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Langsam ging ich den dunklen Korridor entlang. Er erstreckte sich in eine undefinierbare Länge. Ich war auf der Suche. Auf der Suche nach mir selbst. Schon seit Ewigkeiten quälte mich ein und dieselbe Frage: Wer war ich? Wo gehörte ich hin? Meine bedeutende Reise, die mehrere Jahre meines Lebens in Anspruch genommen hatte, führte mich nun hierher. In einen Flur eines alten Hauses. Obwohl dieses Haus schon lange verlassen und an den Fassaden vollkommen verwachsen war, konnte ich mühelos eindringen. Zur meiner Verwunderung klemmte nicht einmal die Eingangstür. Während ich weiter meines Weges trat, bemerkte ich eine kleine Sanduhr an einem alten Holztisch neben mir. Mein Kerzenständer, den ich in der Hand hielt, war mit drei flackernden Lichtern die einzige Quelle, die es mir ermöglichte in der schier endlosen Dunkelheit etwas zur erkennen.

Vorsichtig hielt ich jenen in die Nähe des Glases, dass sich schützend um den laufenden Sand entlang zog. Der Sand war schwarz. Pechschwarz. Er glitzerte leicht unter dem warmen Licht. Wie Diamanten, schoss es mir durch den Kopf. Doch dieser Moment der Schönheit erinnerte mich daran, dass mir nicht viel Zeit blieb. Die Sanduhr war ein Zeichen. Lange würde ich hier nicht verweilen können. Von diesem Gedanken in die Realität zurückgerissen, wandte ich mich von meiner „inneren Uhr“ ab und suchte weiter nach meinem Ziel. Irgendwo musste es doch sein. Ganz bestimmt war das der Ort, an dem ich mich selbst finden würde! Ich spürte es! Meine Blicke wanderten über die blutroten Tapetenwände zu meinen Seiten, während ich jedes einzelne Ensemble mit Faszination betrachtete. Es waren Spiegel, die an der Wand hingen. In unterschiedlichen Formen und Größen. Selbst die Rahmen, die diese wunderschönen Meisterwerke umhüllten wirkten, mit feinster Präzision und ihren Mustern, wie von einem unmenschlichen Wesen geschaffen. Jeder von ihnen wirkte älter und zerbrechlicher, je weiter ich meinem Weg folgte.

Inzwischen schien mir der Korridor nicht mehr so lang vorzukommen, wie ich zunächst angenommen hatte. Meine Augen saugten sich förmlich an meinem eigenen Gebilde fest, sodass ich ganz und gar die Zeit vergaß. Ich vergaß die gesamte Welt um mich herum. Behutsam berührte ich einen der Spiegel mit meiner Hand. Sie zitterte leicht, als hätte ich Angst, einen Schlag zu bekommen, insofern ich mein Ebenbild berühren würde. Ich lächelte. Wie töricht. Doch meine bleichen, knochigen Finger schafften es nur, den harten, zierenden Rahmen zu berühren, der aus schwarzem Ebenholz bestand. Ein seltsames Flüstern hatte meine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet: „Beeil dich, die Zeit rinnt. Bist nicht schnell, das Dunkle gewinnt.“  Mir war es ein Rätsel warum die Stimme in Reimen sprach, jedoch konnte ich in dem Moment nicht anders, als ihr zu folgen.

Es war wie ein Zwang, der meine Beine dazu antrieb sich in Bewegung zu setzen – ohne das auch nur mein Gehirn diesen Befehl ausgesprochen hatte. Stillschweigend ging ich den letzten Klängen nach. Das Geflüster verhallte in meinem Kopf wie Wassertropfen, die man weit in der Ferne fallen hörte. Zeitgleich spürte ich einen schmerzhaften Stich in meinem Herzen. Von Mal zu Mal fühlte ich mich älter und älter. Auch meine Muskeln verloren immer mehr an Kraft. Schleifende Geräusche nahmen anstelle von festen Schritten den Platz ein. Als ich um die Ecke bog, nahm ich im Schein der Kerzen eine rote hölzerne Tür wahr. Sie war mit demselben Rot versehen, wie auch die Tapetenwand, der ich nun den Rücken zu kehrte. Den Kerzenständer auf einen Tisch neben mir gestellt, wagte ich mich an den Türknopf. Es kostete mich unvorstellbare Kraft und Überwindung, die goldenen Knopf mit einem Handgriff zu drehen. Mein Körper wollte mich warnen. Doch wovor? Vor meinem wahren Ich? War hinter dieser Tür etwa mein Ziel? Nach einigen Versuchen und unter großen Schmerzen schaffte ich es letztendlich doch, die Tür samt ihren Geheimnissen zu öffnen. Kaum hatte ich einen Fuß über die Schwelle gesetzt, schon durchflutete meine Adern die alte Kraft. Erleichtert atmete ich auf. Mein junges Alter war wieder zurückgekehrt. Dennoch währte meine Freude nicht für lange. Unmittelbar vor mir bäumte sich ein riesiger, rechteckiger Spiegel auf. Sein Rahmen war mit solch einem wunderbaren, unaussprechlich-schönen Muster verziert, dass ich vor Erstaunen die Luft anhielt.

Vorsichtig näherte ich mich diesem, aus kaltem Glas gefertigten, Kunstwerk und betrachtete mich sorgfältig. Jede meiner Zuckungen, jede meiner Bewegungen, ahmte mein Spiegelbild mir nach. Automatisch formte sich ein Lächeln auf meinen Lippen. Doch selbiges meines Abbildes verformte sich zu einem teuflischen Grinsen. Erschrocken rang ich nach Luft. Ehe mein Gehirn das eben Gesehene verarbeiten konnte, erschienen, wie aus dem Nichts, zwei Gestalten neben meinem anderen Ich, dass in dem Spiegel gefangen war. Eines davon glich dem Teufel und hatte zwei Ziegenbockhörner auf seinem Kopf. Der Oberkörper war frei, muskulös und wie auch seine restlichen Körperteile in ein tiefes Nachtschwarz getaucht. Als habe man ihn vollkommen mit Teer übergossen.

Die zweite Person, links daneben, war in ein riesiges weißes Tuch eingehüllt. Dieses Tuch war durchsichtig, dennoch bedeckte es die Hälfte seines Gesichtes, sodass ich nur seinen Mund sehen konnte. Stumm stand es da und hielt etwas Brennendes in der Hand. Es musste eine halbe Kerze gewesen sein, oder ein einfaches Teelicht. Alle drei Wesen, schauten spöttisch auf mich drein, als wollten sie mich für mein verwirrtes und ängstliches Auftreten auslachen. Bis in den Tod hinein. Panisch drehte ich mich um, schrie sie an, sie sollten mich in Ruhe lassen. Schlug auf sie ein, trat sie. Jedoch war alles was ich traf reine Luft. Plötzliche Kopfschmerzen setzten mich außer Gefecht. Ich schrie in den Raum hinein und hielt mir mit meinen Händen die Ohren zu. Presste meine Augenlider fest zusammen. Ich wollte, dass es aufhört! Es musste alles ein Ende finden! Im blitzschnellen Rhythmus tauchten Bilder vor meinen Augen auf, die meinen gesamten Weg bis hierhin zeigten: Die Spiegel, der Flur, die Sanduhr, die rote Tür… All das schien wie eine einfache Erinnerung für mich zu sein. Wie ein Alptraum, den ich immer und immer wieder durchlebte. Nur, war das hier real. Viel zu real.

"Begreifst du es etwa immer noch nicht?!", donnerte eine glasige, klare Stimme unmittelbar vor mir. Meine Schreie verstummten abrupt. Immer noch von der Angst getrieben, drehte ich mich zu der Richtung um, in der ich die Stimme vernommen hatte. Mein Spiegelbild war immer noch da – nur ohne seine höllischen Begleiter. „Was… soll ich nicht begreifen?“ Meine Stimme klang heiserer, als gewollt. Mein Ebenbild lächelte mich verstohlen an. Mit seinen Lippen formte er die Antwort nach der ich solange gesucht hatte: "Ich bin Du. Dein echtes Du. Das war ich schon immer." „Wie… wie… ist es möglich?“, stotterte ich. Zu benommen, um einen klaren Gedanken zu fassen. Zu meiner Überraschung reagierte mein wahres Ich nicht mit einer Erklärung, sondern mit einer Waffe, die er promt auf mich richtete. Mein Gehirn arbeitete schnell und realisierte sofort, was er vorhatte. „Nein! NEIN! BITTE! TU ES NICHT! ICH FLEHE DICH AN! BEFREI-“ Der Schuss fiel, ohne, dass er sich auch nur die Mühe machte, mich zu unterbrechen. Er lächelte nur. Er lächelte nur, so wie er es bei unserem ersten Treffen getan hatte.



Schmunzelnd sah ich zu, wie die kleine Schusswunde auf seiner Stirn stoßartig Blut hervorbrachte. Seine Zeit war ohnehin abgelaufen. Die innere Uhr hatte es mir gesagt. Das letzte Korn war gefallen, ehe er auch nur die Tür erreicht hatte. Langsam steckte ich die Pistole zurück und trat aus dem Raum. Mit einem Dreh am Türknopf würde alles von vorne beginnen. Die Sanduhr würde zurückgedreht, er würde wieder beginnen nach sich selbst zu suchen. Immer und immer wieder. Und ich werde ihn vernichten. Mal für Mal.

 

Der Zyklus wird niemals gebrochen werden!  


Geschrieben von: BlackRose16 (Diskussion) 12:04, 5. Mai 2017 (UTC)

 

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