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Was für ein perverser Zufall. Meine Schwester hat ausgerechnet an Halloween Geburtstag, was mich niemals gestört hat, weil ich sie dann nie auf eine „Süßes oder Saures“-Tour begleiten musste, aber heute... heute war mir das zu viel.

Meine Mutter öffnete die Tür zu meinem Zimmer und blickte mich mit einem missbilligenden Ausdruck in ihren Augen an: „Claire, du könntest wenigstens für den Kuchen mit runterkommen. Du kannst dich nicht die ganze Zeit hier einkerkern.“

Ich war versucht, ihr die Zunge herauszustrecken, ließ es dann aber sein. Als Siebzehnjährige sollte man sich erwachsener verhalten: „Ich werde es dir sicher nicht noch mal erklären: Solange diese bepinselte Bestie da unten rumtorkelt, werde ich hier oben bleiben, bis Stjepan mich zur Party abholt.“ Sie schüttelte den Kopf, verstand es nicht, gab aber auch nicht auf: „Wie kannst du dich so auf eine Halloweenparty freuen und doch Angst vor einem Clown für Kinder haben? Und komm mir jetzt nicht wieder mit diesem Fachbegriff. Denk an deine Schwester. Sie ist elf, sie versteht es nicht. Für sie sieht es so aus als wolle ihr großes Vorbild Claire nichts mit ihr zu tun haben. Wenigstens den Kuchen, Claire. Für sie.“

Blöde Pissnelke. Ausgerechnet das eine Familienmitglied gegen mich zu verwenden, das mir nicht am Arsch vorbeigeht. Jetzt hieß es also abwägen zwischen meiner Coulrophobie, dem Fachbegriff für die Angst vor Clowns, und meiner kleinen Schwester, die sich mit ihren Fünftklässlerfreunden vergnügte. Ich verdrehte die Augen und wünschte mir im Stillen, ein Einzelkind zu sein: „Ich komme ja schon.“



Was meine Mutter nie verstanden hat und bei ihrer eingeschränkten Intelligenz, die Gott sei Dank weder Klara noch ich geerbt haben, auch nie verstehen wird, ist die Tatsache, dass ich zu Halloween auf Gruselpartys gehe, weil es Spaß macht, mir einen Schrecken einjagen zu lassen. Hingegen, sich seinen wahren Ängsten zu stellen ist ein vollkommen anderes Paar Schuhe. Als ich die Treppe hinunterlief und mir der Geburtstagsclown entgegenwatschelte, in einer seiner behandschuhten Hände ein Ballontier das aussah wie ein radioaktiv verstrahltes Hühnerbein, blieb mir beinahe das Herz stehen. Ich schloss die Augen für einen Moment und atmete durch. Sagte mir, dass es nur ein verzweifelter Mann in einem billigen Kostüm ist, mit tonnenweise bunter Schminke überzogen damit man sein Gesicht ja nicht erkennt, wenn er sich mit kleinen Kindern vergnügt... Oh, die Gedanken drifteten schneller in eine unangenehme Richtung ab als erwartet. Ich biss mir auf die Zunge, schob mich an der farbenfrohen Bestie vorbei und strauchelte ins Esszimmer, wo ich beinahe über ein paar Halbwüchsige stolperte. Das hatte ich wohl nötig, es lenkte mich für eine Sekunde von dem Clown ab, und als er einmal aus dem Kopf war, kratzte er vorerst quasi nur an meiner Hirnrinde, anstatt sich an der Amygdala festzubeißen.

Apropos beißen, den Kuchen konnte ich tatsächlich genießen, als ich das strahlende Lächeln auf dem Gesicht meiner Schwester sah. Ich vergesse allzu schnell, wie viel es einem Kind bedeuten kann, wenn das große Geschwisterchen sich ihm widmet. Dennoch war ich froh, als Stjepan eine halbe Stunde später an der Tür klingelte. Erst als ich neben ihm in seinem Wagen saß, fühlte ich mich von dem Nagen an meinem cerebralen Angstzentrum befreit.



„Alles in Ordnung mit dir?“ Wir fuhren schon seit knapp fünf Minuten und ich hatte kaum ein Wort gesagt, und auch wenn das nicht allzu unüblich für mich war, schien Stjepan zu merken, dass es mir alles andere als gut ging. Ich überlegte erst, so zu tun als sei nichts passiert, aber dann fiel mir ein, dass ich nicht umsonst mit ihm zusammen war. Wozu schweigen, wenn man sein Leid teilen kann?

„Meine Schwester hatte heute ihre Geburtstagsparty.“, murmelte ich, „Und rate mal, was meine bescheuerte Mutter dafür organisiert hat.“ Er blickte kurz von der mäßig beleuchteten Straße zu mir und sagte: „Also so blass wie du aussiehst vermute ich, dass dein Vater zu Besuch war.“ Ich boxte ihm in die Seite, was das Auto mit einem leichten Schlenker beantwortete: „Arsch. Darüber hätte ich mich vielleicht sogar freuen können. Sie hat n Geburtstagsclown angeheuert.“

Zuerst dachte ich, dass etwas mit den Autoreifen nicht stimmte, aber schnell merkte ich, dass er lediglich scharf die Luft zwischen seinen Lippen ausstieß: „Das ist echt gemein. Wie hast du es überstanden? Dich in deinem Zimmer eingeschlossen?“ Ich nickte: „Bis meine Mutter mir Schuldgefühle eingetrichtert hat, dass ich Klara damit verletzen würde. Hab mich dann irgendwie zum Wohnzimmer durchgekämpft und auf dich gewartet.“

„Ha. Und als Reallife-Äquivalent zum strahlenden Ritter auf einem weißen Ross komme ich in meinem rostigen Wägelchen angebraust. Lustige Vorstellung, irgendwie. Wo müssen wir noch mal abbiegen?“

Der letzte Satz riss mich kurz aus dem Konzept, sodass ich einige Sekunden brauchte um mir darüber klar zu werden, wo genau wir waren und wo es hinging: „Ähm, in... etwa einem Kilometer oder so müssen wir in einen kleinen Waldweg abbiegen, dann sehen wir weiter. Ich war selbst noch nie da, aber so wie es in der Einladung hieß sei die Party kaum zu verfehlen.“

Die restliche Fahrt über schwiegen wir. Ich bereitete mich darauf vor, auf der Party mindestens einem blutbespritzten Clown zu begegnen, von denen es dank Stephen Kings Pennywise immer mehr gab, und Stjepan musste auf die Straße achten, die dunkel, eng und ihm unbekannt war. Nach gut einer Viertelstunde auf diesem Weg zuckte er zusammen, brüllte „Shit!“ und riss das Lenkrad herum, bevor ein lauter Knall mir das Bewusstsein raubte.



Das erste, was ich wahrnahm, als ich wieder aufwachte, war ein zäher, metallener Gestank. So als ob Stahl bluten würde... oder, wie mir dann aufging, als ob irgendetwas bluten würde. Direkt neben mir. Etwas, das mein Freund war vielleicht? Ich versuchte mich zu bewegen, was von einem brennenden Schmerz auf meiner Stirn begleitet wurde. Offenbar war ich selbst es, die blutete wie ein Schwein, aus einer Schürf- oder Kratzwunde an meiner Stirn.

Dann übernahm der rationale Teil meines Denkens für einen Moment die Kontrolle: Bewegen ist nicht, also erst mal nachdenken. Was war passiert? Stjepan hatte irgendwas auf der Straße gesehen, dann war er in einen Baum gerasselt. So weit, so unhilfreich. Hatte ich dieses... wasauchimmer ebenfalls gesehen? Nachdenken, Claire. Nachdenken...

Ja, etwas hatte ich gesehen. Ein paar wilde Farben, weiß, rot, blau vielleicht? Durcheinandergewürfelt wie das Outfit meiner Schwester letztes Karneval, als sie als Fee, Hexe und Wookie zugleich gehen wollte. Toll, also wurden wir von einem gewaltigen Farbballen abgedrängt? Unwahrscheinlich.

Ich merkte, dass ich mich ein wenig besser bewegen konnte, ohne dass mein Schädel zerplatzte wie eine Seifenblase, und der logische Teil meines Hirns schaltete sich ab. Ich blickte nach links, in der Hoffnung, meinen Freund zu sehen, und blickte ins Leere, durch eine offene Tür auf einen matschigen Feldweg. Offenbar hatte es vor kurzem geregnet, was kein gutes Zeichen war. Wie lange war ihn ohnmächtig? Und wo war...

Egal. Die Antwort auf diese unbeendete Frage war irrelevant, als ich den Blick senkte und in einer gewaltigen Blutlache auf dem Fahrersitz eine hässliche Latex-Clownsmaske erblickte. Um es denen, die Coulrophobie für einen Witz halten, besser zu erläutern: Ein Arachnophobiker hätte die gleiche Reaktion wie ich an den Tag gelegt, wenn auf dem Fahrersitz eine Handvoll netter, haariger Vogelspinnen gesessen hätten, ihre zahlreichen Augen auf dich gerichtet mit nur einem Ziel: Panik. Die ich bekam.

Ohne auf irgendwas zu achten, darauf dass meine Stirn blutete, ich vielleicht irgendeinen gebrochenen Knochen haben könnte, der Besitzer dieser Maske neben dem Wagen wartete, schrie ich auf, riss mich vom Gurt los und stürmte aus dem Wagen, rannte bis mir die Lungen brannten und bemerkte erst da, dass ich einen wahnsinnigen Fehler gemacht hatte.

Wo war die Straße?




Ich weiß nicht wie es anderen Leuten geht, die schon einmal vollkommen orientierungslos bei Nacht durch einen Wald getorkelt sind, blutend und in dem irrsinnigen Bewusstsein, dass die größte Angst dich verfolgt. Denn seien wir mal ehrlich: Davon musste ich ausgehen. Irgendjemand hatte schließlich diese Clownsmaske dorthin gelegt, und Stjepan war es nicht, denn wiederum musste das ganze Blut ja von irgendwem stammen. Meine Nerven lagen blank.

Nicht nur die Orientierung, auch die Zeit hatte ich verloren. Ich wusste nicht, wie lange ich durch die Dunkelheit irrte, nur dass meine Beine langsam den Geist aufgaben. Ich ließ mich rückwärts gegen einen Baum fallen und pumpte Luft in meine brennenden Lungen. „Scheiße, scheiße, scheiße...“ erst nach dem dritten oder vierten Atemzug merkte ich, dass ich vor mich hin murmelte. Ich seufzte, unterdrückte diesen Drang und richtete mich auf. Blickte mich um, erfolglos natürlich. Ein Königreich für ein Nachtsichtgerät.

Ich begann langsam damit, weiterzutorkeln, als ich ein Knacken vernahm, wie von Ästen unter Schuhen. Ich erstarrte zur Salzsäule. Der Wald war vollkommen still, bis ein weiteres Knacken ertönte, dieses Mal näher. Ich fuhr herum, wissend dass ich eigentlich weiterrennen sollte, soweit meine Beine mich trugen. Die Dunkelheit war zäh wie Teer, der sich über die Augen legt, aber...

aber...

Der Anblick der weißroten Fratze, die diese Dunkelheit durchbrach, jagte mir jedes Gefühl aus Muskeln und Knochen. Ich nahm ein Wimmern war und merkte, dass es aus meinem eigenen Mund kam. Ich weinte.

„Na, wer hat Lust auf ein kleines bisschen Spaaaahaaaaß?“

Ironischerweise war es die elektronisch bis ins monströse verzerrte Stimme, die mir klarmachte, dass unter diesen roten Lippen, der weißen Haut und den näherkommenden, bunten Stoffkleidern ein Mensch steckte, und einmal in Gang gesetzt hörte dieser Gedanke nicht mehr auf: Schon seit einigen Wochen wurde in den Nachrichten immer wieder vom sogenannten „Clownpokalypse-Trend“ berichtet, bei dem sich hauptsächlich in den USA und dem Vereinigten Königreich Leute als Clowns verkleiden und Leute erschrecken. Offenkundig hatte dieser Trend sich nun bis in dieses kleine Vorstadtwäldchen Deutschlands ausgebreitet.

Ich sank auf die Knie: „Bitte, du hattest deinen Spaß. Lass mich... lass mich in Ruhe. Das geht zu weit. Ich hab mich verirrt, lass mich einfach...“ Dann begriff ich meinen Fehler. Wenn dies ein ganz normaler, vielleicht etwas extremer Streich war... wieso war Stjepans Sitz dann voller Blut gewesen?

Was in meinem Kopf schwerer wog, das kalte Glühen in meinen Augen oder der ohrenbetäubende Schrei, sollte mir nie ganz klar werden. War mir auch eigentlich immer egal. Ich bin an jenem Abend nicht gestorben, aber ob das so gut ist, bezweifle ich. Dieser Clown hat mir die Augen ausgestochen, mehr nicht. Mich nicht geschlagen, nicht vergewaltigt, warum auch immer er das hätte tun sollen... nur die Augen ausgestochen. Und mir damit ein letztes Bild für den Rest meines Lebens in die Netzhaut gebrannt.

Als jemand, der unter Coulrophobie leidet, gibt es sicher nichts schlimmeres, als auf ewig mit der grinsenden, blutbespritzten Clownsfratze vor den geblendeten Augen zu leben.

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