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Die warme Decke, deren Bezug aus beiger Seide bestand, schützte mich nur mäßig vor der Kälte, die sich durch das offene Fenster in mein Schlafzimmer schlich. Zitternd zog ich jene näher zu mir, während ich meine Augen weiterhin geschlossen hielt. Mein Geist war gefangen. Gefangen in einer Illusion, die sich aus einem nie endenden Fall ergab. In meinem Traum fiel ich in die Leere. Meine Arme ausgebreitet genoss ich die eiskalte Luft, die mir währenddessen meine langen, schwarzen Haare ins Gesicht peitschte. Ich wusste nicht wieso, doch ich schien den freien Fall zu genießen. Das letzte, was sich vor meinem Auge abspielte, war die harte und schmerzhafte Kollision mit dem pechschwarzen Asphalt, welcher Bekanntschaft mit meinem Gesicht machte.

Erschrocken wachte ich aus dieser grauenvollen Illusion auf. Panisch schnappte ich nach Luft und richtete mich auf. Wie immer, nachdem ich einen Alptraum erlebt hatte, ging ich zum Fenster. Mir selbst war es ein Rätsel, was mich zu dieser eingerahmten, durchsichtigen Schutzschicht hinführte, doch so sehr ich mich auch dagegen wehrte – nichts half. Still und allein durch das Knacken der alten Dielen unter meinen nackten Füßen, war ich auf dem Weg zu jenem unbekannten Ziel, das magisch nach mir rief. Am Fenster angekommen, hätte ich aus meiner plötzlichen Trance erwachen sollen – wie sonst auch – dennoch zog mich mein Körper weiter. Leichtfüßig landete ich mit der Ferse auf dem schmalen Sims, welcher sich zwischen den mehrstöckigen Apartments zog.

Während ich an der steinern, roten Wand entlang entlief, spürte ich kleine Steinchen, die sich in mein Fleisch bohrten. In meiner Trance nahm ich die kleinen, unangenehmen Schmerzschübe nur gedämpft war. Vielmehr richtete ich den Fokus auf die fast dunkle Schlucht unter mir. Nur wenige Autos durchbrachen mit ihrem künstlichen Licht die Dunkelheit. Nach einer Weile stand ich einer weiteren Hürde gegenüber. Eine lange Mauer mit engen Schlitzen dazwischen – gerade groß genug, dass meine Fußballen hineinpassen – erstreckte sich vor mir. Mühsam erklomm ich das Hindernis, bis ich erneut einen weiteren schmalen Weg vor mir sah. Das Ziel, zu welchem mich mein Geist führte, erstreckte sich von Mal zu Mal in die unendliche Weite. Schlussendlich traf ich auf ihn.

Einem hübschem Jungen, dessen Antlitz keinem Menschen auf der Erde gleichen konnte. Die Haare strahlten in leuchtend roten Farben, durchsetzt mit einem Schwarz, schwärzer als die Nacht. Dieser Eindruck verstärkt sein prachtvolles Abbild. Von diesem traumhaften Anblick verzaubert, legte ich eine Hand auf die eiskalte Glasscheibe, die sich wie ein Keil zwischen uns stellte und begann zu singen. Während ich sang, nahm ich die Bedeutung jener Worte kaum wahr. Es war, als habe mich ein unscheinbares Bedürfnis dazu gebracht, dieses eine Lied zu singen: „Gefroren im Inneren, ohne deine Berührung, ohne deine Liebe, Liebster. Nur du bist das Leben inmitten des Todes!“


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Weitaus verwundert betrachtete ich dieses Schauspiel, welches sich vor meinem Fenster ereignete. Dieses Mädchen… ihre nahezu totenbleiche Haut, welche unter dem hellen Licht des fahlen Mondes fast schon durchsichtig wirkte, zeichnete keinerlei Unreinheiten, sondern Schönheit aus. Schönheit, wie sie mit keinem anderen Wesen der Welt vergleichbar wäre. Sie war nicht von dieser Welt. Was war sie nur? Ein Engel? Ihre vollkommenen Lippen bewegten sich langsam. Anhand ihrer Bewegungen konnte ich erkennen, dass sie sang. Mir selbst war es ein Rätsel, was sie versuchte von sich zu geben und doch, bewegten sich meine Füße langsam und ohne jedwede Kontrolle von selbst. Dieses Lied… obgleich es nicht bis zu meinen Ohren gelangte, sorgte es für mein plötzliches, unüberlegtes Handeln. Da war ich mir sicher.

Je näher ich meinem Ziel kam, desto mehr und mehr bahnte sich etwas in meinen Kopf, dessen Offensichtlichkeit sich nur bis dato versteckt hielt. Sie würde fallen. Mein hübscher, wunderbarer Engel, wie er im Buche steht, würde fallen! Als sich jene verborgene Erkenntnis mit jedem Mal immer weiter in meinem Gehirn voranschritt, riss ich das Fenster auf, noch bevor mein Mund jene Worte verließen: „Halt dich fest!“ Doch so schnell meine Tat von statten ging, umso gefährlicher war das Resultat, welches ich fälschlicherweise nicht bedacht hatte. Über die aufkommende Reaktion meinerseits überrascht, verlor sie den Halt, drohte in die nachtschwarze Tiefe hinabzustürzen, dessen Untergrund wie blitzende, scharfe Reizzähne sie gnadenlos in den Tod befördern würde.

Instinktiv stieg ich mit zwei Schritten auf den Sims herab und griff eine ihrer zierlichen Hände, die sie mir bereits entgegenstreckte. Ihr Gesicht, dessen Aussehen ich so eben mit Faszination und völligen Unglauben betrachtet hatte, hatte sich binnen Sekunden zu einer von Angst entstellten Fratze verzerrt, dessen Anblick jenseits dem eines Engels glich. Meinen Engels. Tränen rannten ihr immer bleicher werdendes Gesicht hinab. Meine Hand umklammerte nahezu begierig ihr zartes Handgelenk. Verzweifelt versuchte ich sie mit aller Macht zu mich hochzuziehen, ihren zittrigen, kalten Körper bei mir zu spüren und diesen in Sicherheit zu bergen; dennoch blieb jener Versuch nichts weiter als ein ferner Wunsch dessen Erfüllung wohl nie geschehen würde.

Immer mehr rutschte ihre Hand von meiner ab. In meinem Kopf bahnten sich bereits in Sekundenschnelle Bilder, welche das vorhergesehene Geschehnis abspielten, während mein Sprechorgan zeitgleich Worte verließen, dessen Bedeutung mir erst später bewusst werden würden: „Lass mich hier nicht sterben, da muss schon mehr sein!“ Ein letztes Mal versuchten wir beide gegen das bevorstehende Ende anzukämpfen, doch als sie soeben ihren Fuß gegen den steinernen Rand des Sims absetzte und mir für diesen Moment die Chance gewährte sie aus dieser grausamen Situation zu befreien, rutschten ihre Finger, wie von Geisterhand, gänzlich durch meinen Griff – alles was ich hörte und sah waren ihre Schreie, dessen ohrenbetäubender Klang, samt ihrem Körper in der Dunkelheit verschwand…

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Freier Fall. Es war genauso wie in meinem Traum. Der Wind peitschte mir meine langen, schwarzen Haare ins Gesicht. Mit jedem Meter, den ich fiel, schien ich dem schwarzen Untergrund immer näher zu kommen, jedoch fühlte sich jede verstrichene Sekunde an, wie eine Ewigkeit, oder war ganz einfach die Zeit stehen geblieben? Dennoch, was kümmerte mich diese albernere Frage? Nach dem Tod ist alles, was war, vergangen und alles was sein würde, nie geschehen. Ein warmes, fast schon freudiges Lächeln formte sich auf meinen Lippen, mit dem Moment indem der Schmerz nachließ und das grelle Licht anstelle der beißenden Dunkelheit Platz nahm… 


BlackRose16 (Diskussion) 18:15, 21. Jan. 2017 (UTC)

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