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Ich sehe einfach nur weg.

Durch die Fensterscheibe kann ich erkennen, wie einige Schneeflocken vom Wind getragen auf die Erde hinabsinken. Nur eine sehr dünne Schicht von reinem Weiß überzieht die Welt. Der Rest ist schon längst zu unansehnlichem Matsch geworden, oder gelblich verfärbt, und definitiv nicht mehr besonders genießbar. Bei dem Gedanken, dass ich früher leidenschaftliche Schnee-Esserin war, wird mir ein wenig übel.

Um dieses Gefühl noch zu verstärken, wackelt der Wagon bedenklich, weshalb mein Kopf unsanft mit der Scheibe zu meiner Linken zusammenprallt. Dennoch wage ich es nicht, mir die nun pochende Stelle zu reiben, oder auch nur den kleinsten Schmerzenslaut von mir zu geben, à la „Aua“, da ich mich vor den unvermeidlichen Auswirkungen fürchte. Die U-Bahn taucht kurz darauf wieder unter die Erde, da nur drei Stationen oberhalb von ihr liegen. Das unangenehme Neonlicht blendet mich hier unten irgendwie viel stärker, seitdem das ebenso kalte Licht der Sonne fehlt.

Mittlerweile beschlägt mein Atem das Glas, und erfindet neue Muster auf der kühlen Oberfläche, die auf eine groteske Art wunderschön sind. Ich sehe zu, wie der Fleck erst größer wird, und dann immer weiter zusammenschrumpft, bis ich abermals dagegen hauche. Dasselbe Spiel von vorne. Kreislauf. Das Atmen fällt mir plötzlich schwer.

Meine Hände sind verkrampft und zittern. Meine Zähne klappern und ich schrumpfe unwillkürlich in mich zusammen. Die Brille, die ich noch knapp auf der Nase balancieren kann, ist überzogen von winzig kleinen Tropfen. Schweiß? Nein, ich glaube nicht. Blut? Warum Blut? Wieso sollte es Blut sein? Es ist nicht besonders sinnvoll, den Kopf zu schütteln, um meine Gedanken wieder zu ordnen, da sie sich nun immer wieder wiederholen, obwohl sie es jedes Mal in einer anderen Aussage getarnt sind.

Sieh weg. Nicht hingucken. Kopf abwenden. Tu so, als ob du es nicht bemerken würdest. Ruhig atmen. Ignoranz vorspielen. Es geht dich weder etwas an, noch betrifft es dich als Person. Ihr wird schon nichts allzu schlimmes passieren.

Jeder weiß, dass, wenn man eine Lüge oft genug wiederholt, sie irgendwann zu einer hoffnungsvollen Wahrheit wird.

„Wat haste jesagt, Kleines?“

Es ist warm in der U-Bahn, und dennoch erschaudere ich beim Klang der tiefen, drohenden Stimme, die von einem seltsamen Geräusch unterbrochen wird. Halb Röcheln, halb Wimmern. Schmerzvoll. Qualvoll. Wer hätte geglaubt, dass Gleise so interessant sein können?

Ihre Form verschwimmt vor meinen Augen, und alles ist mittlerweile in einen silbrigen Schein getaucht. Der Tunnel, durch den die U-Bahn gemächlich rauscht, ist so unregelmäßig, aber dennoch assimiliert, dass er eigentlich das langweiligste Geschehen auf dieser Welt ist. Aber verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen, also starre ich weiterhin angestrengt durch die verschwommene Scheibe. All meine Sinne deaktivieren sich automatisch, und mein Umfeld dringt nur gedämpft zu mir durch. Als ob jemand mich in Watte gewickelt hat. Mein Atem geht flacher, und mein Herz pocht wie irre. Mir ist kalt, aber warm. Gänsehaut jagt über meinen Rücken. Andauernd; noch dazu in regelmäßigen Zeitabständen. Verdammt. Meine Ohren dröhnen.

Ein Keuchen erklingt. Animalisch verzerrt, wie der letzte Hilferuf eines geschundenen Tieres. So unglaublich ohrenbetäubend in dieser atemlosen Stille. So unglaublich hilflos und hilfesuchend, dass sich mein Herz zusammenzieht, um kurz darauf regelrecht zu zerbersten. Ich bemerke, dass die Schneeflocken draußen immer größer werden, und immer schneller auf den Boden fallen. Frost bildet sich an den Rändern der Scheibe, und es erinnert mich beinahe an eine Ader, die bald vollends leer sein wird.

Die U-Bahn hält mit einem protestierenden Quietschen seitens der Gleise. Der Bahnhof dort hat keinen Namen, nur eine Zahl, die stellvertretend auf dem schmucklosen Schild prangt. 7734? Das ergibt keinen Sinn. Nichts ergibt einen Sinn. Nichts, was im Leben wichtig ist. Erst dann wende ich meinen Blick ab, schüttele den Kopf und...

springe auf.


Meine Knie drohen nachzugeben, und ich bin weit von jeglicher Logik entfernt, als ich so dort stehe, zitternd, ängstlich, aber dennoch mutig, und rufe: „Stopp“. Wenn es zuvor nicht vollkommen ruhig war, dann ist es das sicherlich jetzt. Die Stille hat etwas Gespenstisches, und niemand gönnt mir auch nur einen flüchtigen Blick. Habe ich tatsächlich gerufen? Oder doch jemand anderes? Ich weiß nicht so genau. Gedanken sind momentan Mangelware. Ich kann nur Fragmente des Geschehens aufschnappen, und irgendwie erinnert mich das Gefühlschaos in mir beinahe an Liebe. Anscheinend unterscheiden sich die Emotionen des Menschen doch nicht sonderlich voneinander, stellt mein Verstand fest, der händeringende Versuche unternimmt, meinen Puls wieder unter Kontrolle zu kriegen. Ich sehe vieles, und doch nichts, während ich es kaum wage zu blinzeln, aus Angst, dass sich die Bilder sonst in meinen Lidern einbrennen würden.


Wie einer von ihnen sein Bein hebt, und zutritt.

Wie sie blutet.

Wie der andere danebensteht und lacht.

Wie sie versucht zu fliehen, obwohl sie sich kaum rühren kann.

Wie ein dritter das Handy emporhebt, und die Szene mit einem hämischen Grinsen filmt.

Wie sie den Kopf langsam sinken lässt, und nun vollends verstummt; wie ihre braunen - beinahe goldenen und vollkommen perfekte Haare als Wasserfall über den Boden fließen.


Langsam färbt sich ihre Mähne rötlich. Gold und Bronze, wunderschön, grotesk. Erster und dritter, oder doch letzter Platz? Erster und dritter, oder letzter Zeuge? Stopp. Zeit? Minute! Stunde? Die Schneeflocken bleiben mitten in der Luft hängen; die U-Bahn rührt sich nicht mehr; mein Herz bleibt stehen.

Angst.

Gottverdammte Angst.

Nur wegen ihr mache ich einen Schritt nach vorne. Nur wegen der Angst. Wann? Warum? Wie? Ich weiß es nicht. Ich tue es einfach. Die Gedanken sind längst nicht mehr Herr meines Handelns, und das einzige, was mich jetzt noch im panischen Delirium vorantreibt, sind meine Instinkte, doch auch diese scheinen nicht recht zu wissen, was nun am besten wäre.

Ich gehe einige Schritte, stelle mich schützend vor das Mädchen am Boden, obwohl ich selbst nicht besonders stark bin, und noch nie in meinem Leben irgendetwas abgesehen von meiner Meinung verteidigen musste. Ich bin wie gelähmt, und dennoch voller Tatendrang. Ich bin die einzige, die etwas tut, aber anstatt von Genugtuung verspüre ich über diese Tatsache nur eine schier überwältigende Trauer, die mir die Kehle regelrecht zuschnürt.

„Hört auf! Sie hat euch doch nichts ge…“ weiter komme ich nicht, bevor mich der erste Schlag trifft, welcher mich sofort von den Füßen hebt, und nach hinten schleudert. Ich lande neben ihr, an ihrer Seite, wo ich in meiner Überheblichkeit dachte, zu stehen. Der Aufprall ist schmerzhaft. Ihre Augen sind so ungewöhnlich weit aufgerissen, leblos irgendwie. Sie erinnert mich an einen toten Goldfisch. Das zersprungene Glas ihrer Brille verteilt sich immer weiter auf dem Boden, wie die Tränen der Götter, und einige dieser funkelnden Steine verfängt sich in ihrer wunderschönen rötlich glänzenden Frisur. Eine Erkenntnis raubt mir den Atem, als ich ihr Gesicht betrachte. Unglaube macht sich neben der Furcht in mir breit. Und dann geht alles irgendwie viel schneller weiter, als ihre Konturen langsam verschwimmen, und sie unauffällig zu einem wabernden Dunst wird, der sich aus meinem Blickfeld katapultiert.

Draußen ist alles weiß, Frost überzieht die Scheibe, dann - plötzlich - gibt es nur noch wenige Schneeflocken, die zum Boden sinken, und nach der Kollision schmelzen. Das Schild ist bedeckt von einigen klaren und ungewöhnlichen Tropfen, die das Licht wie Diamanten reflektieren.


Bahnhof 7734.



Aus meinem Sichtwinkel ergibt die Zahl so viel mehr Sinn, und ich stöhne auf, wie so oft. Unten. Umgedreht. Falschherum? Richtigherum! Andauernd von vorne.

Tritte. So viele Tritte. Hämisches Lachen, und die darauffolgende schreckliche Stimme, die mir sowohl Herzschläge als auch Wahrnehmung raubt. Wie kann alles in mir Feuer fangen, und dennoch zeitgleich zu Eis erstarren, obwohl die Temperatur hier so gewöhnlich alltäglich ist? Schmerz durchzuckt mich in gleichmäßigen Abständen, und einige Knochen splittern so laut, dass die darauffolgende Stille beinahe noch qualvoller ist.

„Wat haste jesagt, Kleine?“

Ich krümme mich. Und von hier unten kann ich sehen, wie alle ihre Gesichter abwenden. Die U-Bahn ist weder voll, noch leer. Die Menschen erscheinen mir wie verschwommene Geister, die mir ab und an einen schuldbewussten Blick zuwerfen, und doch nichts weiter unternehmen. Graue Nebelschwanen umziehen sie, und hängen sich besonders an ihren Hälsen fest. Liebkostend? Wie Schäle gegen die Kälte, oder Stricke gegen das Leben? Ich sage es nicht, und ich denke es auch nicht. Jeder weiß, dass, wenn man eine Lüge oft genug wiederholt, sie irgendwann zu einer hoffnungsvollen Wahrheit wird.

Aber alles ist richtig so. Es ist mein Schicksal. Mein Anfang, und mein Ende. Mein persönlicher kleiner Kreislauf.

Ein Tritt gegen meinen Kopf, und all meine Lichter sind ausgeblasen. Ich sehe noch, wie sie sich erhebt, so ängstlich und verletzt wie ein Reh, und andere Passagiere verzweifelt Ruhe bewahren, während sie eine von Furcht geprägte Regung zeigt. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Feststellung, dass etwas im Moment viel wichtiger ist. Das Mädchen nähert sich, als ich meinen letzten Atemzug tätige, und unter unmenschlichen Schmerzen in die wohlige Dunkelheit tauche, die mich nur kurz von den Qualen erlöst. Die anderen sind so trügerisch ruhig, aber ihre Angst ist so greifbar wie die Luft.


Sie sehen einfach nur weg.


RIP Tuğçe

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