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„Scheiße, Dave! Ich knall' die Viecher jetzt ab. Wenn die irgendwie heillig sind, dann bin ich Jesus.“ schreit Kevin, während er den Griff seiner Axt so fest mit beiden Händen umklammert hält, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Kevin ist noch nicht lang bei unserer Gruppe und ich habe schon länger den Verdacht, dass er sich uns nicht aus Überzeugung angeschlossen hat, sondern nur um nicht allein überleben zu müssen und sich von uns durchfüttern zu lassen.

Zugegeben – der in ein zerrissenes Holzfällerhemd gekleidete Mann, die noch in ein beiges Nachthemd gehüllte Frau und die beiden kleinen Mädchen in ihren T-Shirts mit aufgedruckten Einhornmotiven, die bisher als Familie Mayer in diesem Haus gewohnt hatten, bieten keinen erfreulichen Anblick mehr. Ihre Haut ist gräulich und an einigen Stellen gibt sie den Blick auf rohes Muskelfleisch frei. Einem der Mädchen fehlt ein Auge und dem Mann der rechte Arm, was sie aber nicht davon abhält, langsam aber sicher auf Dave und seine Gemeinschaft zuzuschlurfen. Sie sind ein ekelhafter Anblick. Dennoch hätte ein wahrer Gläubiger ihr Erscheinen begrüßt. Boten Sie doch eine weitere einmalige Chance, den Messias zu finden.

„Wenn du sie tötest bevor das Ritual der Prüfung vollendet ist, töte ich dich!“ warne ich ihn. Um seine Worte zu bekräftigen hebt ich meine silberglänzenden Revolver, deren Griffe aus dem Kreuz des ersten Messias geschnitzt worden waren und ziele damit auf Kevins Kopf. Meine anderen neun Jünger halten sich im Hintergrund. Keiner von ihnen zeigt Anzeichen von Angst.

Kevin wirft mir einen flehenden Blick zu, aber noch schlägt er nicht mit seiner Holzfälleraxt zu, obwohl ihn das Mädchen mit dem fehlenden Auge beinah erreicht hat. Schritt für Schritt weicht er zurück.

Währenddessen trete ich furchtlos auf die verwandelte Familie zu, wobei ich mich zunächst an den Vater wende.  „Sohn Adams. Sehender in der Dunkelheit. Erkennender in der Blindheit. Frucht der Schöpfung, der du die Schwelle des Todes übertreten hast. Spreche zu uns von Ewigkeit.“

„Spreche zu uns von Ewigkeit“ wiederholt der Chor meiner Jünger. Selbst Kevin, auch wenn seine Stimme zittert.

Währenddessen beschreibe ich mit meinen Händen nicht etwa das Kreuz, sondern den Kreis und die liegende Acht. Die uralten Symbole der Unendlichkeit.

„Spreche zu uns von Glückseligkeit.“

Das Mädchen streckt die klauenartige Hand aus und öffnet ihren verfaulten Mund, um nach Kevin zu schnappen. Der zitternde Mann kann nun nicht mehr weiter zurückweichen. „Scheiß drauf!“ ruft er und holt mit seiner Axt aus. In einer beinah automatischen Bewegung reisse ich meine Revolver herum und versenke zwei Kugeln direkt in Kevins Schädel. Die großkalibrigen Explosionsgeschosse reißen riesige Löcher in seinen Kopf und schenken ihm enen schnellen Tod. Mit einem ungläubigen Lächeln sinkt er zu Boden. Er würde sich nicht wieder erheben. Er war der Ewigkeit nicht würdig gewesen.

„Spreche zu uns von Erlösung!“ vollende ich das Ritual, während der Chor meine Worte wiederholt.

Ich hoffe auf eine Antwort aus dem fleckigen Mund des dicklichen, stinkenden Familienvaters mit den wirren Haaren, doch er bleibt still. Kein göttlicher Funke wohnt in ihm. Er ist nicht der erhoffte Erretter. Zwei gut gezielte Schüsse in den Hirnstamm verwandeln seinen Kopf in Brei und beenden seine falsche Unsterblichkeit.

Inzwischen bewegt sich der Rest der Familie auf meine wahren Jünger zu. Ich mag fest und unnachgiebig in meinem Glauben sein, aber ich will meine getreuen Anhänger dennoch nicht unnötigen Risiken aussetzen. Kevin hatte ich prüfen wollen, doch er hat versagt. „Nehmt die Seile!“ befahl ich ihnen deswegen, und sofort machen sich die Anderen daran, die verbliebenen Zombies einzufangen.

Als erstes versucht sich John daran eines der beiden kleinen Mädchen zu fesseln. Mit beinah zwei Metern, großen Muskelpaketen und einem verfilzten Vollbart, ist John eine durchaus imposante Erscheinung.  Deshalb bereitet es ihm – Zombie hin oder her – kaum ein Problem ein kleines Mädchen zu überwältigen und an das Geländer der Treppe zum ersten Stock festzubinden.

Dummerweise geingt es der Kleinen aber dennoch ein ordentliches Stück John aus seinem Arm zu beißen. Jeder der Anwesenden weiß genau, was das bedeutet und macht sich bereit, John notfalls den Kopf abzuschlagen. Aber noch ist der Glaube des Hünen stärker als der Virus. Noch.

Dabei ist John zwar das größte Opfer der Familie Mayer, aber nicht das Einzige. Lisa und Martin hat es ebenfalls erwischt, womit meine Schar von zehn Jüngern sich in eine Gruppe von nur noch sechs Gesunden, zwei Infizierten und zwei Toten verwandelt hat. Martin hatte versucht zu fliehen nachdem er gebissen wurde, weswegen sein Kopf nun sauber abgetrennt neben seinem verräterischen Körper liegt. Es war nicht nötig gewesen ihn zu prüfen. Der wahre Messias hätte keine Angst vor seiner Erhöhung gehabt. Das Licht Gottes hätte ihm Frieden geschenkt und ihn ruhig auf seine Bestimmung warten lassen.

Nun gibt es in diesem Haus nur noch fünf Kandidaten, die allesamt nebeneinander an die Treppe gefesselt sind. Die Frau und ihre beiden Töchter, sowie John und Lisa, deren Haut bereits grau zu werden beginnt und denen kalter Schweiß auf der Stirn steht. Wir führen bei vier von ihnen das wohlbekannte und oft eingeübte Ritual durch. Aber leider muss sowohl der Rest der Familie Mayer als auch der inzwischen gänzlich verwandelte John von der falschen Unsterblichkeit erlöst werden. Sehr schade. Dabei hätte John einen beeindruckenden Messias abgegeben. Während des Rituals hatte er so wild gekämpft und getobt, dass seine Fesseln zerrissen waren, und ich habe ihm höchstpersönlich mit seinen Revolvern Frieden schenken müssen.

Als letztes bleibt noch Lisa übrig. Die zierliche, unscheinbare Frau mit den schwarzen Haaren und dem gütigen Gesicht, zeigt sich noch widerstandsfähiger gegen ihre Verwandlung als der verstorbene Riese. Ihre Haut ist wächsern und grau, sie zittert und ihre Augen sind eingetrübt, aber dennoch ist sie noch immer bei Bewusstsein. Vielleicht ist das ein Zeichen.

„Grüßt Tim und Daniel von mir, wenn ihr sie seht.“ bringt sie stotternd hervor. Die beiden sind ihre verschwunden Kinder, von denen sie noch immer gehofft hat, dass sie lebten. „Ich habe sie nie vergessen.“

„Das werde ich. Hab' keine Angst, Tochter Evas.“ sage ich feierlich.

Ich sehe in ihren Augen, wie ihr Geist zu kippen droht. Bald ist es endlich so weit. Die Stunde der Wahrheit. Ein letztes Mal gibt sie etwas als Mensch von sich, wobei die Worte bereits mit einem leisen Knurren vermischt sind. „Ich hatte doch nur Leben wollen. Einfach nur Leben wollen, ich ...“ ihre letzten Worte verschwinden in Knurren und Geifern, als ihr Geist ins Vergessen fiel und sie die Bestie wird. Die Bestie, die wir prüfen müssen.

In getragenem Ton beginne ich die heiligen Worte zu sprechen. „Tochter Evas. Sehende in der Dunkelheit. Erkennende in der Blindheit. Frucht der Schöpfung, die du die Schwelle des Todes übertreten hast. Spreche zu uns von Ewigkeit.“

„Spreche zu uns von Ewigkeit.“ wiederholt der Chor und ich zeichne die Symbole der Unendlichkeit in die Luft.

„Spreche zu uns von Glückseligkeit.“

„Spreche zu uns von Glückseligkeit.“ wiederholt die ausgedünnte Gruppe meiner Jünger.

„Spreche zu uns von Erlösung.“

„Spreche zu uns von Erlösung.“ echot es aus sechs Kehlen, doch Lisas einzige Antwort ist ein geistloses Knurren. Ich erlöse sie von ihren Qualen.

~o~

Der Rest der „Gemeinschaft des endlosen Kreises“, wie sich unsere Gruppe nennt, macht sich daran die Leichen wegzuschaffen, das Haus zu reinigen, Schäden an den Wänden, Türen und Fenstern auszubessern und die Vorräte zu sichten.

Heiko, der sich um die Vorräte kümmern sollte, kommt gerade von seinem Rundgang zurück. Der Rest der Gruppe hat sich auf Meine Anweisung hin bereits auf der weißen, blutbefleckten Kunstledergarnitur der Mayers versammelt.

„Wie ist die Lage, Heiko?“ frage ich, nachdem ich mich auf dem Sessel der Garnitur niedergelassen hatte und während ich gerade meinen weißen Cowboyhut zurechtrücke. Mit dem Hut, den Lederstiefeln und dem schwarzen zerrissenen Talar wirkte ich auf die Meisten wie eine Mischung aus Cowboy und Priester. Auch wenn ich genau genommen keines von beiden bin, sondern nur ein normaler abgefuckter Typ, der sich angesichts des Endes der Zivilisation verzweifelt an eine religiöse Idee klammert, die er sich so oft erzählt hat, bis er sogar selbst daran glaubt.

„Ganz Ok.“ antwortet Heiko. Heiko ist ein gutaussehender und etwas naiver blonder, junger Mann Anfang zwanzig mit einer grotesk hohen Stimme.

„Zwanzig Konserven mit Bohnen. Dreizehn mit Mais. Acht mit Erbsen. Zwanzig verschiedene Obskonserven. Hauptsächlich Annanas und Mandarinen. Drei Gläser mit sauren Gurken. Jeweils drei Packungen Nudeln und Reis. Außerdem fünf Packungen Eiweisspulver und irgendso ein Sojagranulat. Sieht alles noch ganz brauchbar aus. Die Softdrinks sind natürlich umgekippt. Aber es gibt noch zwei Flaschen Wodka. Und zwei Sixpacks Flaschenwasser. Außerdem Streichhölzer und Batterien. Insgesamt mehr als ich erwartet hätte.“

„Wunderbar, mein Sohn. Dann lasst uns Gott für diese Gaben danken.“ Wir alle schliessen die Augen und falten die Hände zu einem Kreis indem wir die Fingerspitzen mit gekrümmten Fingern aneinanderhalten. „Oh Begründer der Welt, der du deinen Sohn von den Toten wiedererwecktest, wir danken dir für deine gütigen Gaben, die die teuflische Endlichkeit einmal mehr auf Abstand halten.“

Nach der kurzen Zeremonie erhebe ich mich von seinem Sessel und zeige auf ein großgewachsenes ganz in grau gekleidetes weibliches Mitglied unserer Gruppe, das auf den Namen Susanne hörte.

Susanne war die Erste gewesen, die meinem heiligen Ruf gefolgt war. Sie ist keine Schönheit. Ihre Dreiundvierzig Jahre sind bereits deutlich in ihr hartes Gesicht gezeichnet, um ihren Mund ist ein bitterer Zug und in ihren hellgrauen Augen steht das ganze Leid der Apokalypse geschrieben. Dennoch ist sie die Einzige, der ich einigermaßen vertraue und auch die Einzige mit der ich das Bett teile. Ich liebe sie nicht – diese Fähigkeit ist mit dem Tod meiner Frau in mir gestorben – aber sie hält mich stabil genug, um weiterzumachen und meinen göttlichen Plan zu erfüllen und sie hat so wenig mit Carola gemeinsam, dass es mir nicht wie Verrat vorkommt. Außerdem halte ich nicht viel vom Zöllibat. So eine Art Priester bin ich nicht.

Vor allem aber ist Susanne eine brandgefährliche Kämpferin, die mit ihrer großen Machete bereits die Köpfe einiger falscher Unsterblicher von ihren Schultern gelöst hat.

„Susanne. Du kommst mit mir. Wir erkunden die Umgebung. Vielleicht finden wir dort weitere Vorräte, Überlebende oder Unsterbliche, die wir prüfen können.“ Susanne nickt, nimmt ihre Machete vom Tisch und erhebt sich.

„Stefan. Du hast in meiner Abwesenheit das Kommando. Macht unseren Unterschlupf so sicher wie möglich und bereitet das Abendessen vor. Wir sind vor Sonnenuntergang zurück.“

Dann schreiten wir beide durch die weiße Holzür des Hauses hinaus ins Unbekannte. Hinaus in eine Welt in der vielleicht die Erlösung wartet. Vielleicht aber auch nur der Tod.


~~ AngstkreisCreepypasta ~~