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Seine Operation lag bereits einen ganzen Monat zurück, und nun war endlich der Tag der Aktivation gekommen, dem er mit durch einen fetten, schwarzen Marker durchgestrichenen Tagen im Kalender entgegengefiebert hatte.

Nach achtzehn Jahren der Taubheit hatte mein bester Freund endlich Cochlea-Implantate bekommen, da er mit 10 aufgrund eines Autounfalls sein Gehör verloren hatte. Nur für dieses Ereignis hatten wir eine kleine Party innerhalb des dazu eigentlich viel zu kleinen Krankenhauszimmers organisiert, weswegen sich nun beinahe ein Dutzend seiner engsten Familienmitglieder und Freunde um ihn herum versammelt hatte und alle neugierig auf ihn hinabblickten.

Seine Frau war die Erste, die etwas sagte.

„Hey, Schatz. Jetzt verstehst du mich endlich auch, wenn ich dich das nächste Mal wieder anbrülle, weil du die Spülmaschine nicht ausgeräumt hast.“

Er hörte ihre Stimme und begann prompt zu weinen, während der Rest von uns aufgrund ihres spitzbübischen, aber immer noch tiefverknallten Grinsens in schallendes Gelächter ausbrach.

Wir alle wechselten uns mit dem Sprechen ab, nannten unsere Namen und erzählten Belangloses, damit er sich an unsere Tonlagen gewöhnen konnte. Aus irgendeinem Grund wurden wir schrecklich emotional, und obwohl das Reden miteinander für uns vollkommen alltäglich war, schien es jetzt schon fast etwas Heiliges an sich zu haben. Keiner wagte es, jemand anderen zu unterbrechen. Keiner wagte es, den magischen Moment zu beenden.

Außer natürlich er selbst.

Er sah zu mir hoch und fragte mich mitten in meinem Satz, was dieses Geräusch sei, das er schon die ganze Zeit im Hintergrund höre. Zuerst nahm ich an, es handele sich dabei um das mechanische Surren der Maschinen oder um das stetige Rascheln unserer Kleidung, das wir mit unseren unruhigen Bewegungen unbeabsichtigt auslösten. Es dauerte eine Weile, um zu verstehen, was er meinte, doch als ich es wusste, musste ich schmunzeln.

Ich erklärte ihm, dass das, was er hörte – oder in diesem Fall eher nicht hörte – die Stille sei.

Er schüttelte seinen Kopf.

„Das ist keine Stille.“, erwiderte er prompt, fest überzeugt. Er hörte seine Stimme zum ersten Mal seit einer langen Zeit, und seine Aussprache war merkwürdig verwaschen. „Ich habe die Stille mein ganzes Leben lang gehört. Das hier ist anders. Das hier ist keine Stille.”

Ein Geräusch kam von außerhalb des Krankenzimmers und er setzte sich sofort auf.

„Das! Das war Stille.“

Trotz seiner beinahe euphorischen Reaktion breitete sich Beklommenheit in dem kleinen, plötzlich noch enger wirkendem Raum aus, und einige von uns tauschten entrückte Blicke aus, die ihn natürlich verwundert aufhorchen ließen.

„Nein...“, begann ich stockend, nachdem sich niemand anderes getraut hatte.

Mein bester Freund sah mich verwirrt an, doch er war hauptsächlich neugierig, während dem Rest von uns der Magen in die Kniekehlen sackte.

“Da draußen hat gerade jemand geschrien.“