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Ich möchte Sie schon einmal vorwarnen, Herr Mousai“ betonte Stendahl. „Bitte erschrecken Sie nicht. Der Anblick ist wirklich überwältigend und für viele Menschen, nun ja, ein wenig verstörend“, sagte der alte Bibliothekar zu seinem Begleiter. Die Türen schlossen sich hinter ihnen und der Aufzug begann, in die Tiefe zu gleiten. „Als ich das Archiv zum ersten Mal betrat und mir seiner Dimensionen bewusst wurde, war ich so ergriffen, dass ich eine halbe Stunde lang geheult habe wie ein Schlosshund; das gebe ich offen zu. Was hat man ihnen beim Vorgespräch über unsere Bibliothek erzählt?

Nicht viel“ erwiderte der junge Mann. „Die Damen und Herren taten sehr geheimnisvoll. Man sagte mir nur, dass es sich um die größte Sammlung antiker und mittelalterlicher Schriften weltweit handele. Ehrlich gesagt halte ich das für eine Übertreibung, um meine Neugier zu wecken. Wie ich Ihnen bereits erzählte, bin ich Altphilologe, und ich habe während meines gesamten Studiums und auch danach nichts von dieser Einrichtung gehört.

William Stendahl lächelte verdrießlich. „Ja, es ist erstaunlich, dass dieser Ort hier so wenig bekannt ist - zumal wir uns nicht gerade um Geheimhaltung bemühen. Wenn es nach mir ginge, würde ich den Besuch unserer Bibliothek für alle Schulkinder zur Pflicht machen. Und wenn ich ‚alle sage, mein Freund, dann meine ich ‚alle’.

Thomas Mousai grinste. „Es wäre ein ziemlicher Aufwand, alle Schüler unseres Landes hierherzubringen. Zumal mit diesem Aufzug.“ Er schluckte, um den Druck auszugleichen. „Wie tief sind wir jetzt?“ – „Ein paar hundert Meter unter der Oberfläche“ meinte Stendahl. Ohne den geringsten Anflug von Humor setzte der alte Mann hinzu: „Und ich meinte nicht alle Schüler unseres Landes, sondern alle Schüler auf diesem Planeten.

Mousai blieb kurz der Mund offen stehen. „Ist das Ihr Ernst?“ fragte er verblüfft. Der Bibliothekar blickte ihn grimmig an. „Mein voller Ernst“ sagte er. „Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen mehr über unser Archiv erzählt habe.“ Der alte Mann schloss kurz die Augen und sammelte sich. Dann begann er zu sprechen.

Sie werden mir wahrscheinlich nicht glauben, was ich Ihnen jetzt sage, Herr Mousai, aber unsere Bibliothek ist eine vollständige Sammlung aller literarischen und wissenschaftlichen Werke, die jemals dem Wahn der Inquisitoren und Bilderstürmer, der Tugendwächter und Bücherverbrenner zum Opfer gefallen sind. Von jedem Werk, das Ignoranten, Barbaren, religiöse und weltanschauliche Fanatiker jemals der Vernichtung anheimfallen ließen, finden Sie bei uns ein Exemplar. Alles, was von diesen Schriften übriggeblieben ist, ist bei uns erhalten. Sie werden es ja in Kürze selbst sehen.

Der Philologe war sprachlos. Entweder hatte dieser alte Mann den Verstand verloren, oder er war im Begriff, die größte wissenschaftliche Sensation, die er sich nur vorstellen konnte, persönlich in Augenschein nehmen zu dürfen. Als Stendahl das Staunen im Gesicht des jungen Mannes sah, gelang es ihm zum ersten Mal seit Beginn des Gespräches, ohne Bitternis zu lächeln. „Ich weiß, es klingt unglaublich. Der heutige Termin hat nur den Zweck, Ihnen einen ersten Eindruck über den Umfang ihrer Aufgabe hier zu verschaffen. Wenn Sie die Stelle annehmen, bleibt uns noch genug Zeit, über das Zustandekommen dieser Einrichtung zu plaudern.

Die Fahrt verlangsamte sich, und die Kabine kam zur Ruhe. „Da wären wir“ meinte Stendahl, als sich die Türen des Fahrstuhls öffneten. „In diesem Vorraum hier können die Mitarbeiter ihre mitgebrachten Taschen und ähnliches unterbringen und sich umziehen. Es gibt keine Kleiderordnung, aber wie Sie Sich denken können, unterscheidet sich das Wetter draußen oft erheblich von den Gegebenheiten hier unten. Der Raum dient gleichzeitig als Klimaschleuse. Durch die Lage im Berg sind die atmosphärischen Bedingungen bereits sehr ausgeglichen, aber der Aufwand, der betrieben werden muss, um ein für den Erhalt der Sammlung optimales Klima zu schaffen, ist immer noch gespenstisch.

Der alte Mann führte Mousai zu einem Regal, in dem eine Reihe mit Namensschildern versehener Boxen stand. Er griff in eine mit William Stendahl beschriftete Kiste und deutete auf eine andere, welche den Titel Gäste trug. „Die Handschuhe werden jedem Mitarbeiter zur Verfügung gestellt. Sie werden also immer eine ausreichende Anzahl steriler Handschuhe in der optimalen Größe und Passform vorfinden. Wenn Sie etwas für sich gefunden haben, kommen wir also nun zum Allerheiligsten.

Sie traten durch eine Tür in einen kurzen Gang, der an einer weiteren, mit einer elektronischen Sicherheitsvorrichtung versehenen Tür endete. Der Bibliothekar gab einen Zahlencode ein, blickte direkt in die Kamera des Gerätes und sagte langsam und betont: „Anzahl. Zwei. Person Eins. Stendahl. William. Mitarbeiter. Person Zwei. Mousai. Thomas. Gast.“ Ein leises Zischen ertönte, als die klimatische Versiegelung geöffnet wurde. Ein Elektromotor brummte kaum vernehmlich. Der junge Philologe hielt unwillkürlich den Atem an, als die Tür wie von Geisterhand bewegt aufschwang und den Blick in das Sanctuarium freigab.

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Die Halle war gewaltig. Man sah lange Reihen von Regalen, gefüllt mit losen Blättern, Papyrus-Rollen, dicken Folianten und Kodizes aller Größen und Formen, während sich das Ende des Raumes im Halbdämmer verlor. Mousai war wie vom Donner gerührt. „In diesem Saal sind ausschließlich griechische und römische Werke“ bemerkte Stendahl. „Die persischen und arabischen Schriften befinden sich in den Stockwerken unter uns, ebenso wie die Aufzeichnungen aus Mittel- und Südamerika, Afrika und dem asiatischen Raum. Und natürlich Werke aus dem sonstigen Europa sowie der übrigen Welt – auch solche, die wir noch nicht zuordnen konnten. Nur um Ihnen einen ganz groben Überblick zu verschaffen. Man könnte sagen, wir sind ziemlich international aufgestellt.

Der alte Mann machte eine Pause und betrachtete den sprachlosen jungen Mann an seiner Seite. „Wir sind hier immer noch beim Sichten und Katalogisieren“ fuhr er fort. „Und in einigen Etagen, in denen die Sprachen nicht endgültig entziffert sind, haben wir noch nicht einmal angefangen. Aber haben Sie keine Scheu. Treten Sie ruhig näher.“ Mousai fand endlich seine Sprache wieder. Stockend fragte er: „Ist es möglich, einige Werke... näher in Augenschein zu nehmen?

Stendahl lächelte milde. „Selbstverständlich, mein Freund. Sie dürfen alles hier in Augenschein nehmen. Wie sonst sollten Sie ihre Aufgabe denn erfüllen können? Haben Sie für den Anfang einen bestimmten Wunsch? Vielleicht die verschollenen Epen des Eumelos von Korinth? Die vernichteten Schriften der Hypatia von Alexandria? Aristoteles’ zweites Buch der Poetik? Oder bevorzugen Sie es, ein wenig in den Werken jener zu stöbern, von deren Existenz Sie bis jetzt noch nicht einmal ahnten?

Das Herz des jungen Philologen pochte vor Erregung. Er rannte beinahe auf das vorderste Regal zu, nur um in demütigem Abstand davor zu verharren. Er wandte sich zu dem alten Bibliothekar um, sich vergewissernd, dass es sich nicht nur um einen Scherz gehandelt hatte. Stendhal lächelte wehmütig, dann nickte er ihm aufmunternd zu. Ehrfürchtig trat Mousai näher an das Regal heran und genoss stumm den Anblick, der sich ihm bot. Er schloss die Augen und sog tief das Odeur vergangener Äonen in sich ein. Mit unendlicher Zärtlichkeit berührte er wahllos einen der Folianten, hob ihn hoch und bettete ihn vorsichtig auf einen der Tische, die in regelmäßigen Abständen zwischen den Regalreihen aufgestellt waren.

Der Philologe setzte sich, schloss die Augen und öffnete behutsam das mittelalterliche Buch. Er genoss den Moment der Vorfreude, kostete ihn aus, solange es ging. Dann öffnete er die Augen wieder und betrachtete die vor ihm liegenden Seiten. Obwohl der alte Bibliothekar an seinem Platz zurückgeblieben war, konnte er dennoch die Verwirrung des jungen Mannes erkennen. Mousai blätterte vorsichtig um. Ungläubig fuhr sein Blick über das vergilbte Pergament, dann schlug er die nächste Seite auf. Immer hastiger durchblätterte er den uralten Folianten.

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Stendahl war unhörbar hinter ihn getreten. „Wie ich Ihnen bereits sagte“ flüsterte er tonlos: „Alles, was von diesen Schriften übriggeblieben ist, ist bei uns erhalten. Sie befinden sich in dem größten Monument menschlicher Dummheit, das es je gegeben hat.“ Thomas Mousais Arme waren heruntergesunken. Apathisch starrte er das Buch an, welches stumm vor ihm auf dem Tisch lag. Dann begann er hemmungslos zu weinen. William Stendahl sagte nichts. Sanft legte er seine Hand auf die Schulter des Philologen und wartete. Etliche Minuten lang stand er so da, und das Schluchzen des jungen Mannes war der einzige vernehmbare Laut in dem unterirdischen Mausoleum leerer Seiten.

by Horrorcocktail    

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