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Die Eltern erwarteten ein Kind. Ein kleines Mädchen. Doch sie waren überrascht, wurden ihnen entgegen ihrer Erwartungen doch zwei Kinder geboren worden. Es waren Zwillinge, ein Mädchen und ein Junge, die sich glichen bis aufs Haar. Beide hatten sie glattes hellbraunes Haar und strahlend grüne Augen. Auch ihre Gesichtszüge waren sich ähnlich, ähnlicher noch als bei den meisten Zwillingen. Man könnte meinen, sie seien ein und die selbe Person, waren sie so gleich, und doch so verschieden.

Als beide noch klein waren, schlief der Junge fast immer, lag in der Ecke und blieb der Außenwelt fern. Das Mädchen versuchte auch nie ihn zu wecken. Bemerkte kaum, dass er da war. So tat sie ihre Sache und ließ ihn schlafen.

Als sie älter wurden, in die Schule geschickt wurden, wurde er unruhiger. Er wurde öfter wach, redete mehr, tat mehr. Doch seine Schwester ließ ihn auch jetzt noch nicht zu Wort und nicht aus seiner Ecke herauskommen. Sie war stärker als er. Wollte ihm keine Kraft geben. Sie wurde ein beliebtes und schönes Kind, während er weiter vor sich hinmodern durfte.

Die Kinder wuchsen immer weiter heran, entwickelten sich. Das Mädchen war ein fideles und glückliches Kind, das alles hatte was es sich wünschen konnte. Doch der Junge wurde zunehmend trauriger. Er verkroch sich immer nur in seine Ecke. Ihm wurde kaum, ja gar keine Beachtung geschenkt. Er war nur ein Schatten seiner stärkeren Schwester. Seiner stärkeren, ach so schönen Schwester.

Einige Jahre ging es so, dass sie immer fröhlich und vergnügt war, und er sich weinend tiefer in die dunkle Ecke hineinzwängte. Sehr wenige Menschen schienen zu wissen, dass der kleine Junge existierte. Und wer ihn wahrnahm, der hatte nichts besseres und nichts geringeres im Sinn, als ihn auszulachen, zu verletzen.

Er hielt das so nicht aus. Weder bei seinen Eltern, die sich um ihn nicht kümmerten, noch bei seiner Schwester, die seine Existenz leugnete, konnte er Zuflucht finden.

So kam es, dass er sich in einer ruhigen Nacht heimlich und unbemerkt aus seinem Zimmer stahl. Nicht etwa um zu fliehen, wohin auch, nein, er suchte lediglich ein Objekt, welches er auch mitnahm. Langsam trottete er zurück in sein Zimmer. Seine von den Tränen rot angelaufenen Augen matt und glanzlos, sein Haar strähnig und verschmutzt, war er nicht nur ein Schatten seiner Schwester, sondern auch seiner Selbst. Wie erschöpft ließ er sich in seine beinah liebgewonnene Ecke sinken. Zitterte. Weinte. Leise, nein vorsichtig, wollte er doch seine schlafende Schwester nicht aufwecken, zog er das Objekt, das er entwendet hatte wieder hervor. Sein Gesicht spiegelte sein Leid an die Klinge des Messers.

In einer zögerlichen Bewegung ließ er es auf seinen Arm hinabsinken. Angesichts der Kälte des Messers zuckte er. Wusste es gab kein Zurück. Wusste es gab keinen Ausweg. Schluckte schwer. Und begann zu schneiden. Über die getrockneten Tränen auf seinem Körper ließ er die Klinge mit immer flüssigeren Bewegungen gleiten, wo sie tiefe rote Kratzer zurückließen. Das hellrote und dunkelrote Elixier vermischte sich auf dem Boden mit den salzigen Tränen und breitete sich gleichmäßig auf dem Boden aus. Er seuftzte. Genoss den Schmerz, der aus den Schnitten sickerte. Fühlte sich erleichtert.

Auch wenn die Wunden alles andere als oberflächlich waren, hatte der Junge doch ein starkes Herz, das nicht aufhören wollte zu schlagen. Wollte ihn noch quälen. Wollte ihn noch nicht von seinen Torturen erlösen. So starb er nicht, in dieser Nacht.

Seine Schwester hatte ihn bemerkt. Sie hatte sich ehrliche Sorgen gemacht, ehrliches Mitleid empfunden, als sie ihn blutüberstörmt auf dem Boden liegen sah. Einige ungewollte Tränen huschten flink über ihre Wangen, bevor sie umdachte, und sich wegdrehte. Sie wollte ihren Bruder ignorieren. Sein Leid war ihr egal. Er mit seinen Depressionen sollte sie in Ruhe lassen. Ein so hübsches Kind brauchte sich nicht derartige Sorgen machen.

Genau den selben Ablauf hatten viele Nächte darauf. Der Junge konnte es nicht, den finalen Schnitt setzen, und das Mädchen konnte es nicht, sich zu ihm umdrehen. Zumindest in einer Zeit, die dem Jungen vorkam wie Jahrzehnte, und dem Mädchen wie wenige Tage.

Eines Morgens jedoch, als das Mädchen ihn wieder einmal allein gelassen hatte, hielt er es einfach nicht mehr aus. Ohne Gnade drückte er den kalten Stahl endlich an seinen Hals. An die linke Seite, wo das Leben heftig und ängstlich pochte. Er atmete flach. Die Tränen kullerten seine Wangen hinab. Niemals hatte man ihn bemerkt. Niemals hatte man ihn gewollt. Niemals hatte man ihm zugehört. Nicht einmal seine eigene Schwester wollte wahrhaben, dass es ihn gab! Ein letzter Schnitt, und es würde vorbei sein. Der süße Tod würde ihm zur Seite stehen, wie es in seinem Leben keiner getan hatte. Bei dieser Vorstellung seufzte er in Sehnsucht, einer fast freudigen Erwartung tief auf. Noch einmal schaute er seine Arme herab. Alle Schnittwunden und Verbrennungen sind deutlich zu erkennen. "Auf... Wiedersehen... Schwester...", wisperte er, und bewegte die Klinge ruckartig nach rechts.

Währenddessen stand das Mädchen mit seinen Eltern vor Besuch. Einige Freunde selbiger waren vorbeigekommen. Sie stand hohl lächelnd und apathisch da, in einem schönen blauen Kleid, und mit einem geflochtenen Haarreif im langen haselnussbraunen Haar. Schön wie eh und je. Glücklich, fröhlich. Traurig, leidend.

"Du bist aber ein hübsches Mädchen!", rief jemand ihr als Kompliment zu. Das Mädchen verbreiterte ihr Lächeln und bedankte sich mit zuckersüßer Stimme. Während ihr Bruder in der dunklen Ecke still und leise seine letzte Träne vergoss.

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