigen Hieben in Einzelteile zu schneiden. Dieses Wesen ist alles, doch es ist lange kein Mensch mehr.

Ein kaum hörbares Rascheln ertönt hinter der Marionette, erschreckt dreht sie sich um, als sie schon das zahnlose Lächeln des Fahrers erblickt, welcher sie mit einer Holzplanke umstößt. Die Fähigkeit zur Verteidigung bleibt ihr verwehrt, in abrupter Geschwindigkeit, wie ein Mann in den Gemächern, wird die Holzpuppe wieder in den grauen Leinenstoff gehüllt und zur Tür gezogen. Ihr Kidnapper lacht in irrer Tonlage: „Butcher wird sich freuen, ein neues Stück vor sich liegen zu haben, Ihr werdet ihm ein großes Vergnügen bereiten, oh ja!“

Nach wenigen Momenten scheint das knarrende Holz weggerissen zu werden, gewaltsam merkt die Marionette, wie die Säcke auf dem Boden in eine Richtung gezogen werden, nur starkes Keuchen, vermischt mit Gurgeln ohne Flüssigkeit kann sie in der Dunkelheit hören. Plötzlich ergreift sie ein ungewohntes Gefühl, ein Gefühl von Unbehagen wegen dem, was in nächster Zukunft passieren könnte. Angst nennen es die Menschen. Sie kannte das Gefühl von früher, von jenen Momenten, die sie stark an diese erinnern.

Grunzend pult der Schlächter in seinem Arm, ein langes, glitschiges Zerren folgt im Anschluss, bevor er schließlich das lange, verrostete Messer in seiner anderen Hand hält. Die Sekunden verlangsamen sich rapide. Das Monstrum holt aus. Die Marionette erstarrt furchterfüllt.

Stich.


Zitternd kommt die Puppe wieder zu sich. Wo ist sie? Was ist passiert?

Des Schlächters Keuchen ertönt, an derselben Stelle wie zu ihrer letzten Erinnerung. Verwirrt versucht sie, Ruhe zu bewahren, doch das betörende Atmen nähert sich. Ganz schwach erkennt sie hinter dem Leinenbeutel die Silhouette des Schlächters, der in einem Sack wühlt. Nebenan. Er hat einen anderen Beutel geöffnet.

Nichtsdestotrotz beginnt er, lauter und schwerer zu atmen, das Grunzen ertönt wieder, bis er abrupt in zorniger Rage in die Richtung der Tür stürmt, wo immer noch der Fahrer wartet. Die Marionette befreit sich schleunigst aus ihrem hauchdünnen Gefängnis und flüchtet unter den nächsten Tisch, verkriecht sich tief in den Schatten der Ecke. Verängstigt fokussiert sie auf ihrer linken Seite den Punkt, an dem sie das Monstrum zuletzt gesehen hatte, doch nur ächzende Laute sind zu hören: „Neu! Schund! Verschwinde! Abschaum!“

Nein, es waren gute Fänge dabei, glaubt mir doch...“, versucht sich der Fahrer verzweifelt zu retten, danach schellte die kolossale Faust des Schlächters gegen ihn. Ein Knacken war zu hören, darauffolgend ein kurzes Aufschreien und ein langgezogenes Wimmern. Panisch blickt sich die Marionette im Schlachthaus um, gegenüber von ihr sind mehrere Fässer in einer Ecke aneinander gereiht, in denen miefendes, gehacktes Fleisch lagert. Vermutlich von den toten Menschen. Darüber befindet sich das beschlagene Fenster, durch das die Marionette vorhin noch geschaut hat, direkt daneben sind zahlreiche, leere Fässer bis an die niedrige Decke gestapelt, zwischen den Fertigwaren und dem umfangreichen Ofen. Darin liegen weitere Fleischstücke sowie einzelne Oberarme und Schenkel. Sogar ein frisch abgetrennter Schädel brutzelt vor sich hin. An der an rechten Wand steht der Tisch, in den mehrere Beile eingeschlagen wurden, alle sind sie entweder mit frischem Blut, Fetzen von Haut, Stücken von Muskeln oder Spuren von Eiter überzogen.

Überall Werkzeuge zur Verstümmelung und Zubereitung, doch es scheint keine Fluchtmöglichkeit zu geben. Das Monstrum trampelt zurück, die Dielen biegen und knacken unter seinem Gewicht, doch verblendet von der Wut verzieht es sich zurück an seinen Arbeitsplatz, ohne die Tür wieder zu verriegeln. Die Marionette sieht einen Hauch von Hoffnung, und wechselt unzählige Male den Blick zwischen dem hackenden Geschöpf und dem Tor nach draußen.

Die massige Inkarnation der Völlerei dreht sich und tritt direkt auf den Tisch zu, unter dem die Marionette sich versteckt hat. Sie hält inne, zieht Arme und Beine komplett ein, um nicht bemerkt werden zu können. Hier wird der Gestank am schlimmsten. Jeder Geruch von Leichen ist erträglicher als die des Schlächters, dessen Körper im Leben zu verwesen scheint.

Wehmütige Klagelaute gibt er plötzlich von sich, gewaltvoll prügelt er auf die Planken des Tisches ein. Jeder Schlag bringt die Puppe zu einem Stillstand, jeden Moment könnten die Balken brechen und es wäre vorbei. Ruckartig sticht sich der Schlächter sein Messer zurück in den Arm und läuft ziellos im Schlachthaus umher, wobei er sich die Hände an seinen Kopf drückt. Er versucht zu schreien, doch kann er seinen Mund nicht mehr durch die Eisenstangen öffnen, die in seine Haut eingeschweißt sind.

In dem kurzen Moment, in dem er abgelenkt ist, schaut die Marionette auf den Tisch über ihr und erblickt dort eine sehr kleine Menschenleiche, von einem jungen Kind. Nur noch Überreste sind übrig, auf seinem Bauch liegen Schriftstücke, Seiten eines Buches. Von der Spontanität getrieben reißt die Puppe die Notizen an sich und verkriecht sich dann wieder in ihr Versteck zurück, ohne, dass das Wesen etwas merkt. Der Marionette ist wohl bewusst, dass sie lange Zeit gezwungen ist, an ihrem Aufenthaltsort zu verweilen. Sie beginnt die Schriftstücke in ihren Händen zu lesen, wobei sie jedoch stets skeptisch hochblickt, ob der Schlächter noch am Werke ist oder gar verschwindet.


Tagebuch eines besorgten Sohnes


Erster Eintrag. Ich bin heute mit Vater zur Kirche gegangen. Da waren viele Menschen versammelt, die gebannt auf den hohen Podest gesehen haben, auf dem ein maskierter Mann stand. Er hatte sich nur einen spitzen, goldenen Helm über den Kopf gestülpt, Vater meint, er wäre ein edler Mann, der dafür sorgt, dass das Wort der Gerechtigkeit auch das Volk erreicht. Da ist noch jemand gewesen, ein Gefangener, gefesselt zwischen zwei Holzbalken. Von der rechten Seite trat ein älterer Greis auf die Bühne, den ich nicht kannte. Hastig zog ich meinem Vater am Ärmel, er sah mich schon grimmig an, doch ich wollte wissen, wer es gewesen ist. Der Baron von Laire, erklärte mir Vater, er sei das Oberhaupt des Dorfes. Angestrengt redete er zum Volk, das nur laut pöbelte. Wenn sie doch wegen ihm da waren, wieso haben sie ihn nicht reden lassen? Ich weiß es nicht. Der Baron redete von Vergiftung und Betrügereien, aber ich wusste nicht, was das bedeutet. Aber auf einmal trat der maskierte Mann hervor und hielt eine Axt mit riesiger Klinge hoch. Ich fragte meinen Vater die ganze Zeit, was er tun würde, aber er reagierte kaum, er starrte nur eindringlich auf den alten Greis. Dann... dann hat der Mann ausgeholt und... dem Gefangenen... Ich...


Zweiter Eintrag. Seit mehreren Tagen wirkt Vater angespannt. Auf dem Kirchplatz habe ich geschrien, als der „Scharfrichter“, wie man ihn nennt, dem Betrüger den Kopf abgeschlagen hat. Vater war wütend, als ich lärmte, also tat er zuhause weh mit diesem langen Stock. Mir geht es wieder gut, aber es macht mir immer Angst, wenn er wütend wird. Ich versuche schon, mich artig zu benehmen, denn Vater braucht mich jetzt. Heute meinte er, jetzt, wo die Betrüger tot sind, wird eine schwere Zeit kommen. Sie haben wohl viele unschuldige Menschen umgebracht, hat der Baron auf dem Podest gesprochen. Ich mache mir Sorgen um Vater, er wirkt immer so angespannt und kommt kaum noch aus seinem Zimmer. Den ganzen Tag lang arbeitet er, länger als zuvor. Wir haben kaum noch Essen, meinte er, auf den Feldern wächst nichts. Wieso haben sie denn den Betrüger hingerichtet, wenn es doch so gut lief, als er noch da war?

Gestern ist er zu mir gekommen und hat mir versprochen, dass sich die Zeiten ändern würden. Er zeigte mir den meerblauen Saphir, den er immer um den Hals trägt und erklärte mir, dass dieses Juwel von meiner Mutter kommen würde. Es würde Hoffnung bringen und hatte ihn schon durch viele, schwere Zeiten geholfen. Eines Tages würde er mir diesen Edelstein überreichen, versprach er mir, daran sollte ich immer denken.


Dritter Eintrag. Nun gibt es schon viele Wochen keine Reserven mehr, die Lager sind angeblich alle leer und die Mahlzeiten wurden zunehmend schmäler. Mein Vater spricht fast jeden Tag mit diesem Baron von dem Tag der Hinrichtung, er besucht uns häufig zuhause in der Mühle. Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, doch stürmte heute in mein Zimmer, er bat mich, schleunigst mitzukommen. Ich wusste nicht, was mein Vater von mir wollte, doch in der Eile drückte er mir ein Beil in die Hand, bat mich, die Fleischstücke zu hacken. Oft habe ich ihm dabei zugesehen, doch nie hatte er mich selbst machen lassen. Er meinte sonst doch immer, es wäre zu gefährlich. Dennoch freue ich mich, mehr Zeit mit ihm verbringen zu können. Er versprach mir, aus mir einen richtigen Mann zu machen, mir Verantwortung beizubringen.


Vierter Eintrag. Ich merke, wie er immer angespannter wird. Wir reden kaum bei der Arbeit, den ganzen Tag steht er an seinem Tisch und wirft gehacktes Fleisch in den Ofen, um es anschließend in Fässern wegschicken zu lassen. Wenn ich zu langsam werde, wird er lauter, ich solle schneller arbeiten, wir seien die einzige Hoffnung des Volkes, nicht zu verhungern. Ich stehe nur gegenüber und säubere dort weitgehend das Werkzeug, die Beile, die Messer, die Hämmer, aber wenigstens habe ich meinen eigenen Platz. Manchmal verstecke ich mich auch einfach unter dem Tisch, dann kann ich gut von allem fliehen und mich in meine eigene Welt zurückziehen.


Fünfter Eintrag. Heute war mein Vater nicht da, er ist angeblich zu der Residenz des Barons gefahren, um dort neue Aufträge entgegenzunehmen. Ich befinde mich alleine hier, muss bis Sonnenuntergang noch ein dutzend fertige Fässer losschicken lassen. Am Ende jedes Tages wird das Fleisch von so einem mysteriösen, jungen Mann abgeholt. Ich weiß nicht, wie er heißt, er trägt immer einen schwarzen Mantel und einen großen Hut, nicht mal sein Gesicht möchte er zeigen. Er hat mich letztens angesprochen: „Du bist mir ja ein liebenswertes Kind. Wie alt darfst du dich schon nennen?“ - Ich habe nicht geantwortet, konnte auch nur noch keuchen und Atem fangen. Den ganzen Tag bin ich umher gerannt, habe das Beil geschwungen, die endlosen Mengen an Fleisch zugerichtet. Ich hoffe, dass der Baron gute Nachrichten für meinen Vater hat, ich hoffe, dass dieser Hunger bald aufhört.


Sechster Eintrag. Nunmehr sind zwei Wochen vergangen, mein Vater ist immer noch nicht aus der Residenz zurückgekehrt. Ich verbringe die Zeit alleine in der Mühle, habe schon seit langer Zeit keine anderen Menschen mehr gesehen, abgesehen von dem Mann, der immer die rohe Ware bringt. Ich möchte nicht mehr weitermachen, aber mir bleibt keine andere Wahl, ich darf meinen Vater nicht enttäuschen.


Siebter Eintrag. Hier drin beginnt es, furchtbar zu riechen. Aufgrund des Drucks bleibt mir keine Zeit mehr, die Werkzeuge zu reinigen, doch mir bleibt keine andere Wahl. Als würde es einen Unterschied machen. Der Fahrer hat mir letztens eine menschliche Leiche gebracht, er meinte, ich sollte sie untersuchen. Sezieren. Ich bin kein Medizinmann, doch ich ertrage es mittlerweile gut, die ganzen Blutlachen von den Tieren fließen zu sehen, bei den Menschen hingegen wird mir übel. Ich schätze, wenn mein Vater mich sehen würde, wäre er stolz auf mich.


Achter Eintrag. Von Laire erstattete mir heute in der Mühle einen Besuch, ich fragte mich, was er von mir wollte, unterhielt mich mit ihm, während ich weiterarbeitete. Erst fragte er mich, wie lange ich am Tag arbeiten würde, doch ich konnte nur schmunzelnd darauf antworten, dass mein Leben nur aus Arbeit und Schlaf besteht. Das Lob seinerseits war mir hingegen nichts wert, obgleich er sich bewusst ist, wie wichtig die Zubereitung ist, bat er mich um eine Minute unter vier Augen. Ich gewährte sie ihm widerwillig. Dann... dann berichtete mir der Baron davon, dass mein Vater nicht mehr hierher zurückkehren würde, er sei auf einer Jagd, die er nicht abbrechen könne. Ich müsse fortan alleine die Nahrung zubereiten. Was hat er mit ihm gemacht? Ich weiß nicht, doch mittlerweile habe ich so lange nichts von einem Menschen gehört, dass ich es auch nicht vermisse. Die Fleischerei ist mein Leben, sie war mir schon bei meiner Geburt bestimmt.


Neunter Eintrag. Nunmehr sind weitere, unzählige Tage vergangen, obwohl, ich weiß nicht mal mehr, ob man es Tage nennen kann, hier gibt es nur eine nicht aufhörende Nacht. Mir gefällt der Geruch, dieser penetrante Geruch des Fleisches nicht. Diese Ware stammt nicht von einem Schwein, nicht von einer Kuh. Je mehr Kadaver sich hier sammeln desto unerträglicher wird der Gestank. Fliegen und Maden habe ich letztens gesehen, die sich unter einem der grauen Säcke gehäuft haben. Der Fahrer lächelt mich immer so hämisch an, als würde er sich über mich amüsieren.


Zehnter Eintrag. Noch konnte ich die Madenleiche verarbeiten, doch ich komme mit den Zubereitungen nicht mehr hinterher. So viel häuft sich, so viele Insekten leisten mir Gesellschaft. Ich ertrage den Gestank nicht mehr, ich wünschte, ich könnte meine Atemwege versiegeln, um effektiver arbeiten zu können. Wobei, ich habe noch einige dünne Eisenstangen hier, wenn ich sie erhitze, könnte das helfen, der Ofen ist bereits geheizt. Nur kurz stillhalten...


Elfter Eintrag. Es wird mir zu viel. Die Leichenberge werden immer höher, mittlerweile liegen die Säcke nur noch draußen und häufen sich so lange, bis die nächste Fuhre eintrifft. Menschen, ich verarbeite Menschen und hacke sie in kleine Stücke, damit man sie verspeisen kann. Daraus bestanden meine Mahlzeiten, dies ist der verweste Gestank, der in der Luft liegt. Meine Atemwege sind verschlossen. So einen Schmerz habe ich noch nie erlebt, als würde mein Gesicht abbrennen. Vielleicht hat es auch das getan. Doch ich rieche es immer noch, es hört nicht auf. Ich ertrage es nicht mehr, doch ich muss weitermachen. Mir bleibt keine andere Wahl. Doch ich bin überzeugt, dass mein Vater eines Tages wiederkommen und sein Versprechen halten wird, so, wie er es immer getan hat. Mir ist es gleich, welche Lügen mir der Baron unterbreitet. Er wird zurückkehren, ohne jeden Zweifel.


Zwölfter Eintrag. Die ganzen Messer, einige sind lang und dick, andere eher fein und dünn. Sie sind vielleicht viele, kleine Schlüssel, um all meine Probleme zu lösen, dann muss ich nicht mehr länger den Anblick der Leichen oder den des in Schwarz gehüllten Mannes ertragen. Ich merke, wie ich den Verstand verliere, ob sich wohl einer der Parasiten in mir eingenistet hat? Nein, ich bin nicht der Parasit, es sind diejenigen dort draußen. Die sich in aller Wollust und Völlerei meiner Arbeit bedienen. Sicher sind sie nicht dankbar, und ich möchte keinen dieser Menschen länger sehen. Weder lebendig noch tot. Ein Lumpen und ein Messer, und ich muss nichts mehr davon betrachten...


Ein lautes Poltern reißt die Marionette aus der Konzentration, schlagartig lässt sie die Seiten fallen und starrt nach vorne, direkt auf die Beine des Metzgers, der sich in wimmernden Lauten hinkniet und unter den Tisch greift. Verzweifelt tritt sie sich von ihm weg, wodurch sie sich allerdings nur mehr gegen die Wand drückt. Die Hand des Schlächters umfasst die zappelnden Lenden, aus dem Wimmern wird ein zorniges Gebrüll. In ächzenden Lauten schreit das Monstrum los: „Leichen rennen weg! Zurück auf den Tisch!“

Blitzartig hört das Holzgerüst auf, ihre Umgebung wahrzunehmen. Sie sieht nur den Schlächter mit seinem rostigen Beil ausholen und rollt sich aus Reflex zur Seite, keinen Augenblick darauf zerschmettert die Axt den Tisch und der Kopf des toten, unbekannten Kindes rollt an den hölzernen Arm der Marionette. Splitter fliegen ihr in die Augenlöcher.

Ohne weitere Gedanken zu verlieren steht sie auf und rennt auf den Ausgang zu, die Sekunden zählend, die sie vor dem Tod noch zu haben meint.

Tritte ertönen hinter ihr, die Dielen zerbrechen, die Marionette rennt ohne zu zögern weiter, wie sie es noch nie zuvor getan hat. Ohne einen Blick nach hinten zu wagen flüchtet sie vom Gelände des Schlachthauses, bis sie das Keuchen des Metzgers nicht mehr vernehmen kann. Doch hört sie immer noch Klagelaute, ein leises Wimmern.

Erschöpft bleibt sie stehen und dreht sich zitternd um, und sieht, wie das einsame Monstrum weitere Leichensäcke in den Innenraum der ehemaligen Mühle schleift, während zu ihrer rechten Seite der Fahrer an seinen eigenen Karren angelehnt liegt, das Blut fließt in Strömen aus der kaum noch erkennbaren Nase.

Ihr hättet mich beinahe ermordet, das habt Ihr bezweckt. Weshalb sollte ich Euch noch am Leben lassen?“, fragt die Marionette hochmütig und aufrecht, ohne sich etwas von ihrer Angst anmerken zu lassen.

Ein gurgelndes Lachen bildet erst die Antwort, bis der verwundete, schwarz gekleidete Mann fortfährt: „Hehe, Ihr seid nicht die Person, die in dieser Welt die Urteile fällt.“

Mag sein, dennoch habe ich Euer Leben in der Hand, und zögere nicht, Euch dasselbe Schicksal wie dem Baron zu gewähren“, gibt sie eitel von sich und spannt zwischen ihren Fingern bereits die hauchdünnen, doch so tödlichen Fäden. Der Fahrer verkrümmt in seiner Haltung und fleht ängstlich: „Was kann ich Euch geben, um Euch von dieser Tat abzuhalten?“

Kurze Zeit überlegt die Marionette, geht dann einige Schritte auf den Verletzten zu, schließlich kniet sie sich vor ihm nieder und flüstert zu ihm: „Wo finde ich die Manufaktur des Dorfes?“


IV - Der Tod Bearbeiten


Kraftlos und benommen kommt der Baron zu sich, um seinen Kopf herum spürt er immer noch das Kratzen und Jucken der Fäden, die sich in seine Haut geschnitten haben. Vor seinen Augen erkennt er lediglich düstere Muster, denen bislang kein klar Gegenstand zuzuordnen ist.

Wo seid Ihr?“, ächzt er unverständlich heraus, als hätte er Schorf in seiner Kehle. Mit aufsteigender Panik versucht er, Atem zu fassen, doch je länger er es versucht desto mehr wird ihm klar, dass ihm kein Mangel an Sauerstoff droht.

Ihr, werter von Laire, seid nicht mehr in der Nähe der Person, die Euch das Leben genommen hat“, flüstert eine Stimme im Kopf des Barons, so laut, als käme sie von einer echten Person. In der Stimme liegt ein Echo, ein langanhaltender Hall, den er nicht genau bestimmen kann. Verwirrt versucht er aufzustehen und sich zu orientieren, doch vergebens, obwohl er mittlerweile braune Farbe erkennen kann, wie im Innenraum eines großen Baumes. Die Wände scheinen nur Rinde zu sein, doch der Raum ist klein und das Licht rührt nur von Kerzen her, die in edlen, schwarzen Haltern in der Wand stecken. Die Form der kleinen Behausung ist ungleichmäßig, einige Ecken sind komplett in der Dunkelheit verhüllt, sodass man sich kaum ein Bild machen kann.

Wer redet dort? Zeigt Euch“, fordert der verzweifelte Baron auf und erhebt sich vom rauen Untergrund.

Ihr habt einen Hochmut, doch Euer Titel spielt nicht länger eine Rolle, mit der Ihr diesen zu rechtfertigen wisst“, zischt die mysteriöse Stimme hervor, woraufhin sich der Greis umso panischer umsieht. Am einen Ende des dunklen, abgeschlossenen Raumes erkennt er die Umrisse eines Tores, welche aus dem selben, rindenähnlichen Material bestehen wie auch die Wände. Direkt auf der anderen Seite befindet sich ein großer, länglicher Schreibtisch in Anthrazit. Darauf liegen meterhohe Berge an Dokumenten in Seiten aus Papyrus, in der Mitte ein Füllfederhalter mit entsprechendem Schriftutensil. Hinter dem Schreibtisch allerdings steht ein prächtiger Sitz aus einem Material, das die Erscheinung von geschmolzenem Holz besitzt. Auf diesem Thron sitzt eine unerkennbare Gestalt, umhüllt in einem straffen, pechschwarzen Mantel mit Kapuze. An den Öffnungen von Gesicht und Händen sind jedoch keine Körperteile zu sehen, sondern es quillt ein dunkelgrauer Dampf hervor, wie ein gasförmiger Schatten. Das Wesen schreibt mit dünnen, langen, spitzen Fingern, die einen tiefschwarzen Ton besitzen und vom Dampf umhüllt werden, genau wie die Schreibfeder.

Willkommen“, ertönt wieder die flüsternde Stimme im Kopf des Barons, der schnell die Erkenntnis fasst, dass sie von dem Schatten stammt, „Ihr habt als einer von wenigen Menschen die Ehre, mich kennenzulernen. Gestatten, der Tod.“

Abrupt beruhigt sich der alte Mann und nimmt einen aufrechten Stand ein: „Tatsächlich, seid Ihr es? Ich kann mich noch bewegen, bin noch in der Lage, zu reden, mir scheint es mehr, dass ich lebendig bin als verstorben.“

Wundert mich nicht, der Herr vor Eurer Ankunft hat ähnliche Reaktionen gezeigt. Ihr seid gestorben, wurdet umgebracht, anschließend seid Ihr ohnmächtig durch diese Pforte hinter Euch gestürzt“, erklärt der Schemen in beibehaltenem Flüsterton, „soweit ist es nicht ungewöhnlich, dass man sich nicht an sein eigenes Ableben erinnert. Man schätzt, dass man es überlebt hat, es fällt schwer, zu realisieren, dass man tot ist.“

Der Herr vor meiner Ankunft? Von wem redet Ihr?“, fragt der Baron skeptisch, woraufhin die Flüsterstimme freudig antwortet: „Oh, dieser Mann ist Euch wohlbekannt, er verstarb vor Euch.“

So ist es“, verkünde ich ausdruckslos und trete aus einem der dunklen Abschnitte des Raumes hervor, „lange Zeit ist vergangen, Baron.“


Verwundert starrt mich meine frühere Nemesis an, als würde er den Glauben an seinen Verstand verlieren. Unsicher fragt er nach: „Ihr? Ihr könnt nicht hier sein, nein, Ihr solltet tot sein, sie sollte Euch umgebracht haben!“

Der Schemen hinter dem Tisch seufzt und erhebt sich von seinem Sitz: „So ist es auch passiert. Mein werter Gast, er ist genauso tot wie Ihr es seid. Den Mann, den Ihr umzubringen beabsichtigt habt, ist verstorben und nun, da Ihr ebenfalls Euer Leben verloren habt, trefft Ihr ihn wieder.“

Das ergibt keinen Sinn. Viele Menschen sterben tagtäglich, wieso bin ich dazu verflucht, ausgerechnet ihn wiederzusehen?“, stößt der alte Greis empört hervor und bewahrt Abstand zu mir. Der Schatten bewegt sich nach vorne, sein schwereloser Körper gleitet direkt durch den Schreibtisch hindurch. Mit seinen Stachelfingern zeigt er repräsentativ auf mich: „Der Grund, weshalb Ihr Euch hier begegnet, ist einfach, weil Ihr von derselben Person ermordet worden seid. Wer umgebracht wird findet sich immer an einem Ort mit genau den Menschen wieder, die ebenfalls Opfer desselben Mannes oder derselben Frau geworden sind.“

Ihr konntet die Schuld nicht begleichen“, unterstelle ich dem Betrüger vor mir, „Euch war klar, dass mein Dienst für Euer Adelshaus unbezahlbar gewesen ist. Ihr wusstet, Euer Rang würde bröckeln, wenn das rauskommt, also batet Ihr mich, die Marionette zu befreien, in dem Wissen, dass sie sich ihrer Selbstjustiz hingibt und mir das Leben nimmt.“

Mein Dorf, ich bin nicht dort, ich muss wieder zurückkehren, ich verschwende hier zu viel Zeit“, schwafelt der Greis in aufkommender Ekstase, doch der Schemen fährt in entspannter Stimmlage fort: „Wie soll ich es Euch erklären? Vorerst, hier gibt es keine Zeit. Während auf der Erde die Sekunden und Minuten im Takt voranschreiten, gibt es hier kein derartiges System, andernfalls wäre es auch nicht möglich, mit den Verstorbenen hinterherzukommen. Binnen etwa einer Minute auf der Euch bekannten Welt sterben ungefähr neun dutzend Menschen, in jeder Sekunde also fast zwei. Dies gilt nur für den Durchschnitt, je nach Katastrophe steigen oder sinken die Verstorbenen. Für einen toten Menschen benötige ich in Eurer Zeit allerdings mehrere Stunden, ich notiere die Zeitpunkte, lese die Biografie, tatsächlich muss in einem Augenblick den Raum Eures Kosmos betreten, um die Seele in diese Zwischenwelt zu tragen, so, wie ich es mit Euch beiden tat.“

Mir waren diese Umstände bereits vorher bekannt, doch ich sehe dem Baron an, wie er Schwierigkeiten damit hat, dies zu verstehen. Mühsam halte ich mich davon ab, ihn wuterfüllt anzufallen, dafür, dass er meinen Tod zur Verantwortung trägt. Es war ein Fehler, ihm zu vertrauen, es war ein Fehler, die Marionette zu befreien. Der Schemen redet weiter: „Ungeachtet dessen habt Ihr jedoch keine Sorge an Euren Pflichten zu tragen. Ihr seid nach wie vor verstorben, werdet nicht mehr in Eure Welt zurückkehren können. Es ist vorbei ab diesem Moment.“

Uneinsichtig dreht sich der Greis um und tritt zum Umriss der Tür, beginnt, auf die Wand einzuschlagen. Kopfschüttelnd nehme ich dem Tod die Erklärung: „Ihr müsst es nicht versuchen, dahinter befindet sich nichts. Selbst wenn, Ihr würdet nicht mehr entkommen können.“

Dankbar nickt mir der Schatten zu und führt das Gespräch dann selbst fort: „Von Laire, ich bitte Euch, Platz zu nehmen.“

Der Boden beginnt zu pulsieren, doch es ist keine Bewegung zu spüren, schwerelose Schatten quellen aus dem Untergrund vor dem Schreibtisch hervor und nehmen die Form von zwei Sesseln an, etwas kleiner als der Sitz des Todes, der wieder zurückgleitet. Ich setze mich ruhig hin und schaue auf den Boden, immerhin befinde ich mich schon mehrere Jahre an diesem Ort. Jahre... Dabei sind zwischen meinem und seinem Tod womöglich nur wenige Stunden vergangen. Immerzu habe ich den Schemen betrachtet, wie er Dokumente schrieb, anschließend durch die Pforte schritt und mit einem ohnmächtigen Körper wiederkehrte. Nie ist jemand aufgewacht, er schrieb weiterhin und nahm ebenjenen Körper wieder mit sich durch die Pforte, doch ich weiß nicht, wo er sie anschließend hinbrachte. Er erklärte mir, dass man den Ort mit Himmel und Hölle vergleichen könnte, nur dass dies nicht in Gut und Böse aufgeteilt sei. Sterben ein grausamer und ein herzensguter Mensch aufgrund desselben Mörders, kommen sie trotzdem an einen eigenen Ort, und deshalb werde ich irgendwann die Ewigkeit mit dem Baron teilen müssen.

Entmutigt setzt er sich neben mich und wir beide schauen erwartungsvoll den Tod an, der armselige Greis traut sich zu fragen: „Weshalb sind wir nun hier?“

Keine Antwort, in seinen Schriften vertieft fährt der Schatten mit dem Schreiben fort und nickt nur verständlich. Sekunden verstreichen, dann Stunden, doch die Zeit, in der wir beide denken, gibt es für den Tod nicht. In seiner Welt lässt er uns nur einen Augenblick warten, mir kommen es mittlerweile sogar wie bloße Momente vor. Doch der Baron wird ungeduldig, sein Kopf läuft rot an, er starrt auf den Schemen mit hasserfülltem Blick. Es ist eindrucksvoll, wie gewissenlos er über mich hinwegsieht.

Ich erinnere mich an die zahlreichen Gespräche, die ich mit dem Wesen geführt habe. Wobei, es ist viel mehr nur eine Konversation gewesen, da die Antworten beizeiten Tage andauerten. Zu meinem Erstaunen stellte ich schnell fest, dass ihm das Reden Freude bereitete, zumal der Schatten selten die Gelegenheit bekommt, sich zu unterhalten. Man könnte meinen Aufenthalt hier als Studium über das Ableben werten, er hat mir alles erdenklich Wissenswerte erklärt. Unsagbar eindrucksvoll ist es, wie gering das Wesen diejenigen Personen schätzt, mit denen es sich in seiner gesamten Existenz auseinandersetzt. Seine Worte schwirren mir seither immer noch im Kopf: „Wisst Ihr, es macht nicht den geringsten Unterschied, wie Ihr Euch im Leben verhalten habt. Ihr könntet ein abscheuliches Verhalten an den Tag gelegt haben wie auch eine ehrenvolle und wohltuende Haltung, es interessiert mich nicht. Das Einzige, was die Menschen wirklich als ganze Rasse gemeinsam hält, ist das Ableben, erst ab dann wird es wichtig. Selbstmörder durch den Sturz kommen in eine Welt für sich wie die Opfer einer bestimmten Krankheit ihren eigenen Ort erhalten. An sich wird es immer nach Todesursache aufgeteilt, abgesehen von ebenjener Ausnahme, wenn ein anderer Mensch für ein Ableben verantwortlich ist. Euch zeichnet dies als gesamte Rasse aus, dies ist klar, doch wird danach unterschieden. Derjenige, der durch die Klinge stirbt, allerdings durch eigene Hand, wird mit jenen zusammengesetzt, die ebenfalls durch die Klinge aus eigener Hand verstarben. Sollte ein anderer Mensch dafür verantwortlich sein, so wird nach der Identität unterschieden.“

Nicht nur solche Erklärungen offenbarte er mir, nein, nachdem ich verstarb auf meinem Gut, erschien es mir, als würde ich klarer denken können, nicht mehr so vernebelt, so visiert auf das Blut von toten Bestien. Die Marionette sah es, sie sah mich an und wusste, dass ich nicht mehr dieselbe Person war.

Baron von Laire“, zischt der Tod seinen Gast direkt an, „wie Ihr garantiert wisst, kamt Ihr aus einem Dorf, welches sich von den üblichen Lebensweisen gelöst hat, im hohen Maße. Wesen wandern auf den Straßen, die vielmehr die Bewohner von Albträumen sind als reale Geschöpfe. Mir steht keine Kritik hinzu, diese werdet Ihr auch keineswegs von mir hören, doch fällt eine Eskapade mit Eurem Schlächter in einen Bereich, der es mir erschwert, eine Zuweisung auszuüben.“

Skeptisch blicke ich vom Schemen zum Baron und umgekehrt, Schweiß überrennt ihn, an diesem Ort ohne Temperatur erdrückt ihn plötzlich eine entsetzliche Hitze. Was hat dieser Mann in seinem Leben getan?

Ihr legtet einen hohen Wert auf die Etikette, nicht? Entschuldigt mich, Gentlemen“, verabschiedet sich das schwarze Wesen und tritt durch die Pforte zurück in die Welt des Lebens. Mich übereilt das Verlangen, den alten Greis auf seine Vergangenheit anzusprechen, doch wird diese nicht mehr länger einen Unterschied für mich machen. Womöglich ist es besser, die Augen in notwendigen Momenten zu verschließen.


Bestien wandern durch diese Welt, so viele, wie man sie nicht zählen kann. Wo werden sie noch auftauchen? Ich weiß es nicht, ich weigere mich, mich damit abzufinden. Jäger sind es, die gebraucht werden, Jäger, die sich nicht vom Tod einschüchtern lassen, Menschen bei klarem Verstand, die die Straßen von jedweden Monstern befreien. Ja. Ich werde der erste Jäger auf dem Pfad sein, der sich nicht in den Albtraum begibt und stattdessen den Traum des Jägers wahr werden lässt.

Ich muss aus dieser Zwischenwelt entfliehen, ich muss Maria wieder begegnen.


V - Der Schneider Bearbeiten


Die Marionette sitzt auf dem Karren und beobachtet stets den sie kutschierenden Mann, obwohl er mit beiden Händen schiebt, misstraut sie ihm. Im Hintergrund vernimmt sie teils ein irres, betontes Gelächter und andererseits leise, wimmernde Laute. Keines dieser Geräusche übertönt hingegen das Knurren hinter jeder Wucherung, das Bellen hinter den nächsten paar Häusern. Hierbei merkt die Marionette erstmals, dass hinter jeder Ecke eine Bestie lauern könnte, die nur auf die Gelegenheit wartet, ein Opfer anzufallen in einer Welt, die nur noch wenige Opfer übrig hält.

Er wird Euch umbringen“, kichert der in Schwarz gehüllte Fahrer des Karren hämisch, „ganz nach der Gerechtigkeit wird er Euch schrecklich bestrafen, dafür, dass Ihr seinen engsten Freund ermordet habt. Dies wird nicht mal das Urteil Eurer Tat sein, nein, dieses folgt noch.“

Mich amüsiert Eure schiere Sicherheit über mein Ableben, ich werde daran zurückdenken, sobald ich Euch enttäuschen muss“, täuscht sie selbstsicher vor, um das zornige Schnauben des Chauffeurs zu hören. Unter dem Fauchen der wahnsinnig gewordenen Tiere und Menschen fragt sie nachdenklich: „Wie viele Jahre verbringt Ihr schon in diesem Elend? Sammelt Leichen? Weicht den Monstern aus?“

Oh, Ihr wollt Konversation führen? Wie aufmerksam, nun denn, lasst mich Euch sagen, dass man aufhört, die Jahre zu zählen. Die Leichen blockieren nur die Wege und sind einfache Hindernisse, niemanden interessiert es, wenn sie in Gruben modern, weil beinahe jeder selbst ein verwesendes Geschöpf ist. Bestien müssen gejagt werden, um zu überleben“, erzählt er, kommt immer noch nicht aus dem zwanghaften Gekicher heraus.

Würde sie Augenbrauen haben, würde sie diese hochziehen, gibt jedoch nur einen trockenen Kommentar von sich: „Ihr seid ein Jäger?“ - Es fällt ihr schwer, zu glauben, dass dieses kümmerliche Wesen direkt vor ihr ein Jäger sein soll. Der Charakter ist zu fremd, in seinem Verstand hat sich vor langer Zeit bereits der Wahnsinn eingenistet. Unsicher seufzt sie und denkt an denjenigen Mann, der sie erst erschaffen hat. Ob es ein Fehler gewesen ist, ihn umzubringen, obwohl er einen Fehler begangen hat, viele Jahre zuvor. Jäger, wird ihr klar, sind keine bösen Menschen, sie sind entweder edle Krieger inmitten von Monstern oder verlorene Seelen in ewigen Nächten, in einem einzigen Albtraum.

Gewiss bin ich einer, zumindest, solange ich im Dienst der Heilenden Kirche stand. Hehe, dieser Orden, ich stand in ihren Reihen und streifte durch die Straßen, und nun bin ich der einzige Mann, der übrig geblieben ist. Die anderen sind... weg“, sein Reden wird zunehmend zum Grölen, die von ihm kommenden Worte werden unverständlich. In ihrer Befürchtung kommt der Marionette die Vorstellung auf, dass der Jäger in Schwarz sämtliche Anhänger der Kirche im Wahnsinn niedergestochen und gemetzelt hat, nahe an der Versuchung, ihn darauf anzusprechen. Stattdessen entgegnet sie mit einem ihr bislang nicht klaren Wunsch: „Sucht Ihr das Heil in der erwachten Welt?“

Wie kommt es, dass Ihr mir so eine Frage stellt?“ - Der Fahrer scheint verblüfft, doch nicht beeindruckt zu sein.

Ist es nicht der Wunsch eines Jägers?“, fragt sie neugierig nach, obwohl sie die Antwort schon zu kennen meint: „Nur, solange man nicht akzeptiert und realisiert hat, dass die Bestien nicht aufzuhalten sind.“

Ist dies alleine der Grund für einen solchen Zorn und Wahnsinn, dass man ohne zu zögern jeden umbringt, obwohl man ihn einst geliebt hat?“

Nein. Dies kommt erst mit der Erkenntnis, dass sich diese Welt gar nicht so sehr von der Heilen unterscheidet. Etiketten bedeuten nur nichts mehr und jeder lässt seiner inneren Bestie freien Lauf, man nimmt sie als seinen Körper an. Der Charakter des Menschen nach der Metamorphose hingegen ist exakt derselbe, mit der einzigen Ausnahme, dass er frei ist.“

Die Marionette schaut auf das überragende Gebäude hinter dem Hut des Fahrers, die Umzäunung ist überwuchert und er krächzt schlussendlich hervor: „Hier ist sie. Die Manufaktur, der Webstuhl des Schneiders.“


Fackeln hängen rechts und links des Eingangs zur Manufaktur, die pompöse, doch edle Steintür ist geschlossen. Auf dem verwahrlosten Weg direkt vor ihr sieht sie zahlreiche aus dem Boden hervorstechende, schwarze Dornen, so groß wie Lanzen, doch eindringlicher sind die zahllosen Spinnen, die sie aufgespießt hatten. Zweifelhaft starrt die Marionette darauf und fragt sich, wie sich der Mann entwickelt hat, vor dem sie Jahre zuvor so viel Angst hatte. Der Baron, erinnert sie sich, sprach von ihm in vertrauten Tönen, sie müsse selbst herausfinden, wer er heute ist.

Ein lärmendes, hallendes Knarren erklingt, als sie gerade den Griff der Tür ergreifen will, sie öffnet sich von alleine, wenn sich die massive Pforte auch nur langsam öffnet. Von leichter Schüchternheit beeinflusst greift die Marionette zu einer der Fackeln und betritt mit dieser fest im Griff das angestrebte Gebäude.

Die Marionette schleicht vorsichtig durch die gigantischen Hallen der Manufaktur, sieht links und rechts von sich hölzerne Apparate, welche ihr völlig fremd vorkommen, überzogen von übergroßen Spinnweben und Staub. Beinahe nimmt ihr die Dunkelheit jedwede Sicht, wohingegen einige, wenn auch schwache Lichter zwischen den Zahnrädern hindurchschimmern und ihre Fackel ein wenig Sicht zu spenden vermag. Vielmehr kann sie hingegen Geräusche hören. Ein Klacken, gefolgt von einem seidenen Ziehen.

Ich weiß, dass Du hier bist, mein Täubchen“, grölt eine stimmlose Tonlage hervor, die einen Schauder über den Rücken der Marionette jagt. Obgleich sie gar nicht ähnlich klingen, ist sie sich genau bewusst, dass es der Schneider ist, der sie anspricht, „mein schönes, wunderschönes Kleid, Du hast es ruiniert. Möchtest Du nicht den Anstand besitzen, dich bei mir zu entschuldigen? Der Baron hatte Recht, Du musst mal wieder auf vernünftige Manieren hingewiesen werden.“

Ein kräftiges Rascheln kommt aus der Richtung der Lichter, bewegungslos verharrt die Puppe an Ort und Stelle, im Drang, auf seine Worte einzugehen. Bevor sie jedoch diese Fähigkeit erlangt, spricht das mysteriöse Wesen weiter: „Komm nur heraus, Du weißt, wo ich mich aufhalte. Wenn Du hingegen stehenbleiben möchtest, können wir auch spielen, mir wäre es ein unsagbares Vergnügen, eine eigene, kleine Jagd zu veranstalten. Wie ungerecht es hingegen wäre, nicht? Ich wüsste stets, wo Dein Aufenthalt ist, und Du hast nur Angst. He... Hehe...“

Den Mut am Würgegriff gefasst tritt die Marionette einige weitere Schritte in die Richtung, von der aus sie gerufen wurde, von der Decke erblickt sie monumentale Stofffetzen, die an dicken Seilen hängen, in verschiedenen Farben, Hellblau, Jade, Silber. Was ist es, fragt sie sich, und erkennt beim näheren Hinsehen, dass es Kleider sind, meterlange, festliche Kleidungsstücke, breit geschnitten, mit allerlei Rüschen und Verzierungen ausgestattet.

Sag, bist Du stolz auf meine Arbeit? Ich habe lange an manchen Exemplaren gesessen, ich muss doch zugeben, stolz auf sie zu sein. Zum passenden Anlass, versteht sich, werde ich sie dem adeligen Volk verkaufen, sie haben sich einen glamourösen Abend verdient. Sei jedoch nicht traurig, ich habe Dich natürlich nicht vergessen, nein, Dein neues Kleid wartet seit vielen dutzend Jahren auf die Abholung.“

Die Lichtquelle leuchtet zunehmend stärker, nun erhascht die Marionette einen Blick auf das Wesen, welches mit ihr spricht. Zumindest ahnt sie dies, bis sich vor ihr eine Gestalt offenbart, die ihrer bisherigen Vorstellung zuwider ist – Nicht nur das Dorf hat sich in all den Jahren verändert.

In mehreren Metern Entfernung erkennt sie eine Gestalt von der Größe, als würde der Schlächter direkt vor ihr stehen. Auf einem lächerlich kleinen Stuhl hockt sie im Schneidersitz, die Beine bereits verkümmert, während sich ein schiefer Rücken meterhoch erstreckt. Aus dem Rücken der Kreatur ragen sie hervor – unzählige, gespenstig dünne Arme, die sich allesamt an verschiedensten Werkzeugen und Stoffen zu schaffen machen. Wie eine Spinne bewegen sich die Gliedmaßen, an den Handgelenken ragen schwarze Stacheln hervor, die das Wesen jedoch mehr behindern als unterstützen, mit den hängenden Händen arbeitet es zeitgleich konzentriert an vielen Projekten. Von verschiedener Dicke und Länge sind die Finger entstellt, krumm, doch nicht so krumm wie der Buckel auf dem gigantischen Rücken. Dieses Wesen ist nicht mehr der hassenswerte Schneider aus ihrer Vergangenheit, es ist eine Bestie geworden. Gekleidet ist sie hingegen edel, in einem vornehmen Wams, ein tiefer Braunton, hervorstechend wie die Baumrinde im Herbstsommer.

Schlürfend und kichernd keckert der Schneider in zunehmend leiser Stimme: „Ist Dir geläufig, dass die Konsistenz von den Netzen der Spinnen, obgleich sie wegen ihrer klebrigen Eigenschaft, in der richtigen Menge fester und effektiver wirkt als ein Faden? Die Kleider, meine kleinen Kunstwerke, die dort von der Decke hängen, ich habe sie mithilfe von Spinnweben hergestellt. Damals, ja, da bin ich noch ein Mensch gewesen, doch konnte ich alleine nicht mehr den Bedarf an Kleidung erfüllen. Feinste Handarbeit, dies war die Nachfrage, und je länger ich in den Stoffen versank desto stärker veränderten sie sich. Doppelte Größe, dreifache Größe. Ich muss zugeben, ich rang mit mir ob meines Verstandes, ich zweifelte an meinen Fähigkeiten, ich fürchtete es nicht mehr zu schaffen, doch eines Tages kam der Baron zu mir und bat mir an, mich zu retten. Wortlos reichte er mir etwas in einem Stück Serviette, „schluckt dies, Freund“, empfahlt er mir, „das Blut der Angst wird Euch helfen.“ Weißt Du, liebes Mädchen, das hat es auch. In winzigen Tabletten nahm ich sie Tag für Tag ein und nun sieh Dir an, was für ein prunkvolles, anmutiges Geschöpf aus mir geworden ist. Dank der Gabe der Großartigen, oh Amygdala, wurde ich zu einem höheren Wesen.“

Abrupt fährt die monumentale Monstrosität herum, seine Hände lassen alles stehen und liegen, sodass die Utensilien im lauten Poltern zu Boden fallen. Mit heftigen Stößen bohrt es seine Stacheln in die Wände, um blitzschnell über die Oberflächen zu hetzen. So schnell kann die Marionette ihren Kopf nicht bewegen, schon hockt es direkt vor ihr, alleine der Kopf besitzt die Maße ihres eigenen Körpers. Vor Schreck lässt die Marionette ihre Fackel fallen und traut sich nicht, das Feuer wieder aufzuheben.

Du hast dich nicht verändert“, kichert es hämisch, und schockiert mustert die Puppe die Gliedmaßen am Gesicht, die schlaffe, ungleichmäßige Kopfhaut, die verwachsenen, geschwärzten Augen. Am meisten stoßen ihr jedoch die Hauer ins Auge, die sich an den Mundwinkeln gebildet haben und den Kiefer auseinanderdrücken. Weiße, kurze Haare überziehen die gesamte Haut, selbst über Arme und Finger, ebenso über die Beine, die hilflos und untätig in der Luft hängen, während sich das Wesen auf den Armen aufrecht hält.

Lass mich Deine Gedanken erraten“, fragt der Schneider spielerisch, während er mit einem seiner schlaffen Finger über die Haarpracht der Marionette fährt, „wie damals. Sehnlichst hoffst Du auf das Öffnen der Tür, wodurch ein Mann oder eine Frau tritt, ja. Diejenigen, die sich Jäger nennen, nicht wahr? Ich muss Dich enttäuschen, gute Freundin, sie haben diesen Ort schon lange verlassen, zu viele von ihnen wurden wahnsinnig, zu wenige konnten lebend entfliehen. In ihrer Hilflosigkeit suchten sie die ewige Nacht, in denen die Jagd noch nicht begonnen hat, versuchen stets, den Albtraum zu verhindern. Wo sie wohl geblieben sein mögen? Fernab, in unsichtbaren Dörfern?“

Die Marionette schweigt, die Angst ist ihr bereits entflohen, stattdessen mustert sie nur voller Verachtung die Kreatur, die nicht zu reden aufhören will.

Hehe, nun, ich müsste lügen, wenn ich diese Eitelkeit nicht vermisst hätte“, ächzt die Kreatur mühselig hervor, während sie in sich selbst zusammenzuklappen scheint, als würde etwas im Körper rumoren, „wie sehr sie mir gefehlt hat! Meine Liebste!“

Mit langsamen Atemzügen versucht die Marionette die Ruhe zu bewahren, einige Schritte wagt sie zurück, während sie vor sich den Schneider betrachtet, der mit vier seiner schmächtigen Gliedmaßen an seinen Kopf greift, dessen Haut pulsierend blubbert. Schmerzhafte Laute kreischt die Bestie hervor sowie eine furchtsame Panik die Marionette am Leibe packt. Sie hat bereits den Schlächter gesehen, die Überreste des Barons, und immer mehr gelangt in ihr Gewissen, dass sich eine Katastrophe in den Köpfen dieses Dorfes ereignet hat.

Die Kopfhaut spaltet sich auf und Augen quellen wie Geschwüre hervor, Speichel trieft zwischen den schwarzen Zähnen des Schneiders hindurch: „Mein eigenes Spielzeug, wo willst Du dich denn nun verstecken? Komm her! Lass uns ein Vergnügen erleben, wie früher auch!“

Keine Sekunde, nachdem er dies gesagt hat, prescht das Wesen auf sein Objekt der Begierde los, mit seinen zu Krallen geformten Händen ausholend. In einer Hechtrolle springt sie zur Seite, weicht aus, hört nur noch, wie die Bestie hinter ihr gegen die Wand stürmt und etliche Gegenstände auf dem Boden zerbrechen.

Du hast ihn gefunden nicht wahr? Von Laire?“, gurgelt es heraus, verschluckt sich dabei beinahe an seiner eigenen Stimme. Wachsam greift die Marionette wieder zur Fackel am Boden und rast samt dieser los, zwischen Stoffen und Holzkonstruktionen hindurch quer durch den gesamten Raum. In schallendem Gelächter nimmt das Wesen die Verfolgung auf: „Nicht rennen! Wir sind auf einer Seite, oh ja, er hat die Exekution verdient! So war es doch, nicht? Du hast ihn getötet, diesen Greis, er hatte es schon vermutet!“

Jede Sekunde der beunruhigenden Stille führt dazu, dass das hölzerne Mädchen aus der Fassung gerät, die Kreatur sieht garantiert die Flamme der Fackel, er weiß genau Bescheid, wo sie sich befindet.

Du erzürnst die Bestie noch, wenn Du damit fortfährst, mein Kind, verhindere, dass dies passiert und schmälere jenen Zorn. Unnatürliches Weib, mehr bist Du nicht! Niemals solltest Du existieren“, flucht der Schneider gehässig, gefolgt von schluckenden und glitschigen Lauten, wodurch ihr ein kalter Schauder über den Rücken fährt. Angewidert nähert sie sich der Tür, weicht den Netzen aus Spinnweben und Stoff aus, möchte nur noch schnellstmöglich aus dieser Hölle entfliehen.

Nur ein lautstarkes Knacken, wie der Bruch eines Bullenknochen. Ganz kirre windet sie sich aus den kitzelnden Stichen in ihrem Gespür heraus, bis sie auf einmal etwas am Fuß packt und gewalttätig zu Boden reißt. In dieser Sekunde fährt etwas durch den gesamten Körper der Marionette, ein Gefühl, welches sie schon mal erlebt hatte, doch war es viele, unzählige Jahre her. Zitternd spürt sie die Berührungen zwischen ihren Beinen, erblickt die lachenden, lustvollen Gesichter dutzender, fremder Männer vor sich. Ihr Fuß verkrampft und versucht sich verzweifelt loszureißen.

Ich habe Dich“, stöhnt der Schneider hervor, doch kommt die Stimme von zu weiter Entfernung. In den Resten ihrer Vernunft schaut die Holzpuppe zu ihrem Unterkörper, beleuchtet mit dem Feuer ihre Beine. Klebrige, dunkelgraue Fäden haften an ihrem Knöchel, wie die Weben von den Wänden. Ohne weiter nachzudenken lässt sie ihren Kopf nach hinten fallen, in der Hoffnung, dass das Wesen auf ihre Finte reinfällt.

Ihr hölzerner Körper wird über den Boden gezogen, das dreckige Kleid von Rissen übersät. Irre kichernd gelangt die bedrohliche Stimme immer näher an sie, schleicht sich wie ein Parasit in ihr Gehör.

Sie hält die Fackel immer noch in der Hand, die lautstark über den Boden schleift, das Schlürfen des Schneiders wird immer besser hörbar, bis sie seinen triefenden Speichel auf ihrem Gesicht spürt. Gelartig schwappt die Dickflüssigkeit an ihrer Wange herunter, noch hält sie hingegen still. Unzählige Berührungen von seinen Fingern ergreifen ihre Brust und ihre Beine, zitternd lässt sie es immer mehr zu, bis sich die monumentale Bestie ganz ihres Körpers annehmen will.

In einem Streich reißt die Marionette ihre Hand herum und stößt die Flamme mitten in die Spinnweben des Monsters, die Glut verbreitet sich rasend schnell, sodass die Puppe mit Leichtigkeit ihren Fuß aus der Fessel befreien kann. Grunzend schreckt der Schneider hoch, vorerst verwirrt, betrachtet das aufblitzende Licht unter sich. Während die Aufmerksamkeit von ihr abgelenkt ist, sprintet sie hinfort, das Feuer frisst sich bis zum Körper der Bestie hervor und die Flammen ergreifen sämtliche Arbeiten des leidenschaftlichen Webers. Nun ist es das Monstrum selbst, welches von der Panik als Opfer auserkoren wird. Ohne sich auf die Marionette zu konzentrieren richtet der Schneider seine Blicke auf seine eigenen Kinder, auf all die von ihm genähten Textilien, die im leuchtenden Rot untergehen.

Nein“, brüllt er heraus, fährt mit den Armen durch den gesamten Raum, um die Kleider von der Decke zu reißen. Nicht lange lassen die Schreie des Schmerzes auf sich warten, die Glut ergreift auch die Bestie selbst. Vorerst kann er sie nicht spüren, es schmort nur, blind vor dem Kummer über den Verlust seines Lebenswerkes, dann entfacht die Flamme auf seiner verschwitzten Kleidung, sinkt bis unter die Haut hinab.


Gemächlich spaziert die Marionette aus dem brennenden Gebäude und erkennt schon vom Weiten, dass sich der Fahrer die Hand vor die Augen hat, um das strahlende Licht abzudecken. Sie gesellt sich zu ihm, hört die Furcht aus seinem Atem heraus, während immer noch das schreiende Echo des Schneiders die Luft erfüllt, das Holzgerüst genießt die schmerzvollen Laute wie Musik.

Ja, er wird mich umbringen, Ihr hattet Recht“, zischt die Marionette sarkastisch wie stimmlos hervor. Unter den verschwitzten Kleidern regt sich der alte Mann, fragt entmutigt nach: „Der Baron, der Schneider. Wie fühlt es sich an, meine Gute? Was ist Euer Empfinden, jetzt, wo Ihr an diesen beiden Peinigern Eure Vergeltung vollzogen habt?“

Ich fühle nichts“, erklärt sie demütig, „wie denn auch? Ich dachte, es würde sich etwas tun, dass ich eine Art rechtschaffende Freude empfinden würde, sobald ich ihre Leichen vor mir auf dem Boden liegen sehe. Aber jetzt, jetzt höre ich nur entsetzliches Wimmern, Flehen und nichts könnte mich weniger interessieren. Mich lässt es kalt, mehr als diese Furcht und Angst um mich selbst, sobald eine Bestie sich vor mir aufbaut, gibt es nicht. Vielleicht ist das mein Schicksal? Wofür wurde ich gebaut?“ - Erst im Nachhinein fällt dem Mädchen auf, dass sie sich gegenüber dem Fahrer geöffnet hat. Herablassend beobachtet sie ihn, während die Angst von ihrem Körper in den seinen übergeht.

Möglicherweise“, stottert er skeptisch hervor, „also, möglicherweise würde es Euch belieben, das Volk anzutreffen? Eine Bürgerversammlung wird mit jedem vollem Mond einberufen, hinzu kommt die Verkostung eines großen Festmahls, zu Ehren der überstandenen Zeit. Die reichen Personen des Dorfes, Ihr kennt sie, sie waren mitunter der Gruppe, die mit Von Laire...“

Abrupt würgt die Marionette sein Wort ab und befiehlt dem Fahrer, sie zu dem angesprochenen Ort hinzufahren. Sie bemüht sich, das hämische Kichern seinerseits zu ignorieren, doch interessiert es sie nicht, denn es gibt kein „schlimmstenfalls“, von dem sie sich einschüchtern lassen könnte.

Ihr führt mich zu diesen Personen, ich werde Euch nicht darum bitten“, weist sie ihn bevormundend auf die Umstände hin, wohingegen er nur abfällig vor ihre Füße spuckt: „Keine Sorge, Mylady, der Schlächter wird sich gewiss auf ein Wiedersehen freuen, sobald er das Festmahl persönlich hereinträgt und Ihr seinen liebsten Gästen den Hunger vertrieben habt.“

Sie lacht: „Am Ende werdet Ihr wieder derjenige sein, dessen Gesicht durch seine Hand entstellt wird.“ - Sogar der Fahrer kann sich das amüsierte Grinsen nicht verkneifen, zwischen den beiden entsteht kurzzeitig ein Verständnis, und plötzlich bekommt die Marionette das Gefühl, dass sie in den Abgrund des Dorfes und ihrer selbst sehen wird, sobald sich das gesamte Volk vor ihr aufbaut.

Gehen wir“, flüstert der Jäger neben ihr vertraulich, „die Zeiten sind zu gefährlich, um sie auf den Straßen zu verbringen, und ich möchte Euer Gesicht noch sehen, wenn sie Euch erwischen.“


VI - Das Volk Bearbeiten


Die beiden Reisenden kommen am größten Gebäude des Dorfes an, sie passieren einen Hof mit einem Springbrunnen, in dem kein Wasser mehr fließt und einigen Leichen, die verstreut auf dem Platz liegen. Unter seinem Gewand zückt der Fahrer eine Axt hervor, die er fest in einer Hand hält und mit der anderen entnimmt er eine erloschene Fackel von einem Leichnam. Gezielt angelt er eine Öllampe von der Wand des Rathauses und entzündet daran die Flamme.

Ihr wollt doch nicht wirklich durch diesen Eingang gehen?“, fragt der Fahrer lachend, als die Marionette zur Tür greifen möchte, „Ihr werdet dem Schlächter direkt in die Arme laufen. Mir soll es recht sein, vorher hingegen möchte ich Euch noch etwas zeigen, es könnte Euch interessieren.“ - Gemächlich spaziert er zur Seite und um das Gebäude herum, die Marionette folgt ihm auf Abstand.

Zusammen gingen die beiden Nachtwandler durch die von Termiten zerfressene Luke zu dem Keller des pompösen Rathauses. Der alte Jäger trägt eine Fackel mit sich, die nur leicht den Weg zur Schau stellt, jedoch kaum Sicht gewährt. Die einzige Musik in der Umgebung kommt von dem erschöpften Stöhnen hinter der Holztür vor ihnen, weder Furcht noch Grausamkeit können sie vorbereiten, die Marionette ist zu abgestumpft und sieht im grimmigen Blick ihres Begleiters, dass er schon eine Menge gesehen hatte. Seine Axt fest im Griff tritt er die Tür auf und stürmt hinein, das Mädchen hinter ihm herlaufend, und die beiden sehen sich im Raum um.

Gefängniszellen, alle in gleichmäßiger Größe, der Boden übersät mit Matsch und Fäkalien und das kraftlose Stöhnen laut im Raum hallend. Nur langsam wagt sie es, sich umzusehen, doch kann sie nicht fassen, woher das Stöhnen rührt.

In jeder Zelle, die kaum Platz für ein Bett bietet, befinden sich mindestens fünf fettleibige, nackte Menschen, die sich kaum bewegen können und dessen Beine unter dem Gewicht verkrüppelt und gebrochen sind. Die hängenden Gesichter öffnen ihre Münder wie Fische. Sogar dem Jäger bleibt das Kichern verwehrt, sogar das selbstgefällige Grinsen entschwindet seinem Gesicht.

Von diesem Ort hörte ich, doch bin ich erstmals hier. Interessant, wie sie sich rekeln, die Festmähler des Volkes“, lästert er eitel und beobachtet sämtliche Männer und Frauen wie Kinder, die mit ihren hunderten von Kilos auf der Stelle festgewachsen sind, in ihren eigenen Resten.

Gequält halten die Gefangenen ihre Arme auf die Besucher, versuchen, lauter zu sein, doch versagt die Stimme schnell. Eines der Lebewesen, unklar ob männlich oder weiblich, hält einen eisernen Blick auf den Jäger, beinahe boshaft.

Hallo, könnt Ihr mich verstehen?“, fragt die Marionette skeptisch nach, doch erhält sie vorerst keine Antwort. Der Jäger schnaubt: „Natürlich nicht. Sie verbringen ihr gesamtes Leben her, ich habe von ihnen gelesen. Der Schlächter hat bereits einiges über sein Prozedere mit ihnen berichtet, ich weiß nicht mehr, wer seine Kunden verschriftlicht hat, doch seid gewiss, Ihr könnt Euch die Grausamkeiten hier nicht vorstellen. Sie werden gezüchtet, um am Ende auf dem Teller zu landen. Dies muss man sich mal vor Augen halten – Euch schockiert es jetzt vielleicht, vermutlich würde jeder Mensch bei Verstand sich hier an Ort und Stelle übergeben, dabei haben wir uns Jahrzehnte nur von Masttieren ernährt. Hätten sich die Verhältnisse nicht verändert, würden wir dies immer noch tun. Wo ist dies anders?“

Der Beobachter grummelt, klappt seine dreifache Kinnlade nach unten, um einen einheitlichen Ton von sich zu geben. Kaum ein Stöhnen oder Ächzen, nicht mal ein richtiger Laut. Trübselig nähert sich die Marionette der Zelle und öffnet die Tür, sie ist nicht einmal abgeschlossen, denn niemand besitzt die Fähigkeit, zu laufen. Auf einmal schafft es das Wesen, zu reden, und wiederholt immer wieder dasselbe: „Ich bin die Schlachtsau! Ich bin die Schlachtsau!“

Sie sind kaum anders als das Volk, nur, dass sie nicht reden können und gefressen werden, anstatt selbst zu essen. So, wie es uns die gute Natur gelehrt hat. Widerwärtig“, flucht der Begleiter der Marionette und schlägt einmal mit seiner Axt zu, schlitzt die Brust des gequälten Masttieres auf. Gegenseitig starren sie sich an, der Mörder und der Erlöste, und obwohl er keiner richtigen Sprache mächtig war, sieht das Holzgerüst eine Bewunderung in seinen Augen. Dankbarkeit. Mit befreiendem, ächzendem Laut scheidet das Geschöpf aus dem Leben, daraufhin ertönt hingegen ein befremdliches Zirpen, gefolgt von Nagen.

Der Körper des gemästeten Menschen platzt auf und aus ihm kriecht in rasanter Geschwindigkeit ein Insekt in der Größe eines Hundes, spinnenartig, schwarz-gelb gestreift mit kleinen Flügeln auf dem Rücken. Die Hauer sind schief, die Beine fett und kurz.

Unauffälliges Kopfschütteln. Es braucht einen Augenblick zu lange, um sich zu ordnen und das Insekt zu erkennen, schon öffnet es seinen Schlund und ein egelartiger Arm packt den Fahrer direkt am Bauch. Erschrocken fährt er mit seiner Axt herum, um diesen abzutrennen, dann hingegen krümmt sich sein gesamter Körper zusammen und ein tiefes Schluckgeräusch ist zu hören, gefolgt von einer Menge schwarzem Blut und Maden, die an der Bissstelle hinaustritt. Das Insekt lässt vom Jäger ab, der brüllend am Griff seiner Axt zieht, sodass diese nun mit einem Klickgeräusch die doppelte Länge umfasst. Kaum ausgeklappt tretet er einmal nach vorne und schwingt diese mit aller Wucht über seinen Kopf, zertrennt das übergroße Insekt sauber durch den ganzen Körper. Es regt sich zwei Sekunden und kommt zum Stillstand, der Fahrer hingegen fällt nach hinten und lässt seine Axt fallen.

Hastig hockt sich die Marionette direkt neben ihn und flüstert: „Nein...“ - Sie überrascht es selbst, dass sie so schockiert darüber ist, dass eine Person stirbt, die sie vorerst verabscheut hat.

Ruhig und mit dem vertrauten Kichern zischt er seine letzten Worte: „Wo kommen die gefallenen Jäger hin? Die Abtrünnigen? Es gibt keine Kirche, die den Wahnsinn heilen kann.“ - Sie deutet ein Kopfschütteln an, doch plötzlich packt der halbtote Mann sie direkt am Hals und beginnt mit dem Lachen, welches er die ganze Zeit über zu unterdrücken schien. - „Wahnsinnig!? Wer wird denn hier wahnsinnig, meint Ihr? Wir sind ein freies Volk, brauchen keine Heilenden! Lasst uns in Frieden!“

Entsetzt reißt sie sich los und betrachtet den zuckenden Fahrer am Boden. Speerspitzen ragen aus seinen Wangen hervor.

Nennt mir Euren Namen“, befiehlt sie ihm zuletzt, „wie heißt Ihr?“

Stille erfüllt kurzzeitig ihre Ohren und fassungslos erkennt sie, dass der Jäger verstorben ist. Könnte er noch sprechen, so vermutet sie, dass er nur kundgeben würde, wie sehr er es bedauert, dass er sie nicht sterben sehen kann.

Stampfend poltert etwas herunter, die Marionette hält inne und versteckt sich sofort in einer Zelle, direkt zwischen den Speck der vermeintlichen Lebewesen. Nur schwer kann sie etwas erkennen in Richtung des Lärmes, doch beleuchten Öllaternen die Treppe nach oben, wo ein vertrautes Wesen die knarrenden Stufen hinabsteigt. Schwarze Pestbeulen. Zugeschweißter Mundraum. Triefende Augenbinde. Gewetztes Beil in der Hand.

Das Monstrum lässt die Marionette erstarren, es hält direkt vor dem Leichnam ihres Begleiters, mustert ihn scheinbar, ohne etwas sehen zu können. Abfällig hackt der Schlächter das Beil in sein eigenes Bein, um sich aus dem Arm ein Messer zu ziehen, es tritt kaum noch Blut aus den unzähligen offenen Wunden, sodass es unbeeindruckt den Jäger beim Kragen packt und hochhält. Nickend dreht es ihn einige Male um die Achse, um schließlich mit dem Messer direkt in das Schlüsselbein zu stechen - „Frischfleisch!“

Angewidert und trauernd wendet die Marionette ihren Blick beiseite, kann nur hören und vermuten, welche Untaten der Schlächter am Leichnam verübt. Er schlitzt ihn in der Mitte auf, entnimmt ihm sämtliche Eingeweide.

Beilagen“, grummelt der entehrende Metzger und lässt die Überreste auf den Boden fallen, um schließlich wieder die Treppe hinaufzusteigen, die Puppe hört nur, wie es etwas hinter sich herschleift, traut sich nicht, hinzusehen. So wenig sie es wahrhaben möchte, weiß sie, dass sie der Monstrosität folgen muss, und ebenso, dass sie dort, wo es hingeht, das versammelte Volk antreffen wird. Dass sich dieses hingegen von den Kreaturen in dieser Mast unterscheidet möchte sie nicht glauben.


Ihr wird unwohl bei dem Gedanken, dass sie sich dem kaltblütigen Schlächter erneut nähert, wo sie es doch erfolgreich schaffte, sich von ebendiesem zu entfernen. Entschlossen nimmt sie sich die Jägeraxt ihres Begleiters, schaut betrübt auf die Waffe in ihrer Hand, in der Hoffnung, sie nicht benutzen zu müssen. Sie schreitet durch den Flur des Rathauses und hört nur feierndes Gelächter sowie heftige Kau- und Schmatzgeräusche.

Heftige Schläge hallen durch das Rathaus, doch kommt es der Marionette so vor, als würden sie aus einer Stelle in ihrer Brust kommen, wo sich eigentlich das menschliche Herz befinden sollte.

Habt ihr das gehört?“, ruft eine Frau in euphorischer Ekstase, einstimmig lachen die anderen Stimmen mit. Ein Mann ergreift schließlich die Gelegenheit: „Sie ist hier. Kommt raus, Püppchen, lasst uns das Wiedersehen feiern!“ - Jede düstere Vorahnung zieht die Marionette wieder zurück, jeder Instinkt möchte ihr verraten, dass sie keinesfalls weitergehen darf. Und Hass. Diese männliche Stimme, sie ist ihr nur allzu gut bekannt, der Kontrollwahn strömt aus ihr hervor, die unerfüllte Begierde von Dutzenden Jahren.

Kommt schon!“, brüllt ein weiterer Besessener.

Wir warten auf dich schon sehr lange“, stimmt noch jemand zu.

Habt Ihr auch ein neues Kleid an, welches man Euch entnehmen kann?“

Wutentbrannt prescht sie nach vorne, direkt in den prachtvollen Speisesaal des Rathauses, wo sie alle versammelt waren. Ein kreisförmiger Tisch, der in der Mitte aufgestellt ist, mit zahlreichen, menschlichen Delikatessen gedeckt, stellt das Zentrum dar. Drumherum sitzen dreißig, vierzig Fleischhaufen, anders sind sie nicht zu bezeichnen, die gefräßig das Besteck auf den Boden schleudern und die Portionen auf den Tabletts vor ihnen in sich hineinstopfen. Sie sind kaum anders als ihre eigene Nahrung, der Jäger hat Recht behalten. Allesamt sind sie eingekleidet in prunkvolle Wämser, in verschiedenen Farben, doch völlig verdreckt von dem Blut ihres rohen Essens. Sie nehmen immer zu, man kann an der Kleidung des Öfteren erkennen, wie ein weiteres Stück Stoff angenäht worden ist, mit vertrocknetem Blut an manchen Stellen, sodass man merkt, dass es nur das alte Kleidungsstück war, welches erweitert wurde. Auch an der Haut, an Armen und Gesicht sind Drähte zu erkennen, sodass das Volk mehr essen kann, wenn es ihm beliebt. Obwohl es keine Überraschung für sie ist, wird sie dennoch vom Anblick dessen ergriffen, was aus den Menschen dieses Dorfes geworden ist.

Knurrend wetzt der Schlächter sein monströses Beil, wird daraufhin jedoch von einer glatzköpfigen Frau ermahnt: „Kleiner, zurück, dieser Besuch ist für uns gedacht!“

Eine Hand packt die Puppe am Arm, zerrt sie zu sich, woraufhin ein sabberndes Ungetüm nur lechzt: „Kommt unter den Tisch, verwöhnt uns doch ein bisschen! Legt Hand an, um den Willen der Vergangenheit!“

Zornig fährt die Marionette herum, spürt erneut dieses Kitzeln an den morschen Beinen, hört die Sätze in derselben Ausdrucksweise wie damals auch. Das Grinsen, die Zunge über ihren Lippen. Sie holt mit der Axt aus und hackt direkt auf das Handgelenk, welches zuckend zu Boden fällt, der Mann beginnt entsetzt zu schreien und zu fluchen, während das Mädchen ebenfalls hysterisch zusammensinkt.

Hört auf“, flüstert sie wimmernd, „lasst mich in Ruhe. Bitte.“

Strömend fließt immer mehr Blut aus der Wunde, entsetzt brüllt der Mann: „Dieses elende Weib hat mir die Hand abgehackt!“

Einer Dame musst du mit Anstand entgegentreten, würdevoll vor einem sinnlichen Akt“, hechelt ein anderer Herr in aller Ruhe, betrachtet die Kurven der Marionette hingegen mit zuckenden Lippen, „bitte um Vergebung, Mylady.“

An Euer Gesicht vermag ich mich nicht zu erinnern“, zischt das Mädchen, deren Bein immer noch von Blut bespritzt wird, vor ihr blitzen hingegen keine Bilder der Vergangenheit auf, als er redet. Eitel lachend stimmt der übergewichtige Mann zu, der einen gewissen Grad an Empathie zur Schau gibt: „Dies möchte daran liegen, dass ich nicht in die Gräueltaten meiner Mitmenschen hier involviert war.“

Das Gesicht des Mannes regt sich kaum, es hängt nur schlaff herab, nicht mal in der Lage, den Mund zu schließen. Seine schwarzen, verkümmerten Zähne ragen heraus, die Augen sind hinter den Lidern nicht zu erkennen. Mit lautem Klacken klappt die Marionette die Axt aus, und hält sie an den Nacken der Person, die mittlerweile bleich vom Blutverlust geworden ist.

In jedem Fall wird dies unsere letzte Mahlzeit werden“, weist der Fremde das rachsüchtige Mädchen hin, „vermutlich wird es Euch nicht abhalten, und dies ist verständlich. Seit mir die anderen Anwesenden hier von Eurer Erfahrung berichtet haben, wusste ich stets, dass Ihr Eure Vergeltung verdient habt.“ - Fragwürdig mustert die Marionette ihn, lässt die Axt noch unbewegt: „Weshalb sagt Ihr mir das?“

Welch banale Frage, teures Mädchen, doch seht uns an. Seht Euch das Dorf an. Sieht es hier so aus, als wäre es lebenswert?“, fragt er sie mit ernst aufgelegter Stimmlage, wodurch sie die Waffe absenkt und demütig von den Personen ablässt, „Ihr könnt gehen, dies wird das Ende sein für das Volk. Der Baron ist verstorben, ein Wesen wurde aus seinem Käfig gelassen, und es ist bereits hier angekommen. Verschwindet von diesem Ort, versucht es zumindest, ich bitte Euch.“

Skeptisch schüttelt sie ihren Kopf und möchte gerade wieder ausholen, als sie ein Rascheln vernimmt, aus der Richtung der Eingangstür.


Vor ihren Augen stößt ein Wesen hervor, sodass die Marionette erschrocken niedersinkt. Ein Grauen durchfährt sie, nicht jedoch vor Furcht oder vor Angst. Sie hört nur eine verzerrte Stimme, ein weibliches Summen, in Tönen, die Schmerzen hervorrufen, auf groteske Weise hört es sich hingegen wie Gesang an. Laaa... La, la...

Schluchzend wagt sie einen Schritt zurück, während sie sich die Monstrosität ansieht, sie kann es nicht mal mehr als eine Bestie bezeichnen. Von einem erdrückend fettleibigen Kopf gequält steht dieses Wesen immer noch aufrecht, es scheint nur das Gehirn zu sein, welches über die gesamte Schulter wabert. Augen unterschiedlichster Größen spicken die Haut dessen, die traurigen Laute der Melodie wollen jedoch nicht aufhören. Knapp unter diesem Kopf, wo sich eigentlich der Hals befinden sollte, erkennt sie viele einzelne Münder mit kleinen, spitzen Zähnen, die das Wesen jedoch geschlossen hält, die Gehirnfasern schlängeln sich am Rücken. Am meisten ist es hingegen dieses Gewand, welches es um sich trägt, es erinnert die Marionette an ihre eigene Kleidung, die jedoch in einer Blutlache gewaschen wurde.

Einen Augenblick vergisst sie die Welt um sich herum und lauscht nur der schrillen Melodie, und als sie darüber nachzudenken beginnt, wie viel Leid unter dieser Haut stecken musst, hört sie Harmonie. Ruhiger, hoher und melancholischer Gesang in langsamen Rhythmus, die Melodie einer ewigen, mondhellen Nacht. Dieses Geschöpf ist kein Monstrum, es steht im Albtraum, wobei es sich nach dem Traum des Jägers sehnt, die ganze Zeit gezwungen, an die Realität zu denken, an die Bestien, die es widerwillig umgibt.

Wieso hatte die Heilende Kirche das Dorf zurückgelassen? Weshalb mussten sie es aufgeben? So denkt die Marionette darüber nach, dass es keine Grausamkeit ist, die diesen Ort ziert, kein Horror, kein Böse, sondern nur Trauer und die Sehnsucht nach dem alten Leben, welches den Wahnsinn zurückhält. Ihr wird klar, wo sie zunächst hingehen muss, zu derjenigen Kirche, die sich zum Schutz des Dorfes verschrieben hat.

Nicht der betäubende Gesang ist es, der sie wieder ins Jetzt zurück ziehen, es sind schmerzerfüllte Laute, nur ein angestrengtes Stöhnen. Rasch schaut sie sich um und bemerkt, wie jede der Dutzend fettleibigen Personen sich angespannt an den Schädel fasst und diesen beinahe zusammendrückt, verzweifelt fuchteln sie mit ihren Körpern umher, deren Muskeln zu schwach sind, um sich zu bewegen. Das Fuchteln wird zu einem Zappeln, binnen kurzer Zeit ragen die Bäuche nach oben, aus denen komplett schwarze Lanzen herausstechen. Blutspritzer landen auf dem Gesicht und die Haare der Marionette, sie blickt wieder zu dem singenden Wesen, welches unbewegt innehält und mit den einzelnen Augen all jene vom Volk betrachtet, wie sie vom Wahnsinn verschlungen werden und nacheinander leblos zusammensacken.

Zuletzt hört sie das verzweifelte Gebrüll des Schlächters am anderen Ende des Raumes, der sämtliche Klingen aus den Händen fallen lässt und seinen mächtigen Körper einfach auf die Knie sinken lässt. Genau wie die anderen Opfer spürt er die Stiche von innen, steht dem Tode nahe, doch meint die Marionette Folgendes aus seinen Schmerzlauten heraushören zu können, sodass ihr klar wird, welche Geister in der Wahrnehmung der Bewohner eigentlich gefangen sind: „Argh... Vater, wo bist Du gewesen... Wieso hast Du mich alleine gelassen...“

Schweigsam dreht sich das entstellte Geschöpf um und verlässt den Raum, ohne sich weiter um die Überlebende zu kümmern, die fassungslos auf der Stelle verweilt. Von Toten umgeben ringt sie um Kontrolle, versucht sich wiederzufinden. Sie kann nicht aufhören an die Flucht zu denken, doch treibt sie nichts dazu an, obgleich sie weiß, was ihr zustoßen mag, wenn sie weiter in dem Dorf verweilt.

Die Marionette verlässt das Rathaus und folgt dem Weg zum Horizont, wo sie bereits das gigantische, silberne Kreuz erkennt.


Die Arbeitsaufzeichnungen des Schlächters

Verfasst von ...


Zucht von Fleischwaren sowie ein Einblick in die Philosophie der Menschenwürde. Menschen gehören mitunter zu den größten Delikatessen unter den verschiedenen Essenssorten. Bedauerlicherweise ist die Zucht wesentlich komplexer als bei Rind und Schwein, um nicht zu sagen, dass diese viel zeitaufwendiger ist. Etwa zwölf bis dreizehn Jahre dauert es, bis die Organismen paarungsfähig sind, im Schnitt dauert es zudem neun Monate, bis ein Säugling zur Welt kommt.

Als wirksamste Methode hat sich die Aufbewahrung einiger Paare erwiesen, zwei Dutzend Frauen sowie zwei Männer bleiben unter Verschluss am Leben, sodass die einzigen Begierden und Erfüllungen darin bestehen, sich fortzupflanzen. In der isolierten Existenz sind sich Menschen ihres Leidens nicht im Klaren, wird ihnen nicht erklärt, dass es ein Utopia gäbe, geben sie sich mit der nicht vorhandenen Menschenwürde zufrieden. Eindrucksvoll, wenn man sich diese Überlegungen mal zu Herzen nimmt, die Nahrung des Volkes führt ein in ihren Augen glücklicheres Leben als das Volk selbst, welches man glauben lässt, sie kämen nach dem Ableben in das Paradies. Armut wird erst dann als Armut wahrgenommen, sobald man von der Seite des Reichtums erfährt.


Zubereitung von Fleischwaren. Anders hingegen, weitaus unkomplizierter, verläuft die Zubereitung. In vergleichsweise kurzer Zeit lassen sich Menschen mästen, sodass sie im günstigsten Fall bereits vor der Fruchtbarkeit ein Gewicht von hundert bis zweihundert Kilogramm annehmen und bereit für die Schlachtung sind. Die Menge an Fleisch mag für diesen Zeitraum nicht viel betragen, daher bietet es sich an, Teile des Dörrfleisches, welches in Massen vor dem Schlachthaus deponiert ist, ebenfalls mit zuzubereiten. Wird es gehackt, so fällt es dem Volk nicht mal auf.

Ich gebe zu, mich zu fragen, ob man die Adeligen selbst zubereiten könnte. Ich rechne mit mindestens einer halben Tonne pro Person, es wäre ein umwerfendes Festmahl, jedoch auch umständlich, da vorerst die Drähte und Nähte aus der fettleibigen Haut entfernt werden müssten.

Um Infektionen und Krankheiten zu vermeiden werden die Tiere, die bereit zur Schlachtung sind, lebendig unter der Flamme geröstet anstatt durch einen Hieb mit dem Beil vorher umgebracht zu werden. Das Mittel zur Desinfizierung reicht nicht aus.


Parasitenbefall. Einige Krankheitserreger sind durch die Fütterung in den Darmtrakt einiger Masttiere gelangt. Ihre Größe glich der von normalen Kakerlaken, doch mutete ihr Aussehen an, dass sie etwas Anderes seien. Jedwede Möglichkeiten werden offengelassen, für eine Behandlung der Tiere sind allerdings weder Zeit noch Heilmittel vorhanden. Ob sie sich als essbar oder schädlich erweisen wird sich bei der Verkostung der nächsten Mahlzeit herausstellen.


VII - Der Großartige Bearbeiten


Vor ihr erstreckt sich das eindrucksvolle Bauwerk der Kirche, vom Turm aus ragt das silberne Kreuz hervor, welches man beinahe über das gesamte Dorf hinweg betrachten kann. Der Weg zur glamourösen Pforte ist gepflastert mit verwesten Kadavern. Erst jetzt kann sie auch eine hauchdünne, hölzerne Leiter erkennen, die sich vom Boden des Kirchplatzes hoch empor ragt, bis in die Wolkendecke hinein. Die Marionette neigt ihren Kopf vor dem augenscheinlichen Weg nach oben, geht jedoch vorerst vorsichtig außen herum. Direkt hinter dem Anfang der Leiter befindet sich ein dunkelgrauer Brocken, der auf der vorderen Seite glattgeschliffen wurde. Darauf ist ein alter Schriftzug eingraviert: „Wer des Lebens nicht würdig ist, der wird exekutiert, wer des Todes nicht würdig ist, wird gerichtet.“ – Baron von Laire

Sie erinnert sich an frühere Zeiten, wo auf ebendiesem mächtigen Stein das Wort der Heilenden Kirche niedergeschrieben war, nun stellt sich hingegen ihre Befürchtung als wahr heraus, dass sie das Dorf aufgegeben und restlos verlassen hat. Worin sie sich wiederfindet ist eine Nacht der ewigen Dunkelheit, eine niemals aufhörende Jagd, die das Leben verschlungen und in Wahnsinn getrieben hat, ihr ist klar, dass sich dies ausbreiten wird, bis sich kein Ort mehr finden lässt, der nicht von Bestien beheimatet wird. Sogar hier an diesem Ort vernimmt sie immer noch das hungernde Knurren aus den finsteren Ecken, wo sich die ehemaligen Menschen befinden. Nurmehr Bestien.

Ein Knistern reißt die Puppe aus der Fassung, hastig fährt sie herum und schaut auf die Mitte des Platzes, wo ein kolossaler Werwolf gerade zweibeinig auf sie zuläuft. Sein Körper ist an vielen Stellen kahl, doch die Haare an Kopf und Armen schwarz. Der Kiefer sieht entstellt aus, schief gewachsen und unnatürlich. Vorerst faucht es, die Marionette hält sich bedeckt und versucht, jeden Reiz zu vermeiden, wodurch er sich aggressiv fühlen könnte.

Die Bestie kniet sich vor einer der Leichen nieder, die vor der Kirche liegen und beginnt, seine Schnauze tief in dessen Körper zu vergraben. Begierig frisst es ihm jegliche Eingeweide heraus, das Holzgerüst erinnert sich nur an den schändlichen Niedergang ihres Begleiters. Hungrig lauscht der Werwolf hoch, hat sie fest im Visier und krallt sich am Boden fest, um ihre nächste Bewegung abzuwarten.

Beunruhigt klammert sie ihren Griff fester um die Handaxt, bereitet sich auf jeden Angriff vor, und der Werwolf prescht auf allen Vieren direkt auf das Mädchen hinzu.

Im Ausweichen holt sie mit der Klinge aus und spürt nur, wie sie mit rotem, dickflüssigen Blut befleckt wird. Ein Jaulen wird zunehmend leiser, sie dreht sich um, nimmt nichts anderes wahr als das Tier, welches sie soeben verwundet hat. An seine klaffende Wunde drückt der Wolf seine Klaue, die mit einem schimmernd roten Blutfluss überströmt wird, dennoch knurrt es weiter, fletscht seine schwarzen Zähne. Sogar die Augen schimmern in einer hellen Rage, gleich eines Blutrausches, der die Bestie mit unstillbarem Durst erfüllt.

Im nächsten Ansturm bereitet sich das Mädchen auf einen weiteren Schlag vor, doch als das wilde Tier auf sie zukommt, kann sie um seinen verwachsenen Hals ein helles Aufblinken erkennen. Sie weicht aus, schaut direkt wieder zurück. Als sich die Bestie umdreht und den Speichel aus seinem Maul hinausbrüllt, betrachtet sie seinen Hals näher und erkennt dort ein meerblaues Juwel an einer Kette.


Ein helles Aufblitzen eines Lichtes erstrahlt am Himmel, gefolgt von einem bebenden Donnern, das Mädchen sieht abgelenkt hinauf und erkennt, wie sich etwas rasend schnell gen Boden nähert. In einer panischen Hechtrolle entfernt sie sich vom Werwolf und hört nur das Aufprallen auf der Stelle, wo sie eben noch gestanden hat. Abrupt sieht sie zurück. Blut bedeckt den Kirchplatz. Der Schädel des Werwolfes ist zertrümmert, einige Fetzen seiner Augen spritzen bis vor ihre Füße, genau wie einige Splitter des blauen Edelsteins. Eine Staubwolke wirbelt auf. Auf der zermalmten Leiche des Werwolfes hockt ein großgewachsener Mann im grauen Gewand, die Fäuste direkt in den Boden geschlagen, wo der Kopf des Werwolfes erdrückt wurde. Eine silberne Zweihandaxt haftet direkt auf seinem Rücken, über sein Haupt war ein goldener, kegelförmiger Eisenhut gestülpt, der nach obenhin spitz zuläuft.

Gemächlich schmiert er seine verdreckten Finger an seiner Schulter ab und erhebt sich majestätisch, als wäre er der verbliebene Herrscher des Dorfes. Sich an das Mädchen wendend beginnt der Mann vom Himmel zu sprechen, in einem tiefen, beinahe verschluckten Tonfall: „Ihr seid dasjenige Wesen, welches durch die Straßen streift und nun Jagd auf die letzten Menschen macht? Die Nacht der ewigen Dunkelheit ist eine Bürde, die bereits schwer genug auf den Schultern der Lebenden lastet, und nun kommt Ihr und unterbreitet uns Eure Schamlosigkeit? Dieses Urteil ist es also, welches vollstreckt werden muss, und es ist ein glorreicher Vollzug, zwischen den Toten am Himmel und den Bestien auf der Erde.“

Sie weiß nicht, wie der bedrohliche Mann erkennen kann, wo sie sich befindet und was sie tut, doch sieht es so aus, als würde er jeden ihrer Schritte genau beobachten.

Eine Jägeraxt also? Mächtige Waffe, wenn man denn vernünftig mit dieser umzugehen weiß. Wünscht Ihr Euch einen Kampf oder ein sauberes Urteil?“, fragt er sie zuvorkommend und packt die Axt an seinem Rücken, wirbelt zweimal in hohem Bogen herum, sodass sich die Puppe einige Schritte zurückbewegen muss, um sie schließlich in Kampfhaltung vor ihr zu präsentieren. Sie gibt kein Wort von sich, wartet nur seinen nächsten Zug ab, woraufhin er empört protestiert: „Ich sehe schon, Ihr enthaltet Euch einer vernünftigen Antwort. Wie Ihr wünscht, es soll kein Problem darstellen, nichtsdestotrotz bestehe ich auf die notwendige Etikette, bevor wir zu Katz' und Maus werden.“ - Ein tiefes, langsames Kichern folgt auf ein verächtliches Schnauben.

Hitze überkommt die Marionette, wie eine Art von Angst, die sie packt, während sie von einer ewigen Höhe hinabfällt und sich fragt, ob sie den Sturz überlebt oder nicht. Der Henker hält das stumpfe Ende seiner Axt nach vorne und stößt die Angreiferin mit Wucht wieder an den Platz zurück, wo sie eben noch gestanden hat.

Erst die Verbeugung vor dem Kampf“, besteht er brummend, „so gehört es sich.“ - Und der Exekutor stampft den Griff seines prächtigen Beils in den Boden, fällt auf die Knie und verneigt sich tief vor seiner Widersacherin.

Schließlich stülpt er sich die übergroße, beinahe sichtversperrende Kapuze über, wirft mit seiner freien Hand einmal seinen Umhang nach hinten, wo eine Art von verziertem, schwarzen Teppich sichtbar wird. Mit einem Gefühl der Entblößung erwidert das Mädchen seine seltsame Geste, zu voller Zufriedenheit richtet er sich wieder auf und spricht weiter: „Oh, ich vernehme nicht einmal das Singen und Lachen der vielen, glücklichen Bürger. Wo sind sie nur hin? Was habt Ihr dem schönen Dorf angetan?“

Selbstgefällig hebt die Marionette ihren Kopf, gebt ihr Vergnügen mit einer weiteren, provokanten Verbeugung kund. „Ihr würdet eine perfekte Adelige abgeben, mit einem dunkelroten, hübsch geschneiderten, noblen Kleid. Wie die Damen es auf Cainhurst tragen, ja, wie gut würdet Ihr Euch in diese geschlossene Gesellschaft ergänzen – zu schade nur, dass wir niemals Genaueres darüber erfahren werden. Der Begriff wird Euch fremd bleiben, denn das Urteil wurde bereits gefällt, und nur der Vollzug fehlt noch, meine Gute.“


Der Henker blickt zum Himmel hinauf und murmelt beinahe unverständliche Worte: „Baron von Laire, ich habe Euer Papier erhalten. Hört Ihr mich, dort oben?“ - Verwirrt nähert die Marionette sich dem bedrohlichen Koloss, der mit seiner zweihändigen Axt herumfährt und sie zwanghaft auf Abstand hält.

Was hat er Euch geschrieben? Wie, wo er doch verstorben war?“, fragt sie achtsam, auf einen Kompromiss hoffend, der beide unbeschadet lässt. Harsch entgegnet er: „Der Schneider hat es weitergeleitet. Ihr habt den Baron ermordet, mich in den Ruin getrieben. Mein einziger, wahrer Gebieter – verstorben. Mein ehemaliger Herr, verschollen in einem fernen Schloss. „Gute Taten sind nicht immer weise und böse Taten nicht immer dumm, doch ungeachtet dessen, sollten wir immer danach streben, gut zu sein.“ - Worte von ihm, und ich muss mich entschuldigen, auf die Weisheit zu verzichten.“

Fest umschließt er den mit Eisen besetzten Griff, dadurch erhascht das verwundete Mädchen einen Blick auf die Handschuhe. Sie qualmen und blitzen in Rot auf, wie von einem Netz umspannt kleben mehrere Totenschädel am Unterarm, es ist beinahe, als könne sie die Geister hören von unzähligen Opfern des Henkers. Die Marionette spürt an seinem makellosen, grauen Gewand, dass diese Person einst eine edle Absicht hatte, vielleicht sogar ein Jäger gewesen ist, doch die Tracht ist alt, der noble Herr in seinem Kopf wahnsinnig geworden. Ist dies, was aus der Heilenden Kirche geworden ist?

Niemand von ihnen hatte es verdient, aus unserer mit Schweiß und Blut erschaffenen Utopie in ein falsches Paradies aufzusteigen. Nur, weil sie sich in ihrem Glauben verflüchtigt haben, heißt es nicht, dass im Himmel ein sicherer Ort auf sie wartete, nur, weil sie Leid ertragen mussten, heißt es nicht, dass sie dort ein frohes Leben verdient haben. Sie haben es verdient, für ihre Uneinsichtigkeit gerichtet zu werden. Wenn ich Euch erst aus dieser Welt gerissen habe, werde ich dort oben auf Euch warten, ich werde die Leiter hinaufsteigen und Eure modernde Seele von der Himmelspforte stoßen.“

Reflexartig bereitet sich die Marionette darauf vor, zur Seite auszuweichen, doch stürmt der in Grau gehüllte Henker derart aggressiv vor, die Axt mit nur einer Hand schwingend, dass sie kaum bemerkt, als er vor ihr steht. Ein Hieb. Die Marionette ist mittig entzweit. Weißes Blut fließt über ihr zerrissenes Kleid, zuletzt sieht sie, wie der Mann über ihr lacht und gemächlich zur Leiter hinfortgeht, um an ihr emporzusteigen. Unter dem Eindrang der Glockenschläge wird der Marionette schwarz vor Augen, als hätte sie niemals gelebt.


Nach weiteren Monaten, in denen sich nichts ereignet hat, kehrt der Tod wieder, über seiner Schulter einen alten Mann tragend, ebenfalls ein Greis wie der Baron. Dieser hingegen stößt umgehend auf und stürmt zu ihm: „Mein Freund! Mein Freund! Wacht auf, was ist geschehen?“

Unbeeindruckt lässt das schwarze Wesen den Leichnam zu Boden fallen, gibt nur eine stumpfe Erklärung von sich, wieder als flüsternde Stimme in unseren Köpfen: „Wie es scheint ist es ein weiteres Opfer eines Geschöpfes, welches nicht am Leben sein sollte.“ - Ich erkenne das Gesicht beschämt wieder, er ist der ehemalige Schneider des Dorfes gewesen, bis er sich in seiner Manufaktur verschanzte. Niemanden ließ er zu sich, abgesehen vom Baron höchstselbst.

Der transzendente Lord wendet sich zu meiner Überraschung direkt an mich: „Gehrman, so lautet Euer Name, verratet mir, wie Ihr es vollbracht habt, diesem hölzernen Wesen das Leben zu schenken? Mehr noch die Gefühle, die es hegt?“

Vielmehr ist es ein verlangendes Zischen als ein Flüstern, das keinen Widerstand duldet, dennoch sehe ich kaum eine andere Möglichkeit, als mich der Frage zu widersetzen: „Ihr müsst mir verzeihen, doch kann ich Euch dies nicht anvertrauen. Euch müsste diese Kreation bereits länger bekannt sein, ob Ihr hingegen bei dessen Erschaffung anwesend wart oder nicht, ist nicht meine Sorge.“

Erzürnt nickt es mit seinem schattigen Kopf, ich lasse es hingegen nicht das Wort ergreifen: „Die Gefühle hingegen entstanden mitunter durch diese beiden Männer zu Eurem Rücken, sie hatten die Puppe für sich benutzt, und ließen das gesamte Volk daran teilhaben. Schuld hingegen? Diese liegt alleine bei mir, weil ich es zuließ, dass man sie mir nahm. Mein Meisterstück, meine Liebste, aus meinen Händen entrissen.“

Der Tod baut sich plötzlich mächtig vor mir auf, der Stoff um seinen Körper scheint sich schnell zu bewegen und das Wesen auf die doppelte Größe zu wachsen, plötzlich wird mir schwindelig. Was passiert hier? Nichts ist mehr so eintönig, nein, es vergeht schnell. Ich höre das Ticken tausender Uhren in meinen Ohren, verliere das Gleichgewicht, fühle mich veraltet und schwach.
Doch dann klopft es.

Verwundert schrumpft die schwarze Gestalt wieder in ihre ursprüngliche Form zurück und löst sich auf der Stelle in einer Dampfwolke auf, um an der Rinde wieder zu erscheinen, die es als Pforte bezeichnet. Licht stößt von außen ins Innere dieses Ortes, und ich entdecke einen kräftig gebauten Mann mit Zweihandaxt, grauem Gewand und einer goldenen, spitzen Kopfbedeckung.

Was sucht Ihr an diesem Ort?“, faucht die Flüsterstimme, und der Henker verneigt seinen Kopf demütig: „Sie. Ich möchte diese Gestalt erwischen. Habt Ihr sie nicht entdeckt?“

Der Baron hebt seinen Kopf und wendet sich wortlos von seinem besten Freund ab, umgehend ruft er: „Mein treuer Diener! Habt Ihr sie?“

Baron von Laire? Wieso seid Ihr hier?“, fragt der Exekutor verwirrt und fällt abrupt auf die Knie, den Griff der Axt in den Boden stoßend und den Kopf beugend, „Lehnsherr, die Marionette ist mir entflohen. Ich habe sie enthauptet, wie Ihr verlangt habt, doch scheint sie wohl nie diesen Ort erreicht zu haben.“

Gekränkt pulsiert das schwarze Wesen, der Rauch vernebelt den gesamten Komplex, Von Laire bricht im Husten zusammen. „Genug“, zischt die Stimme, „Ihr drei seid gestorben und werdet nicht wiederkehren, nichts ist sicherer als die Anwesenheit an meiner Seite.“ - Der Tod zieht ohne auch nur eine Bewegung zu vollziehen den Leichnam des Schneiders zu sich auf die Schulter, der Baron wird von seiner mentalen Kraft ebenfalls angezogen, obgleich er sich unter aller Anspannung zu wehren versucht.

Die Illusion eines Lebens, es stimmt also doch“, grübelt die flüsternde Stimme, mit hörbarer Schwierigkeit, die Geduld zu bewahren, „dies kann nur das Werk eines Großartigen sein, niemals das Eure. Ich verstehe, so ist es also...“

Mein Herr“, bittet der Henker in seiner letzten Gelegenheit, spricht dabei den gefallenen Baron an - Aus der Flüsterstimme heraus wird ein hoher Ton, der sich wie eine Kratzen im Innersten des Verstandes anfühlt: „Ihr seid nicht tot, Scharfrichter. Der Baron hingegen ist nicht länger Euer sogenannter Gebieter, und da Ihr mir die leblose Gestalt nicht vorweisen könnt, habt Ihr keinen Anlass, Euch hier aufzuhalten.“

Verunsichert hebt sich die in Grau gekleidete Person, geht einige Schritte zurück, betrachtet die Szenerie von außen. Der alte Greis meldet sich zu Wort unter der Anstrengung des Soges, behält hingegen immer noch seinen formellen Ausdruck: „Eure Dienste sind nicht weiter vonnöten. Mein Freund, kehrt zurück, nach Cainhurst.“

Die Pforte schweißt sich kurzerhand zu, der Henker verschwindet vor unseren Augen, direkt danach strömt der gesamte Rauch in einem stürmenden Orkan zurück in den Ärmel des Todes, sodass der Baron keinerlei Widerstand mehr leisten kann. Seltsamerweise bleibe ich selbst davon verschont, doch der Tod flüstert direkt in meine Ohren: „Verweilt, Gehrman, ich werde auf Euch noch mit Rechtschaffenheit zurückkommen.“

Knisternd öffnet sich ein neues Tor an derselben Stelle, ich kann dahinter nur graue Berge erkennen sowie unzählige Grabsteine. Mit den beiden Greisen im Griff schleicht der Tod zur Öffnung und stößt sie in die trostlose Welt: „Derjenige Albtraum wird Euch empfangen, den Ihr bei Eurer eigenen Macht zu schaffen meintet. Er soll Euch alleine gewährt sein, einzig mit den größten Ängsten Eurer Mörderin, verweilt dort, zusammen mit den bluthungrigen, dunklen Seelen und von Lust und Gier getriebenen Bestien, mit denen Ihr Eure Heimat habt untergehen lassen.“

Der Schrei des Barons wird zunehmend leiser, schließlich schließt sich das Tor und die schwarze Gestalt wendet sich wieder mir zu. Ich halte meinen Kopf schief, nachdenklich aufgrund des Urteils, und gebe preis, was mir im Sinn steht: „So sieht es also aus, wenn Ihr jemanden in die Nachwelt entsendet. Sie sind nicht nur durch ihren Mörder vereint, nein, sie werden zudem gepeinigt durch die größten Ängste derer, die ihnen das Leben entrissen. Tragische Vorstellung, dass der Tod jeder Person so aussehen muss...“ - Ich komme nicht drumherum, mich zu fragen, wo Maria abgeblieben war, in welcher Welt sie sich niederlassen musste, wenn sie denn überhaupt verstorben ist. - „Weshalb habt Ihr mich nicht mit ihnen dorthin geschickt?“

Weil Ihr“, zischt die Stimme scharf, dass wieder der hohe Ton in meinem Kopf erklingt, „kein normaler Mensch seid, weniger noch ein gewöhnlicher Jäger. Ihr habt Euer Ableben bereits vollzogen, Kontakt zu einem Großartigen aufnehmen können und Eurer eigenen Kunst das Leben geschenkt. Wie lange lebt Ihr schon? Ich vermag es nicht zu erkennen, doch habt Ihr eine lange Zeit auf der Jagd verbracht, eine lange Zeit alleine verbracht und werdet vermutlich noch eine Ewigkeit in der Einsamkeit verweilen.“ - Beeindruckt schenke ich dem übernatürlichen Wesen einen respektvollen wie ehrfürchtigen Blick: „Ihr trachtet mir nicht nach dem Sterben? Weshalb verbringe ich dann meine Zeit hier?“

Die Präsenz des Mondes ist eine mächtige Gestalt, dessen Antlitz kaum jemanden bekannt ist, nicht mal den Großartigen höchstselbst. Sie war schon immer dort, existierte selbst vor dem Leben und somit vor mir, doch verfolgt sie ihre eigenen Ziele, ihr eigenes Streben. Gehrman, Ihr wisst von diesem Streben, nicht wahr?“, fragt mich der Tod scharfsinnig aus, ich erhebe mich mühsam und versuche einen möglichst guten Blick auf das Geschöpf aus Gas zu erringen, „Puppenspieler, Jäger, welchen Titel Ihr auch bevorzugt, lasst mich Euch versichern, dass die Jagd und das Bestientum niemals enden wird. Versucht Euch nicht diesem zu widersetzen, dies wird Euch auch mit der Hilfe der Großartigen niemals gelingen. Soll ich Euch etwas verraten? Sie sind ebenfalls dem Wahnsinn verfallen, dadurch entstanden die unzähligen Bestien auf den Straßen erst. Dieses Leiden ist hingegen kaum erkennbar für die Menschen, sie verschanzen sich nur im Hass auf die Jäger und die Heilende Kirche, die selbst nicht mal dem Wahnsinn widerstehen können. Niemand vermag dies zu erreichen, abgesehen von Eurer liebevollen Kreation eines leblosen Wesens. Vielleicht ist es die Leblosigkeit, die davor schützen kann? Müsste ich dann nicht selbst eines der wenigen Wesen sein, die den klaren Verstand zu behalten vermögen? Eure Marionette verspürt dieselben Gefühle wie die der Menschen, wenn sie es auch nicht begreifen kann, und hat ebensolche Kränkungen erlitten, indem man sie geschändet und traumatisiert hat. Kalte Selbstjustiz über dem Wort der Richter unter den Lebenden, eine starke Persönlichkeit, genauso stark wie die Frau, die Ihr mit Eurem Kunstwerk nachstellen wolltet.“

Schockiert horche ich auf bei seinen letzten Worten und kann meine Nachfrage nicht unterdrücken: „Ihr wisst von ihr?“

Aber natürlich“, erklärt mir das Flüstern, „scheinbar hat die Präsenz ihr nicht nur das Leben eingehaucht, mehr noch hat sie ihr die Fähigkeit verliehen, wohl jeglichen Weltschmerz auf sich zu nehmen. Ob sie diesen tragen kann oder vor Überlastung jedes Gefühl verlieren wird? Ich kann es Euch nicht sagen, doch sie wird in jedem Fall unten liegen, nach wie vor am Fuße der Heilenden Kirche Eurer Heimat, und auf jemanden warten, der sie holen kommt. Ob nun Ihr es seid oder eine Bestie, dies kann nur ich bestimmen. Gehrman, Jäger, bereits so viele Eurer Opfer habe ich gesammelt, unzählige leidende Engel, wie Ihr sie nennen würdet. Ich muss Euch anvertrauen, Euer Verlies ist von ruhenden Seelen übersät, von den ehemaligen Menschen, die Ihr als Bestien erschlagen habt. Sie hängen nun vom Himmel herab und betrachten das Leiden der Welt von oben. Ihr könnt nicht noch weitermachen, es muss andere, starke Jäger geben, die Eure Bürde übernehmen. Eine lange Zeit auf Erden in einer ewigen Nacht ist zu viel für ein einzelnes Leben.“

Wovon Ihr redet, legt Ihr mir nahe, mich der Jagd zu entwenden?“

Ihr, und Eure hinfällige Kunst, die keinen Einfluss auf das Leben haben sollte. Die Melancholie der Welt zu verstehen ist eine Last der Leblosen, denn nichts vermag sich noch als Leben zu bezeichnen, wenn man dieses unendliche Leiden erkennt. Zieht Euch mit ihr zurück, an einen Ort, der der Präsenz des Mondes nahe ist, jedoch fernab des Irdischen liegt.“

Mir sind seine vielen Erklärungen zu eindringlich, doch meine ich, verstehen zu können, um welches Exil er mich bittet: „Ein Traum?“

In der Tat, ein Traum, der solange existiert, bis die Jagd vorüber ist, und wenn es eine Ewigkeit andauern möge. Dort werdet Ihr verweilen, zusammen mit all Euren Opfern, die vergraben liegen, dies wird der Platz Eures Todes sein. Die Marionette, das Antlitz Eurer Liebsten, wird Euch nicht von der Seite weichen. Verbringt dort die Zeit, die Euch auf der Welt nicht gutgeschrieben war, und die grauenhaften Bilder von den unruhigen Engeln am Himmel werden Euch nicht länger plagen“, erzählt der Tod und lässt die Pforte zur Zwischenwelt wieder öffnen, ich kann wieder die Wolken erkennen sowie die Leiter, an der der Scharfrichter emporgestiegen war.


Am Grund angekommen analysiert die schwarze Gestalt mein zerteiltes Kunstwerk und die weiße Blutlache vor ihr, nur allzu betrübt verleitet es mich, näher zu ihr zu treten, doch hält mich die Flüsterstimme zurück: „Noch nicht. In diesem Zustand müsste sie sterben, ich werde sie wieder richten, um unseren Pakt zu besiegeln. Dafür benötige ich eine Dosis Eures Blutes, womit Ihr Eure Zustimmung gebt. Die Marionette wird unsterblich, die hohe Gabe der Präsenz des Mondes immerwährend, dafür werdet Ihr nie wieder eine Bestie erschlagen oder in die Welt der Lebenden zurückkehren können.“

Unter dem offenkundigen Unterton der Erpressung stimme ich dem Großartigen zu, schleppe meinen Körper zu der Marionette hin, deren weißes Blut zu kochen beginnt und sich zwischen ihren beiden Körperhälften manifestiert. Ihre Beine wachsen wieder an ihren Bauch heran, und ich falle aus der Fassung, während ich mir ihr Gesicht ansehe. Sie hat Augen, helle, beinahe kristallene Augen, mit denen sie mich gedankenversunken betrachtet. So wunderschön, wie es einst meine Liebste gewesen ist.

Okkulte Stimmlaute erklingen in der Umgebung, der Tod schlitzt mit einem als Klinge geformten Rauchschwall meine Handfläche auf, während er mit dem anderen Arm das weiße Blut vom Boden aufnimmt. Sie lebt wirklich.

In ihrem Gesicht schaffe ich etwas zu entdecken, das man wohl als unerwartete Freude bezeichnen kann. Aufrecht baue ich mich vor ihr auf und verneigte kurzzeitig meinen Kopf als Geste der Entschuldigung, fassungslos setzt sie einige Schritte auf mich hinzu und ich berühre sanft, ohne jeden Hintergedanken, ihre raue, doch weiche Wange.

Gehrman...“, flüstert sie zu mir, gezwungenermaßen drehen wir uns hingegen wieder um zu den Blutspuren, zwischen denen sich das schwarze Wesen windet, „wieso?“ - Sie entblößt einen Hauch tief verzweifelter Trauer, als wäre es nie ihr Wunsch gewesen, weiterzuleben und noch weniger, dabei mein Gesicht sehen zu müssen.

Meine Liebste“, spreche ich sie erstmals seit Langem persönlich an, „habt keine Furcht vor der Zukunft, sie wird Euch nicht weiter etwas Böses antun können.“

Nicht ein Tropfen Blut wird durch Eure Hand vergossen werden, sollte es dennoch dazu kommen, werdet Ihr in den Albtraum des Jägers verbannt werden, machtlos zwischen denjenigen Männern, die einst an Eurer Seite kämpften und wahnsinnig wurden. Nun geht, und kehrt nicht wieder“, spricht die Stimme, und ich sehe, wie das Gewand sich schwerelos emporhebt und der Rauch in der Luft verblasst. Die Gestalt verblasst, und die Marionette regt sich in meinen Armen, während versucht, einen festen Halt unter ihren Füßen zu erlangen.

Überanstrengt Euch nicht“, flüstere ich beruhigend zu ihr, „es gibt keinen Grund mehr, um zu eilen.“ - Nur spärlich merke ich, dass sie mich gehört hat, dennoch helfe ich ihr, sich aufzurichten und gehe einige Schritte, während sie ihren Arm um mich gelegt hat.

Seht Ihr es auch“, fragt sie mich plötzlich, „das Blut der Alten und der Jungen, der Lebenden und der Toten, wie es fließt? Hört Ihr es Rauschen? Der Fluch, der niemals gebrochen wurde, das, was in uns allen versiegelt ist?“

Fürchtet nicht das alte Blut, meine Teuerste. Nicht mal das Vergossene kann jetzt noch aufhalten, was geschehen wird, doch können wir die künftigen Jäger auffangen. Ihr könnt ihnen das geben, was sie benötigen, ihre Anwesenheit wird es sein, die uns im Traum beehrt. Bald, wenn wir von dieser Welt fort sind“, erkläre ich ihr in der tiefsten Intention, sie aufzumuntern, „verzeiht mir meinen Fehler, ich hätte Euch nicht in die Hände dieser Märtyrer geben dürfen.“

Sie waren keine Märtyrer, nur unbedeutende Menschen in hohen Positionen, die selbst zu Bestien wurden. Vorwürfe sind es, die ich Euch machte, doch waren sie gerechtfertigt? Nur bedingt, Ihr persönlich habt mir nie etwas zuleide getan und wusstet nicht, wie der Baron oder Schneider handeln wollten“, erzählt sie mir, und für einen Moment kann ich sie auch verstehen, doch fehlt mir die Ehrlichkeit in ihren Worten. Sie klingt so emotionslos, so innerlich abgestorben. Was ist mit ihr geschehen, während sie zu diesem Ort gekommen ist?

Vielleicht hat der Tod ihr keinen Gefallen getan, und mir erst recht nicht, die Ewigkeit wird in Kürze beginnen und ich weiß nicht, womit wir diese nun beginnen sollen. Die Bestien leben und wandern nach wie vor ungehindert auf der Welt umher, wer weiß, wo sie nun schon angekommen sind. Das Ticken der Uhren ertönt, die Glockenschläge der Kirche, die mich an den Fortlauf der Zeit erinnern, überall dort, wo sie stehengeblieben ist.


Ich stehe nun vor der gefallenen Kirche desjenigen Dorfes, welches ich einst als meine Heimat bezeichnete. Neben mir steht die mir friedlich gesonnene Puppe, mein Meisterstück, das Abbild meiner Lady Maria, die vom Albtraum verschluckt wurde. Sie weiß nicht über ihre Bedeutung Bescheid, nichts ist ihr im Klaren, und doch hat sie einen eigenen Sinn geschaffen. So imposant, dieses Mädchen, wie sie ihren kühlen Gesichtsausdruck bewahrt, obwohl sie Schlimmeres gesehen hat als manch ein Mensch bei klarstem Verstand.

Könnt Ihr mir sagen“, flüstert sie gedankenverloren, „werde ich mich erinnern müssen? An dieses Dorf, an diese Vergangenheit? Werde ich das empfinden können, das man... Sehnsucht nennt? Freude nennt?“

Still verweile ich bei mir, ich greife zu ihrer Hand und beobachte ihre zusammengesteckten Hände. Ihr linker Zeigefinger tippt unruhig, geduldig.

Dieser Ort wird nicht länger der Platz sein, an dem wir uns aufhalten“, erkläre ich der Marionette, die in neuem, edlen Kleid und mit roter Kappe eine nie dagewesene Ruhe ausstrahlt, „ein großes, edles Gebäude, die weißen Gärten im Gelände. Ein kleiner Teich, eine Art Springbrunnen, und auch der große Baum zwischen Lichtblumen. Wir beide werden dort sein, in meinem Traum.“

Oh, guter Jäger“, gesteht sie mir mit harmonischer Stimme, „bitte werdet niemals zu einer Bestie. Lasst keinen Albtraum entstehen.“

Wir beide betrachten die Himmelsdecke, die Engel hängen nicht länger dort. Einzig der monumentale Mond breitet sich aus in einem blutenden, roten Farbton und weiht mich mit seiner bloßen Präsenz.


Oh Flora, des Mondes, des Traumes.

Oh ihr Kleinen, oh flüchtiger Wille der Alten...

Beschützt den Jäger, lasst ihn Trost finden.

Und lasst diesen Traum, ihren Entführer...

ein schönes Erwachen vorhersagen...

eines Tages eine schöne, ferne Erinnerung sein...“


Autor: M.K. Corvus

© Bloodborne™ Sony Computer Entertainment Inc., Published by SCEI Europe. Developed by FromSoftware, Inc.

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