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Ich hatte alte Bücher immer gemocht. Und noch mehr liebte ich Bibliotheken. Deshalb war ich auch sehr glücklich, als ich von der Bibliothek erfahren hatte. Vor nicht einmal zwei Wochen war ich mit meiner Familie in diese Kleinstadt in der Nähe Berlins gezogen und die Bibliothek war das Erste, was ich mir wirklich ansah, nachdem ich die erste Zeit nur mit Auspacken meiner Sachen und dem Einrichten meines Zimmers verbracht hatte. Also stieß ich die große Eingangstür auf und trat ein. Ich holte tief Luft, atmete den Duft der alten Bücher ein. Dann sah ich mich um. Überall standen große Regale, die mit Büchern gefüllt waren. Große, dicke Bücher und kleine, dünnere Bücher und alles was sich ein Bücherfan nur wünschen konnte. Mit glänzenden Augen ging ich durch die Regale. Es gab viele interessante Bücher, aber in so einer großen Bibliothek wollte ich unbedingt ein ganz besonderes Buch finden. Nach längerem Stöbern, erregte plötzlich etwas meine Aufmerksamkeit: Auf der Fensterbank, vor einem großen Fenster lag ein Buch. Es war relativ dick und mittelgroß. Neugierig trat ich näher heran und hob es auf. Als ich den vielen Staub herunterwischte, kam ein schmutzigbrauner Einband ohne Titel zum Vorschein. Ich wollte es gerade aufklappen, als sich plötzlich eine knochige Hand auf meine Schulter presste. Ich zuckte zusammen, drehte mich erschrocken um und hätte beinahe das Buch fallen lassen. Vor mir stand eine alte Frau mit krummem Rücken und faltigem Gesicht. Vermutlich die Bibliothekarin dachte ich nach dem anfänglichen Schock und beruhigte mich wieder. „Wo hast du das her?“, schnarrte die Frau mit erschrocken aufgerissenen Augen. „Ich...Ich hab es hier gefunden. Es lag hier... auf der Fensterbank.“, erklärte ich verschüchtert. „Aber, das kann nicht sein, ich habe doch...“, murmelte die Frau vor sich hin, „Hör zu, weißt du was?“, rief sie dann. Ihre Stimme klang ängstlich und zu hoch. „Ich schenke es dir! Du kannst es haben!“ Ich sah sie verwundert an. „Einfach so? Das kann ich...“ Sie unterbrach mich. „Doch, nimm es einfach mit.“, sagte sie schrill, „Und jetzt geh! Verschwinde!“ Irritiert und ein bisschen ängstlich sah ich sie an. „Aber ich...“ Sie packte mich am Arm. „Du musst jetzt gehen! Aber... sei vorsichtig.“ „Was meinen Sie damit?“, fragte ich erschrocken. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Das hier war echt zu seltsam. „Geh!“, kreischte sie beinahe. Vollkommen verwirrt trat ich einen Schritt zurück und taumelte auf den Ausgang zu, als plötzlich... „Ach, Mädchen!“ Ich drehte mich um. „Es tut mir leid.“, hauchte sie tonlos und ich sah, wie ihr Tränen in die Augen traten. Ich sah sie aus weit aufgerissenen Augen an. Mein Herz schlug gegen meine Rippen, ich hielt es nicht mehr aus. Was meinte sie damit? Dann drehte ich mich um und stieß die Tür auf. Mit schnellen Schritten ging ich los, das Buch an meine Brust gedrückt. Ich wurde schneller und schneller, bis ich schließlich die Straßen entlangrannte.

„Kann ich jetzt aufstehen?“, fragte ich ungeduldig. Meine Mutter sah mich streng an. „Nein, wir essen noch. Das hat sich auch in den letzten zwei Minuten nicht geändert.“, erklärte sie und musterte mich genau. Ich sah auf meinen Teller und stocherte missmutig in meinen Spagetti. Ich hatte keinen Hunger. Dafür war ich viel zu aufgeregt. Nachdem ich nach Hause gekommen war, hatte mich meine Mutter sofort zum Abendessen gerufen. Ich hatte gerade einmal Zeit gehabt, das Buch in mein Zimmer zu bringen. Jetzt war ich viel zu aufgeregt um zu essen. Ich wollte unbedingt wissen, was in dem Buch stand. Nicht zum ersten Mal überlegte ich, ob ich es wirklich behalten sollte. Die Frau hatte so verängstigt gewirkt! Aber bestimmt war das nur Show gewesen. Wahrscheinlich war es einfach ein normales Buch und das war nur ein Werbetrick, damit ich die folgenden Bände davon kaufte. Es war wahrscheinlich einfach eine Show gewesen, die sie bei jedem abzog. Das dachte ich jedenfalls damals.

Am Abend lag ich in meinem Bett. Ich hörte noch meine Mutter und meinen Vater im Wohnzimmer, aber ansonsten war es still. Meine kleine Nachttischlampe war angeschaltet und ich öffnete die Schublade am Nachttisch. Darin lag das Buch. Leise hob ich es heraus und legte es auf mein Kissen. Hier im dunklen Zimmer kamen mir doch Bedenken. Hatte die Frau wirklich nur eine Show abgezogen? Was hatte sie damit gemeint, dass ich vorsichtig sein solle? Und warum tat es ihr leid? Ach, das ist doch Unsinn! Was soll schon passieren? Beinahe ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich mich so hatte verängstigen lassen. Und doch... Und doch konnte ich diese unterschwellige Furcht nicht ganz abschütteln... Aber es half alles nichts: Wenn ich wissen wollte, was in dem Buch stand, musste ich es lesen. Mit angehaltenem Atem schlug ich den Einband auf und sah auf die erste Seite. Sie war leer. Verwirrt kniff ich die Augen zusammen und blätterte weiter. Auch die nächste Seite war leer. Ich blätterte durch das ganze Buch und stieß ein hysterisches, aber erleichtertes Lachen aus. Das ganze Buch war unbeschrieben! Es gab keinen Grund vor irgendwas Angst zu haben. Aber warum hatte sich die Frau dann so seltsam verhalten? Alles nur Show? Ein Spaß? Nein, das konnte ich nicht so recht glauben. Ich beschloss dem Geheimnis morgen auf die Spur zu gehen und die Frau einfach zu fragen. Aber jetzt würde ich erstmal schlafen.

Diese Nacht träumte ich schlecht. Ich rannte durch einen Wald. Es war finster. So finster, dass ich die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Und plötzlich war da das Feuer. Hinter mir brannte der Wald. Ich konnte die Hitze auf meiner Haut spüren. Ich keuchte. Noch schneller konnte ich nicht rennen! Und da war diese Stimme! Diese grauenhafte Flüstern. So hasserfüllt! Es war ein Mädchen, das konnte ich hören. Sie flüsterte und ihr Flüstern war überall: „Brenne, wie ich es getan habe!“


Mit diesem Flüstern im Ohr schreckte ich auf. Ich keuchte und mein Schlafanzug war völlig durchgeschwitzt. Durch das Fenster schien Sonnenlicht hinein und tauchte mein Zimmer in warmes Licht. Ich stand auf und zog mich um. Dann ging ich die Treppe runter in die Küche. „Guten Morgen, Schlafmütze“, begrüßte mich meine Mutter. Meine Familie saß schon am Tisch und frühstückte. Ich setzte mich mit einer Begrüßung dazu und schmierte mir ein Toast. „Also, ich werde dann gleich mal zu Tony gehen.“, sagte mein Bruder. „In Ordnung, ich kann dich hinbringen, ich wollte das Auto sowieso einmal beim Mechaniker prüfen lassen, da kommen wir bei Tony vorbei.“, meinte mein Vater. „Ich muss gleich noch Einkaufen gehen“, erklärte meine Mutter und wandte sich an mich, „Und was hast du vor?“ Ich hob den Kopf. „Ach, ich wollte nochmal zur Bibliothek gehen.“ Kurz sah meine Mutter mich verblüfft an. Dann: „Ach ja, du weißt es ja noch gar nicht: In der Nacht hat es in der Bibliothek gebrannt. Sie ist beinahe komplett abgebrannt und die Bibliothekarin wurde ins Krankenhaus gebracht. Und da... Nun ja, da ist sie gestorben.“ Es war als hätte ich einen Schlag gegen das Gesicht bekommen. Ich schluckte schwer. Sie war also tot... Das musste nichts zu bedeuten haben. Aber trotzdem konnte ich den Gedanken nicht abschütteln, dass das Buch etwas damit zu tun hatte...

Kurz darauf saß ich in meinem Zimmer. Ich musste irgendetwas tun. Seit dem Traum heute Nacht hatte mich so ein seltsames Gefühl der Rastlosigkeit und der Panik überkommen. Nein, eigentlich nicht erst nach dem Traum; es war schon da seitdem ich das Buch bekommen hatte... Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, aber ich tat es trotzdem. Es war wie ein Drang. Man kann eine Zeit widerstehen, aber irgendwann tut man es trotzdem. Ich holte das Buch raus und schlug es auf. Meine Augen weiteten sich. Auf der ersten Seite stand in roter Tinte und altmodischer Schrift ein einzelnes Wort: Hallo. War das gestern auch schon da? Ich hatte das ganze Buch durchgeblättert und nichts gefunden. Natürlich, ich konnte etwas übersehen haben, aber... irgendwie glaubte ich das nicht. Plötzlich kam mir ein Gedanke und ich musste grinsen. Du hast einfach zu viele Romane gelesen, sagte ich mir . Ich wusste, es hatte keinen Sinn, aber ich zog meinen Füller heraus und schrieb: Hallo. Nichts geschah. Aber was hatte ich auch erwartet? Während ich noch über mich selbst lächelte, geschah plötzlich etwas. In der gleichen Tinte und Schrift wie das erste Wort, bildeten sich plötzlich weitere. Du musst etwas für mich tun. Entsetzt starrte ich auf das Papier. Wie war das möglich? Irgendetwas stimmte hier nicht. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht! Bücher wurden geschrieben und gelesen. Aber Bücher schrieben sich nicht selbst! Ich wusste, dass das was ich jetzt machte absolut idiotisch war. Das Richtige wäre gewesen, das Buch zuzuklappen. Das Richtige wäre gewesen, es wegzuwerfen und nie wieder daran zu denken. Aber es gibt Momente, in denen man einfach nicht das Richtige machen kann. Und das hier war einer davon. Ich nahm also den Stift. Wer bist du? Schrieb ich mit angehaltenem Atem. Und ich musste nicht lange warten: Ich heiße Margaret und habe im 15. Jahrhundert gelebt. Du musst etwas für mich tun. Ich runzelte die Stirn. Also ist sie ein Geist...? dachte ich etwas spöttisch. Daran kann doch kein Mensch glauben! Dann fiel mir ein, dass ich gerade zugesehen hatte, wie sich ein leeres Buch von selbst mit Schrift füllte und plötzlich kam mir das nicht mehr ganz so absurd vor. Du bist also ein Geist? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ja. Du musst etwas für mich tun. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Plötzlich donnerte es und ich zuckte zusammen. Draußen türmten sich dunkle Wolken auf, nur gelegentlich von einem Blitz erhellt. Aber ich wandte mich wieder dem Buch zu. Wie bist du gestorben? Ich wurde als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Du musst etwas für mich tun. So langsam fand ich das alles zu unheimlich. Ich zitterte. Am liebsten hätte ich das Buch einfach weit weg geschleudert. Aber ich konnte es nicht. Irgendetwas zwang mich dazu weiterzuschreiben. Hattest du etwas mit dem Tod der Bibliothekarin zu tun? Ja. Sie hat mir nicht gehorcht. Sie dachte, sie könne mich loswerden. Das war ein Fehler. Du musst etwas für mich tun. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich die Buchstaben an. Ich wollte aufhören, das wollte ich wirklich! Aber ich musste es einfach fragen. Warum muss ich etwas für dich tun?
Du schuldest mir etwas. Alle Menschen hier in der Stadt tun das. Dafür, dass ich zu Unrecht getötet wurde.
Und was soll ich für dich tun? Im Grunde wollte ich die Antwort gar nicht wissen. Aber ich konnte einfach nicht anders, als trotzdem zu fragen. Du musst sterben. Ich keuchte geschockt auf. Was?! Ruckartig sah ich mich um. Niemand da. Ich atmete schnell. Mein Herz pochte gegen meine Rippen, als versuche es einen Weg herauszufinden. Ich wollte das Buch wegschmeißen. Aber dafür war die Bibliothekarin getötet worden! Trotzdem: Ich hielt es nicht mehr aus! Gerade als ich das Buch zuklappen wollte, erschienen noch mehr Buchstaben. Ich schloss die Augen und beschwor mich, das Buch einfach zuzuklappen, aber es ging nicht. Ich musste hinsehen. An deiner Stelle würde ich das Buch nicht zuklappen, wenn dir das Leben deines Bruders lieb ist! Ich zuckte zusammen. Mein ganzer Körper zitterte. Was meinst du damit?
Nun, möglicherweise ist er in Gefahr. Möglicherweise ist er sogar in Todesgefahr.
Wovon redest du? Er ist bei seinem besten Freund!
Dann ruf an und überzeuge dich selbst. Ich sprang auf und griff nach dem Telefon. Bestimmt würde ich gleich beruhigt werden. Bestimmt war er bei Tony. Natürlich ist er das! Ich wählte die Nummer und wartete ungeduldig, bis sich Tonys Mutter meldete. „Martha Milligan am Apparat. Hallo?“ „Hallo. Ich bin's die Schwester von Max. Ist er noch bei ihnen?“ „Nein, er ist vor einer Weile gegangen. Er hatte etwas zu Hause vergessen und wollte es holen. Ist er denn nicht angekommen?“ Ohne ein Wort zu sagen legte ich auf. Ich klappte beinahe zusammen. Als ich auf das Buch sah stand da: Glaubst du mir jetzt?
Was muss ich tun? Ich musste meinem Bruder irgendwie helfen! Dieser Geist hatte eine Frau getötet. Das hieß Max war in Lebensgefahr! Komm in den Wald und suche ihn. Der Wald war ein Stück weit entfernt. Ich sah aus dem Fenster: Das Gewitter war in vollem Gange. Aber ich hatte keine Wahl, denn in dem Moment bildeten sich weitere Buchstaben: Und beeile dich. Ich sprang auf, raste die Treppe hinunter und riss die Tür auf. Ohne Jacke hastete ich los, die Haustür ließ ich offenstehen. Ich rannte auf den Wald zu. Der eiskalte Regen prasselte auf meine nackten Arme. Der Donner war ohrenbetäubend. „Max!“, kreischte ich, als ich die ersten Bäume passiert hatte, „Max!“ Plötzlich schlug ein Blitz in den Baum hinter mir ein und der Baum fing Feuer. Ich schrie auf. Der Regen hätte das Feuer löschen müssen, aber es erlosch nicht, es breitete sich nur noch weiter aus. Und es kam auf mich zu. Ich begann zu rennen. Schneller und Schneller. Es war dunkel, die Sonne war von den Gewitterwolken vollkommen bedeckt. Nur das Feuer beleuchtete den Wald. Und es raste auf mich zu, verschlang hungrig die Bäume, wie es auch mich verschlingen würde! Ich spürte die Hitze auf meiner Haut. Neben mir sah ich etwas. Zuerst hielt ich es für weißen Dunst, aber es folgte mir, schwebte neben mir her. Da erkannte ich, dass es der Geist war. Sie trug ein verkohltes Kleid und ihr Haare waren angesengt. Und sie war durchsichtig. Aber all das war nicht mehr wichtig, denn das Feuer, was nicht natürlich sein konnte wurde immer schneller und das Gras unter meinen Füßen begann ebenfalls zu brennen. Und dann kam Margaret, der Geist auf mich zu und mir wurde schwarz vor Augen. Schmerz; unerträglicher Schmerz durchzuckte mich, als das Feuer von mir Besitz ergriff. Und das Letzte was ich hörte, war eine Stimme, die flüsterte: „Brenne, wie ich es getan habe!“

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