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Der Mann, den ich betrachte, ist Transvestit. Das wusste ich zwar schon vorher, aber es zu sehen ist doch merkwürdig genug. Ich meine, Vollbart und ein durchaus muskulöser Körperbau der selbst mir als trainiertem Kampfsportler Respekt einflößt und dazu dann ein regelrecht zierliches Kleid bis an die Kniescheiben, das einer kleinen Frau möglicherweise sogar an die Knöchel hätte reichen können. Schon jetzt wird es vorne von einer im Verhältnis zur Körpergröße stehenden Erektion ausgebeult. Die roten Lackstiefel sind da nicht einmal der Blickfänger, denn die Perücke aus güldenem Echthaar, die ein Vermögen gekostet haben muss, ist in einer Weise gestyled, die ich nur als wahnwitzig bezeichnen kann.

Er geht auf die Mitte des Raumes zu, wo ein Strick von der Decke hängt. Das untere Ende ist zu einem unverkennbaren Galgen geformt, den der Mann sich um den Nacken legt. Mit einer Hand hält er das Seil fest, sodass es ihm nicht allzu sehr die Luft abschnürt, mit der anderen zieht er einen Bürostuhl heran und setzt sich darauf. Das Seil spannt sich, kurz bevor sein Hintern die Sitzfläche berührt und als er sich letztlich doch ganz niederlassen kann, gräbt es sich mit aller Kraft direkt unter seinem Kiefer in Haut und Fleisch. Ich beobachte mit müdem Blick, jedoch nicht minder interessiert, wie er rot anläuft... obschon es auch ein wenig an dem Make-Up liegen kann, das gebe ich gerne zu. Er zittert und japst nach Luft, während er eine seiner Hände in die Sitzfläche gräbt. Mit der anderen masturbiert er.

Er nimmt dabei schnell an Heftigkeit zu, bis ihm ein kleines, letztes Missgeschick unterläuft. Er lässt die Sitzfläche des Stuhls los. Der Bürostuhl, seines Zeichens mit Rollen statt stabilen Füßen ausgestattet, verabschiedet sich wie ein nasses Stück Seife in die entfernteste Ecke des Raumes, außerhalb meines Sichtfeldes. Unverzüglich beginnt der tatsächlich interessante Teil.

Der Mann röchelt und beginnt, wie verrückt mit Händen und Füßen zu strampeln. Er hängt etwa fünfzig Zentimeter über dem Boden und könnte es tatsächlich schaffen, sich aus der durchaus misslichen Lage zu befreien, doch erstens hat er schon durch den Beginn der autoerotischen Masturbationserfahrung einen großen Teil seines Sauerstoffes aufgebraucht, und zweitens können solche Lackstiefel offenbar rutschiger sein als der Boden der Dusche im Schwimmbad. Außerdem, und das finde ich geradezu faszinierend, sind seine Beine das Erste, was den Geist aufgibt. Sie zittern noch ein wenig, aber das, so denke ich, sind lediglich Muskelkontraktionen ausgehend vom Rest des Körpers, der noch in Bewegung ist. Vom rythmischen Hin- und Herschwingen abgesehen sind da nämlich noch immer zwei kräftige Hände, die versuchen, einen weitaus kräftigeren Körper an diesem Seil, das unschuldig zum Mörder gemacht werden wird, hochzuziehen. Überflüssig zu erwähnen, dass diese nur wenige Sekunden nach den Füßen an Effektivität einbüßen und letzten Endes ebenso herunterfallen. Kurz darauf bildet sich auf der Ausbeulung des Kleides ein feuchter Fleck. Seine letzte bewusste Wahrnehmung war ein Orgasmus. Wie nett.

Mein Blick fällt auf den Zeitstempel unten Rechts auf dem Bildschirm, auf dem ich mir dieses Video angesehen habe: „Oh. Schon nach siebenundzwanzig Sekunden bewusstlos? Das ist schneller als normalerweise passiert.“ Ich löse meinen Blick von dem Computer und drehe mich zur Seite. Mein Begleiter nickt zustimmend: „Das liegt an seiner Größe. Hoher Sauerstoffverbrauch, vor allem bei einer solchen Stresssituation, kann schneller zur Ohnmacht führen.“

Ich nicke verstehend: „Und schneller zum Tod. Armer Kerl.“ Ich lege bewusst kein geheucheltes Mitleid in diese Aussage. Das hätte meinen Nebenmann nur irritiert. Der wiederum schließt das Video und will ein weiteres öffnen, aber ich winke ab: „Tut mir leid, aber für heute hab ich genug. Achtzehn Menschen beim sterben zuzusehen ist schon irgendwie heftig, und auch wenn ich für diese Studie Geld bekomme, muss ich doch dafür nicht meine Netzhaut ruinieren. Wir haben fast Elf, wir gucken seit gut acht Stunden auf diesen Bildschirm.“

Er versteht und klappt den Laptop zu, woraufhin er sich aufrichtet: „Ist aber nett von denen, dass wir uns das Zuhause ansehen dürfen. Ich meine, den ganzen Tag autoerotische Unfälle und Suizide zu betrachten ohne sich schnell mal eine Tüte Chips holen zu dürfen... Das ist doch krank.“ Er lacht ob dieser sehr Ansichtsverschobenen Bedeutung dieses Adjektivs und guckt auf die Armbanduhr: „Shit, ist ja echt schon spät. Dabei bin ich doch gar nicht müde.“ Er überlegt kurz und blickt mir dann tief in die Augen: „Ob du wohl durch die vielen Toten die Lust an der Lust verloren hast?“

Ich grinse breit: „Dazu kommts noch. Das letzte Mal den... Appetit verschlagen hat mir doch nur deine sehr bildhafte Erläuterung der Handlung von A Serbian Film. Mach schon mal das Bett bereit, ich komme gleich nach.“

Während er sich mit gespieltem Siegesgeheul daran macht, alles vorzubereiten, gehe ich ins Bad und blicke in den Spiegel. Was mich daraus anblickt, gefällt mir nicht besonders. Ich sollte mich mal wieder rasieren, und meine Augen sehen glänzend aus, wie vor Freude, aber es liegt nicht (jedenfalls nicht nur) an einer Nacht voller Feingefühl, das steht fest. Nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren frage ich mich, ob etwas mit mir nicht stimmt. Ob es merkwürdig ist, nachdem man für eine wissenschaftliche Studie mehr als einem Dutzend Menschen beim sterben zugesehen hat (und das nur heute. Die Studie zieht sich noch über gut zwei Wochen) immer noch... sogar noch mehr Lust empfindet.

Dann jedoch denke ich an die Autoerotischen Unfälle auf den Videos. Leute die es lieben, die sich regelrecht daran aufgeilen, sich selbst beinahe zu erhängen. Elf der achtzehn Videos waren solche Filmchen, und das war nur ein Ausschnitt der Todesfälle durch autoerotische Unfälle. Die Dunkelziffer liegt bei weitem höher, und dann ist da noch die Nummer derjenigen, die nicht sterben. Mit kranken Fantasien bin ich dann wohl doch nicht allein.

Ich drehe mich weg, nehme aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr und bleibe stehen. Drehe mich zurück, stelle fest, dass ich mich geirrt haben muss und beeile mich, meine Lust zu befriedigen.



Der Tag beginnt mit einem Kater, oder zumindest etwas ähnlichem. Meine Augen brennen, ebenso meine Kehle, als ich mich zur Seite rolle. Ich huste, schmecke etwas unangenehmes, warmes in meiner Kehle und hoffe, dass es kein Blut ist. Ohne meinen Partner zu wecken stehe ich auf, taumele ob meiner tauben Füße und schaffe es irgendwie ins Badezimmer. Der Spiegel macht eine meiner Befürchtungen wahr. Meine Augen sind voll von geplatzten Äderchen, vermutlich eine Folgewirkung von stundenlangem Starren auf einen Bildschirm, obwohl ich daran denken muss, dass dies auch bei Tod durch Erhängen passieren kann. Wenngleich in größerem Ausmaß. Das Bild der blutgefüllten Augen des Jungen aus Final Destination schwebt mir vor den meinen, während ich einmal ins Becken spucke. Kein Blut, das ist gut. Dennoch, mein Hals tut weh. Scheißgefühl.



Um es kurz zu machen, den Tag verbringen wir mehr oder weniger getrennt. Er muss arbeiten, ich habe einen glücklicherweise freien Tag, und auch seine Augen leiden unter der Nachwirkung von intensiver Anstrengung, weshalb auch heute nur eine Handvoll Videos am Abend auf uns warten. Ich entscheide mich dafür, ein wenig shoppen zu gehen, wie man so schön sagt.

Die Stadt, durch die ich dann alsbald schlendere, ist grau und eintönig, doch die Geschäfte, zumindest im Inneren, sind es absolut nicht. Ich blicke erst einmal nur durch die Schaufenster, einmal hierhin, einmal dorthin und stocke schließlich. Für einen Moment war mir, als wäre anstatt meines mir bekannten Spiegelbildes etwas anderes zu sehen, etwas... Hässliches. Einer genaueren Betrachtung hält diese Erscheinung jedoch nicht stand. Glück gehabt.

Ich gehe schließlich in ein Bekleidungsgeschäft und vertreibe mir dort ein wenig die Zeit, als meine Gedanken unwillkürlich zu dem Video zurückwandern, das wir uns gestern Abend zuletzt angesehen haben. Was war daran wohl so toll für den Mann, dass er sich in Frauenkleidern selbst würgte? Was trieb ihn dazu, etwas so gefährliches zu machen, nur für eine kurze Lustbefriedigung?

Ob ihm bewusst war, dass es nur eines kleinen Fehlers bedurfte und alles wäre aus? So gesehen kommt mir etwas an dem Video merkwürdig vor, irgendwie... falsch, nur einzuordnen weiß ich es nicht.

Was ich aber erkenne ist, dass es nicht unmöglich wäre es herauszufinden. Nicht das letzte, nicht dieses Merkwürdige Gefühl, wohl aber die Antwort auf meine vorherigen Fragen.

Wenn du in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund zurück. Ich gehe durch das Geschäft in die Damenabteilung, suche mir hier und da etwas zusammen und mache mich, darauf achtend dass es niemandem auffällt, auf zu den Umkleidekabinen. Es wäre mir durchaus peinlich wenn jemand mich als erwachsenen Mann alleine dabei sehen würde, mich mit Frauenklamotten in eine der Kabinen zu sperren.



Umgezogen sehe ich durchaus feminin aus, möchte man meinen. Kampfsport betreibe ich in erster Linie wegen meines ansonsten eher schwachen Körperbaus, so kann ich selbst als Streichholzmännchen andere über die Schulter werfen. Jetzt noch ein wenig Schminke, eine Perücke wie der Mann in dem Video und ich wäre einer Frau zum verwechseln ähnlich. Nur der Bart müsste endlich ab, aber bei Conchita Wurst hat es ja scheinbar auch geklappt.

Meine Aufmache ist natürlich nicht ganz so extravagant wie die des Toten, wie mir im Spiegel klar wird, aber es ist ja auch nur ein kleines Experiment. Meine Aufregung mischt sich mit Erregung, als ich zum großen Finale zwei Strümpfe heraushole und diese an einem der Kleiderhaken in den Wänden befestige. Die Strümpfe sind lang, dennoch habe ich Probleme damit, sie mir um den Hals zu schlingen und zu verknoten. Zumal ich nicht sehen kann, was hinter meinem Nacken passiert.

Nachdem mein Wer vollbracht ist, gehe ich ein wenig in die Hocke, dann ein wenig mehr. Zuerst spüre ich an meinem Hals eine leichte Spannung, die schnell stärker wird, und dann die Atemnot. Ich rufe mir schnell die Fakten zusammen. Der Erstickungstod tritt nach etwa zwei Minuten ein, Bewusstlosigkeit jedoch schon nach etwa zehn bis dreißig Sekunden, ein wenig später wenn man in der Lage ist, ein wenig Widerstand zu leisten, die Stricke zu lockern oder so.

Ich rutsche aus. Wusste nicht einmal, dass das auf diesen Teppichböden überhaupt möglich ist. Paradoxerweise fällt mir jetzt ein, was mich an dem Video so sehr störte. Es war die Hand gewesen, die Hand mit der der Mann sich an den Stuhl gekrallt hatte. Er hatte losgelassen, aber der Stuhl ist nicht einfach weggerollt.

Er hat ihn weggestoßen. Es war Suizid.

Traurigerweise nützt es mir wenig, dies zu wissen, während die Strümpfe sich bis in die letzte Naht dehnen und mir immer weiter die Luft abschnüren. Mein Hals, der schon zuvor schrecklich schmerzte, brüllt mich nun regelrecht an, und meine Augen fühlen sich feucht und klebrig an, als ich blinzele. Mein Mobiltelefon ist, mit der Kamera zu mir gedreht, auf einer kleinen, kopfhohen Ablage und filmt mich. Mir war nicht einmal bewusst, dass ich es heute morgen mitgenommen hatte.

Ich kann meine Hände kaum noch heben, die Füße haben bereits den Geist aufgegeben, so kann ich nur noch eines tun, nämlich mich hin und herwerfen. Dabei streift mein Blick den Spiegel, und wenn es einem Erstickenden physisch möglich wäre zu erstarren, so wäre ich nun die altbekannte Salzsäule.

Was auch immer mich da im Spiegel anblickt, ich bin es ni

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